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Ingeborg Brigitte Gastel
AGNES BERNAUER 

Von

HEINZ FRIEDRICH DEININGER


 
Drei Frauen der alten Reichsstadt Augsburg sind es, deren Lebenswege die Liebe von Fürsten bestimmte, Philippine Weiser, Tochter Franz Welsers und Anna Adlers, Gemahlin von Erzherzog Ferdinand II. von Österreich (gest. 1580), Klara Tott, Tochter des Ratsdieners Erhard Tott, Gemahlin Kurfürst Friedrichs l. von der Pfalz (gest. nach 1490) und die angebliche Baderstochter Agnes Bernauer, in heimlicher Ehe mit Herzog Albrecht III. von Bayern-München vermählt (gest. 1435). Diese reine und schöne Gestalt, deren Bild über fünf Jahrhunderte unverändert erhalten geblieben ist, erweckt wegen ihres unglücklichen Schicksals die wärmste Anteilnahme. Wie oft haben Anmut und Schönheit einer Frau diese an die Seite eines Fürsten gehoben und damit fast gleichzeitig ins Verderben gestürzt! So auch bei dem ,,Engel von Augsburg", dessen Namen nicht von seinem engelsgleichen Äußeren abgeleitet werden darf, sondern nur schwäbische Koseform dieser Zeit für Agnes ist.

Es war die Zeit, als Bayern dreigeteilt war, als die Familienstreitigkeiten der Wittelsbacher ihren Höhepunkt erreichten. Hatten sich bisher Abkömmlinge verschiedener Linien bekämpft, so sind in dieser Zeit die Parteien in ein und derselben Familie, es sind Vater und Sohn. Noch mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Vater, Herzog Ernst von Bayern-München, seinen tapferen Sohn Albrecht, als dieser im entscheidenden Treffen des Bruderkrieges bei Alling 1422 bei einem ungestümen Einsatz, um des Gegners Banner an sich zu reißen, durch die Verwundung seines Pferdes gestürzt war, aus der Schar der Feinde herausgehauen. Damals war der ,,traurigste aller Kriege" zu seinen Gunsten beendigt. Nun sollte ihm dieser sein einziger ehelieber Sohn alle dynastischen Zukunftspläne zunichte machen. Seine Linie, die Bayern-Münchner, sollte aussterben, sein Landteil den verhaßten Vettern in Landshut oder Ingolstadt zufallen. Und das wegen der leidenschaftlichen Liebe seines Sohnes zu der Augsburger Baderstochter. Herzog Ernst, Urenkel Kaiser Ludwig des Bayern, stand in den sechziger Jahren. Vor seinem Tode wollte er noch die Erbfolge auf weite Sicht geordnet sehen. Nachkommen aus der unebenbürtigen Verbindung mit Agnes Bernauer wären nicht erbfolgeberechtigt gewesen. Würde bei einer gewaltsamen Lösung dieses Bundes Herzog Albrecht überhaupt noch eine legitime, standesgemaeße Ehe eingehen, wodurch die Erbfolge sichergestellt waere? Diese Fragen mögen den Vater beherrscht haben. In lebhafter Erinnerung war ihm die Rolle, die sein Sohn zu Anfang des Jahres 1428 spielte. Pfalzgraf Ludwig, durch seine Beziehungen zum württembergischen Hof am besten dazu geeignet, hatte in Heidelberg bereits die Verlobung Albrechts mit Elisabeth, Tochter des im Jahre 1417 verstorbenen friedliebenden Grafen Eberhard des Milden von Württemberg vereinbart. Nüchterne, aber falsche Berechnung hatten bei dieser Abrede mitgesprochen. Der weibliche Partner entzog sich jedoch dem Ansinnen durch die heimliche Ehe mit Graf Johann III. von Werdenberge-Sargans zu Trochtelfingen und nahm Geldbuße für die Brüder Ludwig und Ulrich und selbst Gefängnis dafür gerne auf sich. Als am 12. September 1435 Herzog Ernsts Bruder Wilhelm III., mit dem er stets im besten Einvernehmen gelebt und der Albrecht sehr zugetan war, unter Hinterlassung des einzigen kränklichen Leibeserben Adolf - sein Sohn Wilhelm war nachgeboren und am darauffolgenden 16. Oktober bereits tot - starb, war er fest entschlossen, die Bande seines Sohnes zu der Frau aus der untersten Schicht des Volkes mit Gewalt zu zerreißen.

Max Buchner, der eine der letzten wissenschaftlichen Veroeffentlichungen ueber Agnes Bernauer schrieb, --später ist in der Halbmonatsschrift ,,Das Bayernland" (46. Jahrgang, Nr. 18) noch Georg Gilardones (München) Arbeit ,,Der Anteil Muenchens am Tod der Agnes Bernauer" er- schienen -- glaubt die Schürzung des Knotens einer anderen Hand zuschreiben zu müssen, Herzog Heinrich dem Reichen von Landshut. Das Erbgut seiner väterlichen Ahnen, die Beherrschung der diplomatischen Kunst war in dem ,,kleinen, braunen, jähen, frischen Herrn" vermischt mit dem seiner mütterlichen, vor allem des Großvaters, Herzogs Barnaba Visconti von Mailand, in dem Jakob Burckhardt eine deutliche Familienähnlichkeit mit den schrecklichsten römischen Kaisern fand. Er war der ,,vollendetste und charakteristischste Typ des Tyrannen der Renaissance". So erscheint Herzog Heinrich als ungemein habgieriger und gewalttätiger Herrscher, als Blutvergießer, wie ein Chronist berichtet, weil er stets Menschen zu töten liebte. So soll auch er Herzog Ernst zu dem Morde an der Gattin seines Sohnes veranlaßt haben. Am 12. Oktober 1435 ertrank diese in den Fluten der Donau.

Althayern bestand damals, wie erwähnt, aus drei Teilfürstentümern: Bayern-München, Bayern-Landshut und Bayern-Ingolstadt. Dieser Fürsten Interessen gingen auseinander, ja sie lagen nahezu immer in Streit. Ähnliche Zuege in ihren Charakterbildern weisen die Herzöge von Landshut und Ingolstadt auf, Heinrich und Ludwig der Gebartete. Letzterer war ein Enkel des Barnaba Visconti und Sohn einer Schwester der Mutter Heinrichs. Beide Herzöge waren Todfeinde. Auf dem Konzil zu Konstanz hatte Herzog Ludwig der Gebartete seinen Vetter Heinrich töd- lich beleidigt, wofür der Gekränkte mit fünfzehn seiner Leute den Beleidiger bei einer naechtlichen Heimkehr in seine Herberge in einer dunklen Gasse des Städtchens überfiel und schwer verwundete. Daher vergaß der Münchener Wittelsbacher seinen Zwist mit dem Landshuter, wenn es galt, in eine Front gegen den Ingolstädter einzutreten. Eine solche Gelegenheit bot der am 19. April 1435 zu Freising auf vier Jahre geschlossene Bund. Auch Herzog Ernsts Bruder Wilhelm III. stand auf gleicher Seite, ebenso die Söhne Ernsts und Heinrichs, Herzog Albrecht und Herzog Ludwig, nachgenannt der Reiche, Mittler zwischen beiden Parteien war der Münchener Herzogssohn, so im Sommer des Jahres 1435, als er die Ansprüche des Ingolstädters gegenüber seinem Vater überbrachte. Aus dieser Vermittlertaetigkeit soll ein Bündnis mit Herzog Ludwig dem Gebarteten entstanden sein. Albrechts Vater bestritt es immer. Der Landshuter mußte nun mißtrauisch werden. Das zweifellos vorhandene große Interesse an dem Fortbestand der Ehe Albrechts, an dem Leben von dessen Gattin mußte schwinden, sowie die durch diese unebenbürtige Eile entstandene Aussicht auf einen Anfall des Münchener Territoriums an seine Linie durch das vermutete Bündnis schwand. Und so warf Herzog Heinrich in seiner Befürchtung das Steuer seiner Politik herum. Die Kluft zwischen Vater und Sohn, Herzog Ernst und Albrecht mußte unüberbrückbar gemacht werden. Es war nur zu leicht möglich durch den alten Streit um Frau Agnes. Gelegenheit zur Entzweiung der beiden gab sich nach dem Tode Herzog Wilhelms, in der zweiten Hälfte des September oder in den ersten Oktobertagen 1435, als Herzog Ernst in Begleitung des Münchener Bürgermeisters Ligsalz nach Kelheim, das im Gebiet des Landshuters lag, reiste, um mit diesem Beratung zu halten wegen ihres gemeinsamen Gegners, des Herzogs von Ingolstadt ,,und von der Bernawrin wegen", wie wir aus der Münchener Kammerrechnung vom Jahre 1435 erfahren. Herzog Heinrich mußte gründliche Vorarbeit geleistet haben. Daraufhin war keine Annäherung Herzog Ernsts durch dessen Sohn an seinen Vetter von Ingolstadt mehr zu befürchten. Das Ergebnis dieser Beratung spiegelt sich in den Ereignissen der kommenden Wochen. Wegen einer später noch zu erwaehnenden Beschwerde Heinrichs bei seinem Vater gelegentlich einer Zusammenkunft in Regensburg, die er darauf in Straubing zu spüren bekam, stand Albrecht dem Landshuter nicht freundlich gegenüber. Umsomehr mußte es ihn überraschen, von diesem in aller Form durch einen eigenen Gesandten, der am 6. Oktober aufgebrochen war, eine Jagdeinladung zu erhalten. In Landshut hätte er sich mit ihm noch über Sachen zu unterhalten, die er nicht dem Papier anvertrauen möchte. Albrecht sagte am 8. Oktober zu und meldete seine Ankunft für den 13. an. Am 16. mußte er wieder in Straubing bei der Feier des sogenannten Dreissigsten für den verstorbenen Herzog Wilhelm sein, und zwar auf Anordnung seines Vaters. Am 12. wurde bekanntlich die Mordtat in Straubing begangen. Herzog Heinrich hatte also wohl in Kelheim die Aufgabe übernommen, Albrecht an diesem Tage von Straubing fernzuhalten. Der Arglose weilte damals vor dem Todestage seiner Gattin wahrscheinlich in Vohburg. Vielleicht war es weniger Herzog Ernst, der den Plan faßte, seine Schwiegertochter aus der Welt zu schaffen als Heinrich, der ihm dazu riet, ihm die Notwendigkeit dieses Schrittes klarzulegen sich bemuehte. Max Buchner geht sogar soweit, für die Zurückweisung Herzog Albrechts von den Schranken auf dem bayerischen Turnier zu Regensburg am 23. November 1434 in Herzog Heinrich den Veranlasser zu sehen. Er glaubt dies aus dem Briefe Albrechts an Herzog Heinrich vom 8. Oktober 1435 schließen zu dürfen, in dem er schrieb, daß dieser seinen Vater in Regensburg seinetwegen ,,so herticlich her genomen" hätte, was er ihn darauf zu Straubing entgelten ließ. Auf jeden Fall dürfte es sich dabei um die Bernauerin gehandelt haben.

Herzog Heinrich gab sich keiner Selbsttäuschung hin, daß Albrecht von seiner Mittäterschaft nichts wußte. Das zeitliche Zusammentreffen der Einladung mit dem Mord an der geliebten Gattin konnte dieser bei dem Verhältnis zu Heinrich nicht als Zufall ansehen. Aus dem Groll gegenüber Heinrich machte Albrecht in der Folgezeit auch kein Hehl. Nach dem Brief des Landshuters an den Münchener vom 15. Januar 1436, also ein Vierteljahr nach der Ermordung, fuehlte sich Heinrich aber an der Tat schuldlos. Riezler glaubt deswegen, die Annahme nicht von der Hand weisen zu müssen, daß in Kelheim wohl eine Verabredung wegen Agnes Bernauer getroffen, aber noch lange nicht ihr Tod beschlossen worden sein muß. Buchner dagegen führt auf den erwähnten Brief an: ,,Wer sich entschuldigt, klagt sich an". Die Stelle in dem Schreiben heißt wörtlich: ,,.... ob aber nach niydert ein un willen von dem selben unsserm lieben vettern, hertzog Albrechten, gen uns were von der geschicht wegen der Pernawerin, so waiß doch ewr lieb wol, das wir darhinder unschuldigklich komen sein, und auch umb die sach nichts gebest (gewußt) haben, pis ir selber her zu uns gen Landshut komen seyt. und seyt ew selbs und uns wol schuldig darinnen zu verantwurten..." Aus dem Brief geht zudem hervor, daß Herzog Ernst bereits am Tage nach der Tat in Landshut Herzog Heinrich die Nachricht von dem Tode der mißliebigen Gattin seines Sohnes persönlich überbrachte. Sollten nun doch diese schriftlichen Äußerungen Heinrichs auf Wahrheit beruhen? Sollte nun doch die von Ludwig dem Gebarteten drohende Gefahr ihn veranlaßt haben, äußerlich auf die Pläne Ernsts einzugehen und ihm wenigstens den Gefallen der Jagdeinladung zu erweisen? Oder hätte Machiavelli mit dem Handeln Heinrichs seinen Satz belegen können: ,,Am besten kommt weg, wer an besten den Fuchs zu spielen weiß." Die Quellen reichen für eine bestimmte Stellungnahme in dieser politischen Situation nicht aus. Vor Max Buchner hat Signund Riezler zuerst auf die Beteiligung Herzog Heinrichs von Landshut an der Ermordung der Agnes Bernauer hingewiesen; wiederholt folgten wir seinen zuverlaessigen Angaben.

Wer war nun Agnes Bernauer? Angeblich die Tochter eines Baders aus Augsburg. Riezler haelt Namen, Heimat und Abstammung fuer vollstaendig gesichert und Zweifel, die man in diesen Richtungen erhoben hat, fuer unbegruendet. Einige Chronisten nennen sie naemlich Leichtle, Leichtlin und sehen ihre Heimat neben Augsburg in Biberach an der Riss. Agnes hat vielleicht erst nach dem Tode ihrer Altern zu Augsburg im Dienste gestanden und zwar in einer Badstube. Diese soll einem Kollegen ihres Vaters oder Verwandten gehoert haben. Ganz unverstaendlich ist die Behauptung Christian Myers, dass Traeger beider Namen in keinem der zahlreichen Buerger-, Steuer- und anderen statistischen Verzeichnissen im Anfang des 15. Jahrhunderts begegnen. Der seltener der ungluecklichen Frau zugelegte Name Leichtle, Leichtlin, Leuchtle kommt in den fraglichen Jahren im Buergerbuch 1288-1499 nicht vor, ebensowenig im Achtbuch und in den Missivbuechern, auch nicht in den Steuerbuechern. In den letzteren findet sich aber die Schreibweise Lauchlin, Laeuchlin, Leuchlin usw. Was den Namen Bernauer betrifft, sind bei der damaligen Namensrechtschreibung auch Pernauer, Perner, Berner usw. fuer die Untersuchung heranzuziehen. Im schon genanten Buergerbuch stossen wir in den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts auf drei Berner (Perner), wovon einer am Weinmarkt wohnte. Im Achtbuch ist im Jahre 1376 ein Hans Berner erwaehnt und im Missivbuch fuer das Jahr 1431 ein Peter Bernauer. In den Steuerbuechern wurde auch die Schreibweise Peternau, Peternaw usw. berucksichtigt. Anton Werner erklaert diesen Namen fuer richtig und gibt als Wohnhaus des Vaters der Agnes das am Ende des Vorderen Lechs gelegene Haus C 164 (nicht C 165, wie Werner annimmt, wenn es auch dazugehörte) an, in dem das nach der Weberchronik als schon im Jahre 1400, doch in den Steuerbüchern erst seit dem Jahre 1436 vorkommende und seit 1463 so genannte Kellerbad als bestehend angenommen werden kann. Die Umbildung des Namens führt Werner auf eine Verwechslung des bei Straubing gelegenen Baernau mit dem schwaebischen Bedernau zurück. Letzterer Ort müßte demnach den Chronisten nicht bekannt gewesen sein. Der Name Peternau, der fast in jedem Steuerbuch im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts sich findet, dürfte in Ansehung der Beweisführung für seine Richtigkeit bei weiteren Untersuchungen fallen zu lassen sein. Männliche und weibliche Träger des Namens Berner (Perner) finden wir in den Steuerbüchern, Leibgedingbüchern, Urkundenbeständen usw. in der zu untersuchenden Zeit oft. Verschiedene Einträge sind beachtenswert, bei naeherer Untersuchung erweisen sie sich jedoch als trügerisch. Im Jahre 1422 begegnet uns zwischen Lech und Schwibbogen, ,,uff dem pühel", ein Hans Bernauer. Im nächsten Jahre ist er im Steuerbuch an dieser Stelle schon wieder verschwunden. 1426 stoßen wir auf einen Gastel Perner, am Vorderen Lech (,,Vnder den ledrern") wohnhaft. In demselben Hause wohnte auch eine ,,domina Engel". Perner zahlte als Pfleger der Söhne der Rautsamin (= Ratsam) 1 lb. Im nächsten Jahre besaß er ein Haus an der Brühlbrücke gegen den Sparrenlech zu (,,an der würin"). Es ist das Haus seiner Pflegekinder. ,,Domina Engel" ist aber höchstwahrscheinlich nicht Perners Ehefrau. Sie ist nämlich auch 1427 nicht mehr genannt. Gastel Perner muß die Witwe Rautsamin geheiratet und dadurch das Haus erhalten haben. 1428 besaß er das Haus an der Brühlbrücke nicht mehr, dagegen ein solches auf der Litera B-Seite der Oberen Maximilianstraße (,,Vom liutpriester"). Zuerst im Jahre 1429, dann wieder im Jahre 1433 finden wir am Vorderen Lech einen Kramer Perner, den das Steuerbuch von 1435 an dieser Stelle schon nicht mehr aufführt. 1441 tritt nach 1432 wieder, nunmehr am Schwall wohnend (wieder als Hlausbesitzer), Gastel Perner mit seinen Söhnen auf, im gleichen Jahre auch ,,Bernerin cramerin", wahrscheinlich die Witwe unseres Kramers vom Jahre 1433. Sie wohnte bei der Mauermühle am Mauerberg (,,Vom diepolt"). Wilhelm Vogt führt in seiner Arbeit noch die 1421 in der Sachsengasse wohnende ,,Pernawerin", welche 10 ß Steuer zahlte, an. Eine solche - wenn nicht die gleiche - erscheint übrigens oefter.

Ein Kaspar Bernauer ist also nicht nachzuweisen. Auch nicht in Biberach an der Riß. Feststellbar ist dort nur, daß im Jahre 1506 ein Ulrich Leichtlin und im Jahre 1508 ein Claus Leichtlin als Bürger aufgenommen wurden. Eine Berufsbezeichnung fehlt in dem Bürgerbuch, das die Jahre 1490 bis 1793 umfaßt, uns also für das erste Drittel des 15. Jahrhunderts und vorher ganz im Stiche laesst. Da beide Eintraege die Herkunft der neuen Bürger nicht nennen, so ist die Annahme berechtigt, daß sie schon laenger als Beisitzer dort ansaessig gewesen sein dürften. Aber hingewiesen wird darauf nicht. Quellen sind für die fragliche Zeit in Biberach also gar nicht vorhanden. Und endlich Robert Hoffmann, der über die Augsburger Bäder und das Handwerk der Bader eingehend gearbeitet hat: Einen Bader namens Bernauer oder Leichtle habe er nicht finden können.

Lassen wir nun Chronisten über die Herkunft der Agnes sprechen, Augsburger sowohl als bayerische. Mit Ausnahme von Ladislaus Suntheim, dem einzigen, der Biberach angibt, erwähnen sie Agnesens Heimat nicht oder nennen Augsburg. In der Chronik von der Gründung der Stadt Augsburg bis zum Jahre 1429 lesen wir: "...unser burgerstochter, hieß Leichtlin, ain barbierer". Gasser scheint davon den Namen Leichtlin entnommen zu haben. Wilhelm Rem beendigt seinen diesbezüglichen Bericht mit den Worten: ,,sy wass einss barbierss tochter von Augsburg". Er schreibt ,,Pernerin", ebenso wie der unbekannte Verfasser der bis 1501 reichenden Chronik von Augsburg. Hektor Mülich gebraucht dagegen die heutige Schreibweise ,,Agnes Bernauer" und Dr. Johannes Frank ,,Engel Bernauerin".

Die angestellte Untersuchung spricht weit mehr für die Augsburger als für die Biberacher Herkunft. Wir dürfen Agnes Bernauer darum mit Riezler als Augsburgerin betrachten und den aufgetretenen Familiennamen Leichtlin in Verbindung mit der Heimat Biberach vielleicht als Mädchennamen und Heimat der Mutter ansehen oder auf eine Einwanderung des Vaters aus Biberach zurückführen.

Wo war nun das Wohnhaus oder gar ihr Geburtshaus? Nach Aventin stand ersteres ,,zwischen den Schlachten", Anton Werner sieht das Haus C 164 am Fuße des Schmiedberges, in dem sich das Weinrestaurant ,,Agnes Bernauer Stube" befindet, als solches an. Christoph Jakob Haid bezeichnet als Geburtshaus das Haus ,,hinterm Weberhaus", am früheren Rinder- oder Alten Heumarkt, der heutigen Philippine Welser-Straße und zwar D 32, das Haus der Konditorei Zeiler. Haid gibt sogar die genaue Geburtszeit an, den 19. Januar 1411. Thaddäus Ruess glaubt es in dein Hause H 335, der heutigen Gastwirtschaft ,,Bei den sieben Kindeln", dem früheren Neid-, späteren Rößlesbad" vermuten zu dürfen. Einer der aufgeführten Annahmen wesentlich mehr Wahrscheinlichkeit zuzuschreiben, ist schwer vertretbar. Da Kaspar Bernauer nach den meisten Quellen als Badbesitzer und Barbier (balneator) und nicht bloß als Barbier (tonsor) bezeichnet wird, dürfte allerdings D 32 aus der Reihe der vermuteten Häuser ausscheiden, da eine Badestube immer an einem fließenden Wasser, an einem der Lecharme gelegen haben muß, was bei der hohen Lage der Philippine WeIser-Straße nicht zutrifft.

Die heimliche Gemahlin Herzog Albrechts III. muß für die damaligen Begriffe von außerordentlicher Schönheit gewesen sein. Ihr Äußeres zeigen uns einige Kunstwerke und schildern die Geschichtsschreiber. Bald nach ihrem Tode schuf -- nach Philipp Maria Halm - als sein letztes Werk der Meister der Tumba des Herzogs Albrecht II. bei den Karmeliten ihren Grabstein, der heute an der Südseite der Agnes Bernauer-Kapelle auf dem Petersfriedhof in Straubing steht. Der Bildhauer meißelte in Flachrelief in die 2,65 Meter hohe und 1,32 Meter breite Platte aus rotem Salzburger Marmor, wahrscheinlich nach der Erinnerung oder nach einem guten Porträt, die ganze Gestalt der Verstorbenen, von der Umschrift umgeben: Ao. D. Mo. cccco. xxxo. vIo (!) xII . - die - octobris - obiit . agnes . Bernawerin . requiescat . in . pace, die uns trotz der irrigen Jahreszahl über jeden Zweifel an der Dargestellten erhebt. Ihre Tracht ist eine fürstliche. Das leicht geneigte Haupt, mit dem Häubchen, dem Zeichen der Ehefrauen bedeckt, zeigt ein friedliches Antlitz und ruht auf einem Kissen. Um Kinn und Schultern schlingt sich das bekannte Rissentuch, während die ganze schöne Gestalt bis zu den Füßen von einem mit Pelz ausgeschlagenen Mantel eingehüllt ist, der den ,,Kleinspalt" zeigt, das äußere Zeichen hohen Standes. Die rechte Hand, die den Rosenkranz hält, schmücken zwei Ringe, der Verlobungs- und Trauring. Sie kreuzt sich mit der linken. Links und rechts zu den beiden Füßen ruhen zwei kleine Hunde, wovon einer tot zu sein scheint. Einige glauben, darin das Sinnbild gegenseitiger Treue zu sehen, andere, die einen der Hunde für eine Eidechse halten, Lieblingstiere der Verstorbenen, und wieder andere, die Tiere zu erkennen, die den zum Wassertode verurteilten Zauberern mit in den Sack eingenäht wurden. Schließlich war die Darstellung nur eine Mode der Zeit, wie wir aus vielen Grabsteinen des 15. Jahrhunderts erkennen können. Den Kenotaph dürfte Herzog Albrecht III. einige Jahre nach der Erbauung der Kapelle in Auftrag gegeben haben. Er ist an verschiedenen Stellen beschädigt und wurde aus diesem Grunde schon 1785 auf Anregung der damaligen kurbayerischen Akademie aus dem Pflaster genommen und an die jetzige Stelle gebracht.

Weiter vermittelt uns eine zweite Plastik aus späterer Zeit, von der Wende des 15./16. Jahrhunderts, die Schönheit der dadurch unglücklich gewordenen Frau. Sie ist aus rot-gebranntem Ton gefertigt, 88 Zentimeter hoch und befand sich früher in der Mitte der dem Flusse zugekehrten Giebelwand des Greindl'schen Hauses Nr.779 in der Straubinger Altstadt auf dem rechten Ufer der Donau, ,,unterhalb der Brücke zu St. Peter im Kirchlein", wo der Fluß den Leichnam wiedergab. Man sah von jeher die schöne Renaissancefigur als eine Darstellung Agnesens an und verbrachte sie im Jahre 1880 in die Historische Sammlung der Stadt Straubing, nachdem sie vorher in einem Garten am Garnisonslazarett Aufstellung gefunden hatte. Einige glauben in der Dargestellten auch eine Mater dolorosa zu sehen.

Von Gemälden verdient das im städtischen Maximiliansmuseum zu Augsburg befindliche Porträt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts Beachtung. Es ist betitelt ,,Agnes Bernauerin Ducissa", auf Holz gemalt und 33 : 26,5 cm groß. Nach Ulrich Schmid geht es auf ein älteres Original zurück. Gleichzeitig mit Bildhauern und Malern preisen Chronisten die Schönheit dieser Frau. Alle stimmen darin überein. Ein bayerischer heißt sie ,,Agnes Bernauerin, eines Palbierers Tochter, ein wunderschöne fraw", ja ,,man sagt das sie so lieblich gewesen sei, wan sie Roten wein getrunckhen het, so het man jeden wein in der Kel sehen hinabgeen".

Diese begnadete Augsburger Baderstochter tritt in den Lebensweg Herzog Albrechts III., des einzigen neben mehreren Töchtern am 27. März 1401 geborenen ehelichen Sohnes Herzog Ernsts von Bayern-München. Die Jugendjahre ver brachte der Prinz in Böhmen am Hofe seiner Tante väterlicherseits, Sophie, der Gattin König Wenzels. Die Liebe zur Musik wurde ihm dort ins Herz gesenkt, die ihn zeitlebens nicht mehr losließ. Von der durch Hus von Böhmen ausgehenden geistigen Bewegung wurde er nicht erfaßt, auf Feldzügen stand er sogar gegen sie. Er blieb seinem Glauben treu, und das auch in Taten zum Ausdruck gekommene Interesse für die Klöster hat ihm den Beinamen ,,der Fromme" eingetragen. Im Jahre 1424 erhielt er von seiner Mutter Elisabeth als Schenkung Vohburg, Pfaffenhofen, Geisenfeld und Hohenwart. Seit Anfang des Jahres 1433 verwaltete er dazu im Namen seines Vaters und Oheims von der Straubinger Linie den Landteil, der den Muenchener Herzögen in Niederbayern zugefallen war. Albrecht, ,,gar ain frölicher herr", ,,weys in seinen Räten und diemutig gegen allen menschen", war aber auch ,,ain liebhaber der zarten frawen und ains mandlichen Hertzens". So ist es verständlich, daß er an der mit körperlichen Vorzügen reich ausgestatteten Agnes sofort und dauernd Gefallen fand.

Wo hat Albrecht Agnes zum erstenmal gesehen? Größte Wahrscheinlichkeit verdient die Annahme, daß sie sich in der Badestube kennen lernten. Ob sie dort als Tochter des Badbesitzers mithalf oder als Magd bei ihren Verwandten oder Fremden diente, ist nicht festzustellen. Auf jeden Fall gehörte das Baden um diese Zeit zu den Beduerfnissen des täglichen Lebens; die Ärzte verordneten es bei Krankheiten, besonders Schwitzbäder. Fremde auf Besuch in der Stadt weilende Fürsten ließ diese, dem damaligen Brauch entsprechend, samt Gefolge ins Bad führen, wobei ihnen das Badgeld erlassen war. In den Badstuben wurden die Haare geschnitten, der Bart geschabt sowie ärztliche Behandlungen vorgenommen. Gleichzeitig waren sie Stätten geselliger Unterhaltung. So wird unsere Annahme des ersten Zusammentreffens in der Badstube -- und solche hat bekanntlich Albrecht von dem nahen Friedberg aus öfters aufgesucht - Glauben verdienen dürfen. Ob der Besuch anläßlich eines Turniers in der Reichsstadt statt fand oder bei anderer Gelegenheit, mag dahingestellt bleiben. Es war das Jahr 1428 und zwar Fasching. Nach Christian Meyer soll in dem Zeitraum, der für die Anknüpfung der Verbindung in Betracht kommt, kein Turnier in Augsburg abgehalten worden sein; demnach scheint Meyer für seine Arbeit die Chroniken von Hektor Mülich und Gasser nicht benützt zu haben. In ersterer wird berichtet: ,,Des jars was ain stechhof hie und stach darin hertzog Albrecht von München und ander edelleut und burger".

Die nächste Frage, die sich aufdraengt, lautet: Hat Albrecht mit Agnes die Ehe eingegangen? Höchstwahrscheinlich -- darin folgen wir wieder Riezler -- liegt die erschütternde Tragik ihres Schicksals eben in der Reinhaltung ihrer Frauenehre. Sie wird darauf verzichtet haben, die Geliebte eines Fürsten zu sein, die nach kurzer oder längerer Dauer scheinbaren Glückes von diesem, zum Dank mit Heiratsgut versehen, an einen materiell eingestellten Mann verheiratet wird. Ist nicht so die Zusicherung zu verstehen, die Albrecht in dieser Zeit, am 2. Juli 1429, seinem Hofmeister Jan von Sedlitz machte, wenn er dessen Gemahlin Margarete von Waldeck eine Mitgift von 600 ungarischen Gulden versprach?

Als Zeitpunkt der Eheschließung nehmen Riezler und Horchler spätestens das Frühjahr 1432 an, Mittermüller und Schmid die ersten Tage im Januar des nächsten Jahres. Letzterer glaubt das aus einer Urkunde der Pfarregistratur Aubing folgern zu dürfen, wonach am 8. Januar 1433 der Pfarrer Heinrich Haydel von Aubing und die Zechpröbste zu Laim um 25 Pfund Münchener Pfennige Agnes Bernauer eine Hube und Hofstatt zu Niedermenzing verkaufen. Der Besitz lag in nächster Nähe des herzoglichen Jagdschlosses Blutenburg. Ulrich Schmid sieht darin die Verschreibung eines Gutes, das Herzog Albrecht Agnes als Morgengabe brachte, besser gesagt, hatte er, um die Heimlichkeit der Ehe leichter zu wahren, ihr vermutlich das Geld zum Kaufe gegeben. In einer Verschreibung bestand auch bei fürstlichen Persönlichkeiten die Morgengabe, die am Morgen nach dem Beilager erfolgte. Demnach muß vor Abschluß dieses Kaufes die Ehe geschlossen worden sein. Auch die Einwilligung Herzog Albrechts in eine Eheschließung mit der Letzten aus der hollaendischen Linie der Wittelsbacher, der damals schon dreimal verheiratet gewesenen Jakobäa, einzigen Tochter Wilhelms II. und seiner Gemahlin Margarete, Tochter Philipps des Kühnen von Burgund, unter gewissen Voraussetzungen im Herbst 1432 spricht für die Annahme Schmids. Die Anwesenheit der beiden in Vohburg vor dem 24. Juni 1435 läßt sich urkundlich nicht nachweisen. Mittermüller und vor allem Horchler haben saemtliche ihnen zugängliche, von Albrecht im fraglichen Zeitraum ausgestellten Urkunden und die diesbezüglichen Regesten, dann aber auch die im bayerischen Hauptstaatsarchiv aus jener Zeit vorhandenen Urkunden des Landgerichts Vohburg, die Berichte des Schloßverwalters an den Herzog und dessen Weisungen an denselben durchgegangen und besonders aus dem jeweiligen Ort der Ausstellung und den Adressen auf einen Aufenthalt in den Jahren 1431 und 1432 in der Regel zu München und dessen Umgebung, ausnahmsweise in Böhmen und Straubing, 1433 und 1434 und in der ersten Hälfte des Jahres 1435 fast nur in Straubing und sehr selten in München und dessen Umgebung schließen können. Für die Annahme Riezlers und Horchlers spricht die erste Erwähnung Agnes Bernauers in der Münchener Stadtrechnung vom Jahre 1431. Ein Dieb namens Münchauser hatte mit seinen Gesellen mehreren Bauern Pferde von der Weide gestohlen. Bei der Verfolgung rettete er sich in die herzogliche Burg zu München. Der Stadtrichter mußte nun das Asylrecht wahren und so wurde ein Bote zu dem Herzog nach Straubing in dieser Angelegenheit geschickt, worüber ,,die Bernawerin gar zornig" war. Der Eintrag, in dem Georg Gilardone einen Niederschlag der Verdächtigung sieht, die Gemahlin Albrechts in eine erfundene Verbindung mit dem verhassten Herzog Ludwig von Ingolstadt zu bringen, als dessen Parteigänger der Pferdedieb bekannt war, stammt aus der Zeit nach dem 8. Juli 1432. Demnach scheint sich Agnes nicht heimlich am Hofe aufgehalten zu haben.

Namentlich angeführt finden wir sie wieder in der naemlichen Quelle vor dem 10. August gleichen Jahres. Vor diesem Tage weilte Albrechts Schwester Beatrix, die Gattin des Pfalzgrafen Johann von Amberg, in München. Dabei muß sie mit ihrem Bruder wegen Agnes zu sprechen gekommen sein und ,,ganz zornig was von fraw Nessen wegen der hoch und grosfaisten Bernawerin wegen". Riezler deutete ursprünglich ,,grosfaist" für hochschwanger, ließ aber später diese Deutung fallen. Jenes Wort kommt naemlich in dieser Bedeutung nie mehr vor. Es wäre der einzige Hinweis auf eine aus der Verbindung Albrechts mit Agnes erwachsene Frucht gewesen. In der Folgezeit ist von Nachkommen nie die Rede. Noch einmal ist der durch Agnes hervorgerufene Unwillen von Herzogin Beatrix über ihren Bruder in den Münchener Kammerrechnungen festgehalten, vor dem 13. Dezember 1434. Ihr Besuch galt damals der jungvermählten Frau von Albrechts Oheim Wilhelm III., Margarete von Cleve, wobei sie wieder Zorn überkam ,,von irs pruder, herzog Albrechts wegen, das der nit auch ain schonen frawen het"; unter ,,schone" ist hier eine ebenbürtige zu verstehen.

Wie aus den angeführten Quellen hervorgeht, muß eine Ehe bestanden haben; denn Agnes wird immer als Frau bezeichnet. Viele Forscher haben diese Frage verneint oder unentschieden gelassen. Es muß sich nämlich um eine heimliche Ehe (matrimonium clandestinum) gehandelt haben mit kirchlicher Trauung, die gültig und im 14. und 15. Jahrhundert häufig war. Drei Chronisten sprechen sich dahin aus, darunter Veit Arnpeck und der Augsburger Wilhelm Rem ,,maint, er hatz zu der ee genommen". Gültig war eine Ehe damals, wenn die Erklärung vor einem Priester, dem Vertreter der Kirche, auch insgeheim abgegeben wurde. Das wird wohl der Fall gewesen sein. Erst das Konzil von Trient, mehr als hundert Jahre später, erklärte eine solche Eheschließung für ungültig, nicht ohne die Gültigkeit der bis dahin insgeheim geschlossenen Ehen feierlich anerkannt zu haben. Außer der naechsten Umgebung wird anfangs auch niemand von dem tatsaechlich bestandenen Ehebund gewußt haben.

Die bereits aufgewiesenen Belege, die Eintraege in den Muenchner Kammerbüchern für die eheliche Verbindung suchen wir weiter auszuwerten und fügen einige hinzu. Wäre Herzogin Beatrix gerade im Sommer 1432 so aufgeregt gewesen, ein paar Monate nach dem Zeitpunkt der erfolgten Eheschließung, wie ihn Riezler und Horchler annehmen, wenn es sich bloß um ein Verhältnis gehandelt hätte, und zwar ausgerechnet bei ihrem Bruder, der ihr als Freund schöner Frauen bekannt gewesen sein dürfte? Aus einem Eintrag in der Münchener Stadtrechnung wissen wir, daß im März 1434 in der Stadt eine Weiheperson, ,,die Aicherin" samt einer Bettlerin verhaftet und nach zwölf tägiger Haft gegen Urfehde wieder in Freiheit gesetzt wurde, weil ,,sie die jungen purger verschrieben het gen dem Bernawerin". Unter den jüngeren Bürgern haben wir nach Buchner die dem städtischen Patriziat und damit auch Herzog Ernst gegenüber stehenden Volksschichten zu verstehen, unter denen die Aicherin Stimmen für Agnes Bernauer als künftige Landesmutter gesammelt haben dürfte. War deswegen Bürgermeister Ligsalz der Begleiter von Herzog Ernst auf der Reise nach Kelheim zu Anfang des Todesmonats? Wären diese Münchener Bürgerkreise so für Agnes eingetreten, wenn es nicht die rechtmäßige Gemahlin des Thronfolgers gewesen wäre? Am 24. November 1434 nahm Herzog Albrecht mit seinem Schwager Johann von Amberg sowie dessen Sohn Christoph an einem Turnier in Regensburg teil, das die bayerische Ritterschaft veranstaltete. Sei es - wie erwähnt - auf Veranlassung Herzog Heinrichs, sei es auf Betreiben seines Vaters, um den Sohn umzustimmen, Herzog Albrecht wurde wegen des Verhältnisses zu Agnes Bernauer von den Turnierschranken zurückgewiesen, Schimpf und Schande ohnegleichen für einen Ritter. Alle diesbezüglichen Überlieferungen gehen auf Andreas von Regensburg zurück. Wäre die Demütigung Albrechts allein wegen einer außerehelichen Verbindung möglich gewesen? Hier sei daran erinnert, daß Herzog Ernst drei oder vier von ihm anerkannte uneheliche Kinder hatte und zwar bestimmt einen Teil davon als Folgen eines Verhältnisses mit einer Frau aus niederem Stande namens Anna Winzer, der späteren von ihm ausgestatteten Gattin eines Zöllners.

Hat nicht auch der Künstler, der Agnesens Grabmal schuf, sie als Frau dargestellt und dadurch der Nachwelt gegenüber gerechtfertigt? In fürstlicher Tracht, die Haube, das Zeichen der Ehefrau, auf dem Haupte und den Verlobungs- und Trauring an der rechten Hand.

Wenig Beweiskraft für die angenommene Ehe ist allerdings dem einschlägigen Text der Meßstiftungsurkunden von Vater und Sohn zuzuschreiben. Für die Seelenruhe seiner Gattin errichtete Herzog Albrecht noch am 12. Dezember des Todesjahres die Stiftung einer ewigen täglichen Messe, die Herzog Ernst im nächsten Jahre bestätigte. Nach Erbauung einer Kapelle stiftete er darin ebenfalls einen Jahrtag. Im Jahre 1447 erneuerte und vermehrte Albrecht die Meßstiftung bei den Karmelitern. In dem ersten und dritten Stiftsbriefe heißt es: ,,der Ersamen und Erbern Frawen Agnesen der Pernawerin", in der Urkunde Herzog Ernsts dagegen nur ,,Anna Pernawerin". Irrtümlicherweise wurde hier Anna anstatt Agnes geschrieben. Wieder mehr für unsere Zwecke ist zu lesen aus der schon erwähnten Instruktion für Kaiser Sigmund, die Ernst seinem Gesandten Friedrich Aichstätter schriftlich erteilte, damit dieser die Gründe für sein Handeln in einem für ihn günstigen Sinne schildern könnte, nachdem der Kaiser doch zwischen ihm und seinem Sohne Vermittlerdienste leisten sollte. Warum spricht er darin von "einem poesn weyb" und gebraucht keinen anderen Ausdruck? Alle anderen Stellen, an denen er dieser Erwähnung tut, deuten mehr auf die Gattin als die Geliebte seines Sohnes. Hat nicht schließlich auch Meister Hans Rosenbusch in Agnes die angetraute Frau Herzog Albrechts gesehen, als er bei dessen spaeteren Vermaehlung mit Anna von Braunschweig vor dem 11. November 1436 in das Kammerbuch des Jahres 1436 eintrug. . des sull wir alle fro sein, das wir nit wider ain Bernawerin gewunnen haben"? Seit Bestehen des Reiches hatte noch niemals ein regierender Fürst eine unebenbürtige Ehe eingegangen. So mußte vor dem Eintreten dynastischer Schwierigkeiten, vor dem Verlust des Landes zugunsten einer anderen Linie der Bund Albrechts getrennt werden. Bei einer kirchlich eingesegneten Ehe kann aber nur der Tod scheiden. Agnes mußte also sterben.

Das Urteil über die Unglückliche war schon gefaellt. Hat Herzog Ernst das Schauspiel eines gerichtlichen Verfahrens folgen lassen? Er führte in der bekannten Instruktion kein solches an. Und bei seiner Rechtfertigung hätte er bestimmt auf das Protokoll Bezug genommen, das für ihn nicht belastend gewesen sein konnte, wenn am Schlusse ein Todesurteil stand. Von einer Anklage gegen Agnes wegen Zauberei hatte Aichstätter nichts zu berichten. Und wäre nicht die wegen Liebeszaubers ein billiges Mittel gewesen? Aventin schließt wohl aus der Sachlage auf ein Gerichtsverfahren vor dem Straubinger Hofgericht. Die Verhandlung müßte dann entweder Herzog Ernst selbst, der nach Riezler wahrscheinlich in Straubing anwesend war, oder dessen Erbhofmeister Hans von Degenberg, der im Jahre 1434 mehrmals als Vorsitzender nachgewiesen ist, geleitet haben. Unhistorisch ist bestimmt die Beteiligung des Vizedorns von Straubing Heinrich Nothaft an der Hinrichtung. Dieser Überlieferung widerspricht das diesem gegenüber an den Tag gelegte Verhalten Herzog Albrechts nach seinem Regierungsantritt. Am Tag des hl. Maximilian, dem 12. Oktober des Jahres 1435, - der Tag steht einwandfrei fest -- ließ der Vater die Gattin seines einzigen Sohnes in den Fluten der Donau zu Straubing ertraenken. Von der Brücke wurde die Unglüdiliehe hinabgestoßen, nachdem sie - wie allerdings nur der Leute Mund sagte - die letzten Stunden in dem Turm der Befestigung, der heute nach ihr benannt ist, verbracht haben soll.

In der Schilderung des traurigen Vorgangs widersprechen sich die meisten Chronisten nicht. Gebunden wurde sie den Strom übergeben. Mögen sich die Bande gelöst haben, mag ihr die ganze oder teilweise Entledigung gelungen sein, mag ihr die Strömung geholfen haben, sie schwamm ans Ufer und hielt sich dort, um Hilfe rufend, fest. Aber da nahte schon wieder der Henker. Aus Furcht vor dem alten Herzog umfaßt seine Hand eine Stange, wickelt um sie die langen blonden Haare Agnesens und übergibt sie wieder dem Element des Todes.

Sachlich kuehl, als Anhänger des Patriziats, kaum die Genugtuung verbergen könnend, trug der Stadtschreiber von München drei Tage später, am Samstag, den 15. Oktober 1435, in das Kammerbuch ein: Item 60 8?haben wir zalt nach rats geschäft unsers gnedigen herrn hertzog Ernsts etc. poten zu dergetzung seiner müden payn, das er als reschlichen (rasch) von Straubingen her was geloffen und die maer pracht, das man die Bernawerin gen hymel gefertigt hett. Actum sabato post (Muß wohl ,,ante" = ,,vor" heißen!) Galli anno etc. 35.
Item 3 ß8? haben wir zalt dem Massmair soldner gen Lantsperg zerung des mals, do man in verkuendet der Bernawerin ebenlangk (in diesem Falle wohl spöttisch = Begräbnis) in der Tunaw zu Strawbingen underhalb der prugken zü Sand Peter im kirchlyne. Actum sabato vor Galli anno etc. 35.

Unterhalb der Brücke zu St. Peter im Kirchlein in der Alt Stadt am rechten Donauufer, in der Nähe des erwähnten Greindl'schen Hauses Nr. 779, gab der Strom das Opfer der Hauspolitik des Herzogs Ernst wieder oder wurde es herausgezogen. Wenn Aventin und Gasser recht haben, so muß die Leiche sich in einem Sack vielleicht noch mit kleinen Tieren, wie Hunden, Affen und Schlangen, eingenäht befunden haben. Die obige Schilderung des Todes waere dann allerdings unwahr. Diejenigen, die diese beiden Chronisten für glaubwürdig halten, werden aus den auf dem Grabmal unten zu beiden Seiten von Agnes dargestellten zwei Huendchen auf den für Zauberinnen usw. bestimmten Wassertod schließen. Diese Deutung dürfte aber zurueckzuweisen sein.

Vielleicht auf Anordnung Herzogs Ernsts soll der Leichnam sofort auf dem Friedhof von St. Peter der Erde übergeben worden sein, wahrscheinlich an der Stelle, wo sich heute die Agnes Bernauer-Kapelle erhebt. Ernst selbst ist der Gründer dieses kleinen Gotteshauses, das er über dem Grabe seines Opfers im Jahre nach der Hinrichtung 1436 errichten ließ und in dem er am 16. Juli des gleichen Jahres einen Jahrtag stiftete. Hier steht das Denkmal auf der Epistelseite in die Wand eingelassen. Bis 1785 befand es sich bekanntlich im Boden. Bei der Versetzung wurde die Ruhestaette untersucht und dabei nicht die geringsten Spuren von einem Sarge, von Gebeinen oder Kleidern gefunden. Dieser Umstand macht die Vermutung wahrscheinlich, daß Albrecht die sterblichen Ueberreste seiner Gemahlin ausgraben und in der Karmeliterkirche der Stadt beisetzen ließ. Hier stiftete er am 12. Dezember 1435 für ihr Seelenheil eine ewige Messe, hier hatte seine Frau - vielleicht in Todesahnung -- einen Altar in der Nikolauskapelle gestiftet, jener Kirche, in der sie ihr Grab finden wollte. Vor diesem Altar sucht Schmid dasselbe. Nach Horchler wird die Ueberführung der Gebeine im Jahre 1447 stattgefunden haben, als Albrecht am Agnesentag seine Meßstiftung bei den Karmelitern erneuerte und vermehrte. Allerdings waren im Jahre 1809 veranstaltete Nachgrabungen in der Nikolauskapelle erfolglos, so daß der gleiche annimmt, Agnesens Wunsch sei restlos erfüllt worden, und sie liege in dem dieser Kapelle nahegelegenen Kreuzgang begraben, also heute nahe der Sakristei, zu der die Kapelle umgewandelt wurde. Möglicherweise sind beim Umbau die Gebeine entfernt worden. Nach Riezler haette überhaupt keine Bestattung im Friedhof von St. Peter stattgefunden. Im Todesjahr stiftete Albrecht schon am 12. Dezember in der Karmeliterkirche ewige Messen und Almosen. Wenn wir auch nichts Näheres über die Begraebnisstaette wissen, so dürfte doch nahezu sicher sein, daß sie bei den Karmelitern dem jüngsten Tag entgegenschlummert. Diese Annahme bestaetigt uns das in deren Kloster aufbewahrte Registrum anniversariorum, in dem der Wortlaut an der betreffenden Stelle ist: ,,...sepulta in capella S. Nicolai [begraben in der St. Nikolaus-Kapelle]..." Die hier am Rande stehende Jahrzahl 1447 spricht wieder für die oben schon genannte Ueberführung.

Am 12. Oktober geschah die entsetzliche Tat. Zwei Tage später war Albrecht schon in Ingolstadt bei Herzog Ludwig dem Gebarteten, dem alten Gegner seines Vaters und des Mitschuldigen, Herzog Heinrichs von Landshut. Eine vorherige, wenn auch noch so kurze Anwesenheit in Straubing ist nicht nachweisbar, ebensowenig, wo ihn die Kunde von dem Tode der über alles geliebten Gattin erreichte. Der rasende Schmerz um diesen Verlust, den der eigene Vater ihm verursachte, ließ die Dankespflicht für die Lebensrettung bei Alling vergessen. Aufkeimende Rachegedanken wiesen ihm den Weg nach Ingolstadt zu Ludwig dem Gebarteten. Diesem konnte ein Rachefeldzug damals nur ganz gelegen sein. Er hatte großes Interesse daran, weswegen wohl auch der Waffenstillstand mit dem Landshuter nicht wieder verlaengert worden war. Albrecht traf Vorbereitungen. Gesandte seines Vaters, der Stadt München usw. baten vergeblich um Audienz. In Pfaffenhofen und Geisenfeld erließ er schon sein Aufgebot. Drohend stand die Kriegsgefahr vor der Türe. Da wendete sich Herzog Ernst an den Kaiser, der in Ungarn weilte. Wir kennen den Bericht, den Friedrich Aichstaetter, der um den 28. Oktober abreiste, vorbringen mußte. Den Anlaß der kriegerischen Entwicklung gab auf jeden Fall die Ertraenkung Agnesens, und so war Ernst bestrebt, die Beweggründe für seine Tat so darstellen zu lassen, daß er in gutem Lichte stand. Auch wollte er vermutlich Berichten von anderer Seite zuvorkommen. Zur Umkleidung seiner Absicht benützte er die Mitteilung von dem am 12. September erfolgten Tode seines Bruders Wilhelm und besonders die Beschwerde wegen des Vorgehens Ludwigs, unter dessen Einfluß sein Sohn stuende. Der Rechtfertigungsversuch Herzog Ernsts muß jedes Gerechtigkeitsempfinden verletzen. Sein Sohn habe unter einem bösen Weibe gelitten, heißt es darin, die ihm in den letzten drei bis vier Jahren den Frohsinn genommen habe. Ist dafür nicht der Grund zu suchen in jenem Widerstreit, der zwischen seiner Liebe zu Agnes und der Befolgung der Hausgesetze bestand? Unter der angeführten ,,Härte und Strenge" der verhaßten Frau umschreibt Ernst wohl ihre unwandelbare Treue zu Albrecht. Er scheut sich nicht, berichten zu lassen, daß er um das Leben seines Sohnes bange vor Agnes, die auch Adolf, den Sohn des verstorbenen Bruders Herzog Wilhelm vergiften wollte. So geht es weiter. Alle Angaben sind bewußte Entstellungen der Tatsachen, wenn nicht fast Erfindung wie der Verdacht der Giftmischerei. War es Reue über seine Tat oder auch mit über die Schändung des Andenkens an die angetraute Gattin seines Sohnes, als er die kirchlichen Stiftungen errichtete? Im Augenblick handelt es sich für ihn darum, den Kaiser für eine Vermittlung zu gewinnen. Er möge seinem Sohn vorhalten, daß er sich an Herzog Ludwig und nicht an seinen Vater gewandt habe, der an ihm in der Angelegenheit so handelte, daß er nun ein frommer, würdiger Fürst sein könne, worin ihm das Weib, wenn es am Leben geblieben wäre, sehr gehindert haette. Der Kaiser solle ihm raten, Herzog Ludwig alsbald den Rücken zu kehren und zu seinem Vater als gehorsamer Sohn heimzufinden. Er läßt es nicht an guten Worten fehlen, die der Kaiser gebrauchen möge, um zwischen ihm und Albrecht zu vermitteln. In einem eigenen Schreiben an seinen Sohn stellt er ihm gute Aufnahme in Aussicht. In Herzog Ernsts Auftrag waren noch viele Stellen bemüht, die Versöhnung anzubahnen. Es gelang anfangs Dezember. Das Datum des ersten dieses Monats tragen die Geleitsbriefe nach Muenchen für Herzog Albrecht, die Herzog Ernst und die Stadt München ausstellten. Hans Rosenhusch, der Muenchener Stadtschreiber, war gut unterrichtet, wenn er uns aus einem Eintrag vom 10. Dezember ahnen laesst, daß von einer Aussöhnung noch keine Rede sein könne. Je mehr man sich dem Feste des Friedens näherte, desto größer wurde vielmehr wieder die Gefahr eines Rachekrieges. In Muenchen flehte man um den Segen des Himmels. Albrechts Zorn seinem Vater, dem Schuldigen, gegenüber legte sich und richtete sich immer mehr gegen den Mitschuldigen, seinen Vetter Heinrich von Landshut. Unter diesem Gesichtspunkt ist der im April 1436 ausgebrochene innere Krieg zu betrachten.

Der naechste Schritt zur Aussöhnung erfolgte in der Zeit des Besuches Albrechts in München zwischen dem 15. Januar und 25. Februar, kurz vor der schweren Erkrankung Herzog Ernsts. Um die Mitte April wird das Verhältnis wieder kritisch, doch schon nach Verlauf einer Woche begann sich waehrend der Tagung der Landschaft in der Hauptstadt München die Spannung zu lösen. Von Beginn des zweiten Halbjahres an erinnert nichts mehr an die unueberbrueckbar scheinende Kluft zwischen Vater und Sohn.

Ein zwar nicht bekannter, aber wahrscheinlich Münchener Künstler hat die Aussöhnung, die für die geschichtliche Entwicklung Bayerns von weittragender Bedeutung sein sollte, im Bilde festgehalten. Wir wollen hier nicht in den Streit der Kunstlhistoriker hinsichtlich der Entstehungszeit der Grabplatte Kaiser Ludwig des Bayern in der Frauenkirche zu München eingreifen -- Herzog Albrecht IV., der 1508 starb, soll sie nach Karl Gröber um 1470 gestiftet haben -- wir wollen den aus rotem Untersberger Marmor zu einem Grabmal bearbeiteten Stein nur betrachten. In der oberen Haelfte thront Kaiser Ludwig der Bayer, gekennzeichnet durch den Buchstaben L. In der unteren Hälfte, unterhalb von dessen Thron, reichen sich zwei Fürsten die Hände, Herzog Ernst und Herzog Allirecht, Vater und Sohn, gleichfalls durch die Anfangsbuchstaben ihrer Namen bezeichnet. Zwischen beiden befindet sich ein Löwe, der zu Albrecht, dem jüngeren der Dargestellten, schmeichelnd emporblickt.

Der alternde Herzog Ernst sollte gegen Ende des Jahres 1436 das einzige, in den letzten Jahren hauptsächlich angestrebte Ziel über ein Menschenleben hinweg erreichen, die standesgemaesse Heirat seines Sohnes. Am 6. November ging Albrecht in München die Ehe mit Anna, Tochter Herzog Erichs von Braunschweig, ein. Welche Gedanken müssen die ebenbürtige Frau beseelt haben, als der Heiratsbrief sowie die Urkunden über Morgengabe und Widerlage erst am Agnesentage (21. Januar) und den beiden folgenden Tagen des nächsten Jahres ausgefertigt wurden? Drängt sich nicht wehmütiges Erinnern an grausam geraubtes Glueck auf, nachdem wir wissen, daß Albrecht noch zehn Jahre später ausgerechnet an diesem Tage die Meßstiftung bei den Karmelitern erneuerte und vermehrte?

Am 2. Juli 1438 starb Herzog Ernst. Er liegt in der Frauenkirche zu München begraben. Albrecht übernahm die Regierung des Landes. Für die Durchführung der Reform der bayerischen Klöster gab ihm die Nachwelt den Beinamen ,,der Fromme". Ein Benediktinerkloster, in das er ein bereits bestehendes Kollegiatsstift umwandelte, bereitete ihm die letzte Ruhestätte auf dem Heiligen Berg Andechs, als er am 29. Februar 1460 das Zeitliche gesegnet hatte.

Das Suchen nach der geschichtlichen Wahrheit um die Augsburger Baderstochter mussen wir verlassen, wenn wir die schöne Literatur betrachten, die sich des dankbaren Stoffes bemächtigte und nur als solche gewertet werden kann. Dauernder als in einem Denkmal aus Stein oder Erz lebt Agnes Bernauer im Liede und damit im Herzen des Volkes fort. Schon der Chronist Ladislaus Suntheim weiß von einem solchen zu berichten, das zwei Menschenalter nach der unseligen Tat das Volk sang. Vielleicht ist es eines der beiden, die auf uns kamen, ein aelteres, vollständiges von höherem Wert und ein jüngeres in Bruchstücken, freilich beide in Form und Sprache entstellt. Des breiten Volkes Denken über die Mordtat kommt in ersterem zum Ausdruck:

,,Und wär mein Herr Vater mir nicht so lieb, 
So ließ ich ihn aufhenken als wie einen Dieb,
Wär' aber eine große Schande, ja Schande."

In ganz Österreich und Bayern war es einst sehr verbreitet und ist noch heute zu hören.

Zahlreiche Gedichte, Balladen und epische Darstellungen bringen uns das Schicksal des unglücklichen Opfers näher, so Adalbert Müller, Hermann Lingg und Franz von Kobell, dieser als oberbayerischer Mundartdichter. Sogar König Ludwig I. von Bayern gedachte des tragischen Ausgangs von Agnesens treuer Liebe zu einem Sprossen seines Geschlechts. Das älteste lyrische Gedicht auf Agnes stammt übrigens vom Jahre 1680 aus der Feder des Hauptes der 2. schlesischen Schule, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau. Wir sind an dieser Stelle in der Lage, nur einige Beitraege anzuführen. Frauliches Empfinden verrät die Dichtung von Katharina Diez. Epik und Lyrik gehen ineinander über, bei den fließenden Versen nicht immer zum Nachteil. Der Verfasser geschichtlicher Romane Fr. W. Bruckbräu versuchte als erster, den einfachen Stoff in ein Zeitbild des beginnenden 15. Jahrhunderts zu bringen.

Von allen Schriftstellern hat aber Agnesens Schicksal am meisten die Dramatiker in seinen Bann gezogen. Ihr erster war der spaetere bayerische Minister Graf Anton v. Törring, dessen vaterländisches Trauerspiel im Jahre 1780 zu München erschien. Seine Bearbeitung des Stoffes ist gelungen, am besten dabei der Charakter Agnesens gezeichnet. Das Drama zaehlt zu den bedeutendsten im literarischen Nachschaffen seit Goethes Goetz. Ihm war größter Erfolg beschieden. Fast gleichzeitig (1181) ging in München ,,Albert der Dritte von Bayern" von dem Mannheimer Bibliothekar C. Theodor Traitteur über die Bühne und zwar als erstes Singspiel. Die Musik stammte von dem Lehrer Webers und Meyerbeers, Georg Vogler; sein Werk ist in jeder Hinsicht abzulehnen. Dem Singspiel folgte zwei Jahre später in Hamburg die große Oper ,,Agnes", Text von A. Ewald, Musik von C. Krebs. Es ist die erste Bearbeitung ohne tragischen Ausgang. Auch die 1831 zu Berlin erschienene ,,Agnes Bernauerin, eine dialogisierte historische Novelle" von Dr. Schiff, einem Vetter Heinrich Heines, bleibt ein mißglückter Versuch. Von schwäbischen Dichtern wäre Melchior Meyr mit seiner dramatischen Dichtung ,,Herzog Albrecht" zu nennen. 1852 wurde das Drama im Schauspielhaus zu Berlin uraufgeführt. Daraufhin stand es bei ungefähr drei Dutzend Bühnen auf dem Spielplan. Seine ersten drei Akte lehnen sich an Törrings Trauerspiel an. Meyr arbeitete das erfolgbringende Werk um und ließ es 1862 so zu Stuttgart erscheinen. Das ganze Leben beschäftigte die Gestalt der Bernauerin den saechsischen Dichter Otto Ludwig. Beharrlich trug er diesen Stoff, im Gegensatz zu anderen, durch seine ganze literarische Laufbahn. Vollendete und unvollendete Tragödien, zahlreiche Planhefte sind Zeugen seines dichterischen Ringens. Martin Greif hat in seinem um die Jahrhundertwende (1900) entstandenen vaterländischen Trauerspiel ,,Agnes Bernauer oder der Engel von Augsburg" nicht nur in der Handlung, der hervorragenden Zeichnung von Charakteren Vorzüge aufzuweisen, sondern vor allem in der Sprache.

Mit der ,,Tragödie der unbedingten Notwendigkeit", seiner ,,Agnes Bernauer", (1855) führte endlich Friedrich Hebbel eine längst gehegte Absicht durch. Es ist des Dichters bestes Werk und wohl eines der besten in der gesamten Behandlung des Stoffes; denn es verrät zugleich dramatische Kraft und feinsten psychologischen Blick. Schöne menschliche Tragik spricht zum Herzen, der Ausgang allerdings wendet sich an den Verstand. Herzog Ernst verkörpert ihm den Staat. Dessen Wohl stand Agnes im Wege. Sie mußte als Einzelwesen sterben, wenn auch als schuldloses, zur Erhaltung des Staates, als Opfer der Staatsräson. Allein auch diese Deutung vermag nicht voll zu befriedigen. Schließen wir darum mit Riezlers Worten: ,,Lieber als Staatsräson wird man, was Ernst zu seiner Untat trieb, jene Abart des nackten Egoismus nennen, der in dem Schlagwort: dynastisches Interesse eine verschönernde Hülle sucht."

Reichlich ist die Literatur über Agnes Bernauer, waehrend die Quellen dürftig sind. Grundlegend bleiht der Vortrag Sigmund von Riezlers in den Sitzungsberichten der k. bayer. Akademie der Wiss. hist. Kl. von 1885. Er hat Gottfried Horchlers Forschungsergebnisse benuetzt. Nach ihm haben wir hauptsaechlich Ulrich Schmid zu erwaehnen.

Was die Quellen betrifft, waren bei ihrer Bearbeitung die urkundlichen Nachrichten den Ueberlieferungen der Chronisten vorzuziehen. Saemtliche Materialien, die Licht in manches Dunkel des Falles Bernauer hätten bringen koennen und in den herzoglichen Archiven lagen, muessen hoechstwahrscheinlich schon sehr frühe vernichtet worden sein. Den zuverlaessigen Teil der Quellen hat Riezler schon veroeffentlicht. Er umfaßt 1. mehr oder minder dunkle Anspielungen in den Korrespondenzen der Herzoege Ernst, Albrecht und Heinrich; 2. die Instruktion, die Ernst zwei Wochen nach dem Tode von Agnes Bernauer, am 28. Oktober 1435, durch seinen Gesandten Friedrich Aichstaetter Kaiser Sigmund aushändigen ließ, worin er die Tat so schilderte, wie er sie aufgefaßt haben wollte, ,,ein sehr merkwürdiges Dokument", und 3. eine Reihe von Eintraegen in den Kammerrechnungen der Stadt München. Riezler sieht in dem Schreiben einen oder einige Stadtrechner; Schmid vermutet in ihm einen Kleriker. Der Stadtrechner ist indes identisch mit dem Stadtschreiber, dem Inhaber des vornehmsten städtischen Amtes, dem hoechstbezahlten Beamten der Stadt, dem geistigen Leiter des gesamten städtischen Schrifttums, vielfach dem einzigen an Hochsschulen gebildeten Mann der Stadtverwaltung. Ihm eignet daher auch größerer Weitblick. Meister Hans Rosenbusch hat das Amt des Stadtschreibers der Stadt Muenchen von 1416-1453 inne und damit die genannten Einträge in die erwähnten Kammerbücher gemacht. Uebrigens vor seinem Amtsantritt ausübender Arzt, nimmt er in der Reihe bedeutender Münchener Stadtschreiber den ersten Platz ein, soweit es sich um Urwüchsigkeit, treffsichere Bemerkungen und scharfes Urteil handelt. Das Verdienst, die Einträge Rosenbuschs zuerst bekanntgegeben zu haben, gebührt dem 1837 verstorbenen Münchener Bürgermeister Joseph von Teng. Die Bemerkungen von der Hand des Stadtschreibers, der bei Hof ein- und ausging, geben die Meinung des Patriziats wieder, das auf der Seite Herzog Ernsts stand im Gegensatz zu den unteren Schichten der Muenchener Bürgerschaft. die sich hinter der Bernauerin und damit Herzog Albrecht zusammen fanden. Rosenbusch vertrat die Interessen der stadtadeligen Geschlechter, die nach ihren um die Jahrhundertwende gemachten Erfahrungen nicht grundlos für ihre Stellung in der Regierung Münchens bangten. wenn die dem Kleinbürgertum entstammende Angsburgerin den Herzogsthron bestieg. Diese Tatsache ist bei der Wertung seiner Aufzeichnungen zu beruecksichtigen.

Der emsige Zeitgenosse unter den Chronisten ist der Mönch Andreas von Regensburg. der in seiner Jugend in der Nähe Straubing wohnte. Seine "Chronickh von den Fürsten zu Bayrn", lateinisch und deutsch, ist für unsere Zeit noch heranzuziehen. Eine wertvolle historische Quelle ist sie aber für unseren Fall nicht. Insbesondere sind aber als solche die zwei bekannten Volkslieder über Agnes Bernauer. von denen das eine etwa zwei Menschenalter nach dem Ereignis entstanden sein dürfte oder zumindest erst um diese Zeit feststellbar ist, fast ganz abzulehnen.

Viele Stellen in der Geschichte der angeblichen Augsburger Baderstochter sind heute noch ungeklärt. Höchstwahrscheinlich wird eine restlose Klärung nie erfolgen können. Als eine Weiterführung der bisherigen Forschungen in mancher Richtung, leider in Bezug auf die Herkunft der Agnes Bernauer mit negativem Erfolg, dürfte vorstehender Beitrag anzusehen sein, der vor allem eine zusammenfassende Darstellung auf Grund des bekannten Materials anstrebte.


 
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