| Aus Schönbuch und Gäu 7/1966
Die Familien Dengler im Gäu
Von Dr. Gerd Wunder
In allen Gäudörfern und in den Städten
rings um das Gäu gab es zu Zeiten Dengler.
Das sieht so aus, als ob schon im Mittelalter zahlreiche Familien dieses
Namens hier bestanden hätten. Tatsächlich aber stellt sich heraus,
daß sie immer wieder aus denselben Orten kommen, und es scheint durchaus
möglich, daß alle diese Dengler von einem einzigen Ehepaar abstammen,
das im 15. Jahrhundert gelebt hat. Das schließt natürlich nicht
aus, daß es anderwärts, etwa im südlichen Schwarzwald oder
in Bayern, andere Familien Dengler gegeben hat. Was der Name bedeutet,
ist nicht so leicht zu sagen. Denn jeder Bauer dengelt seine Sensen selbst,
das ist also kein Beruf, sondern vielleicht ein Beiname: Tangelâre,
der Hämmerer, so steht es in Grimms Wörterbuch.
Fragen wir nach dem Ursprung unserer Dengler,
so müssen wir uns in den Ortschaften rund um das Gäu umsehen.
Da treffen wir besonders viele Dengler in Wildberg, in Ebhausen und in
Sulz am Eck. In Sulz war es vom 16. zum 18. Jahrhundert wohl der häufigste
Bauernname, ähnlich wie später Röhm. Den ältesten Querschnitt
unserer Bevölkerung bieten die glücklicherweise für das
Jahr 1545 erhaltenen Türkensteuerlisten, in denen alle Haushaltungen
erfaßt und besteuert sind, um den Erbfeind abzuwehren. Da ist nun
das Bild ganz anders. In Wildberg gibt es nur drei Dengler, einen armen
Zimmermann und zwei ganz Arme, wohl seine Söhne; das sind keine eingesessenen,
sondern zweifellos erst kürzlich zugezogene Leute. Tatsächlich
sind immer wieder Dengler nach Wildberg zugezogen, hauptsächlich aus
Sulz und Ebhausen. In Ebhausen lebte 1545 nur ein Dengler, und der kam
aus Sulz. Allerdings scheint es bald danach noch weitere Dengler dort gegeben
zu haben, denn nicht alle Namensträger bei Beginn der Kirchenbücher
sind seine Kinder; aber es können ja auch Neffen oder andere Verwandte
nachgezogen sein. So kommen wir wiederum auf Sulz.
Tatsächlich zahlen in Sulz 1545 sieben
Familien Dengler Steuer, und sie gehören alle zur wohlhabenden Oberschicht
der Bauern. Bei näherem Zusehen ergibt es sich, daß Gerg Tenngler
mit 600 Gulden und die auf ihn folgenden Hans mit 320 und Gerg mit 280
zusammengehören: die beiden letzten sind seine Söhne, und Jauß
mit 550 könnte sein Bruder sein. Eine zweite Familie vertritt Lenzin
mit 600 und Ruprecht mit 380; ihnen können wir noch Hans in Gültlingen
mit 500, Michael in Ebhausen mit 350 als Brüder zuordnen; sie sind,
wie wir gleich sehen werden, Söhne eines bereits verstorbenen Hans
Tengler. So bleibt in Sulz nur noch Michel mit 350 Gulden übrig, und
der war, wie wir ebenfalls noch sehen werden, ein weiterer Sohn des alten
Gerg. Damit sind also die sieben Sulzer und nebenbei noch die Namensträger
in Gültlingen und Ebhausen auf zwei Familien zurückgeführt,
die des Hans und des Michel (denn so hieß der Vater des alten Gerg).
Dann aber könnten Michel in Bulach (mit 100 Gulden) und der Zimmermann
Hans, in Wildberg (mit 50) durchaus weitere Söhne des alten Michel,
Geschwister Gergs, sein. Ein urkundlich 1473 auftretender Michel Tengler
in Obersulz könnte dem Alter nach der Vater der beiden Stammväter
Michel und Hans sein. Leider sind unsere Kenntnisse über Personen
vor dieser Zeit recht gering. Immerhin zeichnet sich schon soviel ab, daß
die vielen Sulzer Dengler mit ihren vielen Nachkommen von einem einzigen
Bauern in der Mitte des 15. Jahrhunderts abstammen können. Gleichzeitig
lebten aber auch Dengler in Oberjesingen; 146l war ein Heinrich Tengler
aus Jesingen in Deckenpfronn, 1495 gab es einen Andreas in Oberjesingen,
wo der Name noch später vorkam. (1545 nicht mehr.) Es wäre also
durchaus denkbar: daß der mutmaßliche Stammvater Michael 1473,
der etwa 1420 geboren sein müßte aus Oberjesingen kam, wo um
diese Zeit Heinrichs Vater gelebt haben müßte. So vermutete
schon vor Jahren Professor Decker-Hauff, und es hat sich inzwischen noch
nichts ergeben, was diese vermutete Jesinger Abstammung widerlegen oder
beweisen könnte. Demnach hätten wir eigentlich über diesen
Aufsatz schreiben dürfen: Dengler aus Oberjesingen
Aber bleiben wir bei dem Beweisbaren und das
heißt, bei Sulz, dem uralten und reichen Bauerndorf, in dem zwei
Bauern, die Vettern Georg und Lenzin, 1545 dem Vermögen nach an vierter
Stelle standen (vor ihnen nur die Witwe des Schultheißen Renz, der
amtierende Schultheiß Rheem und Marx Planckh). Über die Familienzusammenhänge
unterrichtet uns vollständiger eine ebenfalls nur durch einen Glücksfall
erhaltene Quelle, nämlich die Württembergische Leibeigenenliste
Nr. 20 vom Amt Wildberg 1552. Um Mißverständnissen vorzubeugen,
muß erläutert werden, daß damals fast alle Bauern leibeigen
waren, d.h. nicht ohne Erlaubnis wegziehen durften; praktisch bedeutete
diese Leibeigenschaft freilich nichts anderes als eine (für heutige
Verhältnisse recht geringe) Personalsteuer, die sich über die
Frauen vererbte. Daher verdanken wir dieser unschätzbaren Quelle die
Namen der Frauen und Töchter. Da steht, um mit der älteren Familie
anzufangen, Anna, Hans Tenglers Weyb, tot, und ihre (mithin steuerpflichtigen)
Kinder: Angnes (Jakob Kreydlers Frau in Alten), Margarete (verheiratet
mit Simon Lörin in Ostelsheim), Anna, die Frau des Matthes Miller
in Gültlingen) und Afra (die Frau Hans Widmann in Gültlingen),
dazu die Söhne Lenzin und Albrecht (in der Türkensteuerliste
hieß er Ruprecht - man sagte einfach Prett) in Sulz, Hans in Gültlingen
und Michel in Ebhausen. Suchen wir für Hans nach Lebensdaten, so ergibt
sich, daß er 1516 mit Spieß, 1521 mit einem Pferd gemustert
wurde, daß er 1524 der erste im Gericht und 1528 Träger des
Lölinshofs war, der näher beschrieben wird: ein Gesäß
(Grundstück!) mit Hus, Hofraitin und Schüren, 62 Juchert Acker,
8 1/2 Mannsmahd Wiesen, zinspflichtig dem Frauenkloster Reutin. Noch 1535
lebte Hans Tengler. Aus dem Alter der Söhne (Lenzin kommt schon 1524
erwachsen an der Seite des Vaters vor, Michael, der jüngste, ist bereits
1536 in Ebhausen) können wir schließen, daß der alte Hans
der um 1460/70 geborenen Generation angehören muß. Sein Sohn
Hans war bereits 1552 Schultheiß in Gültlingen, wo ihm sein
gleichnamiger Sohn als Schultheiß folgte, während ein jüngerer
Sohn, Lorenz, Schultheiß in Neuweiler wurde; die Tochter des jüngeren
Schultheißen Hans, Christine (+ 1582), war mit dem Schultheißen
Kaspar Krafft verheiratet. Vielleicht gehört auch der Schultheiß
Hans Dengler in Ehningen in diese Familie: denn Lenzin hatte einen Sohn,
der nach dem Großvater Hans hieß und 1563 weggezogen war. Den
Löhlinshof bewirtschaftete Lenzin, der 1524 bis 1551 erwähnt
wird, dann sein Sohn Michel, der Lenzismichel, dann dessen Sohn Hans, der
Lenzishans. Sein Sohn Ulrich (1608-91) gehörte wieder dem Gericht
an. Andere Nachkommen waren Leineweber. Die Gültlinger Linie verbreitete
sich nach Althengstett, Neuweiler und Altdorf. Von Ruprecht stammt neben
mehreren Sulzern eine Wildberger Linie (durch seinen Sohn Bernhard)
Die zweite Familie, die das Leibeigenenbuch
von 1552 nennt, ist die des Gerg, der jünger war als der verstorbene
Hans. Es lebte damals Margarete, Gerg Tennglers Weyb, mit ihren Kindern
Hans, Michel, Gerg, Anna (Stefan Rems Weyb), Margarete (Hans Weyshaars
zu Kuppingen Witwe), Gertraudt (Lienhard Schneiders von Gechingen Weyb),
Dorothee (Friedrich Heiden von Calw Weib) und Apollonia (Hans Wernhers
von Ehningen Weyb). Um gleich bei den Töchtern zu bleiben: Dorothee
Heid hatte eine Tochter Sara (+ 1604), die mit Simon Demmler in Calw verheiratet
war und unter ihren Nachkommen reiche Tucher und Teilhaber der Färberstiftung
hatte. Eine Enkelin der Dorothea Dengler (keine Tochter, wie man friiher
annahm, es ist ein Sohn Hans dazwischen einzusetzen) war Barbara Heid (1578-1645),
die mit dem·Wildberger Keller Georg Vischer seit 1597 verheiratet
war und eine Ahnfrau vieler Familien wurde, vor allem auch (in der neunten
Generation der Dorothea aus) Hegels und Hölderlins.
Gerg kommt urkundlich von 1516 bis 1553 vor.
Er hatte den Reschenhof in Obersulz (41 Juchert Acker, 4 1/2 Mannsmahd
Wiesen), das Zieglerslehen und das Hagenapfelslehen, gehörte 1528
der Gemeindevertretung an und war 1552 der erste des Gerichts. Daß
sein Vater Michel hieß, ergab sich bei der Ablösung des Jahrtags,
für den ein Zins von 16 Schilling bezahlt wurde. Mit der Reformation
wurde seit 1534 diese Seelenmesse eingestellt, und es war "der Erben Meinung,
die 16 Schilling an ein Almosen zu verordnen oder anderwys um Gottes Willen''.
Das Kapital der Stiftung, 16 Pfund, hatte inne "Jerg Tengler, sein Sohn".
Da Gergs Söhne um 1520 geboren sind (der dritte, Gerg, 1522), muß
der alte Gerg der Generation um 1485/90 angehören, sein Vater Michel
also der Generation, die um 1460 geboren ist - wir sagten schon, daß
er vielleicht ein Bruder des Hans von Lölinshof war. Nun hat der erber
Michel Tengler, zu Obersulz gesessen, am 21. Juli 1473 um 7 Pfund Heller
einen Zins von 7 Schilling aus zwei Mannsmahd Wiesen, genannt die Stahläcker
zu Sulz, von Heinrich Zimmermann in Haiterbach gekauft. Das wird kaum der
Michel sein, dessen Seelenmesse in der Reformation abgeschafft wurde, sondern
wohl sein Vater, der also um 1420/30 geboren sein muß. Und das ist
der bisherige Stammvater der Familie, der vielleicht aus Oberjesingen nach
Sulz eingeheiratet hatte. Die Namen Hans und Michel, die er seinen Söhnen
gab, kehren viele Generationen lang in der Familie als Namen von Brüderpaaren
wieder.
Von den Söhnen des alten Gerg hat vor
allem der älteste, Hans oder Hensin, die Familie am Ort fortgesetzt,
aber auch Michel und Gerg der Junge hatten Kinder. Hensin, der 1538/66
auf dem Zieglerslehen und auf dem Reschenhof wirtschaftete, hatte 4 Söhne,
von denen der älteste, Georg, nach Wildberg zog, der dritte, Lenzin
Hanssohn, einen Sohn Lorenz (1592 in Oberjettingen) und Hans (Lenzishans)
in Sulz hinterließ. Der jüngste war Jakob, genannt Hensisjakob,
der am Reschenhof Anteil hatte, der Vater des Großhans. Der zweite
Sohn, Hans, genannt Hensishans, heiratete die Tochter eines Schultheißen,
Barbara Mornhinweg, und hatte zwei Söhne, Georg und Hans, genannt
Hensishansenjerg und Hensishansenhansle. Die Beinamen zeigen, daß
man schon damals die vielen gleichnamigen Dengler in Sulz nur schwer unterscheiden
konnte. Der Hensishansenjerg war Wirt, und auch seine Söhne Georg
(1603-83) und Hans (gb. 1608) waren nacheinander Wirte. Georg, der Wirtssohn
genannt, wurde 1648 Schultheiß, nachdem dieses Amt einige Jahre ein
ärmerer Angehöriger der Familie, der Bäckersohn Andreas
(1602-76), verwaltet hatte (1640). Jerg Dengler regierte 35 Jahre bis zu
seinem Tode den Flecken; bei der Visitation 1676 hieß es: "hält
sich im Christentum und Amt (ge)ziemlich wohl und geflossen." Nach seinem
Tod folgte ihm sein Vetter Hans (1615-90), der Sohn des Hensishansenhansle.
"Einen feinen alten Schultheißen hats an diesem Ort", fand der Visitator
1684. Ein Sohn des Schultheißen Georg, Bernhard (1646-1727), wurde
Schultheiß in Emmingen, ein anderer, Jakob (1649-91), zog nach Deufringen,
wo ihn die Soldaten im französischen Krieg erstachen; von ihm stammt
Auguste Supper. Ein älterer Sohn Georgs, Hans der Schultheißensohn
(1641-43), war Bauer in Sulz, und sein Sohn Georg (1668-1737) wurde abermals
Schultheiß und leitete eine weitere Reihe von Bauern ein. Ärmere
Zweige der Familie, wie die Nachkommen Martins (1609-93), eines Sohnes
des Hensishansenhansle, wurden Leineweber, das Gewerbe, von dem sich in
alten Zeiten Bauernsöhne ernährten, die nicht mehr genug Land
erbten.
Wie die vielen Schultheißen beweisen,
herrschte in den Hauptlinien der Familie bäuerlicher Wohlstand. An
der Spitze der Steuerliste von 1545 steht eine reiche Frau, Margarete,
die Witwe des Schultheißen Martin Renz, selbst eine Nachkommin der
Braun in Calw und berechtigt an der Braun'schen Familienstiftung, mit 1000
Gulden. Zwei ihrer drei Töchter heirateten in die Familie Dengler,
Anna den Michel in Ebhausen, Hansen Sohn, und Katharine den Michel in Sulz,
Gergen Sohn. Aber da die meisten Dengler kinderreich waren und vor allem
zahlreiche Söhne besaßen, gab es viele ärmere Linien, die
auf dem Dorf ein Handwerk ausüben mußten. Da ist der seit 1581
genannte Küchenbeck Daniel, dessen genaue Einordnung uns bisher nicht
möglich war. Seine Söhne Andreas, Daniel (dieser in Oberjesingen),
Georg, Hans und Jakob waren Becken, der jüngste Küchenbeck; Küchenbecken
waren auch Georgs Söhne Bernhard und Hans, während Georgs jüngster
Sohn Georg (1633-1686) Beck, Gerichtsmitglied und zuletzt Bürgermeister
(Gemeindepfleger) war; von seinen Söhnen wiederum war dann Matthäus
(1667 bis 1752) Beck und Stammvater von Becken in Sulz, Andreas (1670-1733)
Beck in Oberjettingen.
So verbreiteten sich die Dengler ringsum im
Lande, ernährten sich als Wagner, Schneider und in anderen Berufen,
wurden schließlich Lehrer und Richter. Nicht alle Linien lassen sich
eindeutig anschließen (wie etwa die Dengler in Dachtel), aber es
läßt sich doch vermuten, daß sie·alle zum Stamm
des 1473 genannten Michel Tengler in Sulz gehörten. Durch die vielen
Töchter haben die Debgler so zahlreiche Nachkommen, daß es kaum
eine größere Ahnentafel im Gäu gibt, die nicht immer wieder
zu ihnen führt. So stammt Professor Decker-Hauff (geboren im Pfarrhaus
Oberjettingen), 14 mal von dem alten Gerg, viermal von Hans auf dem Lölinshof
ab, und auch der Verfasser dieser Zeilen zählt zweimal den alten Gerg,
einmaI Jos und dreimal Hans auf dem Lölinshof zu seinen Ahnen. Außer
Hegel und Hölderlin stammen auch so verschiedene Leute wie der selige
Carlo Steeb und Grace Kelly, Fr. Th. Vischer und der Kupferstecher J. C.
v. Müller vom alten Gerg, Peter Gößler und Christian Schrempf
von Hans ab. Die Dengler gehören zu unseren fruchtbarsten Bauernfamilien.
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