Der "Hann
Schorschi", Wiener mit Wahlheimat
Muenchen - Georg Hann
- beim Nennen
dieses Namens werden diejenigen
Musikliebhaber, die ihn hoeren konnten, sofort sein unverwechselbares
samtweiches
Timbre im Ohr haben. Der am 30. Januar 1897 in Wien geborene Saenger
(Sohn
von Georg Franz Hann, geb. 24.4.1862 in Ernstbrunn, Nieder-Oesterreich,
gest. 09.11.1933 in Wien und der Josepha Eisler, geb. 16.12.1864 in
Hundsheim
und gest. 27.11.1927 in Wien) war weit mehr ein "Muenchner" Saenger als
mancher, der hier geboren wurde: Hann war eine Muenchner
Institution.
"Dass i a schee Stimm' hab, hab I schon g'wusst, eh i a Theater von
innen
g'sehn hab", sagte er oft. Aber obwohl er gern im Freundeskreis sang,
gab
es vorerst noch nicht das konkrete Berufsziel "Saenger". Nach der
Schulzeit
( seine Vorbildung waren die Volksschule, Abitur, 3 Semester
Handelsschule,
2 Semester Staatsverrechnung und Kameralistik und bekam sein
Abgangszeugnis
an der Akademie fuer Musik in Wien) meldete er sich zunaechst als
Freiwilliger
zum Militaerdienst zur oesterreichischen Armee und wurde im 1.
Weltkrieg
1918 als Leutnant entlassen.. Seine Versuche, im Bankgewerbe eine
buergerliche
Karriere zu machen, verliefen nicht sehr befriedigend. Ebenso nicht als
Lokalreporter, Buchhalter und Bankbeamter. Er schrieb sich an der
Wiener
Akademie fuer Tonkunst ein und studierte ab 1924 (also erst mit 27
Jahren)
bei Professor Theodor Lierhammer Gesang. Hann hatte in Wien eine
Chorvereinigung
gegruendet, mit der er auch solistisch auftrat. Clemens von
Franckenstein,
der damalige Muenchner Generalintendant, wurde auf den Saenger
aufmerksam
und lud ihn zu einem Probegastspiel ein.
Debuet als
Eremit
In einer
Freischuetz-Auffuehrung steht er
am 15. Februar 1927 als Eremit erstmals auf einer Muenchner Buehne und
wird sofort als 2. serioeser Bass neben Paul Bender engagiert. Hann
singt
eine Vielzahl von zunaechst kleinen, dann mittleren und schliesslich
ersten
Fach-Partien. Aber welches Fach hatte Hann eigentlich? Er sang
Guglielmo,
Papageno, Fluth (Lustige Weiber), Wolfram, also lyrischen Bariton
respektive
Kavaliersbariton; er sang Fuerst Jeletzki (Pique Dame), Escamillo,
Amonasro,
Tonio (Bajazzo), Kothner, also Charakter-Bariton; er sang Scarpia,
Pizarro,
Telramund, Amfortas, Sachs, mithin dramatischen und Heldenbariton; er
sang
Sarastro, Koenig Heinrich, Penaios (Daphne), Timur, Daland, Fiesco
(Simon
Boccanegra), den serioesen Bass; er sang Zsupan, Kezal, Barbier von
Bagdad,
Bacuius, Leporello, den Spielbass. Wie war ihm das alles moeglich? Nun,
es wurde ihm moeglich durch seine in jeder Lage leicht ansprechende und
warm klingende Stimme. Er selbst sah sich allerdings vor allem in
schweren,
heldischen, daemonischen Rollen, also etwas als Scarpia, einer Partie,
die seinem jovialen Gemuet und seiner weichen Stimme voellig
entgegengesetzt
war. Doch die Intendanz schien froh zu sein, einen so vielseitig
verwendbaren
Saenger zu haben.
Falstaff,
Ochs, Kezal
Als Mensch
war Hann einerseits einfach, humorvoll
und wohl auch ein wenig naiv, andererseits aber selbstbewusst und sehr
empfindlich; er konnte ausgesprochen bockig reagieren, wenn es nicht
gelang,
ihn zu ueberzeugen. Diese Erfahrung mussten die Dirigenten und
Intendanten
oft machen. Der ab 1937 neue Generalmusikdirektor und Intendant Clemens
Krauss erkannte, dass Hann aufgrund seiner komoediantischen Begabung
und
seiner doch eher als "Basso cantante" einzuordnenden Stimme ein idealer
Interpret fuer eine Neuproduktion des Verdischen "Falstaff" war. Fuer
Hann
brach eine Welt zusammen. Es heisst, er habe -dem Weinen nahe- in der
Kantine
gesessen und vor sich hin gemurmelt: "Kaan Gurnemanz mehr und kaan
Scarpian!"
Aber der untruegliche Instinkt des Theater-Praktikers Clemens Krauss
sollte
sich als richtig erweisen: Der Falstaff (Die lustigen Weiber von
Windsor)
wurde einer der Glanzrollen von Hann, denn die Rolle verlangte einen
Saenger,
der den schwergewichtigen Moechtegern-Don-Juan nicht als derben
Trunkenbold,
sondern mit feiner Grazie und Selbstironie zu zeichnen und zu singen
vermag,
Forderungen, die Hann vorzueglilch erfuellte. In dieser Rolle wurde
Georg
Hann uebrigens gemalt von Paul Matthias Padua*) und in die Galerie des
Nationaltheaters (3. Rang rechts) aufgenommen. Bei einer Falstaff-Probe
rief Krauss einmal aus dem Orchestergraben zu dem auf der Buehne im
Waschkorb
versteckten Hann hinauf: "Hann, was ist denn heute mit Ihnen los, Sie
singen
ja wie der Weiss Ferdl." Hann lupfte den Korb und konterte: "I hab' gar
net g'wusst, dass der so a scheene Stimm' hat!"
Clemens
Krauss sah Hann auch fuer den Ochs
im "Rosenkavalier" vor, eine Rolle, die man ihm frueher bereits
mehrfach
angeboten hatte. Er hatte weder mit der Tessitura der Partie noch mit
dem
wienerischen Idion ein Problem - warum also wehrte er sich so lange
gegen
diese Wunsch- Rolle eines jeden Bassisten? Ganz einfach: Hann studierte
nicht sehr schnell, und die Partie des Ochs ist nun einmal eine Partie,
die ein sehr langes Studium erfordert. Aber er hat natuerlich auch in
dieser
Rolle sein Publikum begeistert. Auf der Schallplatte spielte Hann
allerdings
lediglich Szenen des Ochs ein (in einer Gesamtaufnahme singt er den
Faninal),
ebenso in jener kostbaren Film-Aufzeichnung, bei der Richard Strauss zu
seinem 85. Geburtstag mit Ausschnitten aus der Oper zum letzten Mal am
Pult des Prinzregententheaters stand.**) Eine weitere Erfolgsrolle der
Clemens-Krauss-Zeit wurde der Kezal in der "Verkauften Braut". Und auch
zu dieser Rolle hatte man ihn erst ueberreden muessen, denn sie wird
oft
mit einem zweiten Fach- Saenger besetzt, falls dieser die noetige
darstellerische
Persoenlichkeit hat. In den mustergueltigen Strauss-Auffuehrungen unter
Krauss gab es fuer Hann noch manche weitere anspruchsvolle
Buffo-Partien,
in der er glaenzen konnte. Er war -darin sind sich die aelteren
Musikkenner
mit gutem Gedaechtnis einig- der beste Waldner, den Muenchen je hatte.
Und er fand in der Partie des La Roche in "Capriccio", die er in der
Urauffuehrung
der Oper im Jahre 1942 sang, eine Paraderolle.
Aber Hann war
keineswegs nur Buehnensaenger.
Er sang in den jaehrlichen Passionsauffuehrungen oft die
Christus-Partie,
(eine Matthaeus Passion ohne Hann als Christus war zu seiner Zeit in
Muenchen
so wenig denkbar wie ohne Patzak als Evangelist.) die er beruehrend
gestaltete,
und er wirkte haeufig in Auffuehrungen von Haydns "Schoepfung" oder
"Jahreszeiten"
sowie in verschiedenen Messen (oft unter Krauss) mit. Daneben war Hann
ein ausgezeichneter Liedersaenger, den der damals bedeutendste deutsche
Liedbegleiter Michael Raucheisen begleitete. Hier vermochte er vor
allem
mit Balladen oder balladesken Liedern zu ueberzeugen. - Georg Hann hat
eine Vielzahl von Schallplatten eingespielt, die meisten in seinen
spaeteren
Jahren und zwar waehrend des 2. Weltkrieges. Er sang vor allen auf DGG
"Cavalleria rusticano", "Bajazzo", "Rigoletto", auf Vox vollstaendiger
"Fliegender Hollaender" und "Rosenkavalier", auf Urania "Der
Corregidor"
von H. Wolf, "Die lustigen Weiber von Windsor" und MMS "Schoepfung".
Leider
sind viele davon nicht mehr erhaeltlich und bisher auch noch nicht auf
CD erschienen.***)
Wien,
London, Mailand
Auch
ausserhalb Muenchens war der vergoetterte
Muenchner Haus-Bassist gefragt und mit grossem Erfolg taetig. Er sang
in
Wien, Berlin, Paris, London (1947 als Pizarro (Fidelio), Leporello und
in "Salome" von Richard Strauss), an der Oper von Bruessel und an der
Mailaender
Scala und natuerlich auch bei den Salzburger Festspielen -u.a. Faninal
(Rosenkavalier), Waldner (Arabella), Leporello, neben Hotter als Don
Giovanni,
Sarastro (Zauberfloete), Pizarro, Simon in Dantons Tod).
Am 2.
Dezember 1950 stand er als Landgraf
in "Lohengrin" zum letzten Mal auf der Buehne des
Prinzregententheaters.
Georg Hann starb *im Zenith meiner (seiner) ruhmreichen Laufbahn*
(Zitat
des La Roche aus "Capriccio". Waehrend einer Rundfunkaufnahme fuehlte
er
sich ploetzlich nicht wohl. Hann brach die Aufnahmen ab und fuhr mit
dem
Taxi nachhause. Er starb in der darauffolgenden Nacht vom 9. auf den
10.
Dezember 1950. Hann sollte in einem Meistersinger-Film als Kothner
mitwirken,
ein Projekt, das ihm sicher ebensoviel Freude gemacht haette wie eine
Einladung
zu einer Produktion mit Gustav Gruendgens. Georg Hann genoss eine
volkstuemliche
Popularitaet wie nur wenige grosse Saenger; eine Strasse in Obermenzing
erinnert an ihn.
*)Paul
Mathias Padua, *1903 Salzburg/Oesterreich,
+1981 Rottach-Egern/Deutschland. Padua galt als Autodidakt. Seit 1922
beschickte
er dieAusstellungen im Muenchner Glaspalast und -nachdem er 1935 den
Preis
fuer das beste deutsche Maennerbildnis und 1938 denjenigen fuer das
schoenste
Kinderbildnis erhalten hatte- seit 1938 die Ausstellungen im Haus der
Deutschen
Kunst, Muenchen.
**)Am
13.7.1949 dirigierte der nun 85 jaehrige
Komponist die Mondscheinmusik aus "Capriccio" im Prinzregententheater.
Es war sein letzter Auftritt als Dirigent. Die Originalauffuehrung fand
am 28.2.1942 unter der Leitung von Clemens Krauss im Nationaltheater
ihre
Premiere. Krauss hatte seine besten Saenger dazu aufgeboten: Viorica
Ursuleac
(Graefin), Walter Hoefermeyer (Graf), Horst Taubmann (Flamand), Irma
Beilke
und Frank Klarwein (ital. Saenger), Hans Hotter (Olivier), Hildegarde
Rancsak
(Clairon), Georg Hann (La Roche) - Saenger, die nicht nur mit dieser
Auffuehrung
Muenchner Theatergeschichte geschrieben haben.
***) Durch
grosse Nachfrage sind in der Zwischenzeit
sehr viele CD's mit Georg Hann Partien auf den Markt gekommen und in
jeder
serioesen klassischen Musikabteilung zu finden, wie z.B. im Kaufhaus
Beck/am
Rathauseck in Muenchen und natuerlich im Internet.
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