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Herzog
Franz von Bayern feiert seinen 70. Geburtstag: „Am Dackel erkennt man
mich noch am ehesten.“
Der Thron macht die Musik
Auch in der Republik steht das
Oberhaupt des Hauses Wittelsbach in jedem Augenblick seines Daseins
für tausend Jahre Geschichte
Von Hermann Unterstöger
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München, im Juli – Das etwas
muffige, ansonsten aber höchst schätzbare,
in seinem Patriotismus jedenfalls unübertroffene Buch „Unser
Bayerland“, 1906 erschienen, endet mit jenem Luitpold, der nach
König
Ludwigs II., seines Neffen, verstörendem Ende als Prinzregent
sozusagen
hatte einspringen müssen. Obwohl ihm im Zusammenhang mit den
tragischen
Ereignissen von 1886 allerlei Kompromittierendes nachgesagt wurde,
gestaltete sich die „Prinzregentenzeit“ für Bayern vergleichsweise
günstig, und als er den 70. respektive 80. Geburtstag feierte,
brauste
Jubel von Stadt zu Dorf. So das genannte Buch, das etwas verquer, aber
treuherzig fortfährt: „Da konnte man sehen, wie in der Seele des
Bayernvolkes die dankbare Liebe zu ihrem dem gleichen Boden
entstammenden, durch nahezu tausendjährige gemeinschaftliche
Geschichte
mit ihnen verknüpften Fürstenhause lebendig ist.“
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Wieder steht Bayern vor einem
fürstlichen Geburtstag: Am Montag wird
Herzog Franz, der Chef des Hauses Wittelsbach, 70 Jahre alt. Wenn auch
die Monarchie schon vor 85 Jahren außer Kraft gesetzt wurde, so
ist
doch mit angemessenem Jubelbrausen zu rechnen, mag es gleich nicht bis
ins letzte Dorf dringen, sondern sich aufs Schloss Nymphenburg
beschränken, woselbst man mit zweitausend Gratulanten rechnet,
einer
Menge also, die deutlich über den Familienkreis hinausgeht und die
in
ihrer gesellschaftlichen Mischung für das Bayernvolk in seiner
ganzen
Vielfalt stehen soll. Nach Auskunft des Grafen Preysing von der
herzoglichen Verwaltung werden Groß- und Kleinkopferte gerecht
gemischt
sein, wobei der nicht geladene Durchschnittsbayer dergleichen neidlos
sieht. „Da muass i net aa no hi“, sagt sich der kleine Mann und hebt
den Krug: „Sollst lebn, Hoheit, oder wia des hoaßt!“
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„Hoheit“ ist schon richtig, und
noch richtiger ist „Königliche Hoheit“,
was indessen der sprachfaule Bayer gern zu einem „Khoheit“ verschleift
und eher hastig hervorstößt, geradeso, als wär’s ihm
peinlich. (Was es
ihm ja auch ist, als Titel, und was sich nicht gegen die damit
bezeichnete Person richtet.) Dergleichen zu referieren ist umso
statthafter, als es von einem Wittelsbacher kommt, nämlich von
Prinz
Leopold alias „Poldi“, der sich einst als Rennfahrer und generell
bunter Hund einen Namen machte, mittlerweile freilich auch schon 60 und
bedeutend ruhiger geworden ist. „Khoheit“, wiederholt er ein paar Mal,
mit tirolerisch keuchendem Anlaut. „Khoheit“, ja, so werde er
öfter
angeredet: „Khoheit, grüaß Eahna!“ Prinz Leopold lebt
freilich auf dem
Land, in Berg am Starnberger See, unweit der Stelle, wo Ludwig II., den
sie auf eine in ihrer Vertraulichkeit seltsam unpassende Weise den
„Kini“ nennen, sein zeitliches Ende fand. In der Stadt wird etwas
vornehmer verschliffen, weswegen sich Herzog Franz bei
öffentlichen
Anlässen meist den Titel „Kölijehoheit“ gefallen lassen muss.
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Nichts ist für den
bürgerlichen Laien verwirrender, nichts aber
andererseits spannender als die Genealogie hoher und höchster
Häuser.
Bei der vergleichenden Betrachtung des anstehenden mit dem weiland
Luitpoldschen Geburtstag stößt man auf ein Bild des
Hofphotographen
Müller, das vier Generationen des Herrscherhauses zeigt:
Prinzregent
Luitpold, seinen Sohn Ludwig, seinen Enkel Rupprecht und seinen Urenkel
Luitpold. Der Urgroßvater sitzt in einem Armstuhl und hat die
Pose
eingenommen, in der ihn später Max Slevogt malte, wobei der greise
Prinzregent wegzuschlummern pflegte, dergestalt, dass der Künstler
von
Zeit zu Zeit den Pinsel fallen lassen musste, um sein Modell diskret zu
wecken.
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Nach allen dynastischen Regeln
wäre der Urenkel Luitpold, ein zarter
und sehr schöner Bub, in die Thronfolge eingetreten, doch dann
raffte
ihn, im August 1914, die Kinderlähmung hinweg. Neben anderem hatte
das
ein Gedicht der dramatischen Sängerin Etta Beda-Schwarz zur Folge,
worin es heißt: „Wisst Ihr, warum die Welt ihn verlor? / Ein
Leutnant
fehlte im himmlischen Chor.“ Der himmlische Chor war nun zwar komplett,
aber in der weltlich Wittelsbachischen Sukzession klaffte eine
Lücke,
und so war denn die Reihe an dem 1905 geborenen Prinzen Albrecht, der
als Herzog Albrecht von 1955 bis 1996 Chef des Hauses war. Sein
ältester Sohn wiederum ist Herzog Franz, der, wenn die Zeiten
anders
gelaufen wären, heute auf dem bayerischen Königsthron
säße.
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Was ist dieser Herzog Franz
für ein Mensch? Wie hat man, da das Land
nun nicht mehr mit Königsfotos eingedeckt werden kann, ihn sich
vorzustellen? Die Imagination ist in diesem Punkt ja bei Ludwig II.
stehen geblieben, und in der Tat haben es die nach ihm kommenden
Wittelsbacher schwer, sich neben dieser Gestalt und ihrer imperialen
Anmutung zu behaupten. Weder der rauschebärtige Prinzregent noch
der
rustikale König Ludwig III., dank seines Hangs zur Milchwirtschaft
auch
„der Millibauer“ zubenannt, noch der kunstsinnige Kronprinz Rupprecht
noch der naturverbundene Herzog Albrecht hatten etwas so exorbitant
Königliches an sich wie ihr unglücklicher Vetter (um das
winkelige
verwandtschaftliche Gefüge einmal unter diesem Titel zu
subsumieren).
Auch dem Herzog Franz würde man prima vista nicht unbedingt die
Krone
antragen.
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Er selbst hat ein heimliches, aber
ohne Ziererei eingestandenes
Vergnügen an dieser seiner gewissermaßen bürgerlichen
Normalität. Er
genießt es sichtlich, dass er von seiner Wohnung im Nymphenburger
Schloss quer über den weiß Gott volkreichen Vorplatz zur
herzoglichen
Verwaltung hinübergehen kann und dabei von keinem Menschen erkannt
wird. Herzog Franz verfügt in Herrn Kneitel über einen
Bedienten von
der trefflichsten Art, einen Mann, der ein Glas Wasser zu servieren
weiß, als wär’s das letzte, das auf dieser Welt gereicht
wird, der die
metallenen Türstopper in der herzoglichen Wohnung wie Messglocken
bewegt, der in einer hochgeschlossenen Trachtenjacke steckt und dennoch
die mörderische Hitze in gemessenen, von Einsicht in die
Willkür der
klimatischen Zusammenhänge kündenden Worten verurteilt. Man
wäre nicht
erstaunt, wenn die Leute bei seinem Anblick sagen würden: „Ob das
wohl
der Dings ist, der oberste Wittelsbacher?“, während sie den Herzog
als
einen mutmaßlich höheren Beamten der Schlösser- und
Seenverwaltung
unbehelligt würden passieren lassen.
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„Am Dackel erkennt man mich noch
am ehesten“, sagt Herzog Franz und
weist mit dem brüchigen Stolz des nicht immer erfolgreichen
Erziehungsberechtigten auf Wasti, seinen Kurzhaardackel. Mit einiger
Bosheit könnte man sagen, dass Wasti der derzeit bekannteste
Wittelsbacher sei: Wen immer man nach den Geheimnissen des
königlichen
Hauses befragt, der rückt binnen kurzem mit
Herr-und-Hund-Geschichten
heraus. Den Habitués freilich bleibt es vorbehalten, auf etwas
hinzuweisen, das ins Auge springt und das auch der Herzog selbst
keineswegs verschweigt, nämlich dass der Wasti in jüngster
Zeit über
Gebühr zugenommen hat. „Er ist zu dick“, sagt Herzog Franz, „jeder
füttert ihn, ich am allermeisten.“ Spricht’s, und gibt ihm von dem
Knabberzeug, das Herr Kneitel bereitgestellt hat, zwei, drei
Stückchen.
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Dass der Dackel im Schloss
Nymphenburg eine Rolle spielt, die über die
des Haustiers erheblich hinausgeht, ist offenkundig. Man wird Wasti
nicht zu nahe treten, wenn man wiedergibt, was ein Insider zu seiner
Charakterisierung gesagt hat: „Dieser Hund dient auch als soziales
Schmiermittel.“ Sieht man von dem unschönen Wort „Schmiermittel“
ab, so
ist das die reine Wahrheit. Nicht alle, die des Herzogs Wege kreuzen,
sind im Umgang mit dem Adel so routiniert wie beispielsweise die Leute,
die zu den regelmäßigen Nymphenburger Empfängen geladen
sind:
Wirtschaftsmänner, Mediengrößen,
Verwaltungsherrschaften und natürlich
Adelige, von denen manche schon ganz durchsichtig sind vor lauter
Erlauchtheit. Wem deren Geschmeidigkeit mangelt, der wird gut daran
tun, sich dem Herzog über das Medium Wasti anzunähern, und er
kann
sicher sein, dass der Umweg als menschlich und gesellschaftlich korrekt
akzeptiert wird. (Zum Thema Adel sagt der „Schmiermittel“-Informant
übrigens, dass ein König nicht dazugehöre: „Der macht
Adel!“)
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Das Berufsprofil eines Herzogs –
dieses Herzogs – steht vielleicht
nicht jedermann klar vor Augen, weswegen es hier in ein paar Strichen
skizziert sei. Die Hauptkontur kommt von ihm selbst und hat in ihrer
Untertreibung etwas durchaus Komisches: „Meine Existenz besteht darin,
anwesend zu sein.“ Weiß Gott, denkt man sich und erinnert sich an
ein
paar Termine unter vielen, die ihm in letzter Zeit Gelegenheit gaben,
im Wortsinn dieses Statements existent zu sein: Eröffnung der
„Winterkönig“-Ausstellung in Amberg, bei der Herzog Franz, als der
Festakt zu beginnen drohte, seinen Plausch mit den Honoratioren mit
einem „Ich glaub’, wir müssen uns schön langsam
aufräumen“ beendete;
Eröffnung der Rosenschau im Botanischen Garten, wo der Herzog
trotz
brütender Hitze kühl und entspannt wirkte; Grundsteinlegung
für den
Anbau der Kunstakademie, nach der die Abendzeitung bemängelte,
dass
„Prinz“ Franz den „königlichen Gruß“ verweigert habe, obwohl
es ein
„perfekter Rahmen für einen winkenden Monarchen“ gewesen
wäre; Festakt
zur Eröffnung des aufwendig restaurierten Hubertussaals im
Schloss,
wobei Finanzminister Faltlhauser Herzog Franz als „sozusagen Hausherr“
begrüßte und eine produktive Spannung zwischen dem Bewahren
des
Wittelsbacher-Erbes und dem Gestaltungswillen für die Zukunft
konstatierte, der es, neben der guten Arbeit der CSU, zu danken sei,
dass Bayern „in einer traurigen Republik“ als optimistischer Freistaat
dastehe.
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Nun unterscheidet sich die
Anwesenheit des Herzogs allerdings
grundlegend von jenem fidelen Dabeisein, von dem man sich vormacht, es
„ist alles“. Wenn er als Repräsentant zugegen ist, dann nicht als
Dekor
oder aus High-Society-Gelüsten, denen er, seinem Naturell nach,
ohnedies nicht ausgesetzt ist. Man heißt ja nicht Franz von
Bayern,
ohne hinter sich jene beiläufig acht Jahrhunderte zu spüren,
während
deren die Geschicke Bayerns mit denen Wittelsbachs eng verflochten
waren. Es gilt als ausgemacht, dass die Bayern mit den Wittelsbachern
und diese mit ihnen grosso modo gut fuhren und man voneinander mehr
Vorteile hatte als andere Länder mit anderen Herren. Aus dieser
historischen Tiefe sieht der Herzog bis heute – und unbeschadet des
Hinsinkens der Monarchie – die Verpflichtung erwachsen, da zu sein und
durch diese seine Präsenz gewisse Dinge zu fördern, zu
bewegen, zu
bestärken. „Es gibt welche, die sitzen dürfen“, doziert er,
„und
welche, die sitzen müssen.“ Was aber die Autorität angeht,
die er dabei
in unaufdringlicher Deutlichkeit zu entfalten weiß, so sagt er
von ihr:
„Na ja, das ist mein Handwerkszeug.“
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Als Chef des Hauses Wittelsbach
steht Herzog Franz einer etwa
fünfzigköpfigen Familie vor, und wiewohl er selbst
Junggeselle ist,
scheint er ihr einen echten Vater abzugeben. Er sieht die Sache mit
Nüchternheit: „Es ist meine Pflicht, in der Familie darauf zu
sehen,
dass kein Unfug passiert, und darin bin ich vielleicht effektiver als
ein bürgerlicher Onkel.“ Und, nach kurzem Zögern: „Aber
letztlich habe
ich auch kein anderes Machtmittel als die Ermahnung.“ Wirft man bei der
Passage mit dem „Unfug“ den Namen Poldi dazwischen, dann schaut einen
der Herzog sehr unverbindlich an, also wollte er sagen: Denk doch du,
was du willst. Poldi, also Prinz Leopold, wird seinerseits nicht
müde,
im Duett mit seiner Frau Prinzessin Ursula, einer geborenen
Möhlenkamp,
das Lob des Herzogs zu singen, seiner Güte, seiner Gerechtigkeit,
seines Humors. Charismatisch sei er, sagen sie, und von seltener
Redegabe, wenn es dafür stünde. Er selbst hingegen behauptet,
er könne
nicht reden. Kein Wittelsbacher habe je gut reden können.
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Mit dem Herzog zu Mittag zu essen,
ist aus mehreren Gründen erhebend.
Erstens überhaupt. Zweitens wegen Herrn Kneitels diskreter
Fürsorge.
Drittens im Hinblick auf die feine kalte Suppe, mit der man so lange
herumtrödelt, bis der Herzog gottlob die Tasse zum Mund hebt und
so den
weiteren Verlauf vorgibt. Viertens, weil man danach Schnitzel mit
Kartoffel-Gurken-Salat isst, freilich aus edlerem Geschirr als zu Hause
und mit Hilfe des Bestecks der Königin Marie selig. Fünftens
wegen
eines Obstsalates aus Waldbeeren, den man in falscher Vornehmheit
stehen lassen würde, wäre nicht der Herzog so freundlich zu
sagen: „Man
sollte ihn aufessen.“ Sechstens schließlich im Hinblick auf des
Herzogs
hörbar begeisterte Ausführungen zur Jagd. Das Schießen
hat man ihm,
nach einer Operation am Ohr, ja nun verboten, aber die Planung einer
großen Jagd, deren Choreographie sozusagen, sei vielleicht noch
schöner
als das blutige Kerngeschäft.
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Das Jagdrevier im Köschinger
Forst, das Inventar im Schloss: Dies und
anderes mehr gehört dem Herzog nicht, sondern dem Wittelsbacher
Ausgleichsfonds. Unter Sansculotten kann man die eine oder andere
Tirade darüber hören, dass die Wittelsbacher nach dem Ersten
Weltkrieg
allzu üppig abgefunden worden seien und nun wie die Made im Speck
lebten. Tatsächlich beziehen jene Wittelsbacher, die vor 1918
Anspruch
auf Leistungen aus der „Zivilliste“ gehabt hätten, ihre Revenuen
bis
heute aus den Erträgnissen des Ausgleichsfonds. Aber Wohlleben?
„Das
genau ist nicht richtig“, sagt Georg Graf von Schall-Riaucour, der
Generaldirektor des Fonds, „man kann angemessen leben, das ist wohl das
richtige Wort.“ Im Fonds findet sich vielerlei, Rentables und weniger
Rentables; seine Haupteinnahmen zieht er aus einem beeindruckenden
Immobilienbesitz. Graf Schall-Riaucour will indessen nicht in
Vergessenheit geraten lassen, dass die Wittelsbacher ihrerseits auch
den Staat bedachten: Max IV. Joseph (nachmals König Max I.
Joseph), als
er auf achtzig Prozent der ihm zustehenden Einnahmen verzichtete, und
Kronprinz Rupprecht, als er 1923 seine Kunstschätze in den Fonds
einlegte, dem Bayernvolk auf ewig zur Verfügung.
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Artikel 8 des Gesetzes vom 9.
März 1923 bestimmt, dass, wenn
Anspruchsberechtigte „nicht mehr vorhanden sind“, das Vermögen des
Ausgleichsfonds an den Bayerischen Staat fällt. „Nicht mehr
vorhanden“
heißt: wenn die Wittelsbacher in ihren Hauptlinien ausgestorben
wären,
und das wiederum heißt: wenn keine männlichen
Thronanwärter mehr da
wären. Das Haus hat auf seine Thronrechte nie verzichtet, und
für die
Erbfolge gilt nach wie vor laut Hausgesetz die Primogenitur, also die
Sukzession des Erst- oder Ältestgeborenen, wie sie Herzog Albrecht
der
Weise 1506 zur Verhinderung weiterer Landesteilungen
einführte.Einer,
der darüber bestens Bescheid weiß, ist Andreas von Majewski,
ein
schlanker, junger Mann, der uns erstmals auffiel, als er ein
Silbergefäß, hinter dem er fast verschwand, höchst
elegant durch die
Gänge der herzoglichen Verwaltung trug. Damals liefen schon die
Geburtstagsvorbereitungen, da musste jeder ran, auch Majewski, der
ansonsten in der Inventarverwaltung arbeitet.
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Familien, die in Jahrhunderten
denken, haben auch die nähere Zukunft im
Auge, weswegen im Dunstkreis der Wittelsbacher die Zeit nach Herzog
Franz sehr wohl beredet wird – und das umso offener, als Mitglieder
dieses Hauses als ausgesprochen zäh gelten und die Nachfolge
insofern
im weiten Feld steht. Das Volk spekuliert gern mit, verliert sich dabei
aber oft im Vagen, teils aus mangelnder Kenntnis des hohen Stammbaums,
teils weil die Sicht auf das Nächstliegende oft durch abseitige
Spekulationen verstellt wird. Deren bekannteste ist die britische, sehr
irreal, doch nicht ohne Reiz, weil sich von den Stuarts her
tatsächlich, wenn auch etwas kompliziert, ein Anspruch der
Wittelsbacher auf den englischen Thron begründen lässt. Haken
an der eh
schon hakeligen Sache: Im Act of Settlement von 1701 wurden die Stuarts
aus der Thronfolge gekegelt und mit ihnen wohl auch die Wittelsbacher.
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Die herzogliche Verwaltung hat, um
der Neugier einen verlässlichen
Auslauf zu schaffen, ein Leporello mit der wittelsbachischen Genealogie
von Ludwig I. bis heute herausgebracht, 157 auf 16 Zentimeter, und
anhand dieses Faltblatts erläutert Majewski aufs Bündigste,
was
geschähe, wenn der Herzog Gott behüte abberufen würde.
Erster Aspirant
wäre sein Bruder Max Emanuel, Prinz von und (durch Adoption)
Herzog in
Bayern, der allerdings nur Töchter hat. Dass man bei diesem „nur“
beidhändig Gänsefüßchen in die Luft zeichnet,
versteht sich;
nichtsdestoweniger wäre so eine Sukzession nicht von Dauer. Man
muss
nun, um zu einem praktikablen Ende zu kommen, im Stammbaum
zurückklettern: von Herzog Franz zu seinem Vater Albrecht und von
dem
zum Großvater Rupprecht. Hier tut sich eine ergiebige
Querverbindung
auf, indem Rupprecht einen Bruder namens Franz hatte. Dessen Sohn Prinz
Ludwig von Bayern, genannt „der Leutstettener“, hatte kürzlich
seinen
90. Geburtstag und wird am Montag ebenso gefeiert werden wie seine Frau
Irmingard (80), Prinz Poldi (60) und natürlich Herzog Franz. Prinz
Ludwigs Sohn ist Prinz Luitpold, „der Kaltenberger“, der für seine
Ritterspiele berühmt ist und mit seinem Bier gern auf dem
Oktoberfest
wäre, was ihm die Stadt München beharrlich verweigert. „Auf
ihn läuft
es zu“, sagt Herr von Majewski und fährt mit dem Finger vielsagend
bis
dorthin, wo Luitpolds drei Söhne eingetragen sind.
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Ungelegte Eier, wie gesagt, und
kein Thema für den Montag. Wie das
Jubelbrausen sich im Detail gestalten wird, kann man heute nicht sagen,
ebenso wenig, ob Herzog Franz eine Rede hält. Eines freilich
dürfte
jetzt schon sicher sein: dass der Dackel Wasti den Tag nicht ungenutzt
wird verstreichen lassen.
Source: Sueddeutsche Zeitung GmbH
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