Bad Aibling
Heilbad mit
kultureller
Verpflichtung
Hinter
den Kulissen
geschrieben 1973 von Otto Maximilian Helmuth Gastel,
Redakteur
und Reporter der Aiblinger Zeitung *Der Mangfallbote* sowie Bad
Aiblings
Programmgestalter seit 1945.
(Vater von Ingeborg Brigitte Gastel)
Seit dem Jahr 1967 gibt es in Bad Aibling einen festen
Kurhaus-Spielplan.
Das Kurhaus selbst gibt es zwar schon seit 1908, aber erst der
umfassende
Neu- und Erweiterungsaufbau brachte die technischen und finanziellen
Voraussetzungen
fuer das, was man im Theaterbetrieb einen geordneten Spielplanbetrieb
nennt.
Man erhoehte die Zahl der Sitzplaetze auf 800, schuf eine moderne
Buehneneinrichtung
mit allem Drum und Dran, zu dem auch ein versenkter Orchestergraben
gehoerte
-kurzum, im oberbayerischen Raum ist Bad Aibling, von Muenchen
natuerlich
abgesehen, in dieser Beziehung konkurrenzlos. Der Kurhaus-Umbau
verschlang
ueber 4.2 Millionen Mark.
Zur Aufstellung eines Spielplans gehoert monatelange
Vorarbeit. Praktisch
muss ueber ein Jahr im voraus disponiert werden. Die richtige Auswahl
der
Stuecke, von der ja weitgehend das finanzielle Ergebis am Ende des
Jahres
abhaengt, ist nicht einfach. Publikumsgeschmack deckt sich nicht immer
mit dem Wert eines Schauspiels. So ist man bestrebt, dort, wo es vom
Stueck
her gesehen an Anziehungskraft fehlt, auf einem anderen Weg
auszugleichen,
dem des Star- Gastspiels. Auf diesem, wenn man will, Umweg ist es
gelungen,
den in der Provinz vor allem fuer das Schauspiel etwas steinigen
kulturellen
Boden etwas aufzulockern und jenes Intersse auch in der eingesessenen
Bevoelkerung
zu wecken, ohne das die jetzige umfassende Art der Betreuung der
Kurgaeste
mit guten Theaterauffuehrungen gar nicht moeglich waere. So gelang es
auch,
das im Laufe eines Jahres zwangslaeufig entstehende Defizit in
ertraeglichem
Rahmen zu halten. Es ist vielleicht ganz nuetzlich zu wissen, dass
zahlreiche
Theaterauffuehrungen in Bad Aibling nur durch Uebernahme einer
finanziellen
Garantie von seiten der Stadt stattfinden koennen. Diese Garantien
bewegen
sich zwischen 5000 bis 9000 Mark je Auffuehrung. Von dieser
Groessenordnung
werden jeweils, wenigstens theoretisch, auch die Eintrittspreise
bestimmt.
Dass auch sie in den letzten Jahren in die Hoehe gingen und wohl auch
nocht
weiter steigen werden, ist eine unerfreuliche, aber nicht abzuwendende
Begleiterscheinung.
So ein Jahresspielplan ist jedoch nur ein fester Rahmen, der
Raum fuer
allerlei terminliche Verschiebungen gibt. Absagen kommen zwar sehr
selten
vor, aber wenn, um nur ein Beispiel herauszugreifen, Dagmar Koller
mitten
in einer Tournee die Aufforderung erhaelt,an einem bestimmten Tag im
Wiener
Ratshaus eine Auszeichnung entgegenzunehmen, so muss, der Kuenstlerin
zuliebe,
die fuer diesen gleichen Tag an einem Ort angesetzte Auffuehrung
ausfallen,
bzw. verschoben werden. Das ergibt dann meist unerfreuliche
Kettenreaktionen.
Immerhin hatte Bad Aibling Glueck: *Irma La Douce* brauchte nur zweimal
aus derartigen Gruenden verschoben zu werden. Noch spannender wird es
allerdings,
wenn am definitiven Auffuehrungstag selbst, wie es in Bad Aiblng
geschah,
nachmittags um 16:30 Uhr von irgendwoher an der Autobahn
Nuernberg-Muenchen
ein Anruf ins Aiblinger Kurhaus kommt: Wir stecken seit 1 1/2 Studen
wegen
Schneesturm und zahlreicher Unfaelle fest, der Auffuehrungsbeginn muss
moeglicherweise um eine halbe Stunde verschoben werden.* Das sind dann
die Situationen, bei denen der Veranstaltungsleiter Blut zu schwitzen
beginnt.
Er ist allerdings Kummer gewoehnt. Einmal - das war in den
ersten Nachkriegsjahren,
als das Benzin noch zugeteilt wurde und der Eisenbahnverkehr noch
allerlei
Zufaelligkeiten unterlag - kam eine halbe Stunde vor der restlos
ausverkauften
*Zigeunerbaron* Auffuehrung der telefonische Hilferuf aus Waldtrudering
(Bahnstrecke Muenchen-Rosenheim) ins Kurhaus: *Ich kann nicht weiter.
Die
Bahn-Oberleitung ist zusammengebrochen. Wenn die Vorstellung
stattfinden
soll, muss man mich hier im Auto holen * Ohne die *Saffi* haette die
Auffuehrung
nun beim besten Willen nicht stattfinden koennen. Es fand sich ein
hilfreicher
Aiblinger, der auf sein Benzinkontingent suendigte und die insgesamt 60
Kilometer auf sich nahm. Man verschob den Beginn der Vorstellung
vorsichtshalber
um eine Stunde. Da die Saffi zudem erst gegen Ende des ersten Aktes auf
die Buehne kommt, wagte man das Risiko. Zwei Minuten vor dem kritischen
Augenblick hielt das Auto vor dem Buehneneingang. Die Kuensterlin hatte
sich bereits im Wagen fuer den Auftritt fertig gemacht. Der Vorhang
brauchte
nicht vorzeitig zu fallen. Die Nervenbelastung wirkte sich dann in der
Pause aus. Es gab hinter den Kulissen einen lautstarken Krach.
Lautstark ging es vor etwa 15 Jahren auch gelegentlich bei der
Auffuehrung
eines Lustspiels zu, in dem drei nach Paris gekommene sowjetische
Ueberwachungskommissare
eine nicht unwesentliche Rolle spielten; zwei der Darsteller konnten
sich
offensichtlich nicht leiden. Einer von ihnen war kurz vorher zu seinem
Unglueck auf die Aiblinger Volksfestwiese geraten und hatte dort zu
viel
*erwischt*, was sich hinterher auf der Buehne so auswirkte, dass er
seinen
Kommissar-Kollegen und persoenlichen Intimfeind kurzerhand mit Schwung
hinter die Kulisse warf. Das Publikum war auch dann noch erheitert, als
die *Prinzipalin* vor die Buehne trat, um das Benehmen des
Schauspielers
zu entschuldigen. Das Publikum glaubte auch dann noch, dass dies alles
sozusagen zum Stueck gehoere, als der sichtlich unter Alkoholeinfluss
stehende
Kollege ebenfalls vor dem Vorhang erschien und das Publikum lauthals
dazu
aufforderte, ihm zu bestaetigen, dass der andere ein Schuft sei. Denn
im
russischen Milieu, so dachte das Publikum, sei so etwas immerhin
moeglich.
Der Arzt, den man in der Pause bemuehte, um dem Patienten eine
Beruhigungsspritze
zu geben, gab zu bedenken, dass man sich dann den Rest der Vorstellung
schenken muesse, denn die Injektion wirke ungemein schlaffoerdernd.
Nun,
die Auffuehrung wurde mit heroischem Nerveneinsatz von allen
Mitwirkenden
zu Ende gespielt, worauch auch das im dritten Akt hinter den Kulissen
weitergehende
*Gerangel* mit dem nun total Betrunkenen nichts zu aendern vermochte.
Im
Gegenteil, als die Aufforderung des *Goetz von Berlichingen* aus dem
Hintergrund
lautstark in eine zart gespielte Szene hineinplatzte, gab es
stuermisches
Gelaechter, und auch die an diesem Abend nicht zu beneidenden Kuenstler
vermochten nur muehsam ihre Fassung zu bewahren. Der Schauspieler, der
diesen Theaterskandal verursachte, fand spaeter ein tragisches
Ende.
Immerhin - das Kurhaus Bad Aibling hat sich in den wenigen
Jahren nach
der Neueroeffnung mit seinen Theaterauffuehrungen einen Ruf zu
verschaffen
gewusst, der weit in die Suedostregion Oberbayerns hineinreicht. Seit
1967
waren es nicht weniger als 230 Theaterauffuehrungen der verschiedensten
Art, die, das Jahr 1973 eingeschlossen, von etwa 120 000 Personen
besucht
waren. Rechnet man, dass etwa 25 % der Besucher dieser Auffuehrungen
auf
Kurgaeste entfallen (was an sich hoch gegriffen ist), dann ergibt sich,
dass das Kurhaus Bad Aibling eine kulturelle Funktion erfuellt, die
fuer
ein grosses Gebiet von Bedeutung geworden ist. Von Juli 1967 bis zum 1.
Juni des Jahres 1973 gab es 12 Opern, 20 Operetten und 6 Musical-
Auffuehrungen.
Das Sprechtheater (Schauspiel, Komoedie, Boulevard-Lustspiel) war,
meist
in Starbesetzung, 59x vertreten. Dazu kommen 47 Auffuehrungen des
*Tegernseer
Volkstheaters*, das sich beim Kurpublikum ungebrochener Beliebtheit
erfreut.
Mindestens zwei- bis dreimal im Jahr gastiert im Kurhaus auch
das Philharmonische
Orchester Bad Reichenhall unter der Leitung Dr. Barths mit
Symphoniekonzerten,
an denen mitunter hervorragende Solisten (Kurt Boehme, Margit Schramm,
Elfie Mayerhofer, Hans Kiemer, Lutz Leskovitz u.a.) mitwirkten. Aber
auch
die *Philharmonie Hungarica*, das Muenchner Kammerorchester und die
*Camerata*
Muenchen absolvierten Konzerte im Kurhaus, die haeufig sehr gut besucht
waren. Ausverkauft waren Liederabende beruehmter Soloisten, wie
Anneliese
Rothenberger, Erika Koeth, Hermann Prey, Ingeborg Hallstein, aber auch
Saenger wie Cesare Curzi und Christoph Schuppler fanden ihr Publikum.
Die
Zahl der Kammermusikabende ist im Spielplan der letzten Jahre mit 12
ausgewiesen,
liegt aber erheblich hoeher, da manche, weil verspaetet gemeldet, nicht
ins Jahresprogramm aufgenommen werden konnten. Von den 5
Kabarettvorstellungen,
fuer die an sich in Bad Aibling leider kein sehr aufnahmebereiter Boden
vorhanden ist, war nur diejenige der inzwischen entschlafenen *Lach-
und
Schiessgesellschaft* ausverkauft, und dies sogar im grossen Saal. Auch
die internationalen Tanzgruppen fehlten nicht: Mit den Namen
*Brasilliana*,
*Black Africa*, *Ceylonesisches* und *Ukrainisches Natinalballett*
verbinden
sich ebenso freundliche Erinnerungen wie mit den Wiener Saengerknaben,
die fast alljaehrlich ins Kurhaus kommen, und den *Oberkrainern.*
Daneben
gab es bunte Abende meist heiterer Art, Maerchenauffuehrungen sowie
internationale
Amateur-Tanzturniere.
Man kann ohne Uebertreibung sagen, dass es im Aiblinger
Kurhaus gelegentlich
Auffuehrungen gab und weiterhin geben wird, um die uns auch die
Muenchner
beneiden. Das liegt daran, dass es fuer Tournee-Gastspiele
ausserordentlich
schwierig ist, in Muenchen zur geeigneten Zeit einen passenden Raum zu
finden. So passiert es, dass zu den Aiblinger Auffuehrungen dann und
wann
auch Muenchner und Salzburger kommen. Das gilt besonders fuer die
sogenannten
Star- Gastspiele. Umgekehrt kommen aber auch die Ensembles sogenannter
*fester Buehnen* nach Bad Aibling: Das Staatstheater am Gaertnerplatz,
das Tiroler Landestheater, das Stadttheater Passau (Suedostbayerisches
Stadttheater), ja sogar das Schwarze Theater Prag oder die *Wiener
Burg.*
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