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Adeliges Dynamit

Von Katy Hillmann und Martin Scheele (Manager-Magazine-De)

Sorglos, schrill, wild: Früher war Gloria von Thurn und Taxis der Paradiesvogel des deutschen Adels. Dann verschaffte sich Durchlaucht mit unternehmerischem Weitsinn Respekt. Ihre Nachkömmlinge lassen die Sturm- und Drangzeit weitestgehend aus.

Hier klicken! Hamburg - Als Gloria von Thurn und Taxis Ende der achtziger Jahre in einer Talkshow des Norddeutschen Rundfunks saß, plauderte sie über ihren "Goldie", ließ Sprüche fallen wie "lieber Feste feiern als feste arbeiten" und war alles in allem herrlich erfrischend, dabei allerdings nicht ganz ernst zu nehmen. Ihre Haare strebten dem Himmel entgegen und "Goldie" war nicht etwa ein Hamster, sondern ihr 34 Jahre älterer Ehemann - Johannes Baptista de Jesus Maria Louis Miguel Friedrich Bonifazius Lamoral Fürst von Thurn und Taxis.

Die Fürstin, geborene Gräfin von Schönburg zu Glauchau und Waldenburg, war eine Betriebsnudel, eine Mischung aus Punk und Edel-Käthe. Im Fragebogen der "FAZ" gab sie auf die Frage, was sie sein möchte, zur Antwort: "Ein Elefant im Porzellanladen". Markenzeichen: ausgefallene Kleidung, markige Sprüche und herzhaftes Lachen.

Das Lachen blieb ihr erhalten, ansonsten hat sich das Oberhaupt der 500 Jahre alten Dynastie, die in Deutschland das moderne Postsystem erfand, im vergangenen Jahrzehnt um 180 Grad gewandelt. Ein Anlass zur Wende dürfte der Tod ihres Gatten im Jahre 1990 gewesen sein. Der Patriarch hinterließ ihr mit 28.000 Hektar Europas größten Waldbesitz (drei mal so groß wie Sylt), daneben ein Sammelsurium aus 50 mittelständischen Industrieunternehmen wie dem Automobilzulieferer Doduco, Brauereien oder Sägewerken.

Nieten in Nadelstreifen durchschaut

Bis zum Jahr 2001, als der einzige Sohn Fürst Albert Volljährigkeit erlangte, wurde seine Mutter mit der Leitung des Familienkonzerns betraut. Für ihren Filius und sein Vermögen legte sich Gloria mächtig ins Zeug. Denn abgesehen von dem Milliardenbesitz war die Familie nicht sonderlich liquide. Zu 400 Millionen Euro Schulden gesellte sich noch eine saftige Erbschaftsteuer.

Die Fürstin nahm Nachhilfeunterricht in Betriebswirtschaftslehre. Bald durchschaute sie, dass Nieten in Nadelstreifen den Familienbesitz managten. Sie wurden gnadenlos geschasst. In kurzer Zeit mauserte sich die flippige Fürstin zur knallharten Geschäftsfrau mit ganz konkreten Vorstellungen: "Zurück zu den Wurzeln", lautete ihre Devise. Sie wollte das Geschäft wieder auf den konservativen Kern konzentrieren - auf die Verwaltung von Immobilien, Land- und Forstwirtschaft. Alle unsicheren und unrentablen Firmenteile stieß sie ab; verkauft wurden Firmen in Pforzheim, die T&T-Bank und die Brauerei. Zahlreiche Beteiligungen, vor allem im Bereich Finanzdienstleistungen, wurden aufgegeben. Ein Teil des Hofstaats auf Schloss St. Emmeram in Regensburg, dem Stammsitz der Familie, wurde entlassen.

"Ihre Durchlaucht räumt auf", titelte der SPIEGEL. Gloria von Thurn und Taxis ließ ihr Tafelsilber bei Sotheby's versteigern. Unter anderem wechselte ihr Hochzeitsdiadem den Besitzer. Der Erlös aus Tauf- und Tafelgeschirr, Möbeln, Porzellan betrug 26 Millionen Euro. 2200 Erbstücke verkaufte sie an den bayerischen Staat und beglich damit die Erbschaftsteuer von 22 Millionen Euro. Von allen Seiten hagelte es Kritik für diesen Ausverkauf. Doch sie blieb kühl: Wenn ihr Sohn später einmal Silberterrinen brauche, könne er die ersteigern. "Einen Forst aber kann er dann nicht mehr kaufen."

Die Wandlung vom Saulus zum Paulus hat sie indes nicht vollständig vollzogen. Ein lässiges Strandhaus am pulverigen Strand an Kenias Küste, 470 Quadratmeter groß, genügte gerade ihren Ansprüchen - inklusive repräsentativen Anbauten für die Töchter, den hübschen Prinzessinnen Maria Theresia und Elisabeth sowie Glorias Bruder Graf Alexander, der vergangenes Jahr Opfer einer Entlassungswelle bei der "FAZ" wurde. Dass Ihre Durchlaucht gerade in Kenia einen Palast bauen ließ, kommentieren Mitglieder der Adelsgesellschaft mit "Back to the roots". Gloria, in Stuttgart geboren, wuchs sie in Kenias Nachbarland Somalia auf, wo ihr Vater als Entwicklungshelfer und Journalist arbeitete.

"Ich bin der Albert"

Einen Großteil des Jahres verbringt Gloria, da sind sich die Blätter der Regenbogenpresse einig, allerdings nicht im fernen Afrika, sondern in Rom. Mit ihrer Busenfreudin Alessandra Prinzessin Borghese knattert "Prinzessin TNT", wie Amerikaner sie nennen, mit einem Motorino durch die ewige Stadt, reitet und fährt Wasserski. Offenbar um zu unterstreichen, dass sie mit mittelalterlichen Sitten rein gar nichts mehr zu tun hat, schrieb sie eine Fibel des guten Benehmens , "Unsere Umgangsformen". Darin enthalten sind Empfehlungen für gute Tischmanieren oder etwa den perfekten Handkuss.

Langsam, aber sicher verlieren die Klatschblätter an der Dame, die vom US-Wirtschaftsmagazin "Business Week" zur zehntbesten Finanzmanagerin geadelt wurde, das Interesse. Dafür steigt Sohn Albert in der Gunst der Yellow Press auf. Er, der in Rom sein Abitur abgelegt hat, eifert gewisser Maßen den "Jugendsünden" Glorias hinterher - bisher allerdings nur in der Freizeit.

Während seine Mutter in ihrer wilden Phase "Harley Davidson" fuhr, bevorzugt Filius vierrädrige Rennschlitten. Im Rahmen der Deutschen Tourenwagen Meisterschaften steuerte Albert einmal einen Maserati - was für ihn aber lange noch kein Grund abzuheben ist. "Ich bin der Albert", stellt er sich bescheiden in leicht bayerischem Akzent seinen Kollegen vor.

Trotz seiner stattlichen Größe von 1,96 Meter wirkt er beim Erzählen wie ein kleiner Junge, nimmt beim Fluchen Wörter wie "Scheibenhonig" in den Mund, trägt einfache Jeans statt Designerklamotten. Ganz bodenständig, Seine Durchlaucht. Körperlich unterschätzen sollte man den jungen Mann indes nicht. Bei einem Starkbierfest nahe Regensburg ließ er seinen Energien in einer Prügelei freien Lauf - um sich anschließend schriftlich bei einem verletzten Gegner zu entschuldigen.

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