Brigitte's Pages

What's New
Site Map

Search
Engines

Main Page
Surnames
Research

Germany
Baden
Bavaria
Wuerttemberg

Royalty

Poets
Philosophers ...
Movers+Shakers
Entertainers

v. Stauffenberg
v. Wuerttemberg
v. Castell
v. Helfenstein

Popes
Cardinals
Saints

Family Search
Archives, etc.
Diaries

Argentina
South America

Trügerische Idylle
19.07. ERINNERUNGEN AN NEUHARDENBERG UND DEN WIDERSTAND GEGEN HITLER
Trügerische Idylle
RIM SAAB

Wer das glatt-glänzende Schloss Neuhardenberg heute betritt, kann sich kaum vorstellen, dass hier vor 60 Jahren noch wie selbstverständlich eine Grafenfamilie wohnte. Ein Sprössling dieser hochwohlgeborenen Sippe, die 80-jährige Reinhild Gräfin von Hardenberg, hat nun ihre Lebenserinnerungen vorgelegt. Sie lebt heute in Düsseldorf und bezeugt die "trügerische Idylle" ihrer Kindheit.

Ohne schriftstellerisches Talent verfasste Memoiren von Blaublütigen gibt es alle nasenlang. Was diese Aufzeichnungen dennoch zu einem Dokument macht, hat mit dem 20. Juli 1944 zu tun, dem Tag des gescheiterten Attentats auf Hitler. Die Autorin war als Sekretärin ihres Vaters Carl-Hans Graf von Hardenberg das einzige der fünf Kinder, das in die Verschwörung eingeweiht war und wurde deshalb auch vier Monate inhaftiert. Außerdem war "Wonte", so ihr Rufname, verlobt mit Werner von Haeften, dem Adjudanten des Bombenlegers Claus von Stauffenberg. Beide wurden sofort von den Nazis hingerichtet.

Zunächst schildert die alte Gräfin die steife Glorie ihres Zuhauses. "Zu meinen wichtigsten Aufgaben zählte es, den Tabak für die Pfeife meines Vaters zu fermentieren." Auch die Zigarren konnten ihm nicht dick und lang genug sein. Empfing er etwa den Güterdirektor in seinem Arbeitszimmer, drangen die Stimmen nur noch aus dicken Rauchschwaden. Die Autorin erinnert sich an das zahlreiche Hauspersonal, an den Kutscher und die Hauslehrer, die sie nach der Konfirmation mit "Komtess Wonte" anreden mussten. Und sie zitiert aus den schriftlichen Anweisungen ihrer Mutter, die besagten, dass die Grafenkindern nicht verwöhnt werden durften.

Die Hardenbergs, die bereits von den Nazis enteignet wurden, haben etwa die Hälfte ihrer Ländereien rückübertragen bekommen. Dennoch ist diese alte Welt endgültig passee, die Gräfin trauert ihr nicht einmal nach. Sie freut sich aber über die 8000 Bücher, die nun aus der Stadtbibliothek Potsdam wieder in die Familienbibliothek zurückkehren. Dafür schenkt sie hoffentlich den gebeutelten Büchereien in Brandenburg einige Exemplare ihres Buches, das mit zur Erhellung des 20. Juli beitragen soll. Stehen doch im Raum immer noch einige heikle Fragen: Wie tief waren die Verschwörer aus den Kreisen der deutschen Wehrmacht selbst in die NS-Ideologie verstrickt? Fungierten sie gar als deren Wegbereiter?

Über Wontes Verlobten Werner von Haeften erfährt der Leser, dass er den Blitzkrieg in Frankreich "noch geradezu begeistert genoss". Erst die militärischen Niederlagen, die er als Kompaniechef vor Leningrad im Winter 41/42 miterlebte, machten ihn nachdenklich. Die Autorin zitiert auch aus einer Tischrede ihres Vaters anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester Gisela im Jahre 1937: "Unser Führer Adolf Hitler hat unserem Volk die Freiheit wiedergegeben, hat die Ketten von Versailles zerrissen. Dankbaren Herzens freuen wir uns, dass wir diesen Tag wieder in einem freien Deutschland feiern dürfen." Sie hält ihrem Vater aber zugute, dass er wenige Sätze später "das Gefühl ewiger Dankbarkeit für unsere Hohenzollern" zum Ausdruck brachte, eine konservative Position, die den Nazis nicht schmeckte.

Reinhild von Hardenberg behauptet, ihr Vater hätte sich nie für den Nationalsozialismus begeistert. Doch zum Glück ist ein sehr lesenswerter Text von ihm im Anhang in Gänze dokumentiert. Carl-Hans Graf von Hardenberg hat ihn Silvester 1945 niedergeschrieben. Darin spricht er von einer Hoffnungen, die "alle Parteien und alle Stände" mit dem Dritten Reich verbanden. Noch niemals in der Geschichte der Völker sei "ein so großes Kapital an Vertrauen ruchloser verwirtschaftet worden". Auf die NSDAP bezogen heißt es: "Ein Führungsanspruch, berechtigt bei der unseligen Neigung der deutschen Menschen zur Zersplitterung, artete mehr und mehr in einen Terror ohne Grenzen aus." Wohlgemerkt: Der alte Graf wurde zum aktiven Mitverschwörer und überlebte das KZ Sachsenhausen nur dank der Fürsorge kommunistischer Mitgefangener.

Seine Tochter beteuert in ihrer Abhandlung, wie beschwerlich diese innere Wegstrecke war. Die meisten Verschwörer waren als hochrangige Wehrmachtsangehörige aktiv ins Kriegsgeschehen eingebunden. Das in die Wiege gelegte "Pflichtgefühl gegenüber dem Vaterland" kehrte sich zusehends gegen die Nazis. Aber der Gedanke an einen Tyrannenmord kollidierte bei vielen mit einem tief christlichen Weltbild. Und so dauerte es lange, zu lange, bis der Anschlag auf Hitler auch in die Tat umgesetzt wurde.

Reinhild Gräfin von Hardenberg: Auf immer neuen Wegen. Lukas Verlag, 200 Seiten, 19,80 Euro.
Worldroots Home Page - Contact Us - Privacy Policy