| Ingeborg Brigitte Gastel
Herausgeber: Dresden Information, 1989 Der
Fuerstenzug zu Dresden
1089 - 1221:
Konrad der Grosse [Bild]
Otto der Reiche [Bild
(links)]
Albrecht der Stolze [Bild
(rechts)]
Dietrich der Bedraengte [Bild
(links)]
Reichlich anderthalb Jahrhunderte nach Aufrichtung der deutschen militaerischen
Herrschaft im markmeissnischen Gebiet wird im Ringen um die reale Machtausuebung
im Reich der Markgraf der Niederlausitz, Heinrich von Eilenburg, 1089 von
Kaiser Heinrich IV. mit der Mark Meissen belehnt.
Damit beginnt die feudale Herrschaftsausuebung im saechsisch-thueringischen
Raum durch ein Mitglied des bereits im 9. Jahrhundert nachweisbaren adeligen
Geschlechtes der Wettiner, deren Namen sich seit Markgraft Konrad von ihrem
Stammsitz Burg Wettin an der Saale herleitet. Mit Konrad wird die Reihe
der wettinischen Markgrafen im Fuerstenzug eroeffnet. 1125 erhaelt er die
koenigliche Bestaetigung des Besitzes der Markgrafschaft Meissen durch
Lothar von Supplinburg. Es ist die Zeit der intensiven bauerlichen Landnahme
und Besiedlung des Landes im Rahmen der feudalen Ostexpansion. Der unter
ihm zusammengebrachte Territorialbesitz bildet die Grundlage fuer die Ausbildung
und Festigung der Landesherrschaft. Als er sich 1156 in das Chorherrenstift
auf dem Petersberg bei Halle zurueckzieht, in dem er 1157 auch begraben
wird, tielt er den Besitz unter seine Soehne auf, wovon der lebende aelteste
Sohn Otto die Mark Meissen erhaelt. Mit weit ausholender Geste weist dieser
auf ein reiches und fruchtbares Land, in dem gerade das Freiberger Silber
entdeckt und seine planmaessige Gewinnung begonnen wurde.
Die Ansiedlung von bauerlicher Bevoelkerung vor allem aus Franken,
Schwaben und den Niederlanden wird nachdruecklich gefoerdert, der Ackerbau
betraechtlich erweitert, der rationelle Weinbau im Elbtal in die Wege geleitet,
die Stadtgruendungen mit der Verleihung von Rechten und Freiheiten entscheidend
beeinflusst.
Das dadurch rasch wachsende wirtschaftliche und finanzielle Vermoegen
bringt Wohlstand und Reichtum fuer die Wettiner, die Otto den Beinamen
*der Reiche* eintragen. Seine Soehne Albrecht, wegen seines hochfahrenden
und uebermuetigen Wesens *der Stolze* genannt, und Dietrich, beherrschen
nacheinander die Mark Meissen. Beide sind in die Kaempfe der Reichsfuersten
gegen die Bemuehungen der Staufer um Schaffung einer starken Zentralgewalt
und um die Bildung eines ausgedehnten Reichsterriroriums zwischen Altenburg,
Leisnig und dem Erzgebirke verwickelt. Es ist Markgraf Dietrich, der die
Mark Meissen und weitere Territorien schliesslich den Wetterinern sichert.
Wegen dieser Kriege gegen Kaiser Heinrich VI. aber auch gegen seinen Bruder
Albrecht wurde er der in seiner Herrschaft *Bedraengt* genannt.
1221 - 1381:
Heinrich der Erlauchte [Bild
(rechts)]
Albrecht II. [Bild]
Friedrich der Gebissene [Bild]
(links)
Friedrich der Ernsthafte [Bild]
(mitte)
Friedrich der Strenge [Bild]
(rechts)
Unter dem nachfolgenden Markgraf Heinrich folgt eine Zeit groesster
wettinischer Machtentfaltung, die mit der Erwerbung der Landgrafschaft
Thueringen einschliesslich der Pfalzgrafschaft Sachsen 1247 gekroent wird.
Fuer mehrere hundert Jahre reicht die wettinische Hausmacht von nun an
vom aeussersten Westen des Thueringer Waldes ueber die Saale nach der mittleren
Elbe und den oestlich bis zur Oder reichenden Gebieten der Lausitzen.
Die Vervollkommnung der Verwaltungsorganisation, die Fortsetzung der
Siedlungstaetigkeit und die allseitige Foerderung der Stadtentwicklung
im Interesse des wirtschaftliche Machtzuwachses der Markgrafen kennzeichnen
diese Epoche. Unter seiner Regierung wird die erste steinerne Elbbruecke
in Dresden, 1206 erstmals urkundlich erwaehnt, vollendet. Seine Vorliebe
fuer Reprasentation und Minnesang -deshalb noch zu Lebzeiten mit dem Beinamen
*der Erlauchte* bedacht- wird im Bild deutlich, seine aktive Teilnahme
an den Kreuzzuegen des Deutschen Ritterordens gegen die *heidnischen* Pruzzen
im Baltikum jedoch nicht.
Die Regierungszeit der Markgrafen Albert II. und Friedrich des *Freidigen*
bringt, bedingt durch die Kaempfe um Schaffung einer Hausmacht der deutschen
Koenige, fuer das Land Zerstoerung, Not und Elend. Der Ueberlieferung nach
erhielt Friedrich als schlafendes Kind waehrend der Flucht seiner staufischen
Mutter von der Wartburg vor den Mordplaenen ihres Mannes Albrecht II. einen
Biss in die Wange und wird deshalb auch der *Gebissene* genannt.
Unter Friedrich II., dem Ernsthaften, Schwiegersohn des deutschen Koenigs
Ludwig des Bayern, folgen Jahrzehnte der Konsolidierung, des inneren Landesausbaues
und der Festigung der landesherrlichen Gewalt. Seine Macht waechst so an,
dass ihm nach dem Tode Ludwig des Bayern 1347 die deutsche Koenigskrone
angeboten wird.
Auch in der Zeit Karls IV. gelingt es den Wettinern, ihren Herrschaftsbereich
weitgehend zu sichern und durch Heirat und Erbschaft noch zu erweitern.
Diese Entwicklung findet ein Ende mit der Chemnitzer Teillung von 1382,
in der das gesamte wettinische Territorium unter die drei Sohene Friedrich
den Strengen, Wilhelm und Balthasar aufgeteilt wird.
1381 - 1500:
Friedrich der Streitbare [Bild]
Ernst [Bild]
(links)
Friedrich der Sanftmuetige [Bild]
(mitte)
Albrecht der Beherzte [Bild]
(rechts)
Bereits unter Friedrich dem Streitbaren, so genannt wegen der mehrfach
von ihm gefuehrten Kriege, und seinem Sohn Friedrich II. wird das meissnisch-thueringische
Territorium wieder in einer Hand vereint. Mit Friedrich dem Streitbaren
sind die Gruendung der Universitaet Leopzig 1409 ebenso verbunden wie die
grausame militaerische Niederschlagung der revolutionaeren hussitischen
Bewegung im benachbarten Koenigreich Boehmen. Als Dank fuer diesen militaerischen
Beistand uebereignet ihm Koenig Sigismund 1423 das nach dem Tod des Askaniers
Albrecht III. von Sachsen als erledigtes Reichslehen eingezogene Herzogtum
Sachsen-Wittenberg, mit dem die Kurwuerde, das Recht zur Kaiserwahl, und
das Reichserzmarschallamt verbunden waren. So ist Friedrich der Streitbare
als erster in der Reihe der Wettiner mit Kurhut und Kurmantel bekleidet,
das entbloesste Kurschwert geschultert, dargestellt. Ein fast geschlossener
maechtiger Territorialkomplex ist entstanden, der zur Ausbildung des eigenstaendigen
wettinischen Feudalstaates fuehrt.
Es folgen Kurfuerst Friedrich II., der Sanftmuetige, mit seinen Soehnen
Ernst und Albrecht, die allgemein durch den Prinzenraub des Ritters Kunz
von Kauffungen im Juli 1455 bekannt sind. 1464 uebertraegt Friedrich die
Herrschaftsausuebung auf diese beiden Soehne, die sie bis 1482 gemeinsam
wahrnehmen. In dieser Zeit entsteht die fuer eine gemeinsame Hofhaltung
gedachte Albrechtsburg in Meissen. Traeger der Kurwuerde ist Ernst. Als
1482 Herzog Wilhelm, der Bruder von Kurfuerst Friedrich II., ohne maennlichen
Erben stirbt, faellt der thueringische Landesteil an Ernst und Albrecht,
wodurch der gesamte wettinische Besitz noch einmal vereinigt wird.
Die Landesteilung im Jahr 1485 in Leipzig sete dieser territoialen
Machtfuelle jedoch sofort wieder ein Ende. Bei Ernst verbleiben die Kurwuerde,
das Herzogtum Sachsen-Wittenberg und weitere Gebiete vor allem im thueringischen
Raum. Albrecht erhaelt als Herzog von Sachsen die Markt Meissen und ebenfalls
einige Gebiete in Thueringen. Diese Bestand habende Teilung fuehrt zur
Begruendung der Ernestinischen und Albertinischen Linie der Wettiner.
1486 - 1541:
Friedrich der Weise [Bild]
(links)
Johann der Bestaendige [Bild]
(mitte)
Johann Friedrich der Grossmuetige [Bild]
(rechts)
Georg der Baertige [Bild]
(links)
Heinrich der Fromme [Bild]
(rechts)
Obwohl die weitere saechsische Geschichte mit den Albertinern verbunden
ist, werden im Fuerstenzug in den naechsten Generationen noch die Traeger
der Kurwuerde abgebildet, die den Ernestinern angehoeren, und danach erst
in einem zeitlichen Rueckgriff die Nachfolger von Herzog Albrecht als Herzoege
zu Sachsen. Die drei Kurfuersten Friedrich der Weise, Johann der Bestaendige
und Johann Friedrich der Grossmuetige, residierend in Wittenberg bzw. Torgau,
sind deshalb auch in einer Gruppe dargestellt. Sie tragen die pelzverbraemte
Schaube,die Tracht der Reformationszeit und weisen sich als die politischen
Sachwalter und Nutzniesser der Reformationsideen aus. In ihre Regierungszeit
gehoeren die bewegten Jahre der fruehbuergerlichen Revolution in Deutschland,
in denen gerade der wettinische Herrschaftsbereich der Ausgangspunkt der
Reformation mit Martin Luther ist und zu einem Zentrum der politischen,
iedeologischen und militaerischen Auseinanderetzungen sowie der Klassenkaempfe
im Rahmen des grossen deutschen Bauernkrieges wird. Waehrend die ernestinischen
Kurfuersten, allen voran Friedrich der Weise -so bezeichnet wegen seines
hohen Bildungsstandes- die Reformation foerdern, sich zum evangelischen
Glauben bekennen, bischoefliche Gewalt ausueben und sich, wie Johann als
Fuehrer des Schmalkaldischen Bundes, an die Spitze der politischen Reformationsbewegung
stellen, halten die Albertiner mit Herzog Georg, der sich als aeusseres
Zeichen der Trauer um seine Gemahlin den Bart wachsen liess, zunaechst
am katholischen Glauben fest. Bei der grausamen Niederschlagung des thueringisch-saechsischen
Bauernaufstandes unter Fuehrung von Thomas Muentzer 1525 wirkten evangelischer
und katholischer Landesherr eintraechtig zusammen. Erst mit Herzog Heinrich
treten die Albertiner zum Luthertum ueber.
1541 - 1611:
Moritz [Bild]
(links)
August [Bild]
(rechts)
Christian I. [Bild]
(links)
Christian II. [Bild]
(mitte)
Aus machtpolitischen Gruenden schlaegt sich Herzog Moritz im Kampf um
Reichsgewalt unter Kaiser Karl V. gegen die im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossenen
evangelischen Richsfuersten auf die Seite des katholischen Kaisers und
nimmt massgeblich Anteil an der militaerischen Niederwerfung des Bundes
in der Schlacht bei Muehlberg 1547. Dafuer werden ihm in der Wittenberger
Kapitulation die Kurwuerde und grosse Landgebiete vom Kaiser uebertragen.
Dresden wird zur bedeutenden Residenzstadt, die neugewonnene Macht
drueckt sich aus in der grossartigen baukuenstlerischen Entwicklung der
Stadt, widerspiegelt sich in der Erweiterung des Schlosses, dem Bau des
Kanzleihauses, des Zeughauses, des Stallhofes und der Anlage neuer Festungswerke.
Die Saekularisation der Bistuemer Meissen, Merseburg und Naumburg-Zeitz
und vieler Kloester bringen der Landesherrschaft zusaetzlichen Territorialgewinn.
Die sich bereits um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert abzeichnende
fruehkapitalistische Entwicklung setzt sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts
fort. Sie fuehrt vor allem unter Kurfuerst August, dem Bruder von Moritz,
zu beachtlicher wirtschaftlicher und sozialer Bluete. Der nach der Mode
der Zeit spanisch gekleidete Kurfuerst *Vater* August (ob seiner Sorge
um Wirtschaft und Verwaltung des Territoriums und seiner 15 Kinder) baut
den von Moritz politisch-militaerisch geschaffenen Territorialstaat wirtschaftlich
klug aus, foerdert zielgerichtet die Landwirtschaft und legt in der Kurfuerstlichen
Kunstkammer den Grundstein fuer die naturwissenschaftlichen und Kunstsammlungen
des Dresdner Hofes. In den 33 Friedensjahren seiner Regierung werden allein
ueber 30 Rathaeuser in Sachsen neu gebaut.
In der Reihe der Kurfuersten folgen Christian I. und Christian II.,
beide um eine moeglichst grosse Prunkentfaltung bemueht und weniger auf
politische Erfolge bedacht. Mit ihnen zeichnen sich der gesellschaftliche
Wandel der Landesherrschaft im Reformationszeitalter zum Absolllutismus
ab, der im 17. und 18. Jahrhundert zur Auspraegung kommt.
1611 - 1694:
Johann Georg I. [Bild]
(rechts)
Johann Georg II. [Bild]
(links)
Johann Georg III. [Bild]
(mitte)
Johann Georg IV. [Bild]
(rechts)
Mit Johann Georg I. verbindet sich vor allem die Zeit des Dreissigjaehrigen
Krieges. Zwar gelang es der saechsischen Politik im Taktieren zwischen
den in der *Union* zusammengeschlossenen evangelischen Reichsfuersten und
der katholischen *Liga* mit Kaiser Ferdinand den Krieg zunaechst von Sachsen
fernzuhalten. Erst 1631 wird ein Buendnis mit Schweden unter Gustav Adolf
geschlossen, das zur Teilnahme saechsischer Truppen in den Schlachten bei
Breitenfeld und Luetzen, durch Geheimverhandlungen mit Kaiser Ferdinand
aber bald wieder zum Ausscheiden als Kriegspartei im Prager Frieden von
1635 und zum Erwerb der beiden Lausitzen fuehrt. Bis zum Westfaelischen
Frieden 1648 ist das Land dann vielfachen Verwuestungen und Drangsalierungen
durch schwedische wie kaiserliche Truppen ausgesetzt. Die Bevoelkerung
Sachsens verringert sich zum Teil erheblich. Die wirtschaftlichen Schaeden
sind enorm.
Die Darstellung Johann Georgs I. als Feldobersten oder Generalissimus
des Dreissigjaehrigen Krieges weist auf die Tatsache hin, dass mit dem
*Defensionswerk* die Anfaenge eines stehenden Heeres bereits 1613 geschaffen
wurden. Bei dem nachfolgenden Kurfuersten Johann Georg II., Zeitgenosse
des franzoesischen *Sonnenkoenigs* Ludwig XIV., verbindet sich absolutistische
Prunkentfaltung mit einer wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung,
die relativ bald zur Beseitigung der Kriegsschaeden fuehrt. Dresden wird
zu einem Kulturzentrum, und die Bedeutung der Leipziger Messen als Handeslplatz
europaeischer Grosse nimmt rasch zu.
Johann Georg II. ist gemeinsam mit den ihm in der Regentschaft folgenden
Johann Georg III. und Johann Georg IV. dargestellt, von denen Johann Georg
III. durch seine mit Johann Sobieski von Polen und Kurfuerst Max Emanuel
von Bayern am 2. September 1683 geschehene erfolgreiche Entsetzung der
von den Tuerken hart belagerten Stadt Wien bekannt ist.
1694 - 1763:
August II. (der Starke) [Bild]
(links)
August III. [Bild]
(rechts)
Dem nach kurzer Regierungszeit an den Blattern gestorbenen Johann Georg
IV. folgt an der Schwelle des 18. Jahrhunderts Kurfuerst Friedrich August
I., als spaeterer Koenig von Polen August II. genannt, ein Prototyp barocker
Fuerstenherrlichkeit, unter dem Namen August der Starke ob seiner koerperlichen
Kraefte in das geschichtliche Bewusstsein der Nachwelt eingegangen.
In ihm verkoerpert sich der Versuch absolutistischer Machtpolitik europaeischer
Groessenordnung, die mehrfach empfindliche Niederlagen einschloss, gepaart
mit uebersteigerter Prunksucht und Lebenslust, aber auch mit wirtschaftlicher
Kraftentfaltung in bewusster Hinwendung zum Merkantilismus franzoesischer
Praegung und eingreifenderen Massnahmen in Verwaltungsorganisation, Justiz,
Finanzwesen und Armee im Sinne absolutistischer Staatsraeson. Durch Vermittlung
seines persoenlichen Freundes Kaiser Joseph von Oesterreich erlangt er
1697 die polnische Koenigskrone. Gemeinsam mit Russland unter Zar Peter
I. und Daenrmark fuehrt er Krieg gegen die Schweden unter Karl XII. und
verliert in diesem Nordischen Krieg im Altranstaedter Frieden 1706 die
polnische Krone, in deren Besitz er sich aber nach der Schlacht in Poltawa
1709 erneut setzt. Nach Beendigung des Krieges im Jahre 1718 wird sie von
den Teilnehmerstaaten des Nordischen Krieges bestaetigt. Die unter ihm
erreichte Wirtschaftskraft des Landes im Zusammenhang mit absolutistischer
Machtentfaltung und darauf beruehender ungebrochener militaerischen Staerke
zeigt er Europa im sogenannten *Zeithainer Lager* 1730, an dem fast 30
000 Soldaten teilnahmen. Sachsen und besonders Dresden werden durch ihn
als aktiven Foerderer von Kunst und Gewerbe, als Initiator der Meissner
Porzelanmanufaktur, als *Regisseur und Architekt* zu einer baukuenstlerischen
Bluete gebracht, die noch heute wesentlich den Ruf der Stadt in der Welt
der Kunst ausmacht. Sein Sohn und Nachfolger Kurfuerst Friedrich August
II. erwirbt mit Unterstuetzung Russlands und Oesterreich gleichfalls die
polnische Koenigskrone. Als Koenig von Polen nennt er sich August III.
Sein Name ist mit der Misswirtschaft und Korruptionspolitik des bald
allmaechtigen Premierministers Grafen Heinrich von Bruehl verbunden. Zeitgenosse
Friedrichs II. von Preussen und Maria Theresias von Oesterreich, war August
auf oesterreichischer Seite am zweiten Schlesischen Krieg beteiligt und
gah Land und Bevoelkerung den Zerstoerungen des Siebenjaehrigen Krieges
(1756-1763) preis. In der Nachfolge seines Vaters fuehrte er dessen kulturelle
Bemuehungen fort, ohne jedoch wie dieser schoepferisch mitzuwirken. Waehrend
seiner Regentschaft wurden bedeutende Werke der Gemaeldegalerie erworben,
die Katholische Hofkirche gebaut, erlebte die Italienische Oper am Dresdner
Hofe ihre Glanzzeit.
1763 - 1827:
Friedrich Christian [Bild]
(erster)
Friedrich August der Gerechte [Bild]
(zweiter)
Als der Friede von Hubertusburg 1763 geschlossen wird, waren Land und
Staedte graesslich verwuestet, ueber 100 000 Menschen getoetet und mehr
als 100 Millionen Taler an Kriegskosten aus der Bevoelkerung herausgepresst
worden.
Auf die polnische Krone wird 1765 endgueltig Verzicht geleistet. Unter
Kurfuerst Friedrich Christian erfolgt 1763 die Entlassung des Premmierministers
Bruehl. Eine umfassende Staatsreform beginnt, die vor allem von Thomas
von Fritsch vorbereitet und gedanklich getragen wird und in deren Verwirklichung
sich aehnlich wie in Preussen und Oesterreich der wirtschaftliche Wiederaufbau
des Landes vollzieht. Dieses Retablissement bestimmt auch die nachfolgenden
Jahrzehnte bis zur Jahrhundertwende, das kapitalistische Zeitalter ankuendigend.
Das geschieht unter Kurfuerst Friedrich August III. in Nachfolge seines
noch 1763 versotrbenen Vaters, wobei fuer ihn zunaechst in Vormundschaft
Prinz Xzaver die Regentschaft ausuebt.
Diese Zeit ist zugleich von scharfen Klassenauseinanderaussetzungen
zwischen Adel und feudalabhaengiger Bauernherrschaft gezeichnet.
Der Atem der Franzoesischen Revolution fuehrt zum kursaechsischen Bauernaufstand
von 1790, der nur mit Einsatz des Heeres gewaltsam unterdrueckt werden
kann, aber auch zur Beteiligung Sachsens am sogenannten Reichskrieg gegen
die Franzoesische Republik bis 1796.
Das 19. Jahrhundert beginnt fuer Sachsen ebenso wie fuer die anderen
deutschen Territorialstaaten mit der Aufloesung des *Heiligen Roemischen
Reiches deutscher Nation*, der Expansionspolitik Napoleon, erneuten wirtschaftlichen
Zerruettungen mit Not und Elend fuer das Volk.
Noch 1806 mit Preussen bei Jena gegen die siegreichen napoleonischen
Truppen fechtend, tritt Friedrich August III. auf die Seite Napoleons,
schliesst sich dem Rheinbund an und erhaelt dafuer 1806 die Koenigswuerde,
seitdem sich Koenig Friedrich August I. nennend. Die herrschenden Kreise
in Sachsen vermoegen es dann nicht, sich im nationalen Befreiungskampf
gegen die napoleonische Fremdherrschaft auf die Seite RUsslands und Preussens
zu stellen, sondern verbleiben mit der saechsischen Armee bis zur Leipziger
Voelkerschlacht 1813 bei Napoleon. Das hat nach den vom Wiener Kongress
1815 ausgehandelten Friedensbestimmungen die Abtretung von etwa zwei Dritteln
des Territoriums an Preussen zur Folge. Danach erstarrt der saechsische
Staat in Konservatismus und Restauration im Rahmen des Deutschen Bundes.
1827 - (1918):
Anton der Guetige [Bild]
(dritter)
Friedrich August II. [Bild]
(vierter)
Johann [Bild]
(links)
Albert [Bild]
(mitte)
Georg [Bild]
(rechts)
Die revolutionaeren Unruhen des September 1830 und des April 1831 fuehren
zur konstitutionellen Monarchie in Sachsen. Weniger Koenig Anton als vielmehr
sein Neffe Friedrich August II., seit September 1830 ernannter Mitregent,
bestimmt im Einvernehmen mit liberalen buergerlichen und adeligen Kraeften
die politischen Geschicke des Landes. Industrielle Revolution und schnelle
Ausbildung kapitalistischer Produktionsverhaeltnisse, die Sachsen neben
den preussischen Rheinladen zum bedeutendsten Wirtschaftsgebiet und damit
bald zu einem Zentrum der deutschen Arbeiterbewegung machen, charakterisieren
die Regierungszeit Friedrich Augusts II. und die seines Bruders Johann.
Die buergerlich-demokratische Revolution von 1848/49 und der Dresdner Maiaufstand
vom 3.-9. Mai 1849 sind einschneidende Ereignisse in dieser Epoche. Es
sind zugleich die entscheidenden Jahre der Herbeifuehrung des einheitlichen
buergerlichen deutschen Nationalstaates, der unter Preussens Fuehrung und
Ausschluss Oesterreichs durch die Bismarck'sche Blut- und Eisen-Politik
1871 erreicht wird. Auf dem Wege dorthin geht Sachsen zunaechst mit Oesterreich,
versucht Beust als einflussreichster Minister Koenig Johanns gegen Bismarck
die grossdeutsche Loesung der Reichseinigung zu foerdern. Das fuehrt Sachsen
1866 an der Seite Oesterreichs im Krieg gegen Preussen auf das Schlachtfeld
von Koeniggraetz (Hradec Kralove) und nach der militaerischen Niederlage
unter dem Frieden von Nikolsburg zum Eintritt in den Norddeutschen Bund.
1871 wird es Glied des deutschen Kaiserreiches preussischer Praegung.
Die von den zuletzt dargestellten saechsischen Koenigen Johann, Albert
und Georg getragenen preussischen Pickelhauben versinnbidlichen, zumindest
was Johann und Georg betrifft, weniger ihre kriegerische Gesinnung als
vielmehr die Ein- und Unterordnung unter die preussische Oberhoheit im
wilhelminischen Kaisserreich. Die wirtschaftliche Entwicklung nimmt ein
sutermisches Tempo an. Sie ist Teil der kapitalischen und imperialistischen
Machtentfaltung, die in den 1. Weltkrieg einmuendet. Es sind zugleich Jahrzehnte
der Entfaltung der Arbeiterbewegung, die von August Bebel und Wilhelm Liebknecht
persoenlich in Sachsen gepraegt wird und es in den Ruf des *roten Koenigsreich*
bringen. Der auf Georg folgende letzte Wettiner Friedrich August III. musste
in den Stuermen der Novemberrevolution am 13. November 1918 abdanken. Die
dies durchsetzten, die revolutionaeren Dresdner Arbeiter und Soldaten,
weisen bereits in eine neue Epoche der Weltgeschichte.
Das Kunstwerk *Der Fuerstenzug*
Der Besucher Dresdens, der die Augustusstrasse, einen der Haupttouristenwege
der Stadt, durchschreitet, kann sich der ausserordentlichen Wirkung des
durch seine Groesse und dekorative Durchgestaltung beeindruckende Fuerstenzuges
nicht entziehen. Er wird sich fragen, aus welchem Anlass gerade an dieser
Stelle das monumentale Werk geschaffen wurde und welcher Rang ihm innerhalb
des baukuenstlerischen Erbes der Stadt heute eingeraeumt wird.
In der Weck'schen Chronik zur Geschichte und Topographie der Stadt Dresden
findet man aus dem Jahr 1680 einen Kupferstich mit der isometrischen Darstellung
des Stallhofgebietes. Im Vordergrund zeigt er die noerdliche Wand des Langen
Ganges, die heute das Wandbild des Fuerstenzuges traegt. Man erkennt zwischen
den auch jetzt noch vorhandenen Fensterpaaren figuerliche Szenen, darunter
einen langen Reiterzug, der sich nicht nur am Langen Gang, sondern weiter
entlang der Ostfassade des Stallhofgebaeudes, des heutigen Johanneums,
bewegt. Diese zusammen mit einer illusionistischen Rustika-Arhitektur des
Sockel-Geschosses die Gebaeude vollstaendig bedeckende monumentale Dekoration
war 1589 in Kalkfarbenmalerei a la sgraffito vermutlich von Zacharias Wehme
und der Werkstatt Heinrich Goedings geschaffen worden, fiel nach anfaenglichen
Instandsetzungen im Laufe der Jahrhunderte immer mehr den Witterungseinfluessen
zum Opfer und war im 19. Jahrhundert schliesslich nicht mehr vorhanden.
1870 wurde der Beschluss gefasst, die ueber 100 m lange kahle Wand gegenueber
dem Bruehlschen Palais, an dessen Stelle heute das Gebaeude des ehemaligen
Saechsischen Landtags steht, wieder dekorativ zu gestalten. Auesserer Anlass
dazu war die bevorstehende 800-Jahrfeier des saechsischen Fuerstenhauses
Wettin, die 800jaehrige Wiederkehr der Belehnung des Markgrafen der Niederlausitz,
Heinrich von Eilenburg aus dem Hause Wettin, mit der Mark Meissen durch
Kaiser Heinrich IV. im Jahre 1089. Aus mehreren Vorschlaegen eines bereits
1864 durchgefuehrten Wettbewerbes wurde der Entwurf von Wilhelm Walther
(1826-1913) zur AUsfuehrung bestimmt. AUsgehend von der urspruenglichen
Renaissancedekoration und in Kenntnis des *Triumphzuges Kaxier Maximillians*,
jener grossen graphischen Gemeinschaftsleitung der deutschen Renaissance
(Burgkmair, Altdorfer, Duerer u.a.), hatte Walther vorgeschlagen, einen
riesigen, unterhalb der Fensterpaare haengenden Gobelin illusionistisch
zu gestalten, der in einem ueberlebensgrossen Reiterzug saemtliche Regenten
des Hauses Wettin vor einem golddurchwirkten, rautenfoermig gegliederten
Hintergrund zeigt. Die heute im Institut der Denkmalpflege Dresden aufbewahrten
Entwuerfe im Masstab 1:5 wurden zunaechst auf Kartons in den natuerlichen
Masstab gesetzt und davon innerhalb von 5 Jahren in Sgraffito-Technik auf
die Wand uebertragen. Diese gewaltige Arbeit fuehrten der Kuenstler, seine
Frau, der Zimmermeister Kern und der Maurer Pietsch aus. Am 21. Juli 1876
wurde das vollendete Werk dem Koenigshause uebergeben.
Die von Walther gewqaehlte Sgraffito-Technik, farbiger Unterputz aus
Kalk, Zement und feingemahlener Schlacke, gelblich-weisse obere Tuennich-Schicht
aus Weisskalk, wurde in Anlehnung an die monumentale Dekoration des Schlosses
und Stallhofes im 16. Jahrhundert ausgefuehrt. Durch Auskratzen der Linien
und Flaechen aus der Tuennich-Schicht ergab sich ein ausserordentlich graphisches
wirkendes Bild. Bei entsprechenden Studien in Zuerich war Walther durch
Gottfried Semper in der Wahl dieser Technik bestaerkt worden. Aber wie
schon den um 1556 entstandenen Sgraffiti des Schlosses war auch diesem
keine sehr lange Lebensdauer beschieden. Bereits um 1900 zeigten sich Schaeden,
die wohl auf das fuer Sgraffiti generall ungeeignete Elbtalklima und die
verstaerkt wirkenden Braun- und Steinkkoohlenabgase zurueckzufuehren waren.
Den ersten Erwaegungen, die Fehlstellen unter Verwendung Keim-scher Kaseinfarben
auszubessern, gab das Angebot der Koeniglichen Porzellanmanufaktur Meissen
im Jahre 1902, das Wandbild insgesamt auf Fliessen zu uebertragen, eine
gaenzlich neue Richtung.
Nach der probeweisen Herstellung eines Ausschnittes (Friedrich der Ernsthafte)
an einem Gebaeude der Porzellanmanufaktur, das sich noch heute dort befindet,
wurden am 17. Maerz 1904 67 000 Mark zur Umsetzung des 957 qm grosen Wandbildes
in keramische Fliesen durch die Finanzdeputation des Saechsischen Landtages
bewilligt. Die erforderlichen 24 000 Fliesen, den Verschnitt eingerechnet,
wurden nach einem besonderen, von Oberbergrat Heintze entwickelten Verfahren
aus verschiedenen Erden unter Zumischung von Feldspat und gemahlenen blauen
Porzellanscherben hergestellt, trocken gepresst, zunaechst als Glattbrand
im Porzellanofen bei ca. 1380 Grad Celsius gebrannt, auf das genaue Mass
geschliffen, mit der Grundengobe ueberzogen, bei za. 1350 Grad Celsion
im Scharffeurer gebrannt, bemalt und nochmals im Scharffeurer gebrannt.
Grundengobe und Farbe bestehen aus dem gleichen Material wie die Platte
selbst. DUrch diese Homogenitaet ist eine ausserordentlich grosse Bestaendigkeit
der Platten gewaehrleistet. Das durch zahlreiche Proben sorgfaeltig vorbereitete
fugenlose Ansetzen der Fliesen in Zementmoertel geschah von April bis July
1907.
Im Jahre 1910 zeigten sich die ersten Schaeden im vorderen Teil des
Fliesenbildes. Sie lagen nicht an der Fliesen- und Ansetztechnik, sondern
erwuchsen vermutlich aus den Waermespannungen in der 100 m langen Mauer,
die in ihrer Struktur, auf mittelalterlichen Stadtmauerteilen errichtet,
ausserdem wenig homoen war. Fuer den Betrachter fielen diese Spruenge und
kkleinen Abplatzungen nicht ins Auge. Sichtbaren Schaden erlitt das Wandbild
erst im Feurstur des 13. Februar 1945. Es ist trotzdem erstaunlich, dass
sich angesichts der Gluthitze in der schmalen Augustusstrasse und trotz
des vollstaendigen Verbrennens des Langen Ganges und des Einstuerzens der
Mehrzahl seiner Gewoelbe keine einzige Fliese vom Untergrund loeste, sondern
neben durch Bombensplitter verursachten Abplatzungen nur Spruenge und kleinere
Absplitterungen auftraten. Einer erst gruendlichen Untersuchung im Jahre
1964 ergab, dass die Fliesen fest am Untergrund hafteten.
Aus Anlass des 30. Jahrestages der Gruendung der Deutschen Demokratischen
Republik wurde im Rahmen er Rekonstruktion und neuen Erschliessung des
gesamten Stallhofbereiches als Festspielplatz der Renaissance auch der
Fuerstenzug instand gesetzt. Zunaechst galt es, 1978 das Wandbild, das
seit 1939 nicht mehr gewaschen worden war und ausserdem noch den eingebrannten
Russ des Inferno des 13. Fwbruars trug, das man in seinen oberen Partien
aus einiger Entfernung im Detail nicht mehr erkennen konnte, zu reinigen.
Nach entsprechenden chemischen Voruntersuchungen erwiesen sich hier basische
und saure Industriereiniger in Verbindung mit heissem Wasser unter hohem
Druck geeignet, die alte Brillanz im wesentlichen wiederzugewinnen. Damit
war die Voraussetzung fuer das Auswechseln von 212 weitgehend zerstoerten
und das Ergaenzen weiterer 442 weniger beschaedigter Fliesen durch einen
speziellen Kitt im Jahre 1979 gegeben. Als schwierigstes Problem erwies
sich dabei das Herausloesen der auszuwechselnden Fliesen, das ohne Beschaedigung
der benachbarten geschehen musste.
Wenn der eine ganze Strasse beherrschende Fuerstenzug wieder in seiner
grafischen Klarheit erstrahlt, muessen wir uns auch die Frage stellen,
was er inhaltlich heute zu sagen vermag. Entstanden als Ausdruck dafuer,
*dass wahre Liebe und gegenseitige Treue Sachsens Fuerstenhaus und Sachsens
Volk umschlingt*, wie es monarchistisch gesinnte Kulturschriftsteller um
1900 formulierten, koennen wir seine Aussage nicht unkritisch zur Kenntnis
nehmen, muessen wir uns vielmehr bemuehen, gewissermassen hinter die Kulissen
schauend, ausgehend von den hier dargestellten Repraesentanten des Fuerstenhauses,
zur Ganzheit der Geschichte Sachsen vorzudringen, die eingebunden ist in
die Geschichte Mitteleuropas mit ihren grossen sozialen Kaempfen, mit ihrem
Jahrhunderte waehrenden Widerstreit zwischen landesfuerstlichen Partikularstreben
und kaiserlicher Zentralgewalt. Dem Bildwerk lag aber -wie ueberhaupt allen
bemerkenswerten dekorativen Leistungen der Baukultur des 19. Jahrhuderts-
ein historisches Bewusstsein zugrunde, das in jedem Falle kunstwissenschaftlich
fundiert war, und das befaehigte Wilhelm Walther zu einer Schoepfung, die
ueber den heute nicht mehr zaehlenden Anlass hinaus Gueltigkeit besitzt.
Die Dekorationsprinzipien der mitteleuropaeischen Renaissance des 16. Jahrhunderts
in formaler wie technischer Beziehung aufgreifend, ordnete sich Walther
bewusst den noch bestehenden Renaissancestrukturen von Schloss und Stallhof
ein, gestaltete sein Wandbild aber grossformatiger, gliederte den Reiterzug
im Gegensatz zu dem ausgehenden 16. Jahrhunderts in Gruppen, um damit auch
den seit jener Zeit hinzukommenen massiven Umgebungsbauten, Katholische
Hofkirche, Palais Bruehl, gerecht zu werden. Die grossformatige Gestaltung
erwies sich als besonders vortielhaft nach Errichtung des neuen Georgenbaues
und des Landtagsgebaeudes. Der Auftrag und das Bestreben Walthers zielten
auf groesste historische Treue, auf Portraetaehnlichkeit der Fuersten,
soweit zurueckreichend -ab Friedrich der Streitbare- dies moeglich war,
auf die historische Genauigkeit der Kleidung, Ruestung und Waffen. Professor
von Weissenbach, Archaeologe und Kunsthistoriker, stand ihm in allen diesen
Fragen mit wissenschaftlicher Gruendlichkeit beratend zur Seite. Alle verfuegbaren
historischen Sachzeugen, Portraits in den Galerien, Kleider und Waffen
des Historischen Museums und der Ruestkammer in Dresden, Beschreibungen
und Trachtenbuecher wurden als Grundlage herangezogen. Es wird berichtet,
dass sich der Kuenslter Pferde und Reiter in einem Raum des Hausmannsturms
des Schlosses, soweit dies aus originalen Museumsstuecken moeglich war,
aufbauen liess und dann abzeichnete. Auf diese Weise entstand mit den einzelnen
Gruppen ein jeweils exaktes Zeitdokument, akademisch gesondert und dennoch
als Ganzes kuenstlerisch bewaeltigt -ein Album zur Kostuem- und Waffengeschichte
Europas.
Im Gegensatz zu den Triumphzuegen der Antike, die Sieger und Besiegte
zeigen -denken wir an die Siegessaeulen und Triumphboegen Roms- wirkt der
Dresdner Zug trotz Waffen, Ruestungen und Uniformen eher friedlich, als
theatralische Retrospektive, ungestoerte Kontinuitaet im Hause Wettin und
Harmonie zwischen Volk und Fuersten vorspiegelnd, die sich bei ernsthafter
Betrachtung der Geschichte als truegerisch erweisen. Auch die Phantasiereichen,
eine moralische Wertung zum Ausdruck bringenden Beinamen der Fuersten wurden
wohl in der Absicht verliehen, durch die Schaffung differenziert wirkender
Vaterbilder diese *Harmonie* zu befoerdern. In eine umkraenzte Ehrenpforte,
Herold, Spielleute und Bannertraeger voran, siehen die *gekroenten Haeupter*
ein. Je nach historischem Entwicklungsstand und persoenlicher Veranlagung
spielten die im Zuge dargestellten 35 Markgrafen, Kurfuersten und Koenige
entweder eine in ihrer Zeit vorwaertsweisende Rolle, eine reaktionaere
oder auch gar keine, zogen sie ihr Land in Kriege oder trieben sie eine
bewusste Friedenspolitik. Immer ging es ihnen aber um die Staerkung der
wettinischen Hausmacht. Die Komposition Wilhelm Walthers, die Kleidung
der Fuersten und ihre Beigaben bieten, das zu erkennen, dem aufmerksamen
Beschauer erste Anhaltspunkte. Die politische oder kulturgeschichtlich
bedeutenden Regenten sind in der Regel im Vordergrund, als Mittelpunkt
einer Gruppe dargestellt oder durch Gesten besonders ausgezeichnet. Nachdamaliger
Auffassung weniger bedeutende reiten im Hintergrund oder sind gar stark
verdeckt.
Den Zug beschliessen die Vertreter von Wissenschaft und Kunst, Handwerks-,
Bergmanns- und Bauernstand, *dem Zug der Fuersten in Treue folgend.* Ein
Gymnasiast und zwei Studenten repraesentieren mit ihren Fahnen zunaechst
die seit etwa 1300 bestehende Kreuzschule, die 1409 gegruendete Universitaet
Leipzig und die 1871 aus dem Polytechnikum gebildete Technische HochschuleDresden.
Ihnen folgen der Architekt Nicolai und die Maler Peschel und Huebner, in
einen Entwurf zum Fuerstenzug vertieft. Die naechste Gruppe bilden die
beiden Bildhauer Johannes Schilling und Ernst Julius Haehnel zusammen mit
dem Maler Ludwig Richter. Oberbibliothekar Dr. Foerstemann, der Interpret
der weltberuehmten Dresdner Mayahandschrift, Geheimrat Wiesner, Dezernent
der Schoenen Kuenste im Ministerium des Kultus und Professor von Weissenbach,
der kunstwissenschaftliche Berater Wilehlm Walthers, zeigen sich als Vertreter
der staatlichen Kulturinstitutionen. Mit den das Handwerk vertretenden
Maurern Kern, mit Schurzfell und Winkelmass, und Pietsch, die Maurerkelle
in der Hand, den beiden Helfern des Kuenstlers, findet der Zug seinen Abschluss.
Hinter ihnen schaut Wilhelm Walther selbst hervor, nicht eigentlich im
Zuge schreitend. Er blickt den Betrachter an, das Urteil der Nachwelt ueber
sein Werk erwartend.
Einhundertdrei Jahre nach seiner ersten Vollendung wird dieses Werk
mit Akribie und nicht geringen Kosten im Auftrag eines zosialistischen
Staates restauriert, um ihm wieder zu seiner urspruenglichen kuenstlerischen
Wirkung zu verhelfen. Es hat als Bildwerk, als monumentale Architekturdekoration,
als staedtebauliches Gestaltungselement seine Lebenskraft bewiesen, weil
es kunstwissenschaftlich exakt vorbereitet war und Wilhelm Walther ueber
die Aufgabe entsprechende kuenstlerische Meisterschaft verfuegte. Seine
letzlich monarchistische Aussage erschwert zwar den Zugang zur geschichtlichen
Wirklichkeit der dargestellten Epochen, schliesst ihn aber bei kritischer
Betrachtung nicht aus. Sozialistisches Eerbeverstaendnis bedeutet die Aneignung
auch des Erbes der herrschenden Klassen in den Phasen, da sie gesellschaftlichem
Fortschritt antagonistisch gegenueberstanden, hat es doch seine Wirkungen
gehabt, die, dialektisch gewertet, zum Verstaendnis der Gesamtgesellschaftsgeschichte
fuehren. Der Dresdner Fuerstenzug ist dafuer ein repraesentatives Beispiel.
Wissenswertes auf einen Blick:
Errichtung des Stallhofes: 1586-1588
Schaffung des Fuerstenzuges als Sgraffito: 1873-1876
Umsetzung des Fuerstenzuges auf Meissner Porzellanfliesen: 1904-1907
Restaurierung des Fliesenbildes: 1978-1979
Groesse des Wandbildes: 957 m2, 101 m Laenge
Anzahl der Fliesen: 24 000 Stueck
Groesse einer Fliese: 205/205 mm
Anzahl der 1978/79 ersetzten Fliesen: 223 Stueck
Anzahl der 1978/79 ergaenzten Fliesen: 442 Stueck
Anzahl der dargestellten Markgrafen, Kurfuersten und Koenige:
35 Reiter
Lebensdaten und Werk des Kuenstlers Adolf Wilhelm Walthers:
Oktober 18, 1826 als Sohn eines Waldarbeiters in Kaemmerswalde im Erzgebirge
geboren.
1842-1848 Schueler der Dresdner Kunstakademie bei C.G. Peschel und
J. Huebner.
1863 Ausfuehrung der Sgraffiti der Nordwestfassade des Eidgenoessischen
Polytechnikums in Zuerich nach den Entwurfen Gottfried Sempers.
1864 Wettbewerbserfolg Fuerstenzug.
1869 Auftrag zur Ausfuehrung des Fuerstenzuges.
875-1900 Lehrer an der Dresdner Kunstakademie, seit 1878 Professor.
1876 Vollendung des Dresdner Fuerstenzuges als Sgraffito.
Mai 7, 1913 gestorben in Dresden, begraben auf dem Matthaeusfriedhof.
Weitere Werke:
Mosaik *St. Georg* am Burgtor zu Meissen.
*Das Leben Jesu*, 48 Kreidezeichnungen.
Altargemaelde in den Kirchen zu Deutscheinsiedel, Karbitz und Grulich.
Kartons zu Glasfenstern der Stadtkirche Meissen, der Kirchen in Nossen
und Neuhausen/Erzgebirge, der Friedhofskapelle in Dresden-Loschwitz. |