Mehr als 1500 Kilometer trennen Wittenberg,
dem Hauptort seines Schaffens, von Siebenbuergen, einem seiner Wirkungsgebiete,
wo sich noch heute die deutsch-evangelische Kirche auf das Augsburgische
Bekenntnis beruft, das Melanchthon 1530 verfasst hat. Nur knappe 50 Kilometer
liegen zwischen Bretten, wo Philipp Schwarzerdt vor 500 Jahren geboren
wurde - Melanchthon ist die nach humanistischer Sitte vorgenommene Uebertragung
des Familiennamens ins Griechische-, und Gundelsheim, wo der Verein *Johannes
Honterus* wirkt. Dieser stellt auf Schloss Horneck das *Heimathaus Siebenbuergen*
auch wissenschaftlichen Einrichtungen zur Verfuegung, die jene Kultur erforschen
und sichern, auf die der Wittenberger Reformator eine so nachhaltige Wirkung
hat.
Johannes Honterus und Philipp Melanchthon
sind sich persoenlich nur einmal, 1535 in Wittenberg, begegnet. Gleichwohl
ist ihnen vieles gemein: Beide sind als Humanisten zur Reformation gestossen,
indem sie, wie Melanchthon in seiner Wittenberger Antrittsrede ueber die
Universitaetsreform formulierte, *den Geist zu den Quellen lenken* wollten;
beide haben die Glaubenserneuerung vorangetrieben, der eine als engster
Mitstreiter Martin Luthers in Wittenberg, der andere als Reformator der
Siebenbuerger Sachsen; beide sind als Reformer des Schulwesens zu Lehrern
ihres Volkes geworden, Melanchthon zum *Praeceptor Germaniae* schlechthin.
Eine Durchsicht der Bibliotheksverzeichnisse
des 16. Jahrhunderts, die insbesondere von Adam Dankanits und Gustav Gruendisch
erstellt worden sind, zeigt, dass Melanchthons Schriften in Siebenbuergen
weit verbreitet waren, ja zu den bevorzugten intellektuellen Lesestoffen
dieser Zeit gehoerten. Zwanzig Melanchthoniana sind in Siebenbuergen selbst,
vor allem in der Kronstaedter Offizin von Johannes Honterus, erschienen.
Wie dem juengst erschienenen Katalog *alte siebenbuergische Drucke* (Schriften
zur Landeskunde Siebenbuergens, Band 21) zu entnehmen ist, wird diese Zahl
nur von einem zeitgenoessischen Reformator uebertroffen: Luthers Schriften
wurden im 16. Jahrhundert nicht weniger als 24mal in Siebenbuergen nachgedruckt.
Melanchthon ist in Siebenbuergen zunaechst
als Humanist bekannt geworden, als beruehmter Wittenberger Griechisch-Professor
und Vermittler klassischer Sprachen und Literaturen: Bereits vor Beginn
der Reformation in Siebenbuergen hat Johannes Honterus Melanchthon-Zitate
in seine lateinische Grammatik von 1539 eingeflochten; sechs Jahre spaeter
wurde in Kronstadt die von Melanchthon eingeleitete Edition der Komoedien
von Terenz nachgedruckt; mehrere Auflagen seiner Grammatiken des Griechischen
und des Latein sind zwischen 1556 und 1570 in Klausenburg und in Kronstadt
erschienen.
*Wir lehren, dass dem Glauben die Liebe und
die guten Werke folgen muessen* - diese Worte hat Melanchthon seinen Studenten
mit auf den Weg gegeben. Aehnliches schrieb auch Johannes Honterus: *Was
nuetzt es, einen leeren Glauben vorzuzeigen, wozu gleich die Tat notwendig
ist.* Aus dieser Ueberzeugung ist Melanchthons Einfluss auf das reformatorische
Geschehen in Siebenbuergen erwachsen. Das geschah *durch seine persoenliche
Autoritaet, durch seine theologische Wirksamkeit, durch seinen Briefverkehr
mit siebenbuergischen Reformatoren und durch seine Wirksamkeit als Lehrer
an der Wittenberger Universitaet* (Ludwig Binder). Es liegt darin begruendet,
dass Martin Luther (1483-1546) bereits von Alter und Krankheit geschwaecht
war, als Johannes Honterus die Reformation in Kronstadt und im Burzenland
einleitete und der Brettener in die Fuehrung des lutherischen Protestantismus
hineinwuchs. Gewiss entsprach aber auch Melanchthons Bestreben, die Glaubenserneuerung
auf friedlichem Wege, durch unermuedliche Vermittlungsversuche zwischen
Protestanten und Katholiken durchzufuehren, dem Temperament der Siebenbuerger
Sachsen; ebenso sein maessigender Einfluss im Streit zwischen Lutheranern
und Zwinglianern, der gerade angesichts der damaligen innenpolitischen
Situation in Siebenbuergen wichtig war. Nicht zuletzt haben aus Wittenberg
*heimkehrende siebenbuergische* Studenten die geistige und moralische Autoritaet
ihres akademischen Lehrers gefestigt und vertieft.
Die Reformation der Siebenbuerger Sachsen
wurde in enger Abstimmung mit Luther und Melanchthon durchgefuehrt. Zwar
ist die Annahme des Honterus-Biographen Karl Kurt Klein nicht eindeutig
zu beweisen, dass die 1542 in Kronstadt eingeleitete Kirchenverbesserung
*in Abhaengigkeit von Melanchthon, ja, ganz unmittelbar unter seiner Aufsicht
vollzogen wurde* und *der Praeceptor Germaniae an ihr nicht nur mit dem
Herzen, sondern mit helfender Tat teilgenommen* habe. Doch kann es kein
Zufall sein, dass die fuer Siebenbuergen grundlegende protestantische Bekenntnisschrift,
das 1543 in Kronstadt veroeffentlichte *Reformationsbuechlein* von Honterus,
noch im gleichen Jahr in Wittenberg mit einem Vorwort Melanchthons nachgedruckt
wird und dass dieser das Kronstaedter Werk, das ihm gefalle (mihi placuit),
dem Hermannstaedter Pfarrer Matthias Ramser empfiehlt. Umgekehrt verweist
Honterus in seiner *Apologie*, der gegenueber dem Weissenburger Landtag
verfassten Verteidigungsschrift, ausdruecklich auf die Werke Melanchthons
und auf seine Hoffnung, dass ein Generalkonzil im Konflikt zwischen Altglaeubigen
und Protestanten vermitteln koennte. Auf Melanchthons Autoritaet setzt
auch Ramser, der ihn 1544 bittet, den Rat von Hermannstadt zu ermahnen,
wegen der Beichte, der Heiligenbilder und der Broterhebung keinen Tumult
zu entfachen, sondern friedfertig zu bleiben.
1550 erklaert die Nationsuniversitaet eine
Kirchenordnung fuer verbindlich, die auf der Grundlage des *Reformationsbuechleins*
von Honterus erarbeitet wurde, und verhilft damit der lutherischen Lehre
im Sachsenland zum Durchbruch. Die Ungarn neigen staerker dem helvetischen
Bekenntnis zu. In der Auseinandersetzung mit den Anhaengern Zwinglis und
Calvins gelingt es den Sachsen auf der Klausenburger Provinzialsynode von
1557, Melanchthons Abendmahlslehre durchzuseten, die einen Kompromiss zwischen
lutherischen und kalvinistischem Verstaendnis bedeutet. In mehreren Briefen
unterstuetzt der Wittenberger diesen Beschluss. Die Einigung ist jedoch
nicht von langer Dauer, denn bald kommt es zur endgueltigen Spaltung des
siebenbuergischen Protestantismus: Die Sachsen bleiben dem lutherischen
Bekenntnis treu und bilden kuenftig nicht nur als Stand und Ethnie, sondern
auch als Glaubensgemeinschaft eine eigenstaendige, unverwechselbare Gruppe
unter den Voelkern Siebenbuergens; die Ungarn hingegen wenden sich vor
allem dem Calvinismus oder dem Unitarismus zu. Nicht zuletzt auf Melanchthons
Vermittlungsbemuehungen, deren oekumenischer Ansatz unverkennbar ist, duerfte
der Grundsatz der religiosen Toleranz zurueckzufuehren sein, zu dem sich
die siebenbuergischen Staende schon in den fuenfziger Jahren des 16. Jahrhunderts
einigen. *Um die Eintracht unter den Kirchen wieder zu gewinnen* beschliessen
sie, dass *jeder den Glauben behalten koennte, den er wolle, einschliesslich
der neuen und alten gottesdienstlichen Gebraeuche*.
Melanchthon hat ueber seine Schueler fortgewirkt.
Zu ihnen gehoerte Lukas Unglerus. Dieser hat waehrend seiner Studiums in
Wittenberg und in der Folgezeit fuer seine Privatbibliothek neben drei
Lutherschriften zwoelf Buecher von Melanchthon erworben, unter ihnen die
*Loci communes rerum theologicarum* von 1521, die erste evangelische Dogmatik,
und die *Confessio Saxonica* von 1553. Als Superintendent hat Unglerus,
in enger Anlehnung an diese Schriften seines Lehrers, die in der siebenbuergisch-saechsischen
Kirche gueltigen Glaubenslehren unter dem Titel *Formula pii consensus*
zusammengefasst. Diese fuer den katholischen Landesfuersten Stephan Bathory
bestimmte Regel von der gottgefaelligen Uebereinstimmung* gilt seither
als *saechsisches Glaubensbekenntnis*, als Grundlage der *Kirche Gottes
saechsischer Nation* (Ecclesia Dei nationis Saxonicae).
Die Rolle Melanchthons bei der Herausbildung
der siebenbuergisch-saechsischen *Volkskirche* unterstreicht der Superintendent
Matthias Hebler im Jahre 1559. In einem Brief an seinen *ehrwuerdigen Lehrer*
dankt er *insbesondere dafuer, dass Ihr mit Eurem Schreiben uns selbst
und unsere Gemeinden in der wahren Auffassung vom Mahl des Herren und von
der Abschwoerung in der Taufe bestaetigt habt. (...) Wir werden deshalb
dieses Euer heiliges Vermaechtnis in unseren Gemeinden unter Gottes Fuehrung
bis ans Ende bewahren.*
Ein Jahr spaeter, am 19. April 1560, ist Melanchthon
in Wittenberg gestorben. Sein *heiliges Vermaechtnis* wird von den Siebenbuerger
Sachsen bis heute bewahrt. |