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Johann Valentin Andreä (1586-1654)
Lutherischer Theologe und Dichter

(Ein Lexikon-Eintrag des 19. Jahrhunderts - 
Allg. Deutsche Biographie, Leipzig, 1875)
 

Lutherischer Theologe, *17.8.1586 zu Herrenberg in Württemberg, +27.6.1654 zu Stuttgart. Sein Vater Johann Andreä, *1554, war das siebente der 18 Kinder des Kanzlers Jakob Andreä, und war seit 1591 bis zu seinem Tode im Jahre 1601 Abt von Königsbronn; seine Mutter, Maria Moser, *1550, +1631, hat der Sohn, der sie mit der Monica vergleicht, 1663 eine eigene Denkschrift gewidmet. Schon als Kind zart und reizbar, aber wegen seines lebendigen Geistes überall gern gesehen (ingenio sgaci ezt festivo, sagt er selbst, ut propinquis et amicis voluptati essem) wurde er durch sehr verschiedene Menschen, wie durch zwei junge Ärzte seines Vaters, für vielerlei Dinge früh interessiert, auch für Mathematik, Mechanik, Malerei und Musik, daneben in den Sprachen gut unterrichtet. Nach dem Tode des Vaters zog die Mutter mit ihm und ihrem anderen 6 Kindern 1601 nach Tübingen, und hier breitete er seine Studien sechs Jahre hindurch immer weiter aus; Mästlin, der Lehrer Keplers, wurde auch sein Lehrer in der Mathematik; mit Heißhunger verschlang er alte und neue lateinische Historiker, Dichter und Redner, welche ihm in Chr. Besolds Bibliothek zugänglich waren, von neueren Erasmus, Frischlin, Lipsius, Scaliger, Heinsius, de Thou u.a.; er teilte, wie er sagte, seine Zeit so, daß er die Wissenschaften den Tag hindurch und die Schriftsteller dergestalt in die Nacht hinein trieb, daß Augenleiden und Schlaflosigkeit, er meint auch Schwächung seines Gedächtnisses, davon die Folgen waren. Daneben konnte er einen ausgebreiteten Verkehr mit vielen und vielerlei Freunden nicht entbehren, und wenn auch die alten Anhänger und Schüler seines Großvaters es ihm an Stipendien nicht fehlen ließen, so mußte er auch schon zur Unterstützung der Mutter Mitschüler unterrichten, welche er, wenn auch nicht „disciplinarum peritia, doch rerum cognitione“ übertraf; 1603 wurde er Baccalaureus und 1605 Magister; schon 1602 und 1603, also sechzehnjährig, schrieb er zwei Komödien, „Esther“ und „Hyazinth“ nach englischen Vorbildern, und um dieselbe Zeit auch schon die erst 1616 gedruckte „chymische Hochzeit Christiani Rosencreuz anno 1459“, ein abenteuerliches Phantasiestück, welches Leser zum Aufsuchen tiefen Sinnes reizen und, da dieser nicht dahinter war, wenn sie dennoch suchten, dadurch verspotten sollte.

Schon hatte er auch seine theologischen Studien angefangen und selbst mehrmals gepredigt: aber ein Exzeß, in welchen er im Jahre 1607 mit österreichischen Kommilitonen, „qui in Veneres illius temporis petulantius luderent“, mit verwickelt wurde, und welchen er selbst nicht verteidigen will, unterbrach jetzt seine Laufbahn im Vaterlande. Er verlor seine Benefizen und zunächst wohl auch die Aussicht auf eine geistliche Anstellung, und so hielt er für nötig, für die nächste Zeit Württemberg zu verlassen. dadurch verlängerten sich seine Lehrjahre noch bis 1614 um sieben andere, welches dadurch, daß sie unruhige Wanderjahre wurden, viel bildender für ihn wirkten, als wenn er den Weg eines Tübinger Magisters in der gewöhnlichen Weise in der Heimat weiter verfolgt hätte. Das war ja wohl unmöglich, daß der Enkel Jakob Andreäs jemals in der Lehre von strengen Luthertum hätte abfallen können; aber was gerade einem solchen vor anderen an schwäbischer Selbstseligkeit hätte gefährlich werden können, das wurde Andreä gründlich abgestreift durch die Welterfahrung und den erweiterten Überblick, welche er durch diese Reisen gewann; und durch das, was er an vielseitiger Bildung und an idealer Erhebung über das kleinstädtische seiner nächsten Umgebung schon dazu mitbrachte, vertiefte sich bei ihm noch die Unterscheidung, welche nachher einen Grundzug seines ganzen Wesens ausmachen sollte, zwischen der in den damaligen Zuständen kleiner lutherischer Länder sehr unvollkommen Wirklichkeit, welche ihn reizte, sie satirisch oder reformatorisch zu beleuchten, und dem was er vollkommeneres und christlicheres und darum als Gottes Wille an deren Stelle wünschte. Auch als er aus Straßburg, wohin er sich zunächst wegbegab, noch einmal nach Tübingen zurück kam, wurde ihm auch unter der neuen Regierung Johann Friedrichs 1608 wieder abgeschlagen, was ihm unter der vorigen, Friedrichs und Enzlins, versagt war und was er jetzt auch durch mehrere Schriften zu erreichen suchte, ein geistliches Amt im Inlande, und so glaubte er nun das theologische Studium aufgeben und eine andere Stellung suchen zu müssen. In Lauingen, wo er einen Auftrag als Erzieher annahm, kam er wieder in Gesellschaft solcher, deren Sitten den seinigen schaden konnten; auch mit den Jesuiten in Dillingen machte er Bekanntschaft. Dann wieder in Tübingen auf zwei Jahre unterrichtete er zwei Brüder Truchseß, schrieb pädagogische Schriften, lernte Laute und Zither spiele, verkehrte mit Uhrmachern und anderen Handwerkern, ohne doch seine theologischen Studien völlig aufzugeben, bei welchen ihn auch die Freunde seines Vaters und Großvaters immer noch festhielten. 

Entscheidend für sein ganzes Leben wirkte dann im Jahre 1610 ein Aufenthalt in der Schweiz. In Genf, wo er einige Jahre nach Bezas Tod ankam, sah er zum ersten Male,
was ihm dem Lutheraner noch ganz neu war, die Kirchenverfassung und Kirchenzucht Calvins und die daneben stehende fromme und strenge Sitte, und wurde ganz davon
hingerissen, auch überrascht dadurch, daß die hervorragenden Theologen dort für die deutschen Streitfragen wenig Interesse hatten und ihm so freundlich entgegenkamen.
„Wenn mich nicht religionis dissonantia zurückgehalten hätte“, sagt er, „so hätte mich dort die consonantia morum für immer gefesselt, und ich habe mich seitdem mit jeder
Anstrengung bemüht, etwas derart für unsere Kirchen zu erreichen.“ Man sieht, was ihm hier durch das reformierte Ausland hinzugebracht wurde zu seinem deutschen
Luthertum, dem es vor lauter Scholastik und Polemik abhanden gekommen war, die Aufforderung im wirklichen Leben der Gegenwart mit dem Christentum Ernst zu machen, das bestimmte seine besondere Lebensaufgabe; er sagt wörtlich in seiner vita: „id omnium primum et unum me coxit, si qua ratione juvari res christiana et morum innocentia doctrinae puritati conjungi possit“ und setzt hinzu, daß ihn dazu die reformierte Kirche von Frankreich und vorzüglich die von Genf angetrieben hätte; er sagte in der Vorrede zum Menippus: praeter vitae doctrinaeque consensum, praesentis praeteritique junctam observationen nihil quicquam quaerimus; er nennt das in einem Briefe an Jos. Schmidt in Straßburg „causam Christi serio agi et doctrinae vitaeque Christianae connubium insolubile servatum volo“; unter den lutherischen Theologen meint er darin nur an Johann Arndt einen Vorgänger und ein Vorbild zu haben. Auch in Frankreich also, wohin er weiter reiste, in Lyon, in Paris wurde er darin bestärkt, gewann auch an Verständnis der französischen Literatur, woran Besolds Bibliothek reich war; in Zürich und Basel auch an Bekanntschaft mit Werken der Kunst. 

Wieder nach Tübingen zurückgekehrt, wurde er von Hafenreffer zu theologischen Arbeiten herangezogen, aber durch Besold auch schon im Italienischen geübt, wußte er
noch eine Reise durch Österreich nach Italien durchzusetzen und drang über Venedig, dessen mancherlei Kunstfleiß ihn besonders anzog, noch bis nach Rom vor. Hier aber
scheint sich ihm noch vollends der Unterschied zwischen dem, was sein sollte in der Kirche und dem mancherlei als Kirchlich Bestehenden aufgedrängt und auch dies ihn
ernster erregt und stärker zur Theologie zurückgerufen zu haben. In Schwaben wurde er jetzt freundlicher wieder aufgenommen, selbst vom Herzoge Johann Friedrich, der
ihm freilich noch lieber ein weltliches als ein geistliches Amt übertragen wollte; man schaffte ihm im Stift einen Tisch mit den Repetenten; er arbeitete aus Hafenreffers
Dogmatik eine kürzere „Summa doctrinae christianae“, welche 1614 erschien; schon früher die Schrift „De Christiani Cosmoxeni genitura“, daneben „Collectanea
mathematica“ 1614; er fuhr wohl noch fort, allerlei sonstigen Unterricht zu erteilen, z.B. im Voltigieren, wie er es in Padua gesehen, aber gerade in solchem Verkehr schloß er
Freundschaften für das ganze Leben, wie mit einem jungen Lüneburger v. Wense, der ihn nachher mit Herzog August in Verbindung brachte. Endlich nach so langem Harren
und so vielseitiger Vorbereitung dazu erhielt er sein erstes geistliches Amt; im Frühjahr 1614 wurde er als Diaconus in Vaihingen angestellt und verheiratete sich noch in
demselben Jahre.

In den sechs Jahren, welche er bis 1620 zubrachte, Jahren der Einkehr und des Flüchtens aus den Zerstreuungen in die Gedankenwelt seiner Studien und seiner Ideale,
gelangen ihm seine weisesten und besten Schriften. Die lateinischen unter diesen übertreffen die deutschen weit durch die Fülle und Eleganz der Bilder- und antithesenreichen und doch so präzisen und fein nuancierten Sprache; aber wie anziehend ist in beiden, ähnlich wie unter den Zeitgenossen etwa bei Schuppius oder ein Jahrhundert später, bei Matth. Claudius, die Mischung der geistreichen Heiterkeit, die sich in ihrem eigenen Überfluß spielend ergeht, mit dem tiefen christlichen Ernst, welcher sich, als wäre er schamhaft, hinter Scherz und Witz, Fabeln und Allegorien verbirgt und diese als Vehikel für seine höheren Interessen verwendet! Klein sind alle Schriften Andreäs, aber wer nur geben mag, was voll Geist und Leben und künstlerisch in der Form ist, kann keine Quartanten liefern. In das Jahr 1615 gehören seine „Kämpfe des christlichen Hercules“, eine ethische Schilderung der Gefahren und Versuchungen, welche den Christen jederzeit bedrängen, allegorisierend angeknüpft an die Gestalten der Ungeheuer, welche der alte Heros eins nach dem andern zu überwinden hatte. In dasselbe Jahr 1615 wird auch die erst 1836 wieder bekannt gewordene „Christenburg“ gehören, ein deutsches Lehrgedicht, die Geschicke der Kirche und der Christen in der Welt als Geschichte eine belagerten Stadt und ihrer Verteidigungsmittel darstellend. Im Jahre 1616 richtete er in der Komödie „Turbo“ eine Satire gegen das ganze damalige gelehrte Treiben und eine noch schärfere 1618 gegen verbreitete Fehler aller Stände in seinem „Menippus inanitatum nostratium speculum“, hundert Dialogen in der anziehendsten Leichtigkeit und Kürze seines Erasmischen Lateins geschrieben; ebenso 1619 in seiner „Mythologiae Christiana sive virtutum et vitiorum vitae humanae imagines“. „Peregrini errores“ 1618 schildern das Sichverlieren des Menschen in der Welt, der „Civis christianus“ 1619 dagegen seine Einkehr und Rückkehr in sich selbst. Schon im Jahre 1617 erschien auch seine „Invitatio fraternitatis Christi ad sacri amoris candidatos“, welche zu einer engeren Verbindung von Freunden auffordert, die mit vereinten Kräften für Verwirklichung eines christlicheren Lebens mit Rückkehr zum Einfachen und zur Einkehr in sich selbst, mit Entlastung von Luxus und Zerstreuung, mit mehr Bruderliebe und mehr Gebet an aneinander arbeiten sollen. Aus dem Jahre 1619 ist dann die „Christianopolis“, ideale Beschreibung eines christlichen Musterstaates, auch mit Hinweisung auf Thomas Morus Utopia, Joh. Arndt zugeeignet, als das beste, was Andreä hat und nur von ihm hat, eine Kolonie des Jerusalems, welches Arndt der Welt gezeigt hat, detaillierter als die Christenburg schildernd, wie es in einer Gottesstadt anders aussehen und hergehen müsse als in der Gegenwart, deren Schäden dadurch zugleich in 100 kleinen Abschnitten charakterisiert werden; das schließt dann auch hier die Aufforderungen, zum Zusammentreten einer Gesellschaft, welche jenen Zielen näher bringen will. Dieselbe Tendenz wird auch noch zwei kleinen Schriften, der „Christianae societatis idea“ und „Christiani amoris dextera porrecta“, beide vom Jahre 1620 eigen gewesen sein. Daß Andreä auch schon an die Ausführung gedacht hatte, beweist eine von seiner Hand noch vorhandene Liste von 24 Namen der würdigsten Männer, welche dazu eingeladen werden sollten, Arndt, Joh. Gerhard, J. Saubert u.a. Ebenso ist durch seine 1619 herausgegebene Schrift „Turris babel sive iudiciorum de fraternitate Rosaceae crucis chaos“ außer Zweifel, wie Andreä die Schriften von Andern beurteilt wissen wollte, durch welche im Jahre 1614 diese Bewegung angeregt war, die „Fama fraternitatis“ des Ordens des Rosenkreuzes und die „Confessio“ derselben, samt der der ersten vorangeschickten aus Trajan Boccalini übersetzten „Allgemeinen und General-Reformation der ganzen Welt“. In der Turris Babel nämlich, nachdem hier zuerst in 24 Dialogen alle bis 1619 über die Rosenkreuzerei etwa vorgebrachten Ansichten und Vermutungen durchgesprochen sind, verkündigt die Fama zuletzt, die Sache sei nun erschöpft und zu Ende, und der letzte Beurteiler, Resipiscenz genannt, erklärte sich ebenso wie Andreä selbst in der Zueignung, daß man also nun das Zweifelhafte und Zweideutige an der Sache fallen lassen und sich nur auf das dabei beschränken müsse, was allein sicher und was dort auch mitempfohlen sei, nämlich daß man sich an Christus halten und allein in dessen Gehorsam begeben müsse. Wäre nun Andreä selbst der Urheber der Fama und der Confessio, also der ganzen Mischung aus Wahrheit und Dichtung gewesen, welche er darin anerkennt, so müßte man annehmen, daß er, was Fiktion darin war, die Geschichte vom Vater Rosenkreuz und seinen Geheimnissen, nur als Vehikel hinzugetan habe zu größerer Ausbreitung dessen, um was es ihm allein zu tun war, zur Empfehlung des Gedankens seiner engeren Verbindung eifrigerer Christen und daß er erwartet habe, die erdichtete Zutat werde, nachdem sie ausgedient, von selbst in ihrer Nichtigkeit erkannt werde. Aber da Andreä sich nicht nur niemals zu der Fama und der Confessio bekannt, wohl aber sie oft als verwerfliche ludibria bezeichnet hat, so ist doch noch wahrscheinlicher, daß er in der ganzen Mystifikation, von deren Entstehungsart etwa im Tübinger Stift er immerhin Mitwissenschaft gehabt haben kann, bloß das, was er darin billigen konnte, die Einladung zu einer christlichen Gesellschaft, von der Fiktion dabei unterschieden habe, aber nicht selbst der Urheber des Ganzen gewesen sei.

Im Jahre 1620 wurde Andreä als Specialsuperintendent nach Calw versetzt, und in dem größeren kirchlichen Wirkungskreise, welchen er hier erhielt, konnte er besonders in
den ersten ruhigeren Jahren bereits manches unternehmen für Verwirklichung seiner Wünsche. Einen Verein, das „Färbergestift“, und reiche Mittel dafür brachte er
zusammen zur Unterstützung von Handwerkern und Studierenden, Armen und Kranken; bei dem allem half „die Mutter der Stadt“, Andreäs Mutter (Gust. Schwab in Pipers Jahrbuch 1851, 220ff); auch für Kirchenzucht und Kirchengesang und für mehr Zusammenwirken der Christlichen seines Kreises tat er was möglich war; in drei Dialogen „Theophilus“, welche er aber erst 1649 herausgab, faßte er damals kurz nach Arndts Tod seine besten Wünsche im Sinne Arndts zusammen. Die christliche Gesellschaft, wie er sie ursprünglich gewollt, kam zwar wegen des Krieges nicht zustande, aber wenigstens einen großen Kreis von Freunden und Anhängern erweckten ihm seine Schriften in ganz Deutschland, am meisten unter den gebildeten Laien, während ihm dieser Beifall Anfeindung lutherischer Theologen zuzog, wie sie aus gleichen Gründen auch schon Arndt hatte erfahren müssen. Schon fand aber auch sein Eifer für Herstellung von Kirchenzucht bei weltlichen Beamten des Inlandes Widerstand, und mit einer nicht gefahrlosen Freimütigkeit stritt er gegen deren zunehmendes Übergewicht als gegen eine schlimme Wirkung der Reformation; seine Schrift Apap proditus vom Jahre 1631 ist nicht, wie sie oft mißverstanden ist, gegen den wirklichen Papst gerichtet, sondern gegen den umgekehrten und verkehrten Papa, gegen den Cäsareopapatus und sicher auch gegen das, was davon in Württemberg bestand und noch im Zunehmen war.

Schwerer wurde Andreäs Lage in Calw in den letzten Jahren seines Dortseins. Wie nach der Schlacht von Nördlingen 1634 durch die siegreichen kaiserlichen Heere das ganze
Land in eine Wüste verwandelt wurde wie kaum ein anderes - statt einer halben Million Einwohner zählte man 1641 nur noch 48.000 - so wurde die Stadt Calw fast am
schwersten getroffen; im September 1634 traf Johann v.Werth auf schwedische Truppenmassen, die sich hier gesammelt hatten, und bei diesem Zusammenstoß wurde die Stadt geplündert und großenteils niedergebrannt. Auch Andreäs Haus verbrannte, darin alle seine Habe, seine Bibliothek, seine Kunstsammlungen, seine Dürer und Holbein; aber die noch größere Not, welche ihn nun umgab, ließ ihn die seinige vergessen; er wußte große Summen für die Kranken und Verarmten herbeizuschaffen; er sammelte selbst für den schwachen Herzog Eberhard III., welcher sich schon 1634 nach Straßburg aus dem Lande geflüchtet und dieses dadurch vollends preisgegeben hatte, um seine Aussöhnung mit dem Kaiser dadurch zu befördern. Seine Feder, sagte er, ruhte in dieser Zeit der Not; er betrachtete diese als eine göttliche Strafe für die in Polemik ausgeartete Theologie und für den Despotismus des Apap gegen die Kirche. Im Jahre 1638 wurde Calw noch einmal verwüstet und diesmal auch Andreä zur Flucht genötigt; schon suchten die Freunde in Nürnberg, J. Saubert u.s., ihm dort eine Stätte zu bereiten, aber er ließ sich von seinem Fürsten bewegen, auch ferner alles im Vaterland mit zu ertragen, und so glaubte im Jahre 1639 Herzog Eberhard nichts besseres für die Herstellung seines Kirchenwesens tun zu können, als daß er auf Melch. Nicolis Rat Andreä in seine Nähe zog und ihn zu seinem Hofprediger und Konsistorialrat machte. Doch auch in diesem Amt, in welchem er von 1639 bis 1650 blieb und in welches er ungern und voll Besorgnis eingetreten warm, hatte er mehr Schmerzen und Fehlschlagungen zu beklagen, als sich über Erfolge für seine Ideal zu freuen. Wohl war seine Tätigkeit unermüdet; durch ihn kam die Cynosura zustande, eine Kirchenordnung, welche über die Pflichten der Geistlichen, Katechismus-predigten, Kirchenzucht in reformatorischer Weise usw. sehr spezielle Vorschriften gab und nachher öffentliche Geltung in Württemberg erhielt; in den 10 Jahren in Stuttgart hielt Andreä über 1000 Predigten, darunter in fünf Jahren 205 bloß über den ersten Brief an die Korinther; es gelang ihm manches zur Wiederherstellung und Erweiterung des Tübinger Stifts und des Gymnasiums zu Stuttgart, erkämpfte gegen das, was ihm Simonie und Kirchenraub schien, gegen Habsucht und Schwelgerei, und hatte sich dabei der Zustimmung auswärtiger Freunde und Beschützer zu erfreuen, wie ihm in der Nähe der Anhänglichkeit der drei Schwestern des Herzogs, welche er die drei Grazien nennt, eine besondere Erquickung war; Herzog August von Braunschweig übernahm auch die Kosten seiner Promotion zum Doktor der Theologie im Jahre 1641. Aber sonst hatte er hier immer bitterer über den Widerstand zu klagen, welcher ihm nicht vom Herzog Eberhard selbst, aber von den geistlichen und weltlichen Machthabern neben ihm bei seinen Bemühungen zur endlichen Verwirklichung eines christlichen Lebens und darum zur Herstellung einer Kirchenzucht und der nötigen Unabhängigkeit dafür von weltlichen Einflüssen entgegengesetzt wurden; er versichert wörtlich, in der ganzen Zeit seiner Amtsführung in Stuttgart habe er durch seinen Einfluß eben so wenig einen verdienten Mann in den Dienst der Kirche bringen, als einen verbrecherischen durch Anzeige seiner Vergehen daraus entfernen können (Vita 245). So bat er denn schon 1646 den Herzog um seinen Abschied und erhielt auch einige Erleichterung, Befreiung von den Sitzungen, wenn sein Befinden es fordere; im Jahre 1650 aber wurde er in Stuttgart entlassen und zum Abt von Bebenhausen ernannt. Auch hier warteten seiner neue Lasten und Schmerzen, da er die Generalsuperintendenz dort übernehmen mußte, und alte und neue Gegner sich dabei gegen ihn als gegen einen Schwärmer erhoben. Schon war es auch im Munde der ächten Lutheraner ein Vorwurf wie Häresie, Calixtus beizustimmen, und mit diesem war Andreä allerdings durch den Herzog August in Verbindung und wenn auch nicht in allen einzelnen Lehren, doch darin einig, daß die Lehre allein es nicht tut und daß noch gewisser die heftige Streittheologie vom Übel ist; Andreä mußte sich wirklich auf eine Anklage deshalb beim Consitorium in Stuttgart verantworten. Die Zöglingen, welche in seinem Kloster aufwachsen, geben ihm wohl Hoffnung für die Zukunft, aber sonst sieht er diese immer schwärzer, ebenso wie die Gegenwart; „durch die offenen Tore dieses eisernen Zeitalters dringen drei Dämonen ein; Atheismus, Barbarei und Sklaverei“: die lutherische Religion ist in der Lehre die reinste, in der Praxis die beschmutzteste, „praeceptis non alia rectior, usu distortior, institutis innocentior, delictis culpatior“. 

„Der Mürbe“, den Namen wählte er selbst für sich in der fruchtbringenden Gesellschaft, welche ihn 1646 aufgenommen aber wenig befriedigt hatte, wurde immer mutloser.
In dieser kalten Luft seiner Heimat, so bezeichnet er es selbst, war Herzog August von Braunschweig seine Sonne, wie er es schon seit 1640 gewesen war; er, den Andreä
sich einst zum Haupt seiner christlichen Gesellschaft gewünscht hatte, überhäufte ihn so freigiebig mit Titeln und Geschenken, mit hohem Gehalt, Bezahlen seiner Schulden
und selbst Zuschüssen zu seinen Wohltätigkeitsanstalten in Württemberg, daß man damit und mit der Not wie mit der Liebebedürftigkeit Andreäs wohl auch, was zu
überschwänglich ist in der jahrelang jede Woche fortgeführten Ausdrücken seiner Dankbarkeit und Verehrung gegen seinen Wohltäter und dessen Kinder, wird erklären und entschuldigen dürfen. Noch im Sommer 1653 wollt ihn der Herzog, der ihn niemals gesehen hatte, nach Wolfenbüttel zu sich holen lassen, schickte ihm dazu eine Sänfte
durch einen Kammerboten und zwei Reiter und noch sechs Pferde mit drei Knechten dazu, aber schon zu kränklich, wagte Andreä sich nicht mehr auf so eine weite Reise.
Auch in Württemberg erhielt er 1654 noch die Erleichterung, daß er von Bebenhausen auf die Prälatur von Adelberg versetzt wurde, und weil dies Kloster verbrannt war, in
Stuttgart in dem Hause wohnen konnte, welches Herzog August ihm dort geschenkt und ausgestattet hatte, und welches Andreä nach ihm sein Selenianum nannte; aber er
konnte sich an diesem refrigerium, wie er es im Gegensatz gegen das purgatorium in Bebenhausen nennt, nicht mehr lange erfreuen, fast sein letztes Wort war ein Brief,
welchen er an seinem Todestage an den Herzog diktierte, aber nur noch mit zitternder Hand die zwei ersten Buchstaben seines Namens selbst darunter zu setzen vermochte.
 

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