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Der Herr der Schuppen

Helmuth von Maltzahn träumt nicht lange - er macht lieber. Kulturgüter wirtschaftlich zu nutzen ist sein Ziel. Jetzt will der Junker aus Mecklenburg-Vorpommern die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin kaufen

von Ulrich Porwollik

Es gibt Schnitzel und Salat. Dazu Apfelsaftschorle. Und einen Wortschwall. Über den Beginn, damals 1986, über die Kirche, über das Duty-free-Geschäft, über große Deals und darüber, wie er seinerzeit, als Deutschland den Mauerfall bejubelte, bis zu den Knien im Dreck stand und schuftete "bis zum Umfallen".

Er, das ist Helmuth von Maltzahn. Kräftiger Händedruck, Hermès-Krawatte zum englischen Tuch, ausgelatschte Schuhe. Deutscher Adel im 21. Jahrhundert.

Nicht mehr so reich, aber immer noch wief. "Schreiben Sie bloß nicht, dass ich Schlösser sammle", sagt von Maltzahn. Das klinge so blöd.

Sorry. Helmuth von Maltzahn sammelt Schlösser. Und zu seiner kleinen Sammlung kam der Mann, weil er immer davon träumte, eines Abends in seinem Bett zu liegen und in den Himmel sehen zu können. Konsequent wäre es gewesen, wenn sich der Junker ein Planetarium gegönnt hätte.

Hat er aber nicht. Schleppte dafür aber in den 80er-Jahren seine Frau auf jede Ruine, die zum Verkauf stand. "Für mich", sagt seine Gattin, "war das damals so etwas wie eine Bewährungsprobe." Während der Freundeskreis am Wochenende Party machte, kletterten die spinnerten Vons in abbruchreifen Ruinen rum.

Denn Geld war knapp. "50 000 Mark", sagt sie, und er lacht, "war alles, was wir hatten." "Ich wusste, dass ich irgendwann das kriege, was ich will." Und wie er das sagt, kommt er seinem Gegenüber fast bedrohlich nah. Geballte Faust, Blitzen in den Augen. Man macht einen Schritt zurück.

Das Irgendwann bekam ein Datum. Ein Wochenende im Jahr 1985. Die Maltzahns hatten in einem Versteigerungskatalog der Landesdenkmalschutz-Behörde Hessen ein Altenheim gefunden. Im Besitz der Kirche. Zum Verkauf.

Maltzahn, einmal mehr beseelt von der Idee, seinen Ruinen-Traum gefunden zu haben, bugsiert seine Frau ins Auto und fährt nach Braunshorst, in der Nähe von Darmstadt.

Bretterverschläge vor den Fenstern. Dicke Vorhängeschlösser an den Toren. Drinnen, so viel konnten die armen Adeligen auf der Suche nach einem Schloss für wenig Geld sehen, "lagen Schutt und Müll bis zur Decke". Lichte Höhe, immerhin vier Meter.

Fast 20 Jahre später sitzen die beiden im blauen Salon und futtern Schnitzel Wiener Art. "Weißt du noch", brüllt er liebevoll, "wir haben uns oben im ersten Stock 100 Quadratmeter freigeräumt, eine Dusche im Baumarkt gekauft, und waren glücklich." "Weißt du noch", brüllt von Maltzahn, "hunderte von LKW-Ladungen haben wir hier weggekarrt." "Weißt du das alles noch?" Er brüllt, sie nickt. Und lächelt.

So war es, so ist es - so wird es immer sein. Der Mann lässt seinem Gegenüber nicht viel Platz. Dabei ist es nicht die Lautstärke seiner Stimme, die seinem Wesen so viel Präsenz verleiht. Der Mann ist auf eine seltsame Art fast erdrückend anwesend.

Eine konstruktive Penetranz, die ihn viel erreichen ließ. Beim Chemie-Konzern Benckiser schaffte es von Maltzahn bis weit nach oben. Für den US-Duftriesen Lancaster führte er zum Schluss seiner Otto-Normal-Karriere die weltweiten Geschäfte im Duty-free-Geschäft.

Und irgendwie muss es wohl auch seine Art gewesen sein, mit der er der Kirche das Schloss Braunshorst für eine Mark abschwatzte. Mehr noch. Sechs Millionen Mark hat er in das zu den zehn wichtigsten Rokoko-Schlössern der Republik gehörende Anwesen mit dem herrlichen Park gesteckt. 60 Prozent davon kamen aus öffentlichen Mitteln. Und wenn man ihm so zuhört, lässt es sich leicht verstehen, wie klein ein Beamter der Landesdenkmalschutz-Behörde werden kann, wenn von Maltzahn etwas will - und sei es Geld.

Zwei Wochen später. Es ist kurz vor Mitternacht. Brot, Schinken und Käse stehen auf dem Küchentisch. "Bier?" fragt Helmuth von Maltzahn, "oder schließen Sie sich dem Rotwein an?" Bei den Maltzahns gibt es immer erst mal was zu essen.

Braunshorst ist hier, ein paar Kilometer nördlich der mecklenburgischen Seenplatte, bei Waren an der Müritz weit weg. Bald werden die Erinnerungen an das Rokoko-Schlösschen mit seinen 1500 Quadratmetern, mit seiner Geschichte, die 1760 begann, mit seinen Anekdoten um Baumeister Johann Jakob Hill, der das Anwesen im französischen Stil der Marie-Antoinette schuf und den Besuchern von Victoria bis Fergie, verblassen - angesichts dessen, was von Maltzahn in Ulrichshusen bewegt hat.

Ulrichshusen ist sicher die kleinste Gemeinde Mecklenburg-Vorpommerns. Mit den zwölf oder dreizehn Häusern vielleicht auch die kleinste Kommune Deutschlands.

Aber sie hat einen Chef. Und der heißt seit ein paar Jahren Helmuth von Maltzahn. So lange ist er hier. Und seit er hier ist, gibt es wieder Arbeit rund um sein Schloss, das eher wie eine Trutzburg aussieht. Eine Festung gegen behördliche Willkür und jedweden Idiotismus.

Hoch ragt das Schloss in den blauen Himmel. Als die Maltzahns hier ihr Bietergefecht für eine - was auch sonst - Ruine, bei der nur noch die Grundmauern standen, gegen die Scientologen begannen, fühlte sich von Maltzahn mal wieder "wie ein Hamster im Laufrad". Irgendwann sei er rausgesprungen und habe gesagt (oder gebrüllt?): "So".

Es gehe um Verantwortung, will er den Verantwortlichen der damaligen Treuhand "ziemlich deutlich" unter die Nase gerieben haben. Um lokale, wirtschaftliche und regionale politische Verantwortung. Es gehe um Jobs. Und ums Anpacken. "Wir", muss er dann irgendwann die familiäre Keule rausgeholt haben, "wir sind seit mehr als 700 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern." Man dürfe nicht so weitermachen und das Land vom Gut trennen. So würden auch noch die letzten Kulturgüter des Ostens fertig gemacht.

Man kann sich angesichts des kleinen nächtlichen Monologs leibhaftig vorstellen, wie von Maltzahn dann von "sozialem Frevel" und "moderner Gutswirtschaft zum Wohl des Landes" gesprochen haben dürfte. Bebend. Kochend.

Nach einem Jahr des Kampfes bekam er den Zuschlag. Die Maltzahns zogen mal wieder in eine Ruine. Endlich hatte er vom Kopfkissen aus den Blick in den Himmel. Ein Traum wurde war. Beim Praktiker-Baumarkt wurde ein Kleingarten-Fertighaus gekauft und in die Mitte des Steinhaufens gesetzt. "Mit dem Tag war die Arbeitslosigkeit in Ulrichshusen null", sagt er. Weil von Maltzahn die Leute gewinnen kann. Für eine Idee. Für seine Idee.

Ein Hotel wollte er aus einem der ehemaligen Familiensitze machen und machte er. Kulturgut und Wirtschaftlichkeit in Verbindung bringen. Eine Symbiose aus Gut und besser schaffen. Seinem Gut und dem besseren Leben für die strukturschwache Region.

Morgens um sieben stand der Adelige im Blaumann und stemmte mit dem Presslufthammer Fundamente auf, mittags telefonierte er hinter Künstlern und Kunst für sein Gutshotel her und abends organisierte er Sponsoren für sein Ulrichshusen-Festival. Jehudi Menuhin spielte in der zum Schloss gehörenden ruinösen Feldstein-Scheune ohne Dach vor bibbernden Gästen. Anne-Sophie Mutter war während ihres Gastspiels ein paar Jahre später wenigstens die Gefahr los, dass ihre Violine nass werden kann.

Maltzahn lacht. Über sich und diese Tage. 40 Ruinen sind mittlerweile sein Eigen. "Kaputte Schuppen" nennt er die. Und 12 000 Hektar Land, auf dem er Vieh- und Landwirtschaft betreibt.

Jetzt, wo sein Name dahin zurückgekehrt ist, wo er 1194 seinen Ursprung hatte, jetzt wo alles im Reinen scheint, jetzt wo seine Idee, Kulturgüter wirtschaftlich zu betreiben, funktioniert, wo er Schuppen-Herr ist, greift der Mann schon wieder an. Die KPM hat es ihm angetan. Die Königliche Porzellan-Manufaktur. Die steht in Berlin zum Verkauf. Marode ist das Unternehmen. Bieter gibt es viele. "Aber", sagt er, "keiner von denen hat ein so gutes Konzept wie ich." Ein Kulturgut wirtschaftlich zu nutzen.

Und wieder geht es los. Er fühlt sich wie im Hamsterrad. Irgendwann wird er rausspringen und brüllen. "So", wird er dann sagen und an die Verantwortung appellieren. Ob das in Berlin hilft?

Artikel erschienen am 11. April 2004

Source: Welt am Sonntag

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