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Ein bisschen Fürst muss sein

Zu viel Distanz zum Volk kann der Ruin sein.
Um ihre Gemäuer zu beleben,
bieten Aristokraten
Konzerte, Mittelalterkult und Partyservice.

NOBLESSE OBLIGE:
Die Familie zu Fürstenberg poliert mit
 kulturellen Aktivitäten ihr Image.

Autor: HILDE MALCOMESS





"Lassen Sie uns in den Schlosspark gehen“, schlägt der Gesprächspartner vor.
Doch der ist geschlossen. Der Mann im bunten Hemd lacht: „Wir steigen
einfach über den Zaun. Ich wohne im Schloss.“ Also die Treppe hinab von der
Schlosskirche zur Donauquelle. Touristen umstehen das kreisrunde Becken mit
dem kristallklaren Wasser. Unter ihren tadelnden Blicken klettern wir über
das gusseiserne Törchen mit dem Schild „Zutritt verboten“. Den Zaun im
Rücken, das Schloss im Blick, den knirschenden hellen Kies unter den Füßen,
geht es durch den fürstlichen Garten. Sogleich platzt es aus Jan Vogler
heraus: „Schauen Sie! Dort in der zweiten Etage wohne ich. Das ist die
Gästeetage, und dort haben auch Mozart und Liszt bei ihren Besuchen in
Donaueschingen geschlafen.“
Zu Füßen des barocken Schlosses kann der Hauch der Geschichte einen Musiker
und Festivalinitiator wie Jan Vogler mächtig anwehen. Im Schlosspark zieht
die Südfassade der 110-Zimmer-Residenz den Blick auf sich. In der
Nachmittagssonne unter blauem Himmel reflektiert der Bau gleißend hell. Jan
Vogler schwärmt: von der exzellenten Hofkapelle, dem Cello spielenden
Fürsten Joseph Wenzel, der durchreisenden Familie Mozart, den Kapellmeistern
Kreutzer und Kalliwoda, von singenden Fürstinnen und modernen
Kammerorchestern.

Einige Monate zuvor hatte den Hausherrn, Heinrich Fürst zu Fürstenberg, das
Bewusstsein von der reichen musikalischen Tradition des Ortes gepackt, und
er beschloss, sie wiederzubeleben. Der Titel: Fürstenberg Classics. Das
Motto: Rebirth of Tradition. Die künstlerische Idee: Was früher die
Hofkapellen waren, sind heute die Kammerorchester in aller Welt. Kleine,
hochkarätige Formationen, die ihre Ästhetik am schönsten jenseits der großen
Säle entfalten. Zum Auftakt waren es die zwei Dutzend Musiker der Britten
Sinfonia, die die Schlosskirche St. Johann gleich neben dem Donaueschinger
Schloss bespielten und anschließend in den großen Fauteuils im Wohnzimmer
der Familie entspannten.

„Wir wollen das Schloss wieder zum Mittelpunkt des kulturellen Lebens in der
Region machen“, sinnt Fürst Heinrich beim Sekt im roten Salon. Ein schlanker
Herr, Mitte fünfzig, mit gesellschaftserprobtem Lachen. Warum er dann die
Herzstücke seiner Gemäldesammlung aus Donaueschingen abtransportiert und
verkauft hat? Was an den Kokaingerüchten, die das Adelsblatt „Bunte“
genüsslich verbreitet, dran ist? Die Fragen steht im Raum, keiner stellt
sie. Die umstehenden Gäste schwärmen noch von dem wunderbaren Fürstlich
Fürstenbergischen Gartenfestival, das im Sommer Schloss und Park zweier
fürstlicher Immobilien in einen Gartentraum der gehobenen Art verwandelte.
Tausende waren durch die Parks und Innenräume der Schlösser Heiligenberg und
Donaueschingen gelustwandelt. Sie hatten ihre bürgerlichen Seelen am Glanz
adliger Tafeln und der Schönheit stilvoller botanischer Arrangements gelabt.
„Wir haben uns nach dem Tod meines Vaters vor zwei Jahren entschlossen,
wieder ins Schloss zu ziehen, um es zu beleben. Das geht nur mit
Veranstaltungen“, gibt seine Durchlaucht mit hochgezogenen Augenbrauen
bekannt, und alle im Kreis fühlen sich geehrt, Zeugen dieser Öffnung zu
sein.

Wo immer Schloss- und Burgbesitzer ihre Pforten öffnen, strömt das Publikum.
„Der Fürst zum Anfassen ist sehr beliebt“, weiß Klaus von Heimendahl,
Sprecher der Aktionsgemeinschaft privates Denkmaleigentum, und meint
beispielsweise seinen Freund Fürst zu Öttingen-Wallerstein. Dessen Vorfahren
unterhielten nicht nur eine hervorragende Hofkapelle, die Mozart und
Beethoven nach Wallerstein, kurz hinter Nördlingen, lockte. Der heutige
Fürst postiert sich auch gern in mittelalterlicher Kostümierung am Tor der
Harburg, um die Besucher willkommen zu heißen.

Wenn Aussicht auf Publikumszuspruch und touristische Einnahmen besteht,
entwickeln die Eigentümer denkmalgeschützter Anwesen oft viel
Unternehmersinn, um die Immobilie und deren spezielles Ambiente zu
vermarkten. „Es geht dabei um den Unterhalt des Kulturerbes“, betont von
Heimendahl. Der „Tag des offenen Denkmals“, den die Deutsche Stiftung
Denkmalschutz jedes Jahr am zweiten Sonntag im September ausruft, gilt
vielerorts quasi ganzjährig.

„Not macht erfinderisch, und die abgeschottete Lebensweise vergangener
Generationen können sich viele Aristokraten nicht mehr leisten.“ Alexander
Fürst zu Sayn-Wittgenstein ist Vorsitzender der Deutschen Burgenvereinigung
und Herr über Schloss Sayn und Burg Sayn in Bendorf bei Koblenz.
Gleichzeitig ist er Knecht der Schulden, die er seit 1980 aufnahm, um das
Ensemble als Fremdenverkehrsbetrieb herzurichten. „Der Besitzer einer
Kulturimmobilie wird zum Tourismusmanager, um seiner Aufgabe als guter
Kunst- und Denkmalbewahrer nachkommen zu können.“ So öffnen bürgerliche und
aristokratische Schlosseigner ihre Schatzhäuser, präsentieren sie stolz der
Öffentlichkeit, auf dass sie erkenne, welche denkmalpflegerische Aufgabe der
Eigentümer übernommen hat.

Woher die schleichende Not? Der Fürst hat eine Antwort parat: „Die
traditionellen Einnahmen aus Forst- und Landwirtschaft brechen weg.
Landbesitz ist längst nicht mehr das, was es vor 50 Jahren noch war.
Gleichzeitig bricht auch die staatliche Unterstützung für den Denkmalschutz
ein.“ Die Devise heißt also verkaufen oder vermarkten. Fürst
Sayn-Wittgenstein hat sich für Letzteres entschieden. Denn er denkt
langfristig, und das, so befindet der 61-Jährige, sei typisch für den Adel.
„Es ist ein Privileg, eine solche Immobilie zu besitzen. Wenn ich die
strengen Blicke der Ahnen auf mir spüre, fühle ich mich verpflichtet, die
Denkmale gut zu erhalten.“

Die Briten machen seit Generationen vor, wie die Politik der „open doors“
funktioniert. Der Blick nach Italien und Frankreich zeigt, dass die
Deutschen zulegen können.

Der erste Lord, der die Splendid Isolation aufgab und Schaulustige einließ,
war Henry Thynn, Marquess of Bath. 1949 öffnete er das 400 Jahre alte
Familienschloss Longleat, präsentierte die spektakuläre Kunstsammlung seiner
Ahnen und die eigene Sammlung von Aquarellen und Postkarten Adolf Hitlers.
Der anfangs verhöhnte Unternehmer fand schnell Nachahmer, und selbst
Blenheim Palace, das pompöse Schloss der Herzöge von Marlborough, ließ 1953
zahlende Touristen ein. Eine horrende Erbschaftsteuer zwingt viele britische
Aristokraten, ihren Besitz als Einnahmequelle zu erschließen oder ihn dem
National Trust zu übergeben: Sie dürfen dann weiter in den alten Gemäuern
wohnen, müssen sie jedoch der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Weil das Beispiel des britischen Adels für die Blaublütigen in Deutschland
immer Vorbildcharakter hatte, folgen sie dessen Sitten auch, was die
Vermarktung ihrer Immobilien betrifft. Bei der eigenen Person sind die
Deutschen freilich noch zurückhaltender. Der als edles Event zu buchende
Plausch beim Tee mit seiner Lordschaft, gegen entsprechende Gebühr, versteht
sich, hat sich bei uns noch nicht durchgesetzt.

Doch ein bisschen Fürst muss sein, und deshalb klingen bei Fürstenberg
Classics nicht nur die Instrumente, sondern auch die Gläser. „Wir planen
Konzerte für verschiedene Kreise“, deutet seine Durchlaucht vornehm an.
Öffentliche Generalproben für junge Menschen, Konzerte mit anschließendem
Abendessen für finanzkräftige Kunstliebhaber. Musikbegeisterte will er
sammeln, Sponsoren sucht er noch, ein Verein zur Unterstützung des
fürstlichen Kulturengagements ist in Gründung.

Bei Weißwürsten und Lachshäppchen im Wohnzimmer der fürstlichen Familie
kommen die 200 Gäste im Anschluss an das Konzert ins Gespräch. Mozarts
A-Dur-Sinfonie klingt noch nach, die Erinnerung an den Kerzenschein der
Kirche wärmt noch die Herzen, und die Unternehmergattin aus Triberg erfreut
die Runde mit dem Hinweis: „Der jüngere Sohn des Fürsten, der Antonio, war
mit unserem Sohn in der Krabbelgruppe. Nur kam der nicht mit seiner Mutter,
sondern mit zwei Kindermädchen.“ Konzert und Empfang beim Fürsten, das ist
ein gesellschaftliches Ereignis für die Region.

Jutta Freifrau von Tucher kennt das Geschäft der Konzertveranstalterin. Vom
Schwiegervater hat sie nicht nur das Rokokoschloss Leitheim nahe Donauwörth,
sondern auch die Schlosskonzerte geerbt. Im Festsaal mit 170 Plätzen
veranstalten sie und ihr Mann zwischen Juni und September 16 Kammerkonzerte.
Wer Karten bestellt, hat die Freifrau am Telefon. Sie betreut die Finanzen,
er, gelernter Cembalobauer und -restaurator, zeichnet für die
Programmgestaltung verantwortlich. „Wir erwirtschaften nicht viel aus den
Konzerten, aber wir können die Immobilie erhalten“, lautet ihr Resümee. Das
Publikum kommt aus einem Umkreis von 100 Kilometern. Der Radius reicht bis
nach Ingolstadt, Nürnberg, Ulm, Stuttgart, München, Kempten. Achtzig
Konzerte fanden 1989, im Todesjahr des Schwiegervaters, auf Schloss Leitheim
statt. Eine Zahl, die nur möglich war, weil es weit und breit keine
Konkurrenz und noch keine Sommerfestivals gab.

Dann starteten 1990 Audi und der Bayerische Rundfunk die „Sommerkonzerte
zwischen Donau und Altmühl“. Musikfestivals in Schlössern und Scheunen kamen
in Mode, und auch auf den städtischen Bühnen wurde die sommerliche Stille
gebrochen: Die Leitheimer Privatinitiative musste sich gesundschrumpfen.
Heute sind Audi und BR auch die Partner der Leitheimer Schlosskonzerte,
hinzu kommen Sponsoren und der Freundeskreis Schloss Leitheim, der nicht nur
Restaurierungsarbeiten finanziert, sondern auch die Schlosskonzerte
unterstützt. Um den Bestand des Baudenkmals und die überregional bedeutende
Kulturarbeit in Zukunft zu sichern, errichteten Jutta und Bernhard von
Tucher die Tucher'sche Kulturstiftung Schloss Leitheim.

Wichtiges Standbein der 48-jährigen Freifrau sind darüber hinaus
Mieteinnahmen. Immer mehr Menschen suchen das Ambiente herausgehobener Orte.
In den hellen, freskengeschmückten Räumen, in denen einst die Äbte von
Kaisheim die Sommermonate verbrachten – auch Mozart machte seine
Aufwartung –, genießen Geburtstags- und Hochzeitsgesellschaften das
hochherrschaftliche Flair. Die Freifrau und ihr Mann wohnen in einem
Wirtschaftsgebäude nebenan.

Hundert Kilometer Luftlinie entfernt muss sogar die Creme des deutschen
Adels, wie Gloria von Thurn und Taxis, eine Immobilie vermarkten, die mit
ihren 900 Zimmern selbst Buckingham Palace in den Schatten stellt.
Hochzeitsmessen, Festspiele und weihnachtliche Handwerkermärkte,
Silvesterpartys, Firmen- und Familienfeiern finden hier statt. Das Haus am
Emmeramsplatz empfiehlt sich als Regensburgs noble Büroadresse und
beherbergt zudem eine Seniorenresidenz.

„Dieser offensive Umgang mit dem Besitz ist eine Frage der Generation“,
glaubt Hans Ludwig Körner, Pressesprecher der Arbeitsgemeinschaft der
Grundbesitzerverbände. Er erinnert sich noch gut an den Ausspruch seines
Großvaters, eines bescheidenen, zurückhaltenden Mannes, der seinen Gutshof
nach Kräften bewirtschaftete: „Bevor ein Fremder den Fuß auf unseren Hof
setzt, reißen wir ihn ab.“ Der Enkel hat den 120 Jahre alten Hof nebst
Ländereien geöffnet und kennt die Mühen des Gutsherrn als Veranstalter.
„Kultur“, sagt er, „zahlt sich für uns nicht aus.“ Jedenfalls nicht, wenn
man wie er nur einen Saal mit 100 Plätzen zur Verfügung hat. „Putzfrau,
Einladungen, Programme, Künstlergagen – das ist ein teuerer Spaß.“ Der lohnt
sich erst, wenn man eine große Spielstätte, eine Serie oder ein Festival
initiiert. Ein Weihnachtsmarkt als Highlight im ländlichen Raum, ein
Gartenevent, bei dem 10 000 Menschen im Laufe eines Wochenendes durch den
Park laufen – das seien die Veranstaltungen, die Geld in die Kasse bringen.

Das Haus Fürstenberg spielt in einer anderen Liga. Deshalb kann es sich
neben seinem Engagement für die Donaueschinger Musiktage einen
künstlerischen Leiter wie Jan Vogler leisten und im nächsten Juli ein ganzes
Kammerorchester in der Gästeetage des Schlosses beherbergen. Vom Salär für
die Musiker ganz zu schweigen. Vielleicht geht es den Instrumentalisten dann
wie Jan Vogler bei seinem ersten Aufenthalt im Schloss: Nachts um zwei nahm
er sein Cello, schlich in den Festsaal und spielte im Dunkeln. Wie könnte er
schlafen, wo Mozart musiziert und komponiert hatte?

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