Ingeborg Brigitte Gastel
AGNES BERNAUER
Von
HEINZ FRIEDRICH DEININGER
Drei Frauen der alten Reichsstadt Augsburg sind
es, deren Lebenswege die Liebe von Fürsten bestimmte, Philippine Weiser,
Tochter Franz Welsers und Anna Adlers, Gemahlin von Erzherzog Ferdinand
II. von Österreich (gest. 1580), Klara Tott, Tochter des Ratsdieners
Erhard Tott, Gemahlin Kurfürst Friedrichs l. von der Pfalz (gest.
nach 1490) und die angebliche Baderstochter Agnes Bernauer, in heimlicher
Ehe mit Herzog Albrecht III. von Bayern-München vermählt (gest.
1435). Diese reine und schöne Gestalt, deren Bild über fünf
Jahrhunderte unverändert erhalten geblieben ist, erweckt wegen ihres
unglücklichen Schicksals die wärmste Anteilnahme. Wie oft haben
Anmut und Schönheit einer Frau diese an die Seite eines Fürsten
gehoben und damit fast gleichzeitig ins Verderben gestürzt! So auch
bei dem ,,Engel von Augsburg", dessen Namen nicht von seinem engelsgleichen
Äußeren abgeleitet werden darf, sondern nur schwäbische
Koseform dieser Zeit für Agnes ist.
Es war die Zeit, als Bayern dreigeteilt war,
als die Familienstreitigkeiten der Wittelsbacher ihren Höhepunkt erreichten.
Hatten sich bisher Abkömmlinge verschiedener Linien bekämpft,
so sind in dieser Zeit die Parteien in ein und derselben Familie, es sind
Vater und Sohn. Noch mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Vater, Herzog
Ernst von Bayern-München, seinen tapferen Sohn Albrecht, als dieser
im entscheidenden Treffen des Bruderkrieges bei Alling 1422 bei einem ungestümen
Einsatz, um des Gegners Banner an sich zu reißen, durch die Verwundung
seines Pferdes gestürzt war, aus der Schar der Feinde herausgehauen.
Damals war der ,,traurigste aller Kriege" zu seinen Gunsten beendigt. Nun
sollte ihm dieser sein einziger ehelieber Sohn alle dynastischen Zukunftspläne
zunichte machen. Seine Linie, die Bayern-Münchner, sollte aussterben,
sein Landteil den verhaßten Vettern in Landshut oder Ingolstadt zufallen.
Und das wegen der leidenschaftlichen Liebe seines Sohnes zu der Augsburger
Baderstochter. Herzog Ernst, Urenkel Kaiser Ludwig des Bayern, stand in
den sechziger Jahren. Vor seinem Tode wollte er noch die Erbfolge auf weite
Sicht geordnet sehen. Nachkommen aus der unebenbürtigen Verbindung
mit Agnes Bernauer wären nicht erbfolgeberechtigt gewesen. Würde
bei einer gewaltsamen Lösung dieses Bundes Herzog Albrecht überhaupt
noch eine legitime, standesgemaeße Ehe eingehen, wodurch die Erbfolge
sichergestellt waere? Diese Fragen mögen den Vater beherrscht haben.
In lebhafter Erinnerung war ihm die Rolle, die sein Sohn zu Anfang des
Jahres 1428 spielte. Pfalzgraf Ludwig, durch seine Beziehungen zum württembergischen
Hof am besten dazu geeignet, hatte in Heidelberg bereits die Verlobung
Albrechts mit Elisabeth, Tochter des im Jahre 1417 verstorbenen friedliebenden
Grafen Eberhard des Milden von Württemberg vereinbart. Nüchterne,
aber falsche Berechnung hatten bei dieser Abrede mitgesprochen. Der weibliche
Partner entzog sich jedoch dem Ansinnen durch die heimliche Ehe mit Graf
Johann III. von Werdenberge-Sargans zu Trochtelfingen und nahm Geldbuße
für die Brüder Ludwig und Ulrich und selbst Gefängnis dafür
gerne auf sich. Als am 12. September 1435 Herzog Ernsts Bruder Wilhelm
III., mit dem er stets im besten Einvernehmen gelebt und der Albrecht sehr
zugetan war, unter Hinterlassung des einzigen kränklichen Leibeserben
Adolf - sein Sohn Wilhelm war nachgeboren und am darauffolgenden 16. Oktober
bereits tot - starb, war er fest entschlossen, die Bande seines Sohnes
zu der Frau aus der untersten Schicht des Volkes mit Gewalt zu zerreißen.
Max Buchner, der eine der letzten wissenschaftlichen
Veroeffentlichungen ueber Agnes Bernauer schrieb, --später ist in
der Halbmonatsschrift ,,Das Bayernland" (46. Jahrgang, Nr. 18) noch Georg
Gilardones (München) Arbeit ,,Der Anteil Muenchens am Tod der Agnes
Bernauer" er- schienen -- glaubt die Schürzung des Knotens einer anderen
Hand zuschreiben zu müssen, Herzog Heinrich dem Reichen von Landshut.
Das Erbgut seiner väterlichen Ahnen, die Beherrschung der diplomatischen
Kunst war in dem ,,kleinen, braunen, jähen, frischen Herrn" vermischt
mit dem seiner mütterlichen, vor allem des Großvaters, Herzogs
Barnaba Visconti von Mailand, in dem Jakob Burckhardt eine deutliche Familienähnlichkeit
mit den schrecklichsten römischen Kaisern fand. Er war der ,,vollendetste
und charakteristischste Typ des Tyrannen der Renaissance". So erscheint
Herzog Heinrich als ungemein habgieriger und gewalttätiger Herrscher,
als Blutvergießer, wie ein Chronist berichtet, weil er stets Menschen
zu töten liebte. So soll auch er Herzog Ernst zu dem Morde an der
Gattin seines Sohnes veranlaßt haben. Am 12. Oktober 1435 ertrank
diese in den Fluten der Donau.
Althayern bestand damals, wie erwähnt,
aus drei Teilfürstentümern: Bayern-München, Bayern-Landshut
und Bayern-Ingolstadt. Dieser Fürsten Interessen gingen auseinander,
ja sie lagen nahezu immer in Streit. Ähnliche Zuege in ihren Charakterbildern
weisen die Herzöge von Landshut und Ingolstadt auf, Heinrich und Ludwig
der Gebartete. Letzterer war ein Enkel des Barnaba Visconti und Sohn einer
Schwester der Mutter Heinrichs. Beide Herzöge waren Todfeinde. Auf
dem Konzil zu Konstanz hatte Herzog Ludwig der Gebartete seinen Vetter
Heinrich töd- lich beleidigt, wofür der Gekränkte mit fünfzehn
seiner Leute den Beleidiger bei einer naechtlichen Heimkehr in seine Herberge
in einer dunklen Gasse des Städtchens überfiel und schwer verwundete.
Daher vergaß der Münchener Wittelsbacher seinen Zwist mit dem
Landshuter, wenn es galt, in eine Front gegen den Ingolstädter einzutreten.
Eine solche Gelegenheit bot der am 19. April 1435 zu Freising auf vier
Jahre geschlossene Bund. Auch Herzog Ernsts Bruder Wilhelm III. stand auf
gleicher Seite, ebenso die Söhne Ernsts und Heinrichs, Herzog Albrecht
und Herzog Ludwig, nachgenannt der Reiche, Mittler zwischen beiden Parteien
war der Münchener Herzogssohn, so im Sommer des Jahres 1435, als er
die Ansprüche des Ingolstädters gegenüber seinem Vater überbrachte.
Aus dieser Vermittlertaetigkeit soll ein Bündnis mit Herzog Ludwig
dem Gebarteten entstanden sein. Albrechts Vater bestritt es immer. Der
Landshuter mußte nun mißtrauisch werden. Das zweifellos vorhandene
große Interesse an dem Fortbestand der Ehe Albrechts, an dem Leben
von dessen Gattin mußte schwinden, sowie die durch diese unebenbürtige
Eile entstandene Aussicht auf einen Anfall des Münchener Territoriums
an seine Linie durch das vermutete Bündnis schwand. Und so warf Herzog
Heinrich in seiner Befürchtung das Steuer seiner Politik herum. Die
Kluft zwischen Vater und Sohn, Herzog Ernst und Albrecht mußte unüberbrückbar
gemacht werden. Es war nur zu leicht möglich durch den alten Streit
um Frau Agnes. Gelegenheit zur Entzweiung der beiden gab sich nach dem
Tode Herzog Wilhelms, in der zweiten Hälfte des September oder in
den ersten Oktobertagen 1435, als Herzog Ernst in Begleitung des Münchener
Bürgermeisters Ligsalz nach Kelheim, das im Gebiet des Landshuters
lag, reiste, um mit diesem Beratung zu halten wegen ihres gemeinsamen Gegners,
des Herzogs von Ingolstadt ,,und von der Bernawrin wegen", wie wir aus
der Münchener Kammerrechnung vom Jahre 1435 erfahren. Herzog Heinrich
mußte gründliche Vorarbeit geleistet haben. Daraufhin war keine
Annäherung Herzog Ernsts durch dessen Sohn an seinen Vetter von Ingolstadt
mehr zu befürchten. Das Ergebnis dieser Beratung spiegelt sich in
den Ereignissen der kommenden Wochen. Wegen einer später noch zu erwaehnenden
Beschwerde Heinrichs bei seinem Vater gelegentlich einer Zusammenkunft
in Regensburg, die er darauf in Straubing zu spüren bekam, stand Albrecht
dem Landshuter nicht freundlich gegenüber. Umsomehr mußte es
ihn überraschen, von diesem in aller Form durch einen eigenen Gesandten,
der am 6. Oktober aufgebrochen war, eine Jagdeinladung zu erhalten. In
Landshut hätte er sich mit ihm noch über Sachen zu unterhalten,
die er nicht dem Papier anvertrauen möchte. Albrecht sagte am 8. Oktober
zu und meldete seine Ankunft für den 13. an. Am 16. mußte er
wieder in Straubing bei der Feier des sogenannten Dreissigsten für
den verstorbenen Herzog Wilhelm sein, und zwar auf Anordnung seines Vaters.
Am 12. wurde bekanntlich die Mordtat in Straubing begangen. Herzog Heinrich
hatte also wohl in Kelheim die Aufgabe übernommen, Albrecht an diesem
Tage von Straubing fernzuhalten. Der Arglose weilte damals vor dem Todestage
seiner Gattin wahrscheinlich in Vohburg. Vielleicht war es weniger Herzog
Ernst, der den Plan faßte, seine Schwiegertochter aus der Welt zu
schaffen als Heinrich, der ihm dazu riet, ihm die Notwendigkeit dieses
Schrittes klarzulegen sich bemuehte. Max Buchner geht sogar soweit, für
die Zurückweisung Herzog Albrechts von den Schranken auf dem bayerischen
Turnier zu Regensburg am 23. November 1434 in Herzog Heinrich den Veranlasser
zu sehen. Er glaubt dies aus dem Briefe Albrechts an Herzog Heinrich vom
8. Oktober 1435 schließen zu dürfen, in dem er schrieb, daß
dieser seinen Vater in Regensburg seinetwegen ,,so herticlich her genomen"
hätte, was er ihn darauf zu Straubing entgelten ließ. Auf jeden
Fall dürfte es sich dabei um die Bernauerin gehandelt haben.
Herzog Heinrich gab sich keiner Selbsttäuschung
hin, daß Albrecht von seiner Mittäterschaft nichts wußte.
Das zeitliche Zusammentreffen der Einladung mit dem Mord an der geliebten
Gattin konnte dieser bei dem Verhältnis zu Heinrich nicht als Zufall
ansehen. Aus dem Groll gegenüber Heinrich machte Albrecht in der Folgezeit
auch kein Hehl. Nach dem Brief des Landshuters an den Münchener vom
15. Januar 1436, also ein Vierteljahr nach der Ermordung, fuehlte sich
Heinrich aber an der Tat schuldlos. Riezler glaubt deswegen, die Annahme
nicht von der Hand weisen zu müssen, daß in Kelheim wohl eine
Verabredung wegen Agnes Bernauer getroffen, aber noch lange nicht ihr Tod
beschlossen worden sein muß. Buchner dagegen führt auf den erwähnten
Brief an: ,,Wer sich entschuldigt, klagt sich an". Die Stelle in dem Schreiben
heißt wörtlich: ,,.... ob aber nach niydert ein un willen von
dem selben unsserm lieben vettern, hertzog Albrechten, gen uns were von
der geschicht wegen der Pernawerin, so waiß doch ewr lieb wol, das
wir darhinder unschuldigklich komen sein, und auch umb die sach nichts
gebest (gewußt) haben, pis ir selber her zu uns gen Landshut komen
seyt. und seyt ew selbs und uns wol schuldig darinnen zu verantwurten..."
Aus dem Brief geht zudem hervor, daß Herzog Ernst bereits am Tage
nach der Tat in Landshut Herzog Heinrich die Nachricht von dem Tode der
mißliebigen Gattin seines Sohnes persönlich überbrachte.
Sollten nun doch diese schriftlichen Äußerungen Heinrichs auf
Wahrheit beruhen? Sollte nun doch die von Ludwig dem Gebarteten drohende
Gefahr ihn veranlaßt haben, äußerlich auf die Pläne
Ernsts einzugehen und ihm wenigstens den Gefallen der Jagdeinladung zu
erweisen? Oder hätte Machiavelli mit dem Handeln Heinrichs seinen
Satz belegen können: ,,Am besten kommt weg, wer an besten den Fuchs
zu spielen weiß." Die Quellen reichen für eine bestimmte Stellungnahme
in dieser politischen Situation nicht aus. Vor Max Buchner hat Signund
Riezler zuerst auf die Beteiligung Herzog Heinrichs von Landshut an der
Ermordung der Agnes Bernauer hingewiesen; wiederholt folgten wir seinen
zuverlaessigen Angaben.
Wer war nun Agnes Bernauer? Angeblich die
Tochter eines Baders aus Augsburg. Riezler haelt Namen, Heimat und Abstammung
fuer vollstaendig gesichert und Zweifel, die man in diesen Richtungen erhoben
hat, fuer unbegruendet. Einige Chronisten nennen sie naemlich Leichtle,
Leichtlin und sehen ihre Heimat neben Augsburg in Biberach an der Riss.
Agnes hat vielleicht erst nach dem Tode ihrer Altern zu Augsburg im Dienste
gestanden und zwar in einer Badstube. Diese soll einem Kollegen ihres Vaters
oder Verwandten gehoert haben. Ganz unverstaendlich ist die Behauptung
Christian Myers, dass Traeger beider Namen in keinem der zahlreichen Buerger-,
Steuer- und anderen statistischen Verzeichnissen im Anfang des 15. Jahrhunderts
begegnen. Der seltener der ungluecklichen Frau zugelegte Name Leichtle,
Leichtlin, Leuchtle kommt in den fraglichen Jahren im Buergerbuch 1288-1499
nicht vor, ebensowenig im Achtbuch und in den Missivbuechern, auch nicht
in den Steuerbuechern. In den letzteren findet sich aber die Schreibweise
Lauchlin, Laeuchlin, Leuchlin usw. Was den Namen Bernauer betrifft, sind
bei der damaligen Namensrechtschreibung auch Pernauer, Perner, Berner usw.
fuer die Untersuchung heranzuziehen. Im schon genanten Buergerbuch stossen
wir in den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts auf drei Berner (Perner),
wovon einer am Weinmarkt wohnte. Im Achtbuch ist im Jahre 1376 ein Hans
Berner erwaehnt und im Missivbuch fuer das Jahr 1431 ein Peter Bernauer.
In den Steuerbuechern wurde auch die Schreibweise Peternau, Peternaw usw.
berucksichtigt. Anton Werner erklaert diesen Namen fuer richtig und gibt
als Wohnhaus des Vaters der Agnes das am Ende des Vorderen Lechs gelegene
Haus C 164 (nicht C 165, wie Werner annimmt, wenn es auch dazugehörte)
an, in dem das nach der Weberchronik als schon im Jahre 1400, doch in den
Steuerbüchern erst seit dem Jahre 1436 vorkommende und seit 1463 so
genannte Kellerbad als bestehend angenommen werden kann. Die Umbildung
des Namens führt Werner auf eine Verwechslung des bei Straubing gelegenen
Baernau mit dem schwaebischen Bedernau zurück. Letzterer Ort müßte
demnach den Chronisten nicht bekannt gewesen sein. Der Name Peternau, der
fast in jedem Steuerbuch im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts sich findet,
dürfte in Ansehung der Beweisführung für seine Richtigkeit
bei weiteren Untersuchungen fallen zu lassen sein. Männliche und weibliche
Träger des Namens Berner (Perner) finden wir in den Steuerbüchern,
Leibgedingbüchern, Urkundenbeständen usw. in der zu untersuchenden
Zeit oft. Verschiedene Einträge sind beachtenswert, bei naeherer Untersuchung
erweisen sie sich jedoch als trügerisch. Im Jahre 1422 begegnet uns
zwischen Lech und Schwibbogen, ,,uff dem pühel", ein Hans Bernauer.
Im nächsten Jahre ist er im Steuerbuch an dieser Stelle schon wieder
verschwunden. 1426 stoßen wir auf einen Gastel Perner, am Vorderen
Lech (,,Vnder den ledrern") wohnhaft. In demselben Hause wohnte auch eine
,,domina Engel". Perner zahlte als Pfleger der Söhne der Rautsamin
(= Ratsam) 1 lb. Im nächsten Jahre besaß er ein Haus an der
Brühlbrücke gegen den Sparrenlech zu (,,an der würin").
Es ist das Haus seiner Pflegekinder. ,,Domina Engel" ist aber höchstwahrscheinlich
nicht Perners Ehefrau. Sie ist nämlich auch 1427 nicht mehr genannt.
Gastel Perner muß die Witwe Rautsamin geheiratet und dadurch das
Haus erhalten haben. 1428 besaß er das Haus an der Brühlbrücke
nicht mehr, dagegen ein solches auf der Litera B-Seite der Oberen Maximilianstraße
(,,Vom liutpriester"). Zuerst im Jahre 1429, dann wieder im Jahre 1433
finden wir am Vorderen Lech einen Kramer Perner, den das Steuerbuch von
1435
an dieser Stelle schon nicht mehr aufführt. 1441 tritt nach 1432 wieder,
nunmehr am Schwall wohnend (wieder als Hlausbesitzer), Gastel Perner mit
seinen Söhnen auf, im gleichen Jahre auch ,,Bernerin cramerin", wahrscheinlich
die Witwe unseres Kramers vom Jahre 1433. Sie wohnte bei der Mauermühle
am Mauerberg (,,Vom diepolt"). Wilhelm Vogt führt in seiner Arbeit
noch die 1421 in der Sachsengasse wohnende ,,Pernawerin", welche 10 ß
Steuer zahlte, an. Eine solche - wenn nicht die gleiche - erscheint übrigens
oefter.
Ein Kaspar Bernauer ist also nicht nachzuweisen.
Auch nicht in Biberach an der Riß. Feststellbar ist dort nur, daß
im Jahre 1506 ein Ulrich Leichtlin und im Jahre 1508 ein Claus Leichtlin
als Bürger aufgenommen wurden. Eine Berufsbezeichnung fehlt in dem
Bürgerbuch, das die Jahre 1490 bis 1793 umfaßt, uns also für
das erste Drittel des 15. Jahrhunderts und vorher ganz im Stiche laesst.
Da beide Eintraege die Herkunft der neuen Bürger nicht nennen, so
ist die Annahme berechtigt, daß sie schon laenger als Beisitzer dort
ansaessig gewesen sein dürften. Aber hingewiesen wird darauf nicht.
Quellen sind für die fragliche Zeit in Biberach also gar nicht vorhanden.
Und endlich Robert Hoffmann, der über die Augsburger Bäder und
das Handwerk der Bader eingehend gearbeitet hat: Einen Bader namens Bernauer
oder Leichtle habe er nicht finden können.
Lassen wir nun Chronisten über die Herkunft
der Agnes sprechen, Augsburger sowohl als bayerische. Mit Ausnahme von
Ladislaus Suntheim, dem einzigen, der Biberach angibt, erwähnen sie
Agnesens Heimat nicht oder nennen Augsburg. In der Chronik von der Gründung
der Stadt Augsburg bis zum Jahre 1429 lesen wir: "...unser burgerstochter,
hieß Leichtlin, ain barbierer". Gasser scheint davon den Namen Leichtlin
entnommen zu haben. Wilhelm Rem beendigt seinen diesbezüglichen Bericht
mit den Worten: ,,sy wass einss barbierss tochter von Augsburg". Er schreibt
,,Pernerin", ebenso wie der unbekannte Verfasser der bis 1501 reichenden
Chronik von Augsburg. Hektor Mülich gebraucht dagegen die heutige
Schreibweise ,,Agnes Bernauer" und Dr. Johannes Frank ,,Engel Bernauerin".
Die angestellte Untersuchung spricht weit
mehr für die Augsburger als für die Biberacher Herkunft. Wir
dürfen Agnes Bernauer darum mit Riezler als Augsburgerin betrachten
und den aufgetretenen Familiennamen Leichtlin in Verbindung mit der Heimat
Biberach vielleicht als Mädchennamen und Heimat der Mutter ansehen
oder auf eine Einwanderung des Vaters aus Biberach zurückführen.
Wo war nun das Wohnhaus oder gar ihr Geburtshaus?
Nach Aventin stand ersteres ,,zwischen den Schlachten", Anton Werner sieht
das Haus C 164 am Fuße des Schmiedberges, in dem sich das Weinrestaurant
,,Agnes Bernauer Stube" befindet, als solches an. Christoph Jakob Haid
bezeichnet als Geburtshaus das Haus ,,hinterm Weberhaus", am früheren
Rinder- oder Alten Heumarkt, der heutigen Philippine Welser-Straße
und zwar D 32, das Haus der Konditorei Zeiler. Haid gibt sogar die genaue
Geburtszeit an, den 19. Januar 1411. Thaddäus Ruess glaubt es in dein
Hause H 335, der heutigen Gastwirtschaft ,,Bei den sieben Kindeln", dem
früheren Neid-, späteren Rößlesbad" vermuten zu dürfen.
Einer der aufgeführten Annahmen wesentlich mehr Wahrscheinlichkeit
zuzuschreiben, ist schwer vertretbar. Da Kaspar Bernauer nach den meisten
Quellen als Badbesitzer und Barbier (balneator) und nicht bloß als
Barbier (tonsor) bezeichnet wird, dürfte allerdings D 32 aus der Reihe
der vermuteten Häuser ausscheiden, da eine Badestube immer an einem
fließenden Wasser, an einem der Lecharme gelegen haben muß,
was bei der hohen Lage der Philippine WeIser-Straße nicht zutrifft.
Die heimliche Gemahlin Herzog Albrechts III.
muß für die damaligen Begriffe von außerordentlicher Schönheit
gewesen sein. Ihr Äußeres zeigen uns einige Kunstwerke und schildern
die Geschichtsschreiber. Bald nach ihrem Tode schuf -- nach Philipp Maria
Halm - als sein letztes Werk der Meister der Tumba des Herzogs Albrecht
II. bei den Karmeliten ihren Grabstein, der heute an der Südseite
der Agnes Bernauer-Kapelle auf dem Petersfriedhof in Straubing steht. Der
Bildhauer meißelte in Flachrelief in die 2,65 Meter hohe und 1,32
Meter breite Platte aus rotem Salzburger Marmor, wahrscheinlich nach der
Erinnerung oder nach einem guten Porträt, die ganze Gestalt der Verstorbenen,
von der Umschrift umgeben: Ao. D. Mo. cccco. xxxo. vIo (!) xII . - die
- octobris - obiit . agnes . Bernawerin . requiescat . in . pace, die uns
trotz der irrigen Jahreszahl über jeden Zweifel an der Dargestellten
erhebt. Ihre Tracht ist eine fürstliche. Das leicht geneigte Haupt,
mit dem Häubchen, dem Zeichen der Ehefrauen bedeckt, zeigt ein friedliches
Antlitz und ruht auf einem Kissen. Um Kinn und Schultern schlingt sich
das bekannte Rissentuch, während die ganze schöne Gestalt bis
zu den Füßen von einem mit Pelz ausgeschlagenen Mantel eingehüllt
ist, der den ,,Kleinspalt" zeigt, das äußere Zeichen hohen Standes.
Die rechte Hand, die den Rosenkranz hält, schmücken zwei Ringe,
der Verlobungs- und Trauring. Sie kreuzt sich mit der linken. Links und
rechts zu den beiden Füßen ruhen zwei kleine Hunde, wovon einer
tot zu sein scheint. Einige glauben, darin das Sinnbild gegenseitiger Treue
zu sehen, andere, die einen der Hunde für eine Eidechse halten, Lieblingstiere
der Verstorbenen, und wieder andere, die Tiere zu erkennen, die den zum
Wassertode verurteilten Zauberern mit in den Sack eingenäht wurden.
Schließlich war die Darstellung nur eine Mode der Zeit, wie wir aus
vielen Grabsteinen des 15. Jahrhunderts erkennen können. Den Kenotaph
dürfte Herzog Albrecht III. einige Jahre nach der Erbauung der Kapelle
in Auftrag gegeben haben. Er ist an verschiedenen Stellen beschädigt
und wurde aus diesem Grunde schon 1785 auf Anregung der damaligen kurbayerischen
Akademie aus dem Pflaster genommen und an die jetzige Stelle gebracht.
Weiter vermittelt uns eine zweite Plastik
aus späterer Zeit, von der Wende des 15./16. Jahrhunderts, die Schönheit
der dadurch unglücklich gewordenen Frau. Sie ist aus rot-gebranntem
Ton gefertigt, 88 Zentimeter hoch und befand sich früher in der Mitte
der dem Flusse zugekehrten Giebelwand des Greindl'schen Hauses Nr.779 in
der Straubinger Altstadt auf dem rechten Ufer der Donau, ,,unterhalb der
Brücke zu St. Peter im Kirchlein", wo der Fluß den Leichnam
wiedergab. Man sah von jeher die schöne Renaissancefigur als eine
Darstellung Agnesens an und verbrachte sie im Jahre 1880 in die Historische
Sammlung der Stadt Straubing, nachdem sie vorher in einem Garten am Garnisonslazarett
Aufstellung gefunden hatte. Einige glauben in der Dargestellten auch eine
Mater dolorosa zu sehen.
Von Gemälden verdient das im städtischen
Maximiliansmuseum zu Augsburg befindliche Porträt aus der Mitte des
16. Jahrhunderts Beachtung. Es ist betitelt ,,Agnes Bernauerin Ducissa",
auf Holz gemalt und 33 : 26,5 cm groß. Nach Ulrich Schmid geht es
auf ein älteres Original zurück. Gleichzeitig mit Bildhauern
und Malern preisen Chronisten die Schönheit dieser Frau. Alle stimmen
darin überein. Ein bayerischer heißt sie ,,Agnes Bernauerin,
eines Palbierers Tochter, ein wunderschöne fraw", ja ,,man sagt das
sie so lieblich gewesen sei, wan sie Roten wein getrunckhen het, so het
man jeden wein in der Kel sehen hinabgeen".
Diese begnadete Augsburger Baderstochter tritt
in den Lebensweg Herzog Albrechts III., des einzigen neben mehreren Töchtern
am 27. März 1401 geborenen ehelichen Sohnes Herzog Ernsts von Bayern-München.
Die Jugendjahre ver brachte der Prinz in Böhmen am Hofe seiner Tante
väterlicherseits, Sophie, der Gattin König Wenzels. Die Liebe
zur Musik wurde ihm dort ins Herz gesenkt, die ihn zeitlebens nicht mehr
losließ. Von der durch Hus von Böhmen ausgehenden geistigen
Bewegung wurde er nicht erfaßt, auf Feldzügen stand er sogar
gegen sie. Er blieb seinem Glauben treu, und das auch in Taten zum Ausdruck
gekommene Interesse für die Klöster hat ihm den Beinamen ,,der
Fromme" eingetragen. Im Jahre 1424 erhielt er von seiner Mutter Elisabeth
als Schenkung Vohburg, Pfaffenhofen, Geisenfeld und Hohenwart. Seit Anfang
des Jahres 1433 verwaltete er dazu im Namen seines Vaters und Oheims von
der Straubinger Linie den Landteil, der den Muenchener Herzögen in
Niederbayern zugefallen war. Albrecht, ,,gar ain frölicher herr",
,,weys in seinen Räten und diemutig gegen allen menschen", war aber
auch ,,ain liebhaber der zarten frawen und ains mandlichen Hertzens". So
ist es verständlich, daß er an der mit körperlichen Vorzügen
reich ausgestatteten Agnes sofort und dauernd Gefallen fand.
Wo hat Albrecht Agnes zum erstenmal gesehen?
Größte Wahrscheinlichkeit verdient die Annahme, daß sie
sich in der Badestube kennen lernten. Ob sie dort als Tochter des Badbesitzers
mithalf oder als Magd bei ihren Verwandten oder Fremden diente, ist nicht
festzustellen. Auf jeden Fall gehörte das Baden um diese Zeit zu den
Beduerfnissen des täglichen Lebens; die Ärzte verordneten es
bei Krankheiten, besonders Schwitzbäder. Fremde auf Besuch in der
Stadt weilende Fürsten ließ diese, dem damaligen Brauch entsprechend,
samt Gefolge ins Bad führen, wobei ihnen das Badgeld erlassen war.
In den Badstuben wurden die Haare geschnitten, der Bart geschabt sowie
ärztliche Behandlungen vorgenommen. Gleichzeitig waren sie Stätten
geselliger Unterhaltung. So wird unsere Annahme des ersten Zusammentreffens
in der Badstube -- und solche hat bekanntlich Albrecht von dem nahen Friedberg
aus öfters aufgesucht - Glauben verdienen dürfen. Ob der Besuch
anläßlich eines Turniers in der Reichsstadt statt fand oder
bei anderer Gelegenheit, mag dahingestellt bleiben. Es war das Jahr 1428
und zwar Fasching. Nach Christian Meyer soll in dem Zeitraum, der für
die Anknüpfung der Verbindung in Betracht kommt, kein Turnier in Augsburg
abgehalten worden sein; demnach scheint Meyer für seine Arbeit die
Chroniken von Hektor Mülich und Gasser nicht benützt zu haben.
In ersterer wird berichtet: ,,Des jars was ain stechhof hie und stach darin
hertzog Albrecht von München und ander edelleut und burger".
Die nächste Frage, die sich aufdraengt,
lautet: Hat Albrecht mit Agnes die Ehe eingegangen? Höchstwahrscheinlich
-- darin folgen wir wieder Riezler -- liegt die erschütternde Tragik
ihres Schicksals eben in der Reinhaltung ihrer Frauenehre. Sie wird darauf
verzichtet haben, die Geliebte eines Fürsten zu sein, die nach kurzer
oder längerer Dauer scheinbaren Glückes von diesem, zum Dank
mit Heiratsgut versehen, an einen materiell eingestellten Mann verheiratet
wird. Ist nicht so die Zusicherung zu verstehen, die Albrecht in dieser
Zeit, am 2. Juli 1429, seinem Hofmeister Jan von Sedlitz machte, wenn er
dessen Gemahlin Margarete von Waldeck eine Mitgift von 600 ungarischen
Gulden versprach?
Als Zeitpunkt der Eheschließung nehmen
Riezler und Horchler spätestens das Frühjahr 1432 an, Mittermüller
und Schmid die ersten Tage im Januar des nächsten Jahres. Letzterer
glaubt das aus einer Urkunde der Pfarregistratur Aubing folgern zu dürfen,
wonach am 8. Januar 1433 der Pfarrer Heinrich Haydel von Aubing und die
Zechpröbste zu Laim um 25 Pfund Münchener Pfennige Agnes Bernauer
eine Hube und Hofstatt zu Niedermenzing verkaufen. Der Besitz lag in nächster
Nähe des herzoglichen Jagdschlosses Blutenburg. Ulrich Schmid sieht
darin die Verschreibung eines Gutes, das Herzog Albrecht Agnes als Morgengabe
brachte, besser gesagt, hatte er, um die Heimlichkeit der Ehe leichter
zu wahren, ihr vermutlich das Geld zum Kaufe gegeben. In einer Verschreibung
bestand auch bei fürstlichen Persönlichkeiten die Morgengabe,
die am Morgen nach dem Beilager erfolgte. Demnach muß vor Abschluß
dieses Kaufes die Ehe geschlossen worden sein. Auch die Einwilligung Herzog
Albrechts in eine Eheschließung mit der Letzten aus der hollaendischen
Linie der Wittelsbacher, der damals schon dreimal verheiratet gewesenen
Jakobäa, einzigen Tochter Wilhelms II. und seiner Gemahlin Margarete,
Tochter Philipps des Kühnen von Burgund, unter gewissen Voraussetzungen
im Herbst 1432 spricht für die Annahme Schmids. Die Anwesenheit der
beiden in Vohburg vor dem 24. Juni 1435 läßt sich urkundlich
nicht nachweisen. Mittermüller und vor allem Horchler haben saemtliche
ihnen zugängliche, von Albrecht im fraglichen Zeitraum ausgestellten
Urkunden und die diesbezüglichen Regesten, dann aber auch die im bayerischen
Hauptstaatsarchiv aus jener Zeit vorhandenen Urkunden des Landgerichts
Vohburg, die Berichte des Schloßverwalters an den Herzog und dessen
Weisungen an denselben durchgegangen und besonders aus dem jeweiligen Ort
der Ausstellung und den Adressen auf einen Aufenthalt in den Jahren 1431
und 1432 in der Regel zu München und dessen Umgebung, ausnahmsweise
in Böhmen und Straubing, 1433 und 1434 und in der ersten Hälfte
des Jahres 1435 fast nur in Straubing und sehr selten in München und
dessen Umgebung schließen können. Für die Annahme Riezlers
und Horchlers spricht die erste Erwähnung Agnes Bernauers in der Münchener
Stadtrechnung vom Jahre 1431. Ein Dieb namens Münchauser hatte mit
seinen Gesellen mehreren Bauern Pferde von der Weide gestohlen. Bei der
Verfolgung rettete er sich in die herzogliche Burg zu München. Der
Stadtrichter mußte nun das Asylrecht wahren und so wurde ein Bote
zu dem Herzog nach Straubing in dieser Angelegenheit geschickt, worüber
,,die Bernawerin gar zornig" war. Der Eintrag, in dem Georg Gilardone einen
Niederschlag der Verdächtigung sieht, die Gemahlin Albrechts in eine
erfundene Verbindung mit dem verhassten Herzog Ludwig von Ingolstadt zu
bringen, als dessen Parteigänger der Pferdedieb bekannt war, stammt
aus der Zeit nach dem 8. Juli 1432. Demnach scheint sich Agnes nicht heimlich
am Hofe aufgehalten zu haben.
Namentlich angeführt finden wir sie wieder
in der naemlichen Quelle vor dem 10. August gleichen Jahres. Vor diesem
Tage weilte Albrechts Schwester Beatrix, die Gattin des Pfalzgrafen Johann
von Amberg, in München. Dabei muß sie mit ihrem Bruder wegen
Agnes zu sprechen gekommen sein und ,,ganz zornig was von fraw Nessen wegen
der hoch und grosfaisten Bernawerin wegen". Riezler deutete ursprünglich
,,grosfaist" für hochschwanger, ließ aber später diese
Deutung fallen. Jenes Wort kommt naemlich in dieser Bedeutung nie mehr
vor. Es wäre der einzige Hinweis auf eine aus der Verbindung Albrechts
mit Agnes erwachsene Frucht gewesen. In der Folgezeit ist von Nachkommen
nie die Rede. Noch einmal ist der durch Agnes hervorgerufene Unwillen von
Herzogin Beatrix über ihren Bruder in den Münchener Kammerrechnungen
festgehalten, vor dem 13. Dezember 1434. Ihr Besuch galt damals der jungvermählten
Frau von Albrechts Oheim Wilhelm III., Margarete von Cleve, wobei sie wieder
Zorn überkam ,,von irs pruder, herzog Albrechts wegen, das der nit
auch ain schonen frawen het"; unter ,,schone" ist hier eine ebenbürtige
zu verstehen.
Wie aus den angeführten Quellen hervorgeht,
muß eine Ehe bestanden haben; denn Agnes wird immer als Frau bezeichnet.
Viele Forscher haben diese Frage verneint oder unentschieden gelassen.
Es muß sich nämlich um eine heimliche Ehe (matrimonium clandestinum)
gehandelt haben mit kirchlicher Trauung, die gültig und im 14. und
15. Jahrhundert häufig war. Drei Chronisten sprechen sich dahin aus,
darunter Veit Arnpeck und der Augsburger Wilhelm Rem ,,maint, er hatz zu
der ee genommen". Gültig war eine Ehe damals, wenn die Erklärung
vor einem Priester, dem Vertreter der Kirche, auch insgeheim abgegeben
wurde. Das wird wohl der Fall gewesen sein. Erst das Konzil von Trient,
mehr als hundert Jahre später, erklärte eine solche Eheschließung
für ungültig, nicht ohne die Gültigkeit der bis dahin insgeheim
geschlossenen Ehen feierlich anerkannt zu haben. Außer der naechsten
Umgebung wird anfangs auch niemand von dem tatsaechlich bestandenen Ehebund
gewußt haben.
Die bereits aufgewiesenen Belege, die Eintraege
in den Muenchner Kammerbüchern für die eheliche Verbindung suchen
wir weiter auszuwerten und fügen einige hinzu. Wäre Herzogin
Beatrix gerade im Sommer 1432 so aufgeregt gewesen, ein paar Monate nach
dem Zeitpunkt der erfolgten Eheschließung, wie ihn Riezler und Horchler
annehmen, wenn es sich bloß um ein Verhältnis gehandelt hätte,
und zwar ausgerechnet bei ihrem Bruder, der ihr als Freund schöner
Frauen bekannt gewesen sein dürfte? Aus einem Eintrag in der Münchener
Stadtrechnung wissen wir, daß im März 1434 in der Stadt eine
Weiheperson, ,,die Aicherin" samt einer Bettlerin verhaftet und nach zwölf
tägiger Haft gegen Urfehde wieder in Freiheit gesetzt wurde, weil
,,sie die jungen purger verschrieben het gen dem Bernawerin". Unter den
jüngeren Bürgern haben wir nach Buchner die dem städtischen
Patriziat und damit auch Herzog Ernst gegenüber stehenden Volksschichten
zu verstehen, unter denen die Aicherin Stimmen für Agnes Bernauer
als künftige Landesmutter gesammelt haben dürfte. War deswegen
Bürgermeister Ligsalz der Begleiter von Herzog Ernst auf der Reise
nach Kelheim zu Anfang des Todesmonats? Wären diese Münchener
Bürgerkreise so für Agnes eingetreten, wenn es nicht die rechtmäßige
Gemahlin des Thronfolgers gewesen wäre? Am 24. November 1434 nahm
Herzog Albrecht mit seinem Schwager Johann von Amberg sowie dessen Sohn
Christoph an einem Turnier in Regensburg teil, das die bayerische Ritterschaft
veranstaltete. Sei es - wie erwähnt - auf Veranlassung Herzog Heinrichs,
sei es auf Betreiben seines Vaters, um den Sohn umzustimmen, Herzog Albrecht
wurde wegen des Verhältnisses zu Agnes Bernauer von den Turnierschranken
zurückgewiesen, Schimpf und Schande ohnegleichen für einen Ritter.
Alle diesbezüglichen Überlieferungen gehen auf Andreas von Regensburg
zurück. Wäre die Demütigung Albrechts allein wegen einer
außerehelichen Verbindung möglich gewesen? Hier sei daran erinnert,
daß Herzog Ernst drei oder vier von ihm anerkannte uneheliche Kinder
hatte und zwar bestimmt einen Teil davon als Folgen eines Verhältnisses
mit einer Frau aus niederem Stande namens Anna Winzer, der späteren
von ihm ausgestatteten Gattin eines Zöllners.
Hat nicht auch der Künstler, der Agnesens
Grabmal schuf, sie als Frau dargestellt und dadurch der Nachwelt gegenüber
gerechtfertigt? In fürstlicher Tracht, die Haube, das Zeichen der
Ehefrau, auf dem Haupte und den Verlobungs- und Trauring an der rechten
Hand.
Wenig Beweiskraft für die angenommene
Ehe ist allerdings dem einschlägigen Text der Meßstiftungsurkunden
von Vater und Sohn zuzuschreiben. Für die Seelenruhe seiner Gattin
errichtete Herzog Albrecht noch am 12. Dezember des Todesjahres die Stiftung
einer ewigen täglichen Messe, die Herzog Ernst im nächsten Jahre
bestätigte. Nach Erbauung einer Kapelle stiftete er darin ebenfalls
einen Jahrtag. Im Jahre 1447 erneuerte und vermehrte Albrecht die Meßstiftung
bei den Karmelitern. In dem ersten und dritten Stiftsbriefe heißt
es: ,,der Ersamen und Erbern Frawen Agnesen der Pernawerin", in der Urkunde
Herzog Ernsts dagegen nur ,,Anna Pernawerin". Irrtümlicherweise wurde
hier Anna anstatt Agnes geschrieben. Wieder mehr für unsere Zwecke
ist zu lesen aus der schon erwähnten Instruktion für Kaiser Sigmund,
die Ernst seinem Gesandten Friedrich Aichstätter schriftlich erteilte,
damit dieser die Gründe für sein Handeln in einem für ihn
günstigen Sinne schildern könnte, nachdem der Kaiser doch zwischen
ihm und seinem Sohne Vermittlerdienste leisten sollte. Warum spricht er
darin von "einem poesn weyb" und gebraucht keinen anderen Ausdruck? Alle
anderen Stellen, an denen er dieser Erwähnung tut, deuten mehr auf
die Gattin als die Geliebte seines Sohnes. Hat nicht schließlich
auch Meister Hans Rosenbusch in Agnes die angetraute Frau Herzog Albrechts
gesehen, als er bei dessen spaeteren Vermaehlung mit Anna von Braunschweig
vor dem 11. November 1436 in das Kammerbuch des Jahres 1436 eintrug. .
des sull wir alle fro sein, das wir nit wider ain Bernawerin gewunnen haben"?
Seit Bestehen des Reiches hatte noch niemals ein regierender Fürst
eine unebenbürtige Ehe eingegangen. So mußte vor dem Eintreten
dynastischer Schwierigkeiten, vor dem Verlust des Landes zugunsten einer
anderen Linie der Bund Albrechts getrennt werden. Bei einer kirchlich eingesegneten
Ehe kann aber nur der Tod scheiden. Agnes mußte also sterben.
Das Urteil über die Unglückliche
war schon gefaellt. Hat Herzog Ernst das Schauspiel eines gerichtlichen
Verfahrens folgen lassen? Er führte in der bekannten Instruktion kein
solches an. Und bei seiner Rechtfertigung hätte er bestimmt auf das
Protokoll Bezug genommen, das für ihn nicht belastend gewesen sein
konnte, wenn am Schlusse ein Todesurteil stand. Von einer Anklage gegen
Agnes wegen Zauberei hatte Aichstätter nichts zu berichten. Und wäre
nicht die wegen Liebeszaubers ein billiges Mittel gewesen? Aventin schließt
wohl aus der Sachlage auf ein Gerichtsverfahren vor dem Straubinger Hofgericht.
Die Verhandlung müßte dann entweder Herzog Ernst selbst, der
nach Riezler wahrscheinlich in Straubing anwesend war, oder dessen Erbhofmeister
Hans von Degenberg, der im Jahre 1434 mehrmals als Vorsitzender nachgewiesen
ist, geleitet haben. Unhistorisch ist bestimmt die Beteiligung des Vizedorns
von Straubing Heinrich Nothaft an der Hinrichtung. Dieser Überlieferung
widerspricht das diesem gegenüber an den Tag gelegte Verhalten Herzog
Albrechts nach seinem Regierungsantritt. Am Tag des hl. Maximilian, dem
12. Oktober des Jahres 1435, - der Tag steht einwandfrei fest -- ließ
der Vater die Gattin seines einzigen Sohnes in den Fluten der Donau zu
Straubing ertraenken. Von der Brücke wurde die Unglüdiliehe hinabgestoßen,
nachdem sie - wie allerdings nur der Leute Mund sagte - die letzten Stunden
in dem Turm der Befestigung, der heute nach ihr benannt ist, verbracht
haben soll.
In der Schilderung des traurigen Vorgangs
widersprechen sich die meisten Chronisten nicht. Gebunden wurde sie den
Strom übergeben. Mögen sich die Bande gelöst haben, mag
ihr die ganze oder teilweise Entledigung gelungen sein, mag ihr die Strömung
geholfen haben, sie schwamm ans Ufer und hielt sich dort, um Hilfe rufend,
fest. Aber da nahte schon wieder der Henker. Aus Furcht vor dem alten Herzog
umfaßt seine Hand eine Stange, wickelt um sie die langen blonden
Haare Agnesens und übergibt sie wieder dem Element des Todes.
Sachlich kuehl, als Anhänger des Patriziats,
kaum die Genugtuung verbergen könnend, trug der Stadtschreiber von
München drei Tage später, am Samstag, den 15. Oktober 1435, in
das Kammerbuch ein: Item 60 8?haben wir zalt nach rats geschäft unsers
gnedigen herrn hertzog Ernsts etc. poten zu dergetzung seiner müden
payn, das er als reschlichen (rasch) von Straubingen her was geloffen und
die maer pracht, das man die Bernawerin gen hymel gefertigt hett. Actum
sabato post (Muß wohl ,,ante" = ,,vor" heißen!) Galli anno
etc. 35.
Item 3 ß8? haben wir zalt dem Massmair
soldner gen Lantsperg zerung des mals, do man in verkuendet der Bernawerin
ebenlangk (in diesem Falle wohl spöttisch = Begräbnis) in der
Tunaw zu Strawbingen underhalb der prugken zü Sand Peter im kirchlyne.
Actum sabato vor Galli anno etc. 35.
Unterhalb der Brücke zu St. Peter im
Kirchlein in der Alt Stadt am rechten Donauufer, in der Nähe des erwähnten
Greindl'schen Hauses Nr. 779, gab der Strom das Opfer der Hauspolitik des
Herzogs Ernst wieder oder wurde es herausgezogen. Wenn Aventin und Gasser
recht haben, so muß die Leiche sich in einem Sack vielleicht noch
mit kleinen Tieren, wie Hunden, Affen und Schlangen, eingenäht befunden
haben. Die obige Schilderung des Todes waere dann allerdings unwahr. Diejenigen,
die diese beiden Chronisten für glaubwürdig halten, werden aus
den auf dem Grabmal unten zu beiden Seiten von Agnes dargestellten zwei
Huendchen auf den für Zauberinnen usw. bestimmten Wassertod schließen.
Diese Deutung dürfte aber zurueckzuweisen sein.
Vielleicht auf Anordnung Herzogs Ernsts soll
der Leichnam sofort auf dem Friedhof von St. Peter der Erde übergeben
worden sein, wahrscheinlich an der Stelle, wo sich heute die Agnes Bernauer-Kapelle
erhebt. Ernst selbst ist der Gründer dieses kleinen Gotteshauses,
das er über dem Grabe seines Opfers im Jahre nach der Hinrichtung
1436 errichten ließ und in dem er am 16. Juli des gleichen Jahres
einen Jahrtag stiftete. Hier steht das Denkmal auf der Epistelseite in
die Wand eingelassen. Bis 1785 befand es sich bekanntlich im Boden. Bei
der Versetzung wurde die Ruhestaette untersucht und dabei nicht die geringsten
Spuren von einem Sarge, von Gebeinen oder Kleidern gefunden. Dieser Umstand
macht die Vermutung wahrscheinlich, daß Albrecht die sterblichen
Ueberreste seiner Gemahlin ausgraben und in der Karmeliterkirche der Stadt
beisetzen ließ. Hier stiftete er am 12. Dezember 1435 für ihr
Seelenheil eine ewige Messe, hier hatte seine Frau - vielleicht in Todesahnung
-- einen Altar in der Nikolauskapelle gestiftet, jener Kirche, in der sie
ihr Grab finden wollte. Vor diesem Altar sucht Schmid dasselbe. Nach Horchler
wird die Ueberführung der Gebeine im Jahre 1447 stattgefunden haben,
als Albrecht am Agnesentag seine Meßstiftung bei den Karmelitern
erneuerte und vermehrte. Allerdings waren im Jahre 1809 veranstaltete Nachgrabungen
in der Nikolauskapelle erfolglos, so daß der gleiche annimmt, Agnesens
Wunsch sei restlos erfüllt worden, und sie liege in dem dieser Kapelle
nahegelegenen Kreuzgang begraben, also heute nahe der Sakristei, zu der
die Kapelle umgewandelt wurde. Möglicherweise sind beim Umbau die
Gebeine entfernt worden. Nach Riezler haette überhaupt keine Bestattung
im Friedhof von St. Peter stattgefunden. Im Todesjahr stiftete Albrecht
schon am 12. Dezember in der Karmeliterkirche ewige Messen und Almosen.
Wenn wir auch nichts Näheres über die Begraebnisstaette wissen,
so dürfte doch nahezu sicher sein, daß sie bei den Karmelitern
dem jüngsten Tag entgegenschlummert. Diese Annahme bestaetigt uns
das in deren Kloster aufbewahrte Registrum anniversariorum, in dem der
Wortlaut an der betreffenden Stelle ist: ,,...sepulta in capella S. Nicolai
[begraben in der St. Nikolaus-Kapelle]..." Die hier am Rande stehende Jahrzahl
1447 spricht wieder für die oben schon genannte Ueberführung.
Am 12. Oktober geschah die entsetzliche Tat.
Zwei Tage später war Albrecht schon in Ingolstadt bei Herzog Ludwig
dem Gebarteten, dem alten Gegner seines Vaters und des Mitschuldigen, Herzog
Heinrichs von Landshut. Eine vorherige, wenn auch noch so kurze Anwesenheit
in Straubing ist nicht nachweisbar, ebensowenig, wo ihn die Kunde von dem
Tode der über alles geliebten Gattin erreichte. Der rasende Schmerz
um diesen Verlust, den der eigene Vater ihm verursachte, ließ die
Dankespflicht für die Lebensrettung bei Alling vergessen. Aufkeimende
Rachegedanken wiesen ihm den Weg nach Ingolstadt zu Ludwig dem Gebarteten.
Diesem konnte ein Rachefeldzug damals nur ganz gelegen sein. Er hatte großes
Interesse daran, weswegen wohl auch der Waffenstillstand mit dem Landshuter
nicht wieder verlaengert worden war. Albrecht traf Vorbereitungen. Gesandte
seines Vaters, der Stadt München usw. baten vergeblich um Audienz.
In Pfaffenhofen und Geisenfeld erließ er schon sein Aufgebot. Drohend
stand die Kriegsgefahr vor der Türe. Da wendete sich Herzog Ernst
an den Kaiser, der in Ungarn weilte. Wir kennen den Bericht, den Friedrich
Aichstaetter, der um den 28. Oktober abreiste, vorbringen mußte.
Den Anlaß der kriegerischen Entwicklung gab auf jeden Fall die Ertraenkung
Agnesens, und so war Ernst bestrebt, die Beweggründe für seine
Tat so darstellen zu lassen, daß er in gutem Lichte stand. Auch wollte
er vermutlich Berichten von anderer Seite zuvorkommen. Zur Umkleidung seiner
Absicht benützte er die Mitteilung von dem am 12. September erfolgten
Tode seines Bruders Wilhelm und besonders die Beschwerde wegen des Vorgehens
Ludwigs, unter dessen Einfluß sein Sohn stuende. Der Rechtfertigungsversuch
Herzog Ernsts muß jedes Gerechtigkeitsempfinden verletzen. Sein Sohn
habe unter einem bösen Weibe gelitten, heißt es darin, die ihm
in den letzten drei bis vier Jahren den Frohsinn genommen habe. Ist dafür
nicht der Grund zu suchen in jenem Widerstreit, der zwischen seiner Liebe
zu Agnes und der Befolgung der Hausgesetze bestand? Unter der angeführten
,,Härte und Strenge" der verhaßten Frau umschreibt Ernst wohl
ihre unwandelbare Treue zu Albrecht. Er scheut sich nicht, berichten zu
lassen, daß er um das Leben seines Sohnes bange vor Agnes, die auch
Adolf, den Sohn des verstorbenen Bruders Herzog Wilhelm vergiften wollte.
So geht es weiter. Alle Angaben sind bewußte Entstellungen der Tatsachen,
wenn nicht fast Erfindung wie der Verdacht der Giftmischerei. War es Reue
über seine Tat oder auch mit über die Schändung des Andenkens
an die angetraute Gattin seines Sohnes, als er die kirchlichen Stiftungen
errichtete? Im Augenblick handelt es sich für ihn darum, den Kaiser
für eine Vermittlung zu gewinnen. Er möge seinem Sohn vorhalten,
daß er sich an Herzog Ludwig und nicht an seinen Vater gewandt habe,
der an ihm in der Angelegenheit so handelte, daß er nun ein frommer,
würdiger Fürst sein könne, worin ihm das Weib, wenn es am
Leben geblieben wäre, sehr gehindert haette. Der Kaiser solle ihm
raten, Herzog Ludwig alsbald den Rücken zu kehren und zu seinem Vater
als gehorsamer Sohn heimzufinden. Er läßt es nicht an guten
Worten fehlen, die der Kaiser gebrauchen möge, um zwischen ihm und
Albrecht zu vermitteln. In einem eigenen Schreiben an seinen Sohn stellt
er ihm gute Aufnahme in Aussicht. In Herzog Ernsts Auftrag waren noch viele
Stellen bemüht, die Versöhnung anzubahnen. Es gelang anfangs
Dezember. Das Datum des ersten dieses Monats tragen die Geleitsbriefe nach
Muenchen für Herzog Albrecht, die Herzog Ernst und die Stadt München
ausstellten. Hans Rosenhusch, der Muenchener Stadtschreiber, war gut unterrichtet,
wenn er uns aus einem Eintrag vom 10. Dezember ahnen laesst, daß
von einer Aussöhnung noch keine Rede sein könne. Je mehr man
sich dem Feste des Friedens näherte, desto größer wurde
vielmehr wieder die Gefahr eines Rachekrieges. In Muenchen flehte man um
den Segen des Himmels. Albrechts Zorn seinem Vater, dem Schuldigen, gegenüber
legte sich und richtete sich immer mehr gegen den Mitschuldigen, seinen
Vetter Heinrich von Landshut. Unter diesem Gesichtspunkt ist der im April
1436 ausgebrochene innere Krieg zu betrachten.
Der naechste Schritt zur Aussöhnung erfolgte
in der Zeit des Besuches Albrechts in München zwischen dem 15. Januar
und 25. Februar, kurz vor der schweren Erkrankung Herzog Ernsts. Um die
Mitte April wird das Verhältnis wieder kritisch, doch schon nach Verlauf
einer Woche begann sich waehrend der Tagung der Landschaft in der Hauptstadt
München die Spannung zu lösen. Von Beginn des zweiten Halbjahres
an erinnert nichts mehr an die unueberbrueckbar scheinende Kluft zwischen
Vater und Sohn.
Ein zwar nicht bekannter, aber wahrscheinlich
Münchener Künstler hat die Aussöhnung, die für die
geschichtliche Entwicklung Bayerns von weittragender Bedeutung sein sollte,
im Bilde festgehalten. Wir wollen hier nicht in den Streit der Kunstlhistoriker
hinsichtlich der Entstehungszeit der Grabplatte Kaiser Ludwig des Bayern
in der Frauenkirche zu München eingreifen -- Herzog Albrecht IV.,
der 1508 starb, soll sie nach Karl Gröber um 1470 gestiftet haben
-- wir wollen den aus rotem Untersberger Marmor zu einem Grabmal bearbeiteten
Stein nur betrachten. In der oberen Haelfte thront Kaiser Ludwig der Bayer,
gekennzeichnet durch den Buchstaben L. In der unteren Hälfte, unterhalb
von dessen Thron, reichen sich zwei Fürsten die Hände, Herzog
Ernst und Herzog Allirecht, Vater und Sohn, gleichfalls durch die Anfangsbuchstaben
ihrer Namen bezeichnet. Zwischen beiden befindet sich ein Löwe, der
zu Albrecht, dem jüngeren der Dargestellten, schmeichelnd emporblickt.
Der alternde Herzog Ernst sollte gegen Ende
des Jahres 1436 das einzige, in den letzten Jahren hauptsächlich angestrebte
Ziel über ein Menschenleben hinweg erreichen, die standesgemaesse
Heirat seines Sohnes. Am 6. November ging Albrecht in München die
Ehe mit Anna, Tochter Herzog Erichs von Braunschweig, ein. Welche Gedanken
müssen die ebenbürtige Frau beseelt haben, als der Heiratsbrief
sowie die Urkunden über Morgengabe und Widerlage erst am Agnesentage
(21. Januar) und den beiden folgenden Tagen des nächsten Jahres ausgefertigt
wurden? Drängt sich nicht wehmütiges Erinnern an grausam geraubtes
Glueck auf, nachdem wir wissen, daß Albrecht noch zehn Jahre später
ausgerechnet an diesem Tage die Meßstiftung bei den Karmelitern erneuerte
und vermehrte?
Am 2. Juli 1438 starb Herzog Ernst. Er liegt
in der Frauenkirche zu München begraben. Albrecht übernahm die
Regierung des Landes. Für die Durchführung der Reform der bayerischen
Klöster gab ihm die Nachwelt den Beinamen ,,der Fromme". Ein Benediktinerkloster,
in das er ein bereits bestehendes Kollegiatsstift umwandelte, bereitete
ihm die letzte Ruhestätte auf dem Heiligen Berg Andechs, als er am
29. Februar 1460 das Zeitliche gesegnet hatte.
Das Suchen nach der geschichtlichen Wahrheit
um die Augsburger Baderstochter mussen wir verlassen, wenn wir die schöne
Literatur betrachten, die sich des dankbaren Stoffes bemächtigte und
nur als solche gewertet werden kann. Dauernder als in einem Denkmal aus
Stein oder Erz lebt Agnes Bernauer im Liede und damit im Herzen des Volkes
fort. Schon der Chronist Ladislaus Suntheim weiß von einem solchen
zu berichten, das zwei Menschenalter nach der unseligen Tat das Volk sang.
Vielleicht ist es eines der beiden, die auf uns kamen, ein aelteres, vollständiges
von höherem Wert und ein jüngeres in Bruchstücken, freilich
beide in Form und Sprache entstellt. Des breiten Volkes Denken über
die Mordtat kommt in ersterem zum Ausdruck:
,,Und wär mein Herr Vater mir nicht so
lieb,
So ließ ich ihn aufhenken als wie einen
Dieb,
Wär' aber eine große Schande,
ja Schande."
In ganz Österreich und Bayern war es
einst sehr verbreitet und ist noch heute zu hören.
Zahlreiche Gedichte, Balladen und epische
Darstellungen bringen uns das Schicksal des unglücklichen Opfers näher,
so Adalbert Müller, Hermann Lingg und Franz von Kobell, dieser als
oberbayerischer Mundartdichter. Sogar König Ludwig I. von Bayern gedachte
des tragischen Ausgangs von Agnesens treuer Liebe zu einem Sprossen seines
Geschlechts. Das älteste lyrische Gedicht auf Agnes stammt übrigens
vom Jahre 1680 aus der Feder des Hauptes der 2. schlesischen Schule, Christian
Hoffmann von Hoffmannswaldau. Wir sind an dieser Stelle in der Lage, nur
einige Beitraege anzuführen. Frauliches Empfinden verrät die
Dichtung von Katharina Diez. Epik und Lyrik gehen ineinander über,
bei den fließenden Versen nicht immer zum Nachteil. Der Verfasser
geschichtlicher Romane Fr. W. Bruckbräu versuchte als erster, den
einfachen Stoff in ein Zeitbild des beginnenden 15. Jahrhunderts zu bringen.
Von allen Schriftstellern hat aber Agnesens
Schicksal am meisten die Dramatiker in seinen Bann gezogen. Ihr erster
war der spaetere bayerische Minister Graf Anton v. Törring, dessen
vaterländisches Trauerspiel im Jahre 1780 zu München erschien.
Seine Bearbeitung des Stoffes ist gelungen, am besten dabei der Charakter
Agnesens gezeichnet. Das Drama zaehlt zu den bedeutendsten im literarischen
Nachschaffen seit Goethes Goetz. Ihm war größter Erfolg beschieden.
Fast gleichzeitig (1181) ging in München ,,Albert der Dritte von Bayern"
von dem Mannheimer Bibliothekar C. Theodor Traitteur über die Bühne
und zwar als erstes Singspiel. Die Musik stammte von dem Lehrer Webers
und Meyerbeers, Georg Vogler; sein Werk ist in jeder Hinsicht abzulehnen.
Dem Singspiel folgte zwei Jahre später in Hamburg die große
Oper ,,Agnes", Text von A. Ewald, Musik von C. Krebs. Es ist die erste
Bearbeitung ohne tragischen Ausgang. Auch die 1831 zu Berlin erschienene
,,Agnes Bernauerin, eine dialogisierte historische Novelle" von Dr. Schiff,
einem Vetter Heinrich Heines, bleibt ein mißglückter Versuch.
Von schwäbischen Dichtern wäre Melchior Meyr mit seiner dramatischen
Dichtung ,,Herzog Albrecht" zu nennen. 1852 wurde das Drama im Schauspielhaus
zu Berlin uraufgeführt. Daraufhin stand es bei ungefähr drei
Dutzend Bühnen auf dem Spielplan. Seine ersten drei Akte lehnen sich
an Törrings Trauerspiel an. Meyr arbeitete das erfolgbringende Werk
um und ließ es 1862 so zu Stuttgart erscheinen. Das ganze Leben beschäftigte
die Gestalt der Bernauerin den saechsischen Dichter Otto Ludwig. Beharrlich
trug er diesen Stoff, im Gegensatz zu anderen, durch seine ganze literarische
Laufbahn. Vollendete und unvollendete Tragödien, zahlreiche Planhefte
sind Zeugen seines dichterischen Ringens. Martin Greif hat in seinem um
die Jahrhundertwende (1900) entstandenen vaterländischen Trauerspiel
,,Agnes Bernauer oder der Engel von Augsburg" nicht nur in der Handlung,
der hervorragenden Zeichnung von Charakteren Vorzüge aufzuweisen,
sondern vor allem in der Sprache.
Mit der ,,Tragödie der unbedingten Notwendigkeit",
seiner ,,Agnes Bernauer", (1855) führte endlich Friedrich Hebbel eine
längst gehegte Absicht durch. Es ist des Dichters bestes Werk und
wohl eines der besten in der gesamten Behandlung des Stoffes; denn es verrät
zugleich dramatische Kraft und feinsten psychologischen Blick. Schöne
menschliche Tragik spricht zum Herzen, der Ausgang allerdings wendet sich
an den Verstand. Herzog Ernst verkörpert ihm den Staat. Dessen Wohl
stand Agnes im Wege. Sie mußte als Einzelwesen sterben, wenn auch
als schuldloses, zur Erhaltung des Staates, als Opfer der Staatsräson.
Allein auch diese Deutung vermag nicht voll zu befriedigen. Schließen
wir darum mit Riezlers Worten: ,,Lieber als Staatsräson wird man,
was Ernst zu seiner Untat trieb, jene Abart des nackten Egoismus nennen,
der in dem Schlagwort: dynastisches Interesse eine verschönernde Hülle
sucht."
Reichlich ist die Literatur
über Agnes Bernauer, waehrend die Quellen dürftig sind. Grundlegend
bleiht der Vortrag Sigmund von Riezlers in den Sitzungsberichten der k.
bayer. Akademie der Wiss. hist. Kl. von 1885. Er hat Gottfried Horchlers
Forschungsergebnisse benuetzt. Nach ihm haben wir hauptsaechlich Ulrich
Schmid zu erwaehnen.
Was die Quellen betrifft,
waren bei ihrer Bearbeitung die urkundlichen Nachrichten den Ueberlieferungen
der Chronisten vorzuziehen. Saemtliche Materialien, die Licht in manches
Dunkel des Falles Bernauer hätten bringen koennen und in den herzoglichen
Archiven lagen, muessen hoechstwahrscheinlich schon sehr frühe vernichtet
worden sein. Den zuverlaessigen Teil der Quellen hat Riezler schon veroeffentlicht.
Er umfaßt 1. mehr oder minder dunkle Anspielungen in den Korrespondenzen
der Herzoege Ernst, Albrecht und Heinrich; 2. die Instruktion, die Ernst
zwei Wochen nach dem Tode von Agnes Bernauer, am 28. Oktober 1435, durch
seinen Gesandten Friedrich Aichstaetter Kaiser Sigmund aushändigen
ließ, worin er die Tat so schilderte, wie er sie aufgefaßt
haben wollte, ,,ein sehr merkwürdiges Dokument", und 3. eine Reihe
von Eintraegen in den Kammerrechnungen der Stadt München. Riezler
sieht in dem Schreiben einen oder einige Stadtrechner; Schmid vermutet
in ihm einen Kleriker. Der Stadtrechner ist indes identisch mit dem Stadtschreiber,
dem Inhaber des vornehmsten städtischen Amtes, dem hoechstbezahlten
Beamten der Stadt, dem geistigen Leiter des gesamten städtischen Schrifttums,
vielfach dem einzigen an Hochsschulen gebildeten Mann der Stadtverwaltung.
Ihm eignet daher auch größerer Weitblick. Meister Hans Rosenbusch
hat das Amt des Stadtschreibers der Stadt Muenchen von 1416-1453 inne und
damit die genannten Einträge in die erwähnten Kammerbücher
gemacht. Uebrigens vor seinem Amtsantritt ausübender Arzt, nimmt er
in der Reihe bedeutender Münchener Stadtschreiber den ersten Platz
ein, soweit es sich um Urwüchsigkeit, treffsichere Bemerkungen und
scharfes Urteil handelt. Das Verdienst, die Einträge Rosenbuschs zuerst
bekanntgegeben zu haben, gebührt dem 1837 verstorbenen Münchener
Bürgermeister Joseph von Teng. Die Bemerkungen von der Hand des Stadtschreibers,
der bei Hof ein- und ausging, geben die Meinung des Patriziats wieder,
das auf der Seite Herzog Ernsts stand im Gegensatz zu den unteren Schichten
der Muenchener Bürgerschaft. die sich hinter der Bernauerin und damit
Herzog Albrecht zusammen fanden. Rosenbusch vertrat die Interessen der
stadtadeligen Geschlechter, die nach ihren um die Jahrhundertwende gemachten
Erfahrungen nicht grundlos für ihre Stellung in der Regierung Münchens
bangten. wenn die dem Kleinbürgertum entstammende Angsburgerin den
Herzogsthron bestieg. Diese Tatsache ist bei der Wertung seiner Aufzeichnungen
zu beruecksichtigen.
Der emsige Zeitgenosse unter
den Chronisten ist der Mönch Andreas von Regensburg. der in seiner
Jugend in der Nähe Straubing wohnte. Seine "Chronickh von den Fürsten
zu Bayrn", lateinisch und deutsch, ist für unsere Zeit noch heranzuziehen.
Eine wertvolle historische Quelle ist sie aber für unseren Fall nicht.
Insbesondere sind aber als solche die zwei bekannten Volkslieder über
Agnes Bernauer. von denen das eine etwa zwei Menschenalter nach dem Ereignis
entstanden sein dürfte oder zumindest erst um diese Zeit feststellbar
ist, fast ganz abzulehnen.
Viele Stellen in der Geschichte
der angeblichen Augsburger Baderstochter sind heute noch ungeklärt.
Höchstwahrscheinlich wird eine restlose Klärung nie erfolgen
können. Als eine Weiterführung der bisherigen Forschungen in
mancher Richtung, leider in Bezug auf die Herkunft der Agnes Bernauer mit
negativem Erfolg, dürfte vorstehender Beitrag anzusehen sein, der
vor allem eine zusammenfassende Darstellung auf Grund des bekannten Materials
anstrebte. |