BAD AIBLING
(Heimatort von Ingeborg Brigitte Gastel)
(geschrieben von Erika Lechner und Karin Fries in 1980)
Rund 50 Kilometer suedoestlich von Muenchen liegt im weiten
Tal der
Mangfall Bad Aibling. *Ein Staedtchen von Fluessen umgeben* wurde es
oft
genannt. Uebernommen nach lateinischen Versen, die der Gruender des
Moorbades
Aibling, der koeniglich-bayerische Landgerichtsarzt Dr.
Desiderius
Beck, 1845 in einer Inschrift an seinem gerade errichteten
Wohn-
und Badehaus anbringen liess: *Est mihi fontanis circumdata villula
rivis
...* heisst es da. Frei uebersetzt: *Mir ist ein Landhaus zu eigen,
rings
vom Quellfluss umgeben *. Der *Quellfluss* ist die nahe des Staedtchens
Glonn entspringende Glonn, die sich von Norden her durch die
Beyhartinger
und Maxlrainer Filze windet und Stadt und Kurpark Bad Aibling
durchfliesst.
Die Glonn, vom alten Thuerham an vom Muehlbach begleitet, muendet im
Sueden
der Stadt in die Mangfall. Des Muehlbachs wegen mit seinen Bruecken,
Stegen
und alten Haeusern an seinem Lauf bekam ein malerischer Winkel in der
Ortsmitte
den schmueckenden Beinamen *Klein Venedig*, der auf zahllosen
Ansichtskarten
*mit herzlichen Gruessen von einem angenehmen Kuraufenthalt* in die
weite
Welt getragen wurde. Also *von Fluessen umgeben* stimmt fuer Aibling.
Freilich
griffen die Menschen immer wieder in den Lauf der Fluesse sein. Sie
baendigten
die oft ungebaerdige Mangfall, die *Manichfaltige*, durch Traversen,
regulierten
1958 die Glonn, die nach sommerlichen Regenperioden immer wieder weite
Teile der Stadt ueberflutet hatte. Den Muehlbach und den Triftbach,
eine
Seitenkanal der Mangfall, hatten sich die Aiblinger schon lange nutzbar
gemacht. Ein Geruecht, dem Muehlbach, der nicht mehr nuetzlich ist,
ueberhaupt
den Garaus zu machen, taucht dann und wann zum Schrecken aller
Umweltschuetzer
auf. Der grossen Dominante der weiten Wald-, Moor- und
Wiesenlandschaft,
in der sich das von Fluessen umgebene Staedtchen ausgebreitet hat, der
Alpenkette im Sueden, konnten die Menschen nichts anhaben. Aber auf den
Wendelstein, den Aiblinger Hausberg, setzten sie nicht nur ein Hotel,
sondern
auch ein Sonnenobservatorium und einen Rundfunksender. Der
vielbesungene
Wendelstein praesentiert sich den Aiblingern mit seinem dicken runden
Kopf
und den oestlichen Vorbergen als *schlafende Jungfrau*.
Aber was war, als es noch ueberhaupt kein Staedtchen, ja nicht
einmal
Menschen, sondern nur eine leere, wilde Landschaft am Rande des
*Rosenheimer
Beckens* gab? Da kam um das Jahr 30 000 vor Christ, oder auch noch eine
kleine Ewigkeit frueher, in der Naehe des heutigen Sanatoriums
*Wendelstein*
ein Mammut zu Tode. Gefunden wurden diese Ueberreste des Urelefanten,
der
eine Schulterhoehe von 3 bis 5 metern hatte und ebenso lange
Stosszaehne,
erst 1953 nach Christ im Lehmboden eines haushohen Moraenenhuegels.
Dieser
Kiesbuckel gehoerte spaeter, ca 15 000 Jahre vor Christ, zum
noerdlichen
Uferverlauf des einstigen Rosenheimer Sees, der -nachdem der
Inngletscher
*gehend* geworden war- den schon in den Eiszeiten entstandenen
Gelaendetrog
angefuellt hatte. Eines schoenen Jahrtausends war dann dieser See
vermoort,
so dass sich in seinem Becken bereits Aiblings Zukunft als aeltestes
Moorbad
Bayerns entwickelte, eben ein braunes Torfmeer, dessen Alter auf
ca.10000
Jahre geschaetzt wurde. Als dann die Steinzeituhr wieder einige
tausendmal
um die Runde gegangen war, begann im Mangfalltal eine andere Aera,
naemlich
die von Adam und Eva. Allerdings hiessen die ersten Aiblinger, die
zwischen
4000 und 3000 vor Christ hier sesshaft geworden waren, nicht so. Aber
wie
geschickt und intelligent sie waren, davon zeugen auch noch heute ihre
im Aiblinger Heimatmuseum verwahrten Werkzeuge aus hartem Stein. In der
nachfolgenden Bronzezeit hat dann einer oder eine in der Schratzlseher
Filze noerdlich von Aibling gleich eine Handvoll schoen verzierter
Nadeln
deponiert, aber doch nie wieder abgeholt. Zufaelligerweise wurde der
Schatx
erst 1898 von einem Torfstecher entdeckt. Eine Unterbrechung hat die
einmal
begonnene Besiedlung des Aiblinger Raumes dann nicht mehr erfahren, wie
an einer ganzenReihe weiterer fruehgeschichtlicher Artefakte im
Heimatmuseum
zu sehen ist.
Noch vor unserer Zeit kamen die Roemer ins Land, aber ihre
grosse Heerstrasse
Juvavum- Augusta Vindelicorum (Salzburg-Augsburg), die doch durch die
Aiblinger
Gebiete gefuehrt haben musste, ist hier nicht mehr nachweisbar. In der
Voelkerwanderungszeit vertrieben schliesslich die Bajuwaren die
roemischen
Besatzer und wurden hier sesshaft.
Der breite Moraenenruecken, in dessen Bogen das alte Aibling
sich schmiegte,
heisst in seinem oestlichen Teil oberhalb des Ortes Klafferer, im
noerdlichen
Hofberg. Diesen Namen hat er keineswegs von ungefaehr. Hier haben sich
sozusagen die Aiblinger Jahrhunderte haeuslich niedergelassen. Mit
grosser
Wahrscheinlichkeit darf angenommen werden, dass hier schon eine Burg
des
von Karl dem Grossen entmachteten aeltesten bajuwarischen
Herzogsgeschlecht,
den Agilolfingern, stand, deren letzter Herzog Tassilo III. war. Als
*Epilinga*,
wahrscheinlich nach einem Bajuwaren Epilo, der sich hier ansiedelte,
wird
Aibling erstmals urkundlich in Zusammenhang mit einem zwischen dem
Bischof
von Freising und dem Abt vom Kloster Chiemsee ausgebrochenen Streit um
Kirchen und Kirchengut genannt. Karl der Grosse liess den Zwist am 13.
Januar 804 in einer auf dem Hofberg abgehaltenen Gerichtsverhandlung
beilegen.
Am 17. Maerz des Jahres 855 brachte ein Enkel des Grossen Karl, der
fraenkische
Koenig Ludwig, der sich waehrend der Fastenzeit auf der Burg zu
Epilinga
aufhielt, einen gerichtlichen Vergleich zwischen den Bischoefen von
Freising
und Trient zustande. In der Person des Kaisers Arnulff, der -wieder
einmal
auf dem Zug nach Italien unterwegs- 898 auf dem Aiblinger Hofberg das
Weihnachtsfest
feierte und im Jahr darauf starb, wird die Geschichte der Karolinger am
Ende gar noch zur grausigen Kriminalgeschichte. Pfarrer Josef
Grassinger,
der vor mehr als hundert Jahren erstmals eine allgemeinverstaendliche
Geschichte
Aiblings verfasste, schrieb darueber: *Das Jahr 899 schlug fuer den
Kaiser
sehr ungluecklich aus. Zu Anfang dieses Jahres wurde seine Gattin eines
Ehebruchs beschuldigt. Im Heumonat wurde ueber die Kaiserin in
Regensburg
Gericht gehalten und dieselbe als unschuldig losgesprochen. Gleich
darauf
wurde der Kaiser von einem Schlagflusse betroffen. Man mutmasste, es
waere
ihm Gift unterschoben worden. Es kam ein gewisser German in Verdacht
und
wurde zu Regensburg enthauptet. Ein Weib, Notburga mit Namen, war als
Mitschuldige
angeklagt und wurde zu Aibling gehaengt. *Solche Malefizhandlungen*,
wie
dieser Giftmord, wurden in spaeteren Jahrhunderten hier zumindest nicht
mehr verzeichnet.
Unter den Wittelsbachern wuchs Aibling kraeftig; es besass
1321 die
gleichen Marktrechte wie die Residenzstadt Muenchen. Als dann 1582 der
Muenchener Rentmeister auf einer Inspektionsreise durch die
oberbayerischen
Landgerichte auch dann nach Aibling kam, konnte ihm nicht ein einziger
Schwerverbrecher zur Aburteilung vorgefuehrt werden. Ueber die
bajuwarische
Raufslust allerdings hat sich der Rentmeister geradezu entsetzt, denn
auf
einer kurz vorher abgehaltenen Hochzeit war *ain sollich Gefecht,
schlagen
und rauffen von Manns- und Weibspersonen gewest, davon nit ze sagen,
Praut
und Preutigam alles unainig durcheinander gewest*. Nun, so waren sie
halt,
die alten Oablinger, und wenn sie gelegentlich den Watschenbaum
umfallen
liessen, dann war das wie ein Naturereignis. Aber die Oablinger liessen
sich auch *net schwoam*, wenn das Unglueck ueber sie kam, wie die
schweren
Feuersbruenste der Jahre 1498,1503,1730,1747,1765 und 1811. Zweimal,
1564
und 1634, wuetete die Pest. Unter Kriegsgewirren und
Zwangseinquartierungen
hatte der Markt Aibling besonders waehrend des Dreissigjaehrigen
Krieges
und waehrend der Erbfolgekriege im 18. Jahrhundert zu leiden. Bei dem
Brand
im Jahre 1765 gingen ausser 27 Wohnhaeuser auch die Sebastianikirche
und
das Ratshaus mit den meisten alten Urkunden zugrunde. Ein Brandunglueck
in unserem Jahrhundert zerstoerte 1940 das bereits seit 1765 wieder
aufgebaute
alte Rathaus, einen der wenigen barocken Profanbauten in unserer
Gegend,
bis auf die Fassade. Nun steht an der alten Stelle ein 1973
eingeweihter
grosser moderner Zweckbau fuer die Stadtverwaltung. -Aber blaettern wir
noch einmal zurueck. In der 1796 erschienenen *Beschreibung der
Chaussee
von Muenchen ueber Aibling nach Traunstein* heisst es: *Der Markt
Aibling
zaehlt heutzutage 200 Haeuser und 900 Einwohner, die einen
buergerlichen
Magistrat von zwei Buergermeistern, einem Marktschreiber, acht
Ratsmitgliedern
und sechs Gemeindesprechern haben. Zum Unterrichte der Jugend wird auch
an Sonn- und Feiertagen Schule gehalten und es sei gesagt, dass selbes
immer fleissig besucht wird. Zu wuenschen waere es, dass das Schulhaus
besser gebaut waere.* Nun, es wurde 1804 so gut gebaut, dass es heute
noch
den Staedtischen Kindergarten aufweist.
Der heilige Sebastian, ein roemischer Maertyrer, ist seit
altersher
Patron gegen ansteckende Krankheiten gewesen. Als im Jahre 1564 in
Bayern
die Pest wuetete, baute man ihm auch in Aibling, am heutigen
Marienplatz,
eine Kapelle. Doch die Seuche suchte im Gefolge des Dreissigjaehrigen
Krieges
Aibling erneut heim. Also wurde dem Pestheiligen eine Kirche gebaut.
Die
Buerger brachten im Jahre 1634 dafuer 4000 Gulden auf. Da diese Kirche
rund 120 Jahre spaeter im Jahre 1765 durch den grossen Brand bis auf
die
Umfassungsmauern zerstoert worden war, wurde sie mit einer durch
Sammlungen
und Spenden anderer Kirchengemeinden aufgebrachten Summe von 13 527
Gulden
neu aufgebaut und 1789 durch den Weihbischof Johann Nepomuk Wolf von
Freising
geweiht. Doch das Ungluech schien kein Ende zu nehmen. 1830 schlug der
Blitz in die Turmkuppel und richtete grossen Schaden an. 1872 brannten
mehrere benachbarte Gebaeude ab, und auch die Turmkuppel von St.
Sebastian
wurde ein Raub der Flammen. Danach erhielt das Gotteshaus den jetzigen
Spitzturm. Die Kirche ist ein tonnengewoelbter Saalbau, dessen Ecken
abgerundet
sind. Ihr Inneres wurde erstmals 1826/27 restauriert; damals wurden die
unter der Tuenche verborgenen Fresken des Kirchenschiffes aus dem 18.
Jahrhundert
entdeckt. Diese Gemaelde schuf der Aiblinger Barockmaler Johann
Georg
Gaill, die Altarblaetter der beiden Seitenaltaere sein Sohn Franz
Gaill. Auf dem Bild am linken Altar steht, ja schwebt fast die
Gottesmutter auf der Erdkugel; auf dem rechten Seitenaltar befindet
sich
ein Bild der Pieta, wie es auf dem Hochaltar in Georgenberg bei Schwaz
in Tirol zu sehen ist. Das Aiblinger Gemaelde zeigt den vor der Pieta
in
Anbetung verharrenden seligen Ratholdus, den Stifter des Klosters von
Georgenberg,
und neben ihm rechts grossmaechtig den heiligen Ritter Georg, den
Schutzpatron
von Bad Aibling. Der Hochaltar mit seinen Figuren ist ein Werk von Joseph
Goetsch, der Schueler und Mitarbeiter von Ignaz Guenther war.
Der
heilige Sebastian auf dem Altar ist aber um ein gutes Jahrhundert
aelter,
also ein Werk der Renaissance. Zu neuer Pracht und Schoenheit gelangte
die Kirche *Honorem Sancti Sebastiani* -das Bild des Heiligen ist ueber
dem Eingangsportal -durch die Renovierungen 1976 und 1977.
Dem seligen Ratholdus, einem alten Aiblinger aus der
Karolingerzeit,
begegnet man gleich neben der Sebastianikirche nochmal. Am Marienplatz
steht das Hotel Lindner. Im Mittelalter gehoerten dessen alte Mauern,
wie
der Gedenktafel an einer der Aussenwaende zu entnehmen ist, zu dem als
*Prantshausen* bezeichneten *Sedelhof*, abgeleitet vom lateinischen
*sedes*,
der Sitz. Es war der Sitz der Herren von Prant, welche 1255 beurkundet
sind. Und weiter heisst es: *Hier ist die Geburtsstaette des seligen
Ratholdus,
des Gruenders von St. Georgenberg in Tirol um 800 nach Christus.* Nach
einer anderen Quelle soll Ratholdus *dem adligen Geschlecht der
Andechser
entstammen, die in Aibling beguetert waren*. Die Familie Lindner
beauftragte
1949 den Maler Max Ziegler, ein Fresko
zur
augenfaelligen Erinnerung an Ratholdus zu schaffen. Das Wandbild zeigt
den Seligen als Pilger: deutlich zu erkennen an seinem Pilgerstab und
an
der Muschel, die er auf der Brust traegt. So waren alle Pilger ins
Heilige
Land gekleidet. Als Beispiel dafuer ist Santiago de Compostela
anzufuehren,
dessen Hut und Pilgermantel mit Muscheln besteckt sind. Sie sollten
schon
aeusserlich kenntlich machen, dass die frommen Maenner *ueber Meere und
Laender* zum Grab Jesus Christi pilgerten. Seit eh und je ist die
Perlmuschel
auch ein Mariensymbol, denn die Mutter des Herrn barg ja die
*allerkoestlichste
Perle*, Jesus Christus. Die Muschel ist aber auch ein Symbol fuer das
Grab
Jesus Christus, das die edle Perle, den Heiland, fest verschliesst und
das mit Gewalt gesprengt wird. Sie ist also auch ein
Auferstehungssymbol,
das auf Sakophagen und Gemaelden zu finden ist, wie eben auf dem
Ratholdusfresko.
Allerdings wird die Legende dadurch noch nicht zur Geschichte. Doch das
Fresko an dieser Altaiblinger Ecke zwischen dem Marienplatz und *An der
Waage* bildet enen historischen Hintergrund fuer das bunte Leben an dem
grosszuegig neugestaltenen Platz, unuebersehbar, wemm man vom Hofberg
her
die Kirchzeile herunterkommt. Blumen und Gemuese sind zu Fuessen des
Ratholdus
ausgebreitet, Adventskraenze und Tannengebinde zur Weinachtszeit. Und
unter
dem Dutzend alter Rosskastanienbaeume stellen immer wieder junge Leute
ihren nostalgischen Tand auf Flohmaerkten aus.
Was in Aibling die Heimsuchungen der Jahrhunderte, aber auch
die Ambitionen,
nicht nur der Gruenderjahre, sondern auch spaeterer *Gruenderzeiten*,
ueberdauerte,
liegt nahe beieinander: am Marienplatz und zum groessten Teil in der
Kirchzeile.
Der Marienplatz hat im Verlauf der letzten hundert Jahre zweimal ein
neues
Gesicht bekommen, zu Anfang unseres Jahrhunderts und in seinem achten
Jahrzehnt.
An die Stelle, an der das 1940 abgebrannte alte Rathaus von 1765 stand,
wurde im Jahre 1973 ein grosser moderner Verwaltungsbau gesetzt. Das
alte
Hotel Duschlpost, 1934 von der Kreissparkasse erworben und fuer ihre
Zwecke
umgebaut, wurde 1977 abgerissen. Nun steht da, eng mit dem Rathaus
verbunden
und ueber das Gasthaus Sebastianibraeu in die Kirchzeile leitend, die
neue
Sparkasse. Der Marienplatz ist weiter und grossraeumiger fuer Menschen
und Verkehr geworden. In der Kirchzeile, die zum Hofberg fuehrt,
versucht
man, die alten Fassaden zu erhalten. Wo ihnen Zeiten und Menschen arg
zugesetzt
haben, ist man bemueht, ihnen sachkundig das gute Gesicht ihrer jungen
Jahre wiederzuschenken; der alten Maxlrainer Bierhalle, dem heutigen
Maxlrainer
Hof, gab man das Aussehen, das sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts
hatte.
Das Haus ist in seinen Grundfesten noch viel aelter; seine aeussere
Gestalt
hatte es sich ueber die Jahrhunderte hinweg unter den Runzeln bewahrt.
-Bei einigen weiteren zweistoeckigen Haeusern der Kirchzeile hatten die
Baumeister einst offensichtlich nach der Architektur der Innstaedte
geschielt;
auch auf dem Umschlagbild sind Haeuser mit der fuer die
Inn-Salzach-Staedte
typischen Vorschussmauer zu sehen. Das alpenlaendische Bauernhaus war
dennoch
das staerkere Vorbild. Sorgsam renovierte Lueftlmalerei und alte
Inschriften
machen diese Gebauede besonders reizvoll. Am sogenannten *Buergerhaus*
fand die stets verborgene Angst der Aiblinger vor Feuersbrunst in dem
Spruchband
unter einer Schutzmantelmadonna von 1769 ihren Notschrei: *Die
Kirchzeil
wird es genannt. Maria bewahr's vor Feuerbrand.* -Gegenueber diesem
Haus
fuehrt eine schmale Gasse zur *Achtundachtsger Stieg'n* und ueber sie
hinauf
zum *Klafferer* an dem das alte Landratsamt und der ehemalige
Schuhbraeukeller,
jetzt Seniorenheim, liegen.
Am *Doktorhaus* an der oberen Kirchzeile, einem fast
vierhundert Jahre
alten Bau, der der Bader- und Arztfamilie Gschwaendler nun schon der
der
sechsten Generation gehoert, ist zu lesen: *Wir leben so dahin und
nehmen's
nicht in acht, dass jeder Augenblick das Leben kuerzer macht.* Das
schoene
alte Gebaeude war in frueheren Jahrhunderten das der Kirche gehoerende
Badhaus. -Gleich daneben steht, als reizvoller Blickfang am Ende der
Kirchzeile,
das heutige Hotel Ratskeller mit anmutigem Eckerker und den Fresken von
Franz Gaill. Die Hausinschrift sagt selbstbewusst: *Der Spoetter gibt
es
gar zu viel, Der Neider auch nicht minder. Ich zier mein Haus nach
meinem
Will, vor Mich und meine Kinder.* Sicher ist, dass dieses Haus als
Marktschreiberhaus
schon im 15. Jahrhundert urkundlich erwaehnt wurde. Dass aber, wie
manchmal
zur hoeheren Ehre der Aiblinger Historie erzaehlt wird, darin schon
karolingische
Kaiser genaechtigt haetten, forderte die Spoetter unserer Tage heraus.
Eine weitere Tafel, das *Schwedendenkmal* an der Mauer gleich unterhalb
des Hofberges, erinnert an boese Zeiten. Anno 1898 wurde die
Erinnerungstafel,
wie zu lesen ist: *Errichtet von dem Markte Bad Aibling seinen
heldenmuetigen
Buergern, welche 1648 im Kampfe gegen die Schweden Familie und Eigentum
verteidigten bis in den Tod.* Die streitbaren Maenner, die einen
tollkuehnen
und ungluecklichen Ausfall ins feindliche Lager bei Mietraching gewagt
hatten, fielen und wurden an dieser Stelle begraben. Nur zwei
ueberlebten,
die sollten sich in den Kamin eines Hauses jenseits der Strasse
gefluechtet
haben. Um Sein oder Nichtsein eben dieses Hauses, des
*Grabenschusterhauses*,
das gewiss nicht mehr das Gleiche war, in dem sich die Maenner einst
verborgen
hielten, ist es bis in unsere Tage gegangen. Historische Reminiszenzen
oder Verkehrssicherheit, das war die Frage. Die Verkehrssicherheit hat
gesiegt. -Zwischen Ratskeller und dem kleinen alten Chorregentenhaus
der
Pfarrkirche kommt man zur Glonn; rechts an ihr entlang, unterhalb des
Hofberges,
auf dem auch das Schloesschen Prantseck liegt, gelangt man zur
Hofmuehle
und nach Thuerham. In *Teorhage* (*Thierham*) stand bereits um 800
Aiblings
aelteste Kirche: St. Georg. Sie wurde 1804 abgetragen.
Das Stadtbild von Bad Aibling wird von der Kirche Mariae
Himmelfahrt
auf dem Hofberg beherrscht. Als sie Anfang des 14.
Jahrhunderts
Pfarrkirche wurde, blieb der Pfarrsitz noch lange im nahen Dorf und
jetzigen
Stadtteil Ellmosen. Der Bau der heutigen Pfarrkirche, an der Stelle der
alten Pfalzkapelle errichtet, stammt zum groessten Teil aus dem 15.
Jahrhundert.
Trotz verschiedener Renovationen und Ausbauten wurde die Kirche im 18.
Jahrhundert wegen der wachsenden Seelenzahl des Marktes Aiblings zu
klein.
Man dachte sogar an das Abreissen und den Bau eines neuen Gotteshauses.
Doch der zu Rate gezogene beruehmte Muechner Stadtbaumeister Johann
Michael Fischer war fuer eine Verlaengerung der Kirche. Nach
seinen
Plaenen baute sie der Maurermeister Abraham Millauer aus
der Hausstatt 1755/56 nach dem Westen hin aus. Man entfernte die
gotischen
Gewoelberippen und huellte die Kirche in das Gewand es Rokokostils. Aus
dem alten Bestand blieb das an der Aussenwand des Chores haengende
Kreuz
vom Anfang des 17. Jahrhunderts erhalten, ausserdem die Gottesmutter
auf
dem Hochaltar: das Weib der geheimen Offenbarung, mit der Sonne
bekleidet,
den Mond unter ihren Fuessen und eine Krone aus zwoelf Sternen auf dem
Haupte. Diese Figur von Anfang des 16. Jahrhunderts wurde einst als
wundertaetiges
Gnadenbild verehrt. In derselben Aere entstand auch der marmorne
Taufstein
mit der Taufszene am Fluss Jordan. Die Kirche ist heute ein
weitraeumiger
Saalbau mit eingezogenem kurzen Altarraum und dreiseitigem Schluss. Die
Rokokostukkaturen von den Meistern Thomas Schwarzenbeck
aus
Aibling und Fink aus Erding sind bezaeubernd anmutig.
Die
Deckengemaelde von Martin Heigl und Josef Wunderer
stellen den Tod Marias, ihre Himmelfahrt und ihre Verherrlichung durch
alle Voelker dar. Ueber dem Schrein mit den Reliquien des heiligen
Honoratus
haengt links vom Hauptaltar eine ausdrucksstarke Kreuzigungsgruppe des
Kuenstlers Joseph Goetsch. Von ihm stammt auch der
heilige
Nepomuk auf der gegenueberliegenden Seite. Wenn man hier nach oben
schaut,
entdeckt man auf dem Rocaillemedaillon das alte Aibling, fein und
liebevoll
gemalt und so schoen, dass es vom Landesamt fuer Denkmalpflege als
bestes
altes Bild Aiblings bezeichnet wurde.
Den Menschen, die einst in Aibling das Sagen hatten, begegnet
man (gewissermassen
fuer die Ewigkeit in Stein gehauen) auf Marmorgrabplatten an der
noerdlichen
Aussenseite der Pfarrkirche: dem Pfarrer Wolfgang Hagedorn aus dem
fruehen
16. Jahrhundert und der adeligen Familie Prant, einem Geschlecht, das
schon
in Chroniken des 13. Jahrhunderts erwaehnt wurde und zwei Edelsitze in
Aibling besass. Wilhelm von Prant, der 1572 verstarb, ist auf dem
Epitaph
mit seiner Familie abgebildet; in schoener Reliefarbeit ist ueber
seinem
Wapen und der knienden Familie die Auferstehung Christus dargestellt.
Das
reichausgestattete Grabmal des Aiblinger Pflegers Kaspar von Pienzenau
stammt aus dem Jahre 1575. Ueber vier kleine Gestalten sind Kreuze: die
fruehverstorbenen Kinder; erschuetterndes Dokument der
Kindersterblichkeit
in frueheren Jahrhunderten. In diesem Kaspar von Pienzenau koennen die
Aiblinger einen jener Maenner betrachten, die ungefaehr in der Halbzeit
der rund tausendjaehrigen Gerichtsbarkeit und Verwaltung des
Gmeindewesens
eine hervorragende Rolle spielten. Doch schon 300 Jahre vor ihm war ein
Friedrich Pienzenawe der Pfleger, also ein hoher Beamter des von Herzog
Ludwig dem Strengen errichteten Amtes *Aeblingen*,eines Pflegegerichts,
das weit ueber die Grenzen des Altlandeskreises Aibling reichte. Bis es
allerdings diesen Landkreis Aibling gab, hatten die Buerger immer
wieder
um ihre Verwaltungs- und Gerichtshoheit zu kaempfen. Nach der
unglueckseligen
Sendlinger Bauernschlacht von 1705 fiel die Pflege Aibling sogar
zeitweilig
an die Oesterreicher. 1799 wurden die Pflegegerichte in Landgerichte
umgewandelt,
die die gleichen Obliegenheiten hatten wie spaeter die Bezirksaemter.
Damals
begann schon so etwas wie eine Gebietsreform. Es ging hin und her mit
der
Verwaltungshoheit zwischen Aibling und Rosenheim. Als die Rosenheimer
einmal
aufbegehrten, weil sie Aibling unterstellt waren, wurde 1807 der
Landgerichtssitz
durch *allerhoechsten* Befehl wieder fortgenommen und nach Rosenheim
verlegt.
So wurde ein in einem runden Jahrtausend organisch gewachsener
Wirtschafts-
und Verwaltungsraum, dessen Mittelpunkt das historische
Epilanga0Aibling
war, mit Gewalt zerrissen. >P> Wie eine alte, traditionsbewusste
und in
ihrem Stolz verletzte Marktgemeinde um ihr Selbstverstaendnis gerungen
hat, dafuer gibt es ein lokal- und zeitgeschichtiches Dokument. Mit
einer
Verfuegung vom 13. Mai 1838 war zwar das Landgericht Aibling wieder
errichtet,
doch den Sitz eines eigenen Bezirksamtes fuer den Landgerichtsbereich
hielten
die Aiblinger dann auch noch fuer *unbedingt notwendig*. In einer ueber
viele Seiten gehenden, 1863 an den Koenig Max II. Gerichteten
Bittschrift,
die als *Allerunterthaenigst treu gehorsamste Vorstellung des
Magistrats
der Marktgemeinde Aibling* bezeichnet war, begruendeten sie das. Die
Schrift
zeigt in ihrer Argumentation eine erstaunliche Parallele zu jenen
Begruendungen,
mit denen gut hundert Jahr spaeter um den Fortbestand Bad Aiblings als
Kreisstadt gekaempft wurde -da freilich nicht mit solchen
demuetig-beschwoerenden
Anrufen, wie sie 1863 die lange Bittschrift beschlossen"
*Allerdurchlauchtigster
Grossmaechtiger Koenig! Die Nachwelt wird mit Stolz auf die
segensreichen
Schoepfungen Eurer Majaestaet zurueckblicken. Was aber dem ganzen Lande
zum Segen gereicht, sollte nicht gerade fuer uns verderbend seyn! Ein
Wort
Eurer Koenigliche Hoheit wird uns an der allgemeinen Freude theilnehmen
und auch fuer uns die neuen Institutionen heilbringend werden lassen.
Moege
Eure Koenigliche Majestaet die bange Sorge fuer die Zukunft unseres
Marktes
verscheuchen und die allerunterthaenigste Bitte gewaehren: dass fuer
den
Landgerichtsbezirk Aibling ein Bezirksamt mit dem Sitze Aibling
errichtet
werden moege. In allertiefster Ehrfurcht erstirbt Eurer Koeniglichen
Hoheit
allerunterthaenigst treu gehorsamster Magistrat des Marktes Aibling.*
Ob
der ueberhaupt einer Antwort gewuerdigt wurde, steht nicht fest. Aber
die
Aiblinger gaben einfach nicht auf, sie versuchten es immer wieder mit
neuen
Petitionen und hatten es im *Jubeljahr 1900* endlich geschafft. Im
Oktober
1901 stand dann auch das Gebaeude des Koeniglichen Bayerischen
Bezirksamts
am Klafferer 4, von gleicher stolzer Hoehe wie Kirche und Amtsgericht
und
den alten Markt ueberragend. Als ruestigem Siebziger wurde dem Amt,
seit
1939 Landratsamt, 1971 das Lebenslicht ausgeblasen. Die Gebietsreform
verordnete
es nach Rosenheim.
Gerade in jenem Jahr 1838, als im Mai das Landgericht wieder
errichtet
worden war, fiel den Aiblingern in einer Sternstunde noch ein
besonderer
Trumpf zu: Der 1804 in Ebersberg geborene Landgerichtsarzt Dr.
Desiderius
Beck wurde nach Aibling versetzt. Er hatte seinen Doktorhut mit einer
Arbeit
*Versuche ueber die Akupunktur* erworben. Doch sein besonderes
Interesse
muss schon damals dem *Schatz in der Wildernis*, dem Heilmittel Moor,
gegolten
haben. Er begann sogleich, unterstuetzt von zwei Aiblingern, dem
Landarzt
Johann Michael Gschwaendler und dem Apotheker Anton Burger,
wissenschaftlich
zu experimentieren. Sieben Jahre daueren die Versuche, und aus der
ersten
*Soolen- und Schlamm-Bade-Anstalt*, die Dr. Beck 1845 mit einem
Kostenaufwand
vo 9500 Gulden errichtet hatte, wurde schliesslich das Kurhotel
Ludwigsbad,
das als Urzelle des Aiblinger Heilbadebetriebes gelten kann. Der
verborgene
Schatz war gehoben und die Heilkraft des Torfmoores, das bis dahin noch
kaum als Brennmaterial bekannt gewesen war, nutzbar gemacht. Aber die
Entwicklung
des *Aeltesten Moorbades Bayern* verlief dann doch nicht so glatt, wie
Desiderius Beck, der helfen- und heilenwollende Arzt und
Menschenfreund,
es sich wohl erhofft hatte. Sie forderte Opfer, und das erste war er,
der
Gruender selbst. Die dauernden Anforderunen ueberstiegen seine
finanzielle
Leistungskraft bei weitem; hatten jedoch die Vergroesserungen und
Verbesserungen
seiner Moorbadeanstalt bereits innerhalb der ersten drei Jahre Kosten
von
20 000 Gulden verursacht. Nur knapp 12 Jahre waren ihm vergoennt, 1857
musste er seinen Besitz verkaufen. Dieses fuer ihn in vielfacher Weise
tragische Jahr brachte fuer Aibling selbst ein sehr bedeutendes
Ereignis:
die Eroeffnung der Bahnlinie Muenchen-Holzkirchen-Aibling-Rosenheim.
Sie
war die Ursache neuen Zuspruchs fuer das Moorbad. Oft von weither kamen
nun die Badegaeste. Als dann 1870 der deutsch-franzoesische Krieg
ausbrach,
hatten Moorkuren bereits einen so phantastischen Ruf, dass die
Koenigliche
Bayerische Armee Verwundete zur Nachbehandlung von Schusswunden nach
Aibling
sandte. Der Titel *Bad* wurde Aibling 1895 von Prinzregent Luitpold
allergnaedigst
genehmigt. Ausser dem Ludwigsbad gab es zu dieser Zeit bereits drei
weitere
Kuranstalten: die Kurhotels Wittelsbach, Theresienbad und Wilhelmsbad. Franz
von Kobell, der beruehmte bayerische
Dialektdichter
und Mineraloge waren zur Kur in Bad Aibling sowie der Fuerst von Thurn
und Taxis mit seinem Leibarzt, in den Gaestelisten haeuften sich die
beruehmten
Namen und in dem bei Piper in Muenschen erschienenen Buch *Karl
Valentin's
gesammelte Werke* hat der grosse Komiker auch diesen *Brief aus
Bad Aibling* veroeffentlicht:
Hochwohlgeborene Anni, liebe Ehefrau und
Zuckerschneckerl!
Liebe Frau, teile Dir mit, dass ich in Bad Aibling gut angekommen bin.
Bei Ankunft stiegte ich aus dem selben Zug aus, in den in am Bahnhof zu
Muenchen einstug. Ich wollte absichtlich nicht weiterfahren, da mein
Billet
nur bis Aibling giltig war und haette eine Weiterfahrt keinen Wert
gehabt,
da
ich sonst ueber Bad Aibling hinausgefahren waere. Die Eisenbahnfahrt
ging
sehr schnell, da es ein Schnellzug war: waere es ein Gueterzug gewesen,
waere die Fahr natuerlich nur Gueter gewesen. Waehrend der Fahrt asste
ich mein Butterbrot und trankte meinen roten Wein. Vis a vis von meinem
Schnellzug sauste auf einmal ein anderer Schnellzug vorbei, und zwar so
schnell, dass man die Leute, die in dem anderen Schnellzug sassten,
kaum
gruessen konnte, obwohl vielleicht ein guter Bekannter haette drin
sitzen
koennen, der dann am andern Tag zu mir gesagt haette: Gestern waren Sie
aber protzig, weil Sie mich nicht einmal gegruesst haben. Die Fahrt
ging
dann weiter; auf einmal wurde es mir not, die Notkabine war aber
besetzt;
deshalb zogte ich die Notbremse und der Zug stund. Der
Eisenbahnbesitzer
stiegte zu mir in das Kouplet und schrub mich auf wegen Notzug. Die
Gesellschaft
im Eisenbahnwagen war sehr gemischt; es waren fast lauter Reisende, nur
der eine Herr, der in Muenchen den Zug versaeumte, fuhr nicht mit, da
er
wahrscheinlich mit dem naechsten Zug hinter uns nachkommt, in welchem
wir
auch gefahren waeren, wenn wir auch den Zug versaeumt haetten. In
Aibling
selbst ist es sehr schoen, obwohl es, glaube ich, sehr wenig
Weinkneipen
dort gibt. Gestern hat mich der Kurarzt untersucht, er meint, ich
muesste
nich im Bett liegen bleiben, nur bei Nacht muesse ich im Bett bleiben,
was ich ja sowieso getan haette. Sonst geht es mir gut' ich habe mein
eigenes
Zimmer, in welchem sechs Betten stehen, wovon aber vier besetzt sind
mit
vier Patientinnen. Ich schliesse nun meinen Brief und hoffe, dass Du
mir
in Muenchen treu bleibst, wenigstens halbe treu, zum mindesten viertel
ueber zwei. Meine Uhr habe ich vergessen, wir haben auch in unserem
Schlafsaal
keine Uhr. Wenn du mir wieder schreibst, schreibe bitte in den Brief
hinein,
wieviel Uhr es ist. Ich weiss gar nicht, wie ich an der Zeit bin. Es
gruesst
und kuesst Dich hochachtungsvoll ergebenst Nepomuk Semmelmeier,
Patient, z.Zt. Bad Aibling
Durch die Anerkennung als Bad ging es wirtschaftlich auch mit
dem Markt
Aibling aufwaerts. Ein *Kur- und Verschoenerungsverein* wurde ins Leben
gerufen, und in den Gruenderjahren um die Jahrhundertwende entstand
auch
der architektonische Stolz jener Zeit und jeder Stadt, die etwas auf
sich
hielt: die spaeter oft geschmaehten und heute zu neuem Ansehen
gelangten
Jugendstilvillen. Die entlang der Glonn an der Meggendorfer Strasse
stehenden
Haeuser bilden den einzigen stilistisch reinen trassenzug de heutigen
Kurstadt.
Ueber einen Steg ist man von da rasch am Kukrhaus und im Kurpark. In
einer
Broschuere von 1908 heisst es dazu: *Seten wird man so nahe, fast
mitten
im Ort, von allen Seiten auf zahlreichen gutgepflegtenWegen zugaengig,
solch praechtige Anlagen finden, wie sie uns in Aiblings Kurpark
begegnen.
Die schattige Kuehle reizender Laubgaenge ladet mit den lausichen
Ruheplaetzen
gar freundlich zum Verweilen ein. Die rascheilenden Wasser der braunen
Glonn die in zwei Armen den Kurpark durchziehen, die schattenspendenden
Baum- und Strauchgruppen, die im gleissenden Sonnenlicht leuchtenden
Blueten
und Blumen, dann wieder gruene Wiesenflaechen, der idyllische See
(heute
*Irlachweiher* genannt) mit Schiffhuetten, Schwanenhauesern und
schaukelnden
Booten, die unermuedlich rauschende Fontaene, entzueckende Blicke auf
die
im Sueden blauenden Berge und darueber der lachende Himmel gewoelbt:
das
Alles vereinigt sich zu bezaubernden lieblichen Bildern, die im Nu Herz
und Sinn gefangen nehmen. Wie ein praechtiger Rahmen umschliesst diese
stimmungsvolle Landschaft das Kurhaus. Gar maechtig und breit steht es
farbenreich da, blumengeschmueckt. Ein weitausladendes Ziegeldach
schirmt
das stattliche Haus, dessen gefaelliger Aussenbau sich dem
oberbayerischen
Gebirgsstil anlehnt.* -Diese Beschreibung des Kurparks stimmt auch
heute
noch, wenn wir es auch nicht mehr so blumig ausdruecken wuerden. Doch
das
so geschilderte, 1907 erbaute Kurhaus langte den gehobenen Anspruechen
eines sich entwickelnden Kurortes nicht mehr. Ein Um- und Neubau von
1966/67
liess den oberbayerischen Gebirgsstil des Hauses verschwinden und
stellte
ein neues Gebaeude mit grossem Sgraffito ueber dem Portal hin.
Das neue Kurhaus bekam beim Umbau 1966/67 einen Theaterraum
fuer 800
Personen, eine moderne Buehne und, ausser Gesellschaftsraeumen, einen
kleineren
Konzertsaal. -Seit wann in Aibling Theater gespielt wurde, laesst sich
nicht genau feststellen. In Szene gesetzte Darstellungen der Passion
Christi,
wie Oelbergandachten, gab es noch zu Beginn der 19. Jahrhunderts. Ein
Aiblinger,
Pater Franziskus Lang SJ, schrieb sogar ein in der Theaterwissenschaft
beruehmtes Buch ueber das Jesuitentheater des Barock, 1727 erschienen
unter
dem Titel "Abhandlung ueber die Schauspielkunst* in Muenchen in
lateinischer
Sprache. - Auf der alten Aiblinger Kurhausbuehne wurde seit 1907
gespielt.
Waehrend und nach dem 2. Weltkrieg gab es trotz der enfachen Buehne
gute
Auffuehrungen, denn in einer Zeit der ausgebombteen Theater- und
Konzertsaele
in den Grosstaedten besas ein intakter Saal in der Provinz
Anziehungskraft.
Bekannte Kuenstler kamen: Julius Patzak, Gerda Sommerschuh, Hans
Hermann
Nissen und viele andere. Die Lore-Bronner-Buehne spielte Klassiker, das
Philharmonische Orchester Bad Reichenhall kam regelmaessig, oft mit
namhaften
Solisten. Man erlebt die Tanzkunst der Geschwister Hoepfner und Helga
Pawlinis
*Romantisches Ballet*. Doch erst nachdem das neue Kurhaus mit einer
Fledermaus-Auffuehrung
in Starbesetzung durch die Muenchner Opernbuehne in 1967 eingeweiht
worden
war, wurde Bad Aibling mit einem festen Spielplan zur wichtigsten
Theaterstadt
zwischen Muenchen, Salzburg und Innsbruch. Die Besucher kamen und
kommen
aus dem Chiemgau, aus Rosenheim, dem Inntal und aus den Landkreisen
Ebersberg
und Miesbach. Ganze Ensembles fester Buehnen gaben Gastspiele. Die
Wiener
*Burg* war da, das *Schwarze Theater Prag*, das Tiroler Landestheater.
Das Passauer Stadttheater spielt immer wieder mit grossem Erfolg Opern
und Operetten. Internationale Folkloregruppen, Choere und Orchester
gastieren
in Bad Aibling. Bayerische Dialektstuecke, durch bekannte Buehnen oder
von begabten Laienspielern der Trachtvereine aufgefuehrt, machen die
Aiblinger
Theaterszene abwechslungsreich. 1977 gruendeten junge Leute sogar ein
*Theater
Aibling*, das Volksstuecke spielt.
Am Wilhelm-Leibl-Platz 2, dem Kurhaus gegenueber, steht das
Heimatmuseum.
Seine Geschichte ist mit dem 1903 gegruendeten Historischen Verein geng
verknuepft. Der hatte sich von Angang an mit dem Gedanken eines
Heimatmuseums
getragen, doch zunaechst, in 1908, nur beim *Bauernwirt* (im alten
Marktschreiberhaus)
ein notduerftiges Unterkommen gefunden. Dank dem Entgegenkommen der
Marktgemeinde
konnte das Museum 1931 in einem frueheren herrschaftlichen
Oekonomiegut,
das spaeter als Armenhaus gedient hatte, eine Heimstatt finden. Nach
einem
Um- und Neubau 1970/71 ist das Haus in den Besitz des Landkreises
Rosenheim
uebergegangen. Ein Anliegen der Museumsleiter ear es nun, den heutigen
Menschen alte Handwerkskuenste und deren Werkzeuge zu zeigen. Im ersten
Raum ist ein rund 200 Jahre alter Webstuhl und die Fertigung der
bauerlichen
Leinwand von der Flachsfaser bis zum fertigen Tuch im alten
Hochzeitsschrank
anzusehen. Es gibt eine fast vollstaendige Schaefflerwerkstatt und eine
Faerberstube mit Modellen aus zwei Jahrhunderten. Auch ein
Uhrenkabinett
gibt es zu bewundern. Vom Erdgeschoss bis ins Dach kann man
Entdeckungen
machen, bauerliche Moebelstuecke finden, die so praechtig und typisch
sind,
dass das Hematmuseum sie zusammen mit sakralen Gegenstaenden fuer die
Ausstellung
*Bayern - Kunst und Kultur* in Muenchem im Olympiajahr 1972 herleihen
konnte:
einen vermutlich aus der Aiblinger Gegend stammenden Hochzeitsschrank
von
1792, eine Tischplatte von 1752, in die Darstellungen von Tellern,
Bestecken
und Bechern, Brot,Eiern und Wuersten eingelegt sind, dann noch den um
1720
entstandenen Feilnbacher Haus- oder Kommodenaltar. Besondere
Bewunderung
erfaehrt immer wieder die *Marbachstube* des um 1700 ausgestorbenen
Bauerngechlechts
der Haffner aus Marbach im Leitzachtal. Die beiden aus der ersten
Haefte
des 17. Jahrhunderts stammenden Halbschraenke sowie die Stubentuer und
die Kassettendecke lassen Stilelemente der Renaissance erkennen. Eine
Schlafkammer
mit einem Himmelbett, da von dem Aiblinger Lueftlmaler Baptist
Boeham (1752
bix 1838) kunstvoll bemalt ist, und eine Bauernkuchl erregen das
Entzuecken
vieler Besucher.
Neben den Zeugnissen heimatlicher Tradition und Kultur birgt
das Heimatmuseum
die Wilhelm- Leibl-Sammlung, eine im Verlauf vieler Jahre
zusammengetragene
Raritaet. Um aber keine falschen Erwartungen zu erwecken, einen
*echten*
Leibl hat das Museum nicht; doch es besitzt viele persoenlichen Dinge,
die Leibl in seiner Kutterlinger Zeit von 1892 bis 1900 als Atelier und
in der er mit seinem Freund und Malerkollegen Johann Sperl gearbeitet
hatte. Der 1844 in Koeln geborene Wilhelm Leibl, einer
der
bedeutendsten Repraesanten der deutschen realistischen Malerei, hat
volle
22 Jahre in der Aiblinger Gegend gewohnt: von 1878-1882 in Berbling, wo
sein beruehmtestes Bild *Drei Frauen in der Kirche* entstand, dann bis
1892 in Aibling und schliesslich -bis zu seinem Tode am 4. Dezember
1900
in Wuerzburg -in Kutterling unterm Wendelstein. In Aibling wohnte er
zunaechst
als Mieter im Haus der Firma Windstosser am Marienplatz, wie damals das
Textilhaus Mayer noch hiess, gleich rechts von der Sebastianikirche.
Leibl
hat den Besitzer Franz Mayer gemalt, und an dem Haus haengt eine Tafel,
die an Leibl als Untermieter erinnert. Zusammen mit Johann Sperl,
seinem
guten Geist in den Fragen des Lebens und erst recht der Kunst, erwies
er
sich als trinkfester und geselliger Gast beim Lindner, beim Schuhbraeu
und unter den Kastanien des ueber dem alten Markt gelegenen
Schuhbraeu-Kellers.
1883 liess sich Leibl auf dem Anger vor der alten Hofmuehle ein
Atelierhaeschen
bauen. Dort entstand in wieder fast vierjaehrigem, *ruecksichtslosem
persoenlichen
Einsatz* als bedeutendstes Werk der Aiblinger Zeit das Bild
*Wildschuetzen.*
Doch bei der Schwierigkeit, das fast lebensgrosse Gemaelde in einem
kleinen
Raum zu malen, schlichen sich proportionale Missverhaeltnisse in den
grossen
Vorwurf ein. Leibl erkannte das zu spaet, und da das Bild weder in
Paris
noch in Berlin viel Zustimmung fand, nahm er wieder, wie beim
*Nelkenmaedchen*,
sein Messer und zerschnitt es in Einzelteile, die ihm nun jene
kuenstlerische
Wirkung erreicht zu haben schienen, die dem Gesamtbild mangelte. Lovis
Corinth betrachtete die Zerstueckelung *als einen Verlust der groessten
Kunstschaetze.*
Maler haben sich immer wieder von Aibling angezogen und
kuenstlerisch
angeregt gefuehlt. Die fruehesten Werke fimdet man in Gotteshaeusern. Johann
Blasius Viceli, der Aiblinger aus Sillian, malte Ende des 17.
Jahrhunderts
die Heiligen fuer die Seitenaltaere der Pfarrkirche. Hundert Jahre
spaeter
waren es die Rokokomaler Johann Georg Gaill und
sein Sohn Franz, die die Sebastianikirche mit Gemaelden
und
das Marktschreiberhaus mit Fresken schmueckten. Wieder hundert Jahre
danach
waren Leibl und Sperl von der
Atmosphaere der
beschaulichen Kleinstadt und von der Landschaft zwischen ihr und den
Bergen
so begeistert, dass sie sie in gemeinsamen Bildern festhielten. Sperl
malte
die Landschaft und Leibl stellte die Menschen hinein: Jaeger, Bauern,
und
sich selbst zusammen mit dem *Manndl* Sperl. In Leibls Atelierhaueschen
zog nach dessen Tod wieder ein Maler ein, der gebuertige Schwede und
gefeierte
*Simplizissmus* Zeichner Brynolf Wennerberg. Seinen
duftigen
Maedchen- und Frauenbildnissen begegnet man in vielen Aiblinger
Haeusern,
auch die Stadt und das Heimatmuseum besitzen eine Anzahl. Brynolf
Wennerberg
starb 1950 in Bad Aibling. Zwei Jahre vor ihm, 82jaehrig, starb Professor
Hermann Urban, der zur selben Zeit wie Wennerberg hier gelebt
hat
und dem Leibl noch, als der junge Urban bei seinen Aiblinger
Grosseltern
war, bei seinen Malversuchen zugesehen hatte. Urban, mit 42 Jahren zum
koeniglichen Professor berufen, wird *Meister der heroischen
Landschaft*
genannt. Nachdem er sich am suedlichen Himmel sattgesehen hatte, hat er
die Landschaft der altbayerischen Heimat auf die Leinwand gebannt.
Hermann
Urban hat auch mit seiner Farbenlehre und seiner Wiederbelebung der
aeltesten
Maltechnik Wichtiges geleistet. Ebenfalls zur Wahlheimat geworden war
Bad
Aibling dem Maler- und Bildhauerehepaar Heinrich und Lissy Aigner.
Und schliesslich hat Leo von Welden, der
humorvoll-eigenwillige
Maler, dessen trunken-skurile Typen ihm oft selbst ein wenig glichen,
jahrelang
in Aibling gewohnt, bis es ihn, wie Leibl, naeher an den Wendelstein
zog.
Ein Aiblinger und Sohn des begabten Kirchenmalers und Restaurators war
auch Professor Sepp Hilz, oft zu Unrecht lediglich als
Epigone
Leibls bezeichnet.
Die Erinnerung an ein *denkwuerdiges historisches Ereignis*
ist an der
Fassade des Gasthauses und der einstamligen Poststation Duschlbraeu am
Marienplatz festgehalten: der Abschied einer bayerischen Koenigin von
ihrem
Sohn. Das Bild hat keiner der weithin anerkannten und grossen Meister
geschaffen,
aber ein in Aibling beliebter und unvergessener Maler: Josef
Hochwind.
Zu lesen ist daneben: *Koenigin Therese nahm hier am 6. Dezember 1832
tiefbewegten
Herzens Abschied von ihrem Sohn, dem neugewaehlten Koenig Otto von
Griechenland.
Sie ruhte sich in einem Zimmer dieses Hauses aus, fast ohnmaechtig in
herbem
Abschiedsschmerz um den vielgeliebten Sohn. Eine Thorbraeutochter aus
Muenchen,
Verwandte der Familie Duschl aus Aibling, trug das letzte
Abschiedsgedicht,
den letzten Scheidegruss vom Bayernlande vor. Dieses zur Erinnerung an
das denkwuerdige Ereignis im Hause Duschl, Alte Post.* Aber damit war
die
Erinnerung noch nicht genug getan, denn die damalige Biedermeierzeit
war
empfindsam und koenigstreu. Diese Eigenschaften fanden ihren Ausdruck
in
einem neugotischen Denkmal, dem *Theresienmonument*, das, wie es in der
Beschreibung heisst, *treue Frauen aus allen Gauen Bayerns* an jener
Stelle
von der Mangfallbruecke errichten liessen, an der die Koeniging
endgueltig
Abschied von ihrem in ein so fernes fremdes Land reisenden Sohn nahm,
der
1862 der griechischen Volksempoerung weichen musste. An dem grossen
Festschiessen,
das aus Anlass der Enthuellung des Momumentes am 1. Juni 1835
stattfand,
nahmen 106 Schuetzen aus der ganzen Umgebung teil. Ihre Wahlsprueche
sind
alle aufbewahrt und zeugen von Koenigstreue und Heimatsinn. Die langen
Reihen der Schuetzen eroeffnete ein Maxlrainer mit dem Spruch: *Es lebe
unsere Koenigin*, sie liebt uns ja mit Muttersinn.* Der Lebzelter
Siertl,
vieljaehriger Buergermeister von Aibling, hat dem Schreiber folgendes
diktiert:
*Wir koennen heute froehlich schiessen, weil wir gesund in Hellas Otto
wissen.* Dem Kuerschnersohn Josef Moeschl von Aibling war eingefallen:
*Oh, dass des Koenigs Leben wuechse, bei jedem Schuss aus meiner
Buechse.*
Foerster Krebs liess auch keinen Zweifel an seiner Gesinnung aufkommen:
*Dem Wendelstein gleich, der uns umgibt, so sehr mein Herz den Koenig
liebt.*
(Dieser Koenig war Ludwig I., und seine Geliebte, die falsche Spanierin
Lola Montez, die ihn dann 1848 den Thron gekostet hat, war auch einmal
Gast in der Duschl-Post.)
Im Westen von Bad Aibling, dort, wo man auf der alten
Landstrasse, der
heutigen Staatsstrasse 2078, von Muenchen her zuerst in die Stadt
hineinkommt,
hat sich das sachlich neue Aibling angesiedelt: einige garantiert
umweltfreundliche
Industriebetriebe, das neue Schulzentrum und die erst 1963
konsektrierte,
einfache, klare Georgskirche. Ihr Innenraum ist bestimmt von der Wuerde
des Altars und von der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde. Die fuer
eine katholische Kirche im bayerischen Raum ungewoehliche Kargheit
macht
sie weniger zur sinnfrohen Augenweide fuer blosse Kunstbetrachter als
zur
Einkehrstaette fuer Beter. Eng mit dem Gotteshaus verbunden ist die
1961
erbaute *Grund- und Hauptschule an der Sonnenstrasse* fuer den Suedteil
der Stadt. Zum neuen Schulzentrum gehoert die 1971 eingeweihte,
inzwischen
23klassig ausgebaute und nun von rund 700 Schuelern besuchte
Wilhelm-Leibl-Realschule.
Zahlreiche weitere Buben und Maedchen brauchen ausserdem seit 1974
nicht
mehr ins Gymnasium nach Rosenheim zu fahren; sie haben nun ein
Gymnasium
in Aibling, das mit der aus der Stadt Kolbermoor ins Aiblinger
Schulzentrum
verlegten *Wirtschaftsschule Alpenland* verbunden ist. Um ein Gymnasium
hatten die Aiblinger, im Wettstreit mit Rosenheim bereits vor Hundert
Jahren
gekaempft. Es sollte im suedlichen Oberbayern, speziell in unserer
Gegend,
eine *Anstalt fuer hoehere Bildung* geschaffen werden. Zunaechst schien
Aibling damit das Glueck zu haben. Man erhoffte sich hier Gewinn an
Ansehen
und Bedeutung und eine *Steigerung des Fremdenzuflusses*. Nun hatten
sich
zwar die an den Fremdenzufluss gesetzten Erwartungen der alten
Aiblinger
erfuellt, aber Rosenheim wurde doch zuerst Schulstadt. Die
Lokalinspektion
Aibling scheint den Ausschlag gegeben zu habeen, dass die ersehnte
*hoehere
Bildung*, trotz zweier weiterer Versuche zu Ende des 19. Jahrhunderts,
noch keinen Eingang in Aibling gefunden hatte. Erst 1971 war es, wie
gesagt,
so weit. Nahe den neuen Schulen ist das Sportzentrum mit einer modernen
Turnhalle und mit Kunststofflaufbahnen, auf denen auch ueberregionale
Sportveranstaltungen
ausgetragen werden. Im Sueden der Stadt entstehen ein Schwimmbad sowie
eine Eislaufhalle, die 1981 eroeffnet werden.
Aibling hatte, als das industrielle Zeitalter gerade erst
angebrochen
war, bereits seine *stille Industrie*, der es seinen Aufstieg in den
Wohlstand
der Kurstadt Bad Aibling verdankt. Den Rohstoff dafuer holte und holt
es
sich noch heute aus den weiten Hochmooren im Sueden der Stadt, aus
einem
Gebiet, das nun die Autobahn Muenchen-Salzburg durchschneidet. Im Jahre
1845, als nach der Gruendung der *Soolen- und Moorschlamm-Badeanstalt*
durch Dr. Desiderius Beck stolze 50 Badegaeste in der Saison
registriert
wurden, und noch viele Jahrzehnte hinterher, foerderte man den Rohstoff
Torf mit Menschenkraft, Schubkarren und Loren. Vierbeinige
Pferdestaerken
brachten ihn in die Badeanstalten, jeweils an die drei Zentner fuer ein
Moorbad. Heute geben die Bagger, die Foerdermaschinen und die schweren
Lastautos, die fuer rund 15 000 Heilungssuchende im Jahr das schwarze
Gold
Aiblings in die Stadt befoerdern,den Torfstichen fast das Aussehen
einer
Baustelle in Schwarz. Doch nur wenige Gehminuten abseits ist man gleich
wieder in der Stille und der Wildnis des Moores, der *Filz'n*. Die
Moore
schieben sich, vor allem im Osten der Stadt, wo sich erst in der Mitte
unseres Jahrhunderts grosse Kursanatorien anzusiedeln begannen, bis an
den Rand der Huegellandschaft heran. Sie stuerzt manchmal, wie eine
vorgebaute
Terasse, fast ohne Uebergang in die leicht melancholische braune Welt
der
Torfstiche ab. Steht man mit den Beinen noch halb in einer Kiesgrube
voll
eiszeitlicher Gletscherfracht, so kann man mit der Hand beinahe schon
die
ersten Wahrzeichen der Moorlandschaft greifen: die schlanken,
weiss-schimmernden
Birken. Auf den schmalen Gangsteigen geht es sich so merkwuerdig leicht
in eine gaenzlich anders geartete Landschaft hinein. Der Gradboden hat
es schwer sich im Sommer zu behaupten - immer wieder klaffen in die
gelblich
angesengte Decke schwarze Luecken, und man wundert sich, wie die hohen
Foehren, die meist in Gruppen stehen, auf diesem leichten Boden Stuerme
standzuhalten vermoegen. Dann wieder kommen Flaechen, auf denen das
Heidekraut
knietief steht, an anderen Stellen ducken sich die Latschen. An den
Raendern
der Wege und alten Torfstiche ranken sich Brombeerstauden, da und dort
stehen Wacholderpyramiden.
Am oestlichen Rande des Moores, in der gegen das Kaisergebirge
hin weitgeoffneten
Landschaft, liegt Harthausen. Das alte Dorf mit seinen stattlichen
Hoefen,
einem Kur-Krankenhaus, mit Gaststaetten und Pensionen ist zum schoenen,
stillen Kurbereich von Bad Aibling geworden. Von Harthausen fuehrt eine
geschwungene Strasse ueber den Weiler Zell durch Felder und Wiesen zum
Stadtteil Ellmosen. Der aelteste Zeuge seiner Geschichte ist ein
roemischer
Grabstein, der 1808 von der Nordwand der Kirche entfernt und ins
Nationalmuseum
nach Muenchen gebracht worden ist. Ein Gipsabdruck davon kam ins
Aiblinger
Heimatmuseum. Die Tochter eines roemischen Edlen hatte das Grabmal mit
der Bestimmung errichten lassen, dass ausser ihr und noch weiter
genannten
Personen niemand an dieser Stelle bestattet werden duerfe. Als *Olemos*
wird Ellmosen erstmals 1300 erwaehnt. Es steht auch fest, dass, ehe im
Jahr 1482 der Pfarrer der der heiligen Margareta geweihten Kirche einen
Hof in Aibling erhielt, das Pfarrwidum sich in Ellmosen befand. Die
Kirche
ist ein spaetgotisches Bauwerk mit einem gotischen Sattelturm. In der
frueheren
Barockzeit wurde sie wesentlich veraendert; die Fenster wurden
umgestaltet
und vermehrt. Die Deckengemaelde malte der Aiblinger Boeham im
spaeten
18. Jahrhundert. Das Hauptbild stellt die heilige Margarete
dar.
Auf dem Hochaltar steht eine Figur der Kirchenpatronin, die beiden
Seitenaltaere
sind der heiligen Anna und dem heiligen Isidor geweiht. Einem recht
unheiligen
Kerl kann manan einem Bauernhaus an der alten Hauptstrasse begegnen.
Der
Bursche mit dem sparsamen G'schau hat ein hartes Leben hinter sich; so
muehsam halt, dass ihm die Zunge schon heraushaengt von den
ungezaehlten
Getreidesaecken, die er in den Speicher hinaufziehen musste. Er hat
-selbst
wenn er einmal haette rasten koennen- sehr viel leiden muessen. Denn
wenn
ein Unglueck ueber den Hof kam, eine Seuche im Stall war, ein
Hagelunwetter
oder gar der Blitz einschlug, musste er sich als Pruegelknabe mit der
schweren
Eisenkette um seinen Hals *schinden* lassen. Doch darum hatte er nicht,
was schliesslich als *Daemon* seine Pflicht gewesen waere, die boesen
Maechte,
die das Unglueck ueber das Anwesen brachten, rechtzeitig abgeschreckt!
Als allerjuengste Kinder hat das alte Aibling 1978 auch noch
die schoenen
Nachbardoerfer Willing im Sueden, Mietraching im Nordwesten und
Harthausen
im Osten sozusagen zwangsadoptiert bekommen. Nach Harthausen fuehlt ein
erholsamer Spazierweg durch die laengste Birkenallee weitum. Seit der
Gemeindegebietsreform
zaehlt Bad Aibling nun rund 12600 Einwohner, es ist an Flaechenausmass
um das zweieinhalbfache gewachsen. Es hat mit der Mitgift der zunaechst
etwas widerwillig eingemeindeten Doerfer, die ihre Selbstaendigkeit gar
nicht gerne aufgeben wollten, auch seinen kulturellen Besitzstand
beachtlich
erweitert. Mit Mietraching -einem Dorf, das auch schon 804 urkundlich
erwaehnt
war, hat es die Kirche St. Veit geerbt, einen gotischen spaeter
veraenderten
Tuffquaderbau mit Sattelturm. Das Gotteshaus entstand im 16.
Jahrhundert.
Aus dieser Zeit stammt wohl auch die ornamentale
Gewoelbezwickelmalerei,
die sich, wie es in einer Inschrift im Altarraum heisst, *1920 unter
vielen
Tuenchschichten vorgefunden hat.* Bereits in fruehester Zeit besiedelt
war auch Willing. Roemer, mittelalterliche Kirchenfuersten, die
Schweden,
denen bei ihrem Ueberfall auf Aibling 1648 auch die meisten Willinger
zum
Opfer fielen, napoleonische Besatzungstruppen praegten seine
Geschichte.
Die Willinger Kirche ist eine der ersten sakralen Bauten der
Hausstaetter.
Die *Maurermeister ab der Hausstatt* gingen, wie die beruehmteren
Brueder
Dientzenhofer, aus der alten Kulturlandschaft vorm Wendelstein hervor.
Ein schoener Bauernhof dort heisst noch heute die *Hausstatt.* Eine
Gedenktafel
traegt die Namen: Hans Mayr, Abraham Millauer, Philipp Millauer, Hans
Thaller.
In Willing behielt Hans Mayr den gotischen Sattelturm der alten Kirche
bei. Bemerkenswert in dem Gotteshaus sind die anmutige
Rokokostuckierung,
eine Kreuzigungsgruppe sowie die Figuren des Kirchenpatrons St. Jakob
und
des heiligen Nikolaus aus der Erbauungszeit, aber auch die aus dem 15.
Jahrhundert stammende Muttergottes und ein Vortragekreuz mit dem
heiligen
Leonhard. Schon um 700 wurde ein Jakobskirchlein in Willing erwaehnt.
Im
Mittelalter war St. Jakob in Willing Raststaette auf der Pilgerstrasse
nach Santiago de Compostela.
Das kostbarste Schmuckstueck, das Bad Aibling mit der
Gemeindegebietsreform
zufiel, ist das zwischen Obstgaerten an einem waldigen Berghang
gebettete
Dorf Berbling mit der Rokokokirche Heiligenkreuz. Auf dem Wege zu ihr
kommt
man an der *Schmiede* vorbei. Das Wohnhaus, ueber dessen Haustuer die
Jahreszahl
1714 steht, ist mit reicher Lueftlmalerei verziert. An der Frontseite
sind
die Heiligen Nikolaus und Katharina, der Lebensbrunnen, die Madonna und
der Gekreuzigte bemerkenswert gut erhalten. Umso erstaunlicher ist
dies,
wenn man bedenkt, dass die farbschoenen Bilder seit ihrer Entstehung
Ende
des 18. Jahrhunderts noch nicht restauriert wurden. Die Kirche, von Philipp
Millauer, dem dritten der *Maurermeister ab der Hausstatt*
begonnen
und von Hans Thaller fertig gebaut, ist ein Werk voller
Anmut
und Schoenheit und wird manchmal *die kleine Wies* genannt; das
Aeussere
faellt durch reiche Gliederung der Waende auf. Mit den nach innen
geschwungenen
Langhauswaenden, dem dreigeschossigen Westturm mit seiner
Pilastergliederung
im Oberbau, dem geschwungenen Gebaelk und der Zwiebelhaube ist dieses
Gotteshaus
nahe dem Wendelstein im abgelegenen kleinen Dorf immer wieder eine
Ueberraschung.
Der Innenraum der in der Kunstgeschichte mit einem Stern versehenen
Kirche
bildet den Rahmen, den Wilhelm Leibl fuer sein beruehmtes Gemaelde
*Drei
Frauen in der Kirche* brauchte, das er von 1878 bis 1892 dort malte.
Die
drei Frauen, zwei alte und eine junge, waren wohl vom Schicksal
ausersehen,
als getreues Spiegelbild typisch altbayerischer Weiberleute aus dem
Oberland
zu dienen. Sie wurden, ihnen selbst und dem ganzen damaligen Dorf
voellig
unverstaendlich, mit je zwei Mark am Tag dafuer bezahlt, dass sie fast
vier Sommer lang in der Kirche sassen: in betender Haltung. Und sie
wussten
es nicht, und haetten es wohl wieder nicht begriffen, dass dann in der
koeniglichen Haupt- und Residenzstadt Muenchen innerhalb von drei Tagen
etwa dreitausend Menschen vor ihrem Bildnis standen: andaechtig und
ergriffen
wie vor einer Offenbarung. Durch dieses Gemaelde und seinen Sschoepfer
haben Aibling und seine Landschaft einen Rang bekommen, der dem
aeltesten
Moorbad Bayerns sonst nicht so sicher gewesen waere.
Zeittafel - von Epilinga bis Bad Aibling
804 Am 13. Januar ging Epilinga in die Geschichte ein. Karl
der Grosse
liess einen Gerichtstag abhalten.
855 war Koenig Ludwig der Deutsche,
898 Kaiser Arnulf in Epilinga.
927 Marienkapelle am *Hofberg* beurkundet.
1180 Vogteirechte kamen an den Gaugrafen von Falkenstein-Neuburg.
1321 Gewaehrung besonderer Freiheiten durch Kaiser Ludwig den Bayern
1431 Bau einer Pfarrkirche an der Stelle der alten Hofkapelle.
1481 erhielt Aibling die volle Marktfreiheit.
1503 Feuersbrunst, 1564 und 1634 Pestepidemien.
1648 wurden bis auf zwei, die sich in einem Kamin versteckten, alle
Maenner von den Schweden niedergemacht. 1706 wegen Beteililgung am
Aufstand
der Oberlaender wurde auch Aibling von den Oesterreichern besetzt
173 und 1747 wieder Brandkatastrophen.
1755 Umbaubeginn der Pfarrkirche durch A. Millauer nach Plaenen von
Johann Michael Fischer.
1756 wurde Aibling Hauptstation der Postroute Muenchen-Innsbruck
1794 hatte der Markt Aibling 924 Einwohner.
1803 Landgericht Rosenheim dem Landgericht Aibling unterstellt.
1806 *Nationalfeyer der Koenigs- und Souveraenisitaetsproklamation
des Landgerichts Aibling in den Maerkten Aibling und Rosenheim.*
1807 Landgericht Aibling aufgeloest und dem wiedererrichteten
Landgericht
Rosenheim angegliedert.
1811 brannten das Rentamt am Marktplatz und vier Haeuser ab.
1830 hatte Aibling 247 Familien und 1088 Einwohner.
1833 Einfuehrung einer *naechtlichen Bleuchtung* des Marktes
1845 eroeffnete der Landgerichtsarzt Dr. Desiderius Beck seine *Soolen-
und Moor-Schlamm- Bad Anstalt als erstes Moorbad Bayerns.
1857 wurde die Bahnlinie Muenchen-Holzkirchen-Aibling-Rosenheim
eroeffnet.
1894 Errichtung eines Elektrizitaetswerkes.
1895 wurde der Markt Aibling der Titel *Bad* zuerkannt
1896 legte der Aiblinger Buerger Martin Schwarzfischer die Birkenallee
an.
1897 Eroeffnung der elektrischen Bahnlinie Aibling-Feilnbach.
1900 am 1. Oktober nahm dasKoenigliche Bezirksamt in Aibling seine
Taetigkeit auf. 705 Haushaltungen, 3246 Einwohner, vier Kurhotels.
1904 Evangelische Kirche eineweiht, 3477 Einwohner
1907 Bau eines Kurhauses
1908 Heimatmuseum im Gasthaus *Bauernwirt* eroeffnet.
1931 Heimatmuseum in das ehemalige Armenhaus verlegt. 4986 Einwohner
in der Stadt.
1933 Markt Aibling zur Stadt erhoben.
1940 brannte das 1765 erbaute Rathaus ab.
1947 waren es 8414 Einwohner, davon 2917 Heimatvertriebene.
1955 7340 Einwohner, 4335 Kurgaeste, 700 Fremdenbetten.
1967 wurde das neue Kurhaus eroeffnet.
1971 Wilhelm-Leibl-Realschule eingeweiht
1972 wurde der Landkreis Bad Aibling dem Grosslandkreis Rosenheim
zugeordnet.
1973 Neubau des Rathauses.
1974 Gymnasium Bad Aibling eroeffnet.
1975 hatte Bad Aibling 9266 Einwohner und 16 498 Kurgaeste, fuenf
Sanatorien,
fuenf Kurhotels und fuenf Kurheime, 35 Hotels, Gasthoefe und Pensionen,
50 Privatquartiere, insgesamt 2000 Fremdenbetten und 491914
Uebernachtungen
sowie 16 Tennis- und 2 Hallenplaetze, Hallenbaeder, eine neue
Freizeitanlage
mit Eislaufhalle, beheiztem Freischwimmbecken und Sauna, eine Minigolf-
und Freischachanlage im Kurpark.. Wichtigste Heilanzeigen sind in Bad
Aibling
Rheuma, Ischias, Gicht, Arthrosen, Bandscheibenschaeden,
Durchblutungsstoerungen,
Frauenleiden und nicht-operative Behandlung von Prostata- und
Blasenleiden.
1978 am 1. Mai, nach vollzogener Gemeindegebietsreform, hatte Bad
Aibling
12617 Einwohner.
|