| (printed with the permission of the author)
Der schwäbische Urgroßvater
Die Grimaldis, Fürsten von Monaco, feiern in diesem Jahr ihr 700jähriges
Bestehen. Was verbindet sie mit Immenstaad? Ein Abschnitt im Lebensweg
eines gewissen Karl Majer aus Tübingen! Ein Allerweltsname, gewiß,
aber der Träger machte hier Geschichte, während der 21 Jahre,
die er hier verbrachte, und vor allem durch sein heimliches Verschwinden.
Wie bekannt, heiratete 1956 der Fürst Rainier von Monaco die amerikanische
Filmschauspielerin Grace Kelly, die 1982 tödlich verunglückte.
Karl Majer war ihr Urgroßvater mütterlicherseits. Darüber
ist bereits öfter berichtet worden, auch von Heide Budde in den „Immenstaader
Heimatblättern“ [1]. Wir können jetzt dazu einiges ergänzen.
In der Zeitschrift „Genealogie“ ist die Ahnenliste der Mutter Margaret
Kelly, geb. Majer 1899, veröffentlicht worden [2]. Ihr entnehmen wir,
daß Karl Majer 1837 in Tübingen als Sohn des Oberjustizrats
Gustav Majer geboren und lutherisch getauft wurde. Sein Vater starb 1856,
und der Sohn erbte wohl ein großes Vermögen. 1860 heiratete
er in Stuttgart die gleichaltrige Minna geb. Adam, Tochter des Werkmeisters
Friedrich Adam.
Kauf von Helmsdorf
Warum Karl Majer sich für das Gut Helmsdorf entschied, ist unbekannt.
Jedenfalls kaufte er es am 25.Mai 1860 für 25 000 Gulden (jeder 2
Gulden 42 Kreuzer wert) und 100 Kronentaler „Schlüsselgeld“ von dem
Vorbesitzer Ferdinand Eggmann, der es nur 3 Jahre lang besessen hatte [3]
[4]. Berger [5] schreibt dazu: „Bald kam aber ein reicher junger Herr,
der die Landwirtschaft studiert hatte, besichtigte das Besitztum und kaufte
es Eggmann ab und heiratete darauf. Er hieß Karl Meier, kam ebenfalls
aus Württemberg, verwendete viel Geld auf Maschinen, legte große
Hopfengärten an, baute eine Hopfendörre mit Stallungen, hielt
eine Menge Taglöhner und Dienstboten, überließ alles der
Aufsicht junger Praktikanten, die nichts verstanden. Er selbst aber ging
auf die Jagd oder nobeln Passionen nach. Endlich fing er einen Weinhandel
an und pachtete den Keller unterm Rathaus. Sonst wußte er sich bei
den Immenstaadern beliebt zu machen, er gründete einen Leseverein
[Lokal im „Adler“] und veranstaltete jede Fastnacht eine Festlichkeit darin.
War auch sonst nicht knausrig in den Wirtschaften, aber das alles kostete
viel Geld, so, daß er sich auch genötigt sah, den Helmsdorf
wider zu verkaufen.“
Soweit Berger. Majer, der als „Ökonom“ bezeichnet wird, versuchte,
aus Helmsdorf ein landwirtschaftliches Mustergut zu machen, wofür
er 1869 eine goldene Medaille des badischen Staats erhielt. 1865 wurde
er liberaler Bezirksrat; auch Vorsitzender des landwirtschaftlichen Bezirksvereins
war er. In der Einwohnerliste Immenstaads von 1864 [6] erscheint das Ehepaar
Majer mit den Kindern Emil, geb. 1861, Frieda, geb. 1862, und Carl, geb.
1863 [der spätere Großvater Grace Kellys, +1922], sowie 5 Angestellten
im Alter von 23 bis 35 Jahren. Das „Schlößchen“ Helmsdorf ließ
Majer „gar durchgängig restaurieren“ [3]. Später wurde er Aufsichtsrat
des Vorschußvereins (heute hieße es „Sparkasse“) Markdorf,
auch Freimaurer soll er gewesen sein, wie unten berichtet wird. 1871 erscheint
er als einer der 7 Immenstaader Gemeinderäte; wie Heide Budde im einzelnen
erzählt [11], schickt man ihn nach Karlsruhe, um dort den Bau des
neuen Landestegs beim Landtag und der Regierung voranzubringen.
Wie Berger erzählt, mußte Majer 1872 das Gut einschließlich
mehrerer auswärtiger Wälder für 54 000 Gulden an den Ökonomen
Hermann Winter aus Backnang verkaufen [7]. 1873 starb seine Mutter, Elfriede
geb. Dede hier. Er wurde Weinhändler in Immenstaad und Konstanz, und
kaufte das Haus Meersburger Str. 15 von Rupert Zwick. Noch um 1880 erbaute
er den großen Weinkeller auf diesem Grundstück, der mit dem
Haus 1981 abgebrochen wurde; dort befindet sich jetzt der Parkplatz des
Supermarkts „Depot“.
Der große Konkurs
Auf Dauer gingen die Geschäfte nicht gut. 1881 jedenfalls kam
es zu einem skandalösen Konkurs [12], bei dem viele Weinbauern (auch
Immenstaader) ihr Geld verloren. Majer aber war verschwunden.
Die Radolfzeller katholische Zeitung „Volksstimme“, Sprachrohr seiner
politischen Gegner, berichtet darüber in hämischem Tone erstmals
am 12.Nov.1881[8]:
„Konstanz, 9.Nov. (Eine liberale Größe gefallen). Schon
wieder ist eine liberale Größe auf der glatten Bahn gestrauchelt.
Der Weinhändler C. Mayer von Immenstaad, welcher dahier [auch in Konstanz
?] eine Weinhandlung betrieb, hat seine Zahlungen eingestellt. Leider wurden
dadurch viele kleine Geschäftsleute, insbesondere Rebbauern, in Mitleidenschaft
gezogen. Auch haben mehrere andere ¯ [hier steht ein Sonderzeichen
im Text; wohl eine beleidigende Andeutung der Zeitungsredaktion] Brüder
von hier, welche genanntem Weinhändler Bürge waren, namhafte
Verluste zu verzeichnen. Dieselben spielten bei der letzten Reichstagswahl
noch eine große Rolle und waren Hauptkampfhähne. Man bittet
um stille Teilnahme.“
In weiteren, mindestens 8 Artikeln widmet sich die Zeitung dem Thema;
wir wollen das meiste daraus zitieren, weil es einen Einblick gibt in die
damaligen Verhältnisse und Parteikämpfe[9]: (am 15.Nov.) „Der
Sturz der Firma C. Majer in Immenstaad hat einen viel düsteren Hintergrund,
als bisher angenommen wurde. Was wir bis jetzt darüber erfahren konnten,
ist Folgendes: C. Majer war von Hause aus ein sehr vermöglicher Mann,
der auf einige hunderttausend Mark geschätzt wurde, und auf seine
Treue und Redlichkeit hätte Jedermann Häuser gebaut. Er war jedoch
nicht geschickt zu geschäftlichen Unternehmungen. Schon als Ökonom
in Helmsdorf, dann als Weinhändler in Konstanz und Immenstaad scheint
er Einbußen erlitten zu haben, die ihn in Geldverlegenheit brachten.
Auch soll er durch den Konkurs einer Ravensburger Firma viel verloren haben.
Zuerst ging er Freunde um Bürgschaften an, indem er vorgab, es handle
sich nur um eine vorübergehende Unzulänglichkeit seiner Mittel,
da er viel Wein gekauft habe und denselben nicht so rasch absetzen könne,
als er dachte. Die Hilfe wurde ihm gewährt, genügte aber nicht.
Falsche Scham vor dem Eingeständnis seiner wahren Lage trieb ihn auf
der abschüssigen Bahn weiter. Er verlegte sich auf die Wechselreiterei
in großem Umfang, und zuletzt wurde er zum Fälscher. Schon im
Frühjahr muß dies verbrecherische Treiben begonnen haben. Er
fälschte Wechsel auf den Namen seiner nächsten Freunde und zur
Zeit sollen etwa vierzig falsche Wechsel im Gesamtbetrag von gegen 100
000 M. konstatiert sein. In der höchsten Not, von Wechselforderungen
bedrängt, vergaß sich Majer soweit, daß er an einem Orte
Darlehenshilfe suchte, wo er als liberaler Agitator sie nie nimmermehr
hätte suchen dürfen; sie wurde ihm auch nicht zu Teil und die
Zahlungsunfähigkeit brach aus. Im Ganzen sollen die Passiva gegen
200 000 M., die Aktiva etwa 150 000 M. betragen. Die Forderungen der Gläubiger
würden hiernach zum größeren Teil gedeckt erscheinen, doch
wird es längere Zeit dauern, bis die Leute zu ihrem Geld kommen, da
vorher ein wahrer Rattenkönig von Prozessen auszutragen ist. Die ganze
Gegend von Immenstaad und Markdorf ( dessen Vorschußverein stark
beteiligt ist, aber gedeckt sein soll) befindet sich in großer Aufregung,
namentlich die kleinen Rebleute, welche ihren Wein an Majer verkauften
und nun auf die Zahlung warten müssen. Majer selbst ist seit Sonntag,
den 6. d. M. verschwunden. Seine höchst bedauernswerte Familie, der
er bis zu dem genannten Tage seine Lage verheimlicht hat, weiß dem
Vernehmen nach nicht, wo er sich befindet.
Nicht verschweigen wollen wir, daß der so lebensfrohe Mann in
letzterer Zeit eine finstere Miene angenommen hatte. Er litt wahrscheinlich
an Gewissensbissen und schien oft wie verwirrt. Es ist auffallend, daß
er die meisten seiner gefälschten Wechsel so einrichtete, daß
sie fast gleichzeitig fällig wurden. Und während er doch wissen
mußte, daß sich um 100 000 M. solcher Papiere in Umlauf befanden,
deren Entdeckung ihn mit dem Zuchthaus bedrohte, begann er in Immenstaad
einen Kellerbau, der ihn viel Geld kostete und der auf einen ungestörten,
großen Geschäftsbetrieb gerichtet war. Wohin das Geld für
die Falschwechsel gekommen ist, weiß Niemand, doch glaubt man, dasselbe
sei eben durch verkehrte Spekulationen verloren gegangen. Daß er
mit einer größeren Summe flüchtig gegangen sei, wird als
nicht wahrscheinlich bezeichnet. Hier in Konstanz lief vorgestern schon
das Gerücht um, er habe sich erhängt. Was daran wahr ist, werden
die nächsten Tage lehren, denn bereits ist die gerichtliche Verfolgung
eingeleitet.“
Am 19.Nov. erzählt die „Freie Stimme“ eine erbauliche Anekdote:
„Anläßlich des Bankrutts des Weinhändlers Majer in Immenstaad,
der auch hier namentlich bei Mitgliedern des Vorschußvereins große
Aufregung hervorrief, erinnert man sich wieder eines Vorkommnisses, das
der Vergessenheit entrissen zu werden verdient, zumal es die landesväterliche
Gesinnung unseres Großherzogs in schönem Licht erscheinen läßt.
Vor mehreren Jahren, da gerade die Herrlichkeit des Nationalliberalismus
ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurde hier ein landwirtschaftliches
Gaufest abgehalten, zu dem auch S.K. Hoheit der Großherzog [Friedrich
I.] eingeladen und erschienen war. Majer, der unter die Festordner zählte,
führte S.K. Hoheit auch zu den ausgestellten Farren, die der Farbe
nach geordnet waren, die gelbroten und roten zuerst, die schwarzen zuletzt.
‘Hier, redete Majer S.K. Hoheit an, auf die ersteren hindeutend, das sind
unsere Farben, die schwarzen sind hinten dran gestellt’. Worauf der Großherzog
ihm entgegnete:’Aber man muß doch die Schwarzen auch noch etwas gelten
lassen.’“- eine wahrhaft kindische Geschichte im Zusammenhang mit der damaligen
Auseinandersetzung zwischen den Liberalen und Katholiken [9].
Der Zeitungsbericht schließt mit den Sätzen: „Von den durch
den Majer’schen Krach zu Schaden Gekommenen bedauert man am meisten 15
Bürger von Immenstaad, denen er noch kurz vor Einstellung seiner Zahlungen
ihr diesjähriges Herbsterträgnis abgekauft - natürlich auf
Kredit. Der Wert desselben soll eine beträchtliche Summe ausmachen
und es ist fraglich, ob sie einen Pfennig dafür bekommen.“
Im Januar 1882 wurde gemeldet, daß Majers Schulden 350 580 M.
betrügen, seine Aktiva nur 150 535 M. Im März wurden in Konstanz
Ölgemälde, Uhren, Gold- und Silberwaren aus seinem Besitz versteigert,
im April sein Wohnhaus mit Acker und Reben, das um 37 550 M. geschätzt
war. Es wurde vom Vorschußverein Markdorf für 15 000 M. erworben,
der es schon im Juni um 29 000 M. an den Kaufmann Fritz Arnold aus Stuttgart
verkaufte, also mit einem dicken Gewinn. Später erwarb Karl Endres
das Haus. In diesem Zusammenhang bezeichnete die „Freie Stimme“ Karl Majer
als „verschollenen Freimaurer und liberalen Wortführer“.
Auf der Generalversammlung des Vorschußvereins Markdorf gab es,
auch im Juni 1882, bei der Entlastung des Vorstands eine lebhafte Debatte,
„woraus hervorging, daß das in Vermögenszerfall geratene Aufsichtsratsmitglied
Karl Maier von Immenstaad aus der Kasse - ohne daß einigen Aufsichtsratsmitgliedern
Mitteilung gemacht - 91 000 M. erhielt; aus diesem Grund wurde die Entlastungsfrage
verneint“. An Majers Stelle wurde im 2. Wahlgang Theodor Schlitz aus Markdorf
in den Aufsichtsrat gewählt. Die Vorstände hatten, wie die Zeitung
berichtet, „manches Unliebsame zu hören bekommen“.
Zwei Jahre später gab es nochmals Ärger, als der Majer’sche
Konkursverwalter, Schuhmacher Balthasar Beurer von Überlingen, abgesetzt
wurde, weil er der Masse 25 000 Mark Nachteile gebracht habe; da er eine
„bekannte liberale Größe Überlingens“ war, widmete ihm
die „Freie Stimme“ 2 Artikel voller Polemik mit dem Tenor „Schuster
bleib bei deinem Leisten“ und daß man „ihn wegen Schadensersatz extra
noch versohlen lassen will“.
Auswanderung nach Amerika
Wie Majer nach Amerika kam, ist uns unbekannt; auch die „Freie Stimme“
wußte wohl nicht einmal von seiner Flucht nach den USA. Natürlich
reiste er per Schiff, aber von welchem Hafen aus? Sicher von keinem deutschen;
vielleicht schiffte er sich in Genua, oder in Le Havre ein. Drüben
faßte er wieder Fuß; er starb am 27.4.1888 in Fredericksburg.
Seine Familie ließ er nachkommen, denn seine Frau starb am 26.12.1904
in New York, und sein Sohn Carl heiratete 1896 in Philadelphia Margaretha
Berg aus Heppenheim und wurde Großvater der Grace Kelly, die 1929
zur Welt kam.
Ausklang
Immenstaad spielt eine nicht unbedeutende Rolle in dieser Biographie.
1958 hat der damalige Ratsschreiber Ernst Bruttel die Mutter von Grace
Kelly durch den Ort geführt [10], ihr Helmsdorf und die Ratsprotokolle
gezeigt, so daß ein Abglanz der großen Welt auch auf
unser Dorf fiel. Ohne die betrüblichen Ereignisse hier wäre Karl
Majer nie nach Amerika ausgewandert!
(Wolfgang Trogus,
1997)
Quellen und Literatur
[1] Heide Budde: Von Immenstaad nach Monaco. In: Immenstaader Heimatblätter
2 (1978), S.61
[2] Die deutschen Ahnen der Fürstin von Monaco. Genealogie 1964,
S1 ff.
[3] F.X.C. Staiger: Meersburg am Bodensee..., 1861. S.233.
[4] W. Trogus: Helmsdorf vom 15. bis 20. Jahrhundert . In: Immenstaad
- Geschichte einer Seegemeinde. 1995. S. 395-398.
[5] Joh. Bapt. Berger: Immenstaad und seine Bewohner seit Mitte des
vorigen Jahrhunderts. Manuskript 1917.
[6] Einwohnerverzeichnis von 1864. Gemeindearchiv Immenstaad. Abschrift
von Luitgard Lohr.
[7] Anton Oeller: Regesten zur Geschichte des Ortes Helmsdorf am Bodensee
und der Ritter von Helmsdorf. Manuskript, ohne Datum (um 1955).
[8] Auszüge aus der „Freien Stimme“, Radolfzell, zur Immenstaader
Geschichte 1865-1890; gefertigt von Margarete Lorinser 1985.
[9] Dieter Bellmann/ Gerd Zang: Episoden aus der Immenstaader Geschichte
1860- 1880. Geschichte am See 14, 1981.
[10] Vorfahren der Fürstin von Monaco kamen vom Bodensee. Südkurier
5.3.1958.
[11] Heide Budde: Warum die Bodenseegürtelbahn Immenstaad links
liegen läßt. In: Imm. Heimatblätter 7 (1983), S.28- 48.
[12] Gert Zang: In gemäßigt modernem Fortschritt. Die Entwicklung
der Gemeinde zwischen 1890 und 1929. In: Immenstaad - Geschichte einer
Seegemeinde. 1995, S.147- 176, spez. S.148f.
[13] Briefwechsel mit den Archives du Principauté de Monaco,
1997.
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