Oberbayern
So steht es im Lexikon:
Oberbayern, groesster der sieben bayerischen
Regierungsbezirke, 16,338 km2, 2,7 Millionen Einwohner, Hauptstadt Muenchen,
umfasst Bayerische Alpen, Alpenvorland und Donautal bei Ingoldstadt. Das
ist karg, gemessen an der Vorstellung, die sich beim Klang dieses Namens
einstellt. Da ist die Erinnerung an Wald, See und Gebirge, anprangende
Obstanger, die sich unter einem blauweissen Himmel ausbreiten, in den die
Zwiebel eines Kirchturms ragt, an Schwertertanz und Dirndldraher, an Feste,
ueber denen die Triller der Klarinetten schwirren und ein bumberndes Bombardon
den Takt blaest. Da ist die Gaudei im Komoedienstadl und der Jubel in der
Wies (Oktoberfest). Es kann in der Erinnerung sich der Foehnsturm einstellen,
aber auch die stille Schneebleiche der Rauhnaechte.
Und trotzdem. Das Lexikon luegt nicht. Es
korrigiert. Dieses *Upper-Bavaria* gaukelt den Menschen drueben in der
Neuen Welt etwas vor, das nicht ganz der Wirklichkeit entspricht. Denn
dieses Land ist groesser, vielfaeltiger. Es reicht weiter nach Norden,
als es die Volksmeinung weiss. Es fuehrt, noch jenseits der Donau, von
den Albhoehen herab in die Stromniederung. Es fliesst, immer in Richtung
gegen Mittag, ueber wogende Kornfelder hin, springt ueber Hopfenstangen
und steigt dann allmaehlich an, bis hinauf zu den Spitzen und Kaemmen der
Alpen.
Solange man erst nachschlagen muss, welche
Grenzen diese Landschaft einschliessen, solange einem das Altbayerische
Fuenfeck kein Begriff ist, solange einer keiner Holledauer Hopfen gerochen
hat, solange man die warmen Seen im Voralpenland nicht ausgekundschaftet
hat, solange einer beim Festzug die Huosigauer und die Ternseer nicht auseinanderkennt,
solange man ein Irschenberger Moebel noch mit einem Perthaler Schrank verwechselt,
solange einer nicht beim Zantl in Toelz gesessen ist, solange einer nicht
von einem Alpengipfel den Bayerischen Wald und von der Alb aus die Alpenkette
gesehen hat, solange einer nicht auf der Ingolstaedter Schanz gestanden
ist, solange hat man Grund, im Lande zu reisen und sich umzusehen.
Dieses Land am Nordrand der Alpen schliesst
die schwaebisch-bayerische Hochebene ein. Die Bezeichnung "Hochebene" ist
jedoch irrefuehrend, denn von der Salzach fuehren die Strassen nur in Berg-
und Talfahrten an den Lech. Vom Stampflschloessl, vom Taubenberg und Irschenberg,
von der Aussichtswarte des Peissenberg, rundum trifft der Blick auf eine
bucklige Welt. 250 Meter liegt die Glockenstube von Andechs ueber dem Spiegel
des Ammersees. "Eben" sind im schwaebich-bayerischen Hochland nicht einmal
die Boeden der Moeser. Unueberschaubar ragen aus den weiten Flaechen des
Murnauer Mooses die Ruecken seiner Koechel auf. Den Bergen ist bis hin
zur Donau ein Huegelland vorgelagert, das noch in den Seen als Inseln auftaucht.
Es gibt eine Ausnahme, und das ist ausgerechnet
Muenchen, die Landeshauptstadt Bayerns, zugleich Hauptstadt des Regierungsbezirks
Oberbayern, das heisst das Herz des oberbayerischen Landes. In Muenchen
sind seit eh und je nicht nur die administrativen Faeden zusammengelaufen
und geknuepft worden. Die Stadt, die heute so gerne "die heimliche Hauptstadt
Deutschlands" genannt wird, ist nicht nur geographisch, sondern auch im
Denken der Buerger der Mittelpunkt Oberbayerns. Einen goldenen Sattel auf
duerrer Maehre hat sie der Schwede Gustav Adolf genannt, "Die duerre Maehre",
das ist die Muenchner Schotterebene. Wie durch ein Sieb fliesst hier das
Regenwasser durch die duenne Humusschicht. Es wird in den tiefreichenden
Geroellschichten gefiltert. Diesem vorzueglichen Wasser, das aus mehr als
hundert Meter Tiefe heraufgeholt wird, verdankt das Muenchner Bier weitgehend
seinen guten Ruf.
By Hans Heyn, excerpted from the book:
Oberbayern zwischen Donau und Alpen,
Sueddeutscher Verlag, Muenchen.
(strongly
recommended for purchase)
--Back
to Brigitte's home page--
|