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10. May 2003

Interview mit Viktor Prinz von Ratibor und Corvey
der seit 1996 auf Schloss Corvey lebt

Reporter: Christine Longère



Großbild Höxter. Durch die Säkularisation vor 200 Jahren gelangte das
Fürstbistum Corvey an das Königreich Preußen, das es 1821 an den Landgrafen Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg abtrat. Dieser vererbte Corvey an seinen Neffen, den Erbprinzen Viktor von Hohenlohe-Schillingsfürst, der 1840 den Titel eines „Herzogs von Ratibor und Fürsten von Corvey“ annahm. Der heutige Hausherr trägt den traditionsreichen Namen seiner Vorfahren. Viktor Prinz von Ratibor und Corvey studierte in Wien Betriebswirtschaft und war fünf Jahre lang als Unternehmensberater tätig, bevor er 1996 nach Corvey kam. Im Gespräch mit Prinz Viktor (39) spannte unsere Mitarbeiterin Christine Longère einen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft.

Sie sind in Österreich aufgewachsen. Was wussten Sie in Ihrer frühen Jugend von Corvey, welche Bedeutung hatte es für Sie?

PRINZ VIKTOR:
Wir haben als Kinder die Schulferien im Sommer hier verbracht. Auf dem Domänenhof hat sich damals ein reges landwirtschaftliches Leben abgespielt mit vielen Tieren, von Kühen bis Schafen. Das haben wir als Kinder sehr geliebt und sehr genossen. Wir hatten die herrlichsten Plätze zum Spielen, es war ein Ferienparadies. Bei Schulbeginn waren wir dann alle wieder in Österreich. Der Grund lag darin, dass der Osten von Österreich zwischen 1945 und 1955 ebenso wie der Osten von Deutschland russische Besatzungszone war. In unserem Schloss Grafeneck war ein Militärstützpunkt eingerichtet, was zur Folge hatte, dass es sich 1955 nach Abschluss des Staatsvertrags und dem Abzug der Russen in einem grausamen Zustand befand. Dort war eine Aufbauarbeit zu leisten, die in Corvey schon zehn Jahre früher möglich war.

Seit dem Übergang des Klosters Corvey aus geistlichem in weltlichen Besitz hatten die adligen Hausherren nicht mehr ihren Hauptwohnsitz hier vor Ort.

PRINZ VIKTOR: Der Landgraf von Hessen erhielt ja nicht nur Corvey, sondern als eigentlichen Hauptbesitz das im damaligen Schlesien gelegene Rauden in der Nähe von Ratibor. Eine wichtige Rolle spielte, dass der Herzog damals als Präsident des Herrenhauses eine der wichtigsten preußischen Beamtenpositionen einnahm, die seine regelmäßige Anwesenheit in Berlin erforderte. Deswegen hat sich die Familie zunächst in Schlesien etabliert, hielt sich aber so wie meine Eltern, meine Brüder und ich im Sommer häufig in Corvey auf. Von den vier Besitzungen in Schlesien, in Ungarn, in Österreich und in Deutschland blieb nach dem Krieg zunächst nur noch Corvey übrig. Das zum Glück große Schloss wurde zur Zuflucht nicht nur für meine engere Familie, sondern auch für entferntere Verwandte und Mitarbeiter.

Warum entschieden Sie sich dafür, hier zu wohnen?

PRINZ VIKTOR: Mein Vater hat ja fünf Söhne, und es erhob sich die Frage, wer in Zukunft was übernehmen soll. Für jeden der Söhne wurde ein „Paket“ geschnürt, und eines davon war Corvey. Deshalb bin ich hierher gekommen und habe hier auch meinen Hauptwohnsitz.

Ist Ihnen der Ortswechsel leicht gefallen und fühlen Sie sich mit Ihrer
Familie wohl hier an der Weser?

PRINZ VIKTOR: Meine Frau und ich haben in Wien gelebt, es ist am Anfang
etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man von der Stadt aufs Land zieht. Dass wir uns heute hier sehr wohl fühlen, liegt vor allem daran, dass wir
mittlerweile ein kulturelles Leben in Corvey haben, das ja dem in Wien kaum noch in etwas nachsteht.

Mit Aufgeschlossenheit und Weitsicht hat Ihr Vater viel dazu beigetragen, dass die einstige Reichsabtei Corvey als jährlich rund 80.000 Besucher anziehendes Kulturzentrum wieder neue Ausstrahlungskraft gewonnen hat. Durch die Gründung des Kulturkreises Höxter-Corvey, dem neben Stadt und Kreis das Herzögliche Haus angehört, erhielt das kulturelle Geschehen in Corvey eine tragfähige organisatorische Basis. Das Jahresprogramm ist in diesem Jahr erheblich ausgeweitet. Wie lässt sich das finanzieren?

PRINZ VIKTOR: Es ist richtig, dass wir versuchen, das kulturelle Leben in Corvey weiter zu entwickeln. Der Stadt und dem Kreis sind wir zu großem Dank für ihr Engagement und ihre Unterstützung verpflichtet, aber auch vielen Sponsoren und Spendern. Besonders wichtig erscheinen mir die Aktivitäten des Kulturkreises selbst. Es wird nicht nur kostenintensive Veranstaltungen geben, sondern auch solche, die einen Beitrag dazu leisten sollen, die nicht einfache finanzielle Situation zu verbessern. Wir hoffen, dass eine öffentliche Förderung, kombiniert mit kommerziellem Erfolg, das trägt, was wir vorhaben.

Nicht nur in der Leitung des Hauses, sondern auch in der des Kulturkreises Höxter-Corvey hat sich mit der Verpflichtung des hauptamtlichen Geschäftsführers Stephan N. Barthelmess ein Generationswechsel vollzogen. Worin sehen Sie die wesentlichen Zielsetzungen für die Zukunft?

PRINZ VIKTOR: Wir haben ja jetzt, wie Sie das richtig sehen, einen
Entwicklungsschritt gemacht, dessen Umsetzung in der Praxis zunächst einmal gefestigt werden muss. Natürlich gibt es für die Zukunft Wünsche und Ideen wie zum Beispiel die, auf dem Gelände der mittelalterlichen Civitas Corvey einen Archäologiepark einzurichten. Zu verwirklichen ist so etwas nur, wenn man weiß, wie man es bezahlen kann.

Welche Hoffnungen oder Erwartungen knüpfen Sie an die Nominierung Corveys zum Weltkulturerbe der UNESCO?

PRINZ VIKTOR: Das bedeutet für uns natürlich eine ganz große Ehre und Freude und auch eine Bestätigung der erfolgreichen Kooperation mit Stadt und Kreis bei der Entwicklung Corveys zu dem, was es heute ist. Von der Umsetzung des Nominierungsvorschlags erhoffe ich, dass Corvey auch auf überregionaler Ebene noch mehr als bisher ins Augenmerk der Oeffentlichkeit rückt.

Mit der spannungsvollen Gegenüberstellung der beiden Ausstellungen „Barbie“ und „Brust(ver)Lust“, verbunden mit einem Kongress zum Thema „Kunst und Medizin gegen Brustkrebs“, sowie auch durch „Neue Klänge in alten Mauern“ bei den Corveyer Musikwochen vom 11. Mai bis 22. Juni setzt der Kulturkreis Höxter-Corvey Akzente weit außerhalb des Gewohnten. Könnten dadurch nicht treue Besucher verschreckt werden?

PRINZ VIKTOR: Natürlich liegt uns unser Stammpublikum ganz besonders am
Herzen. Ich glaube, dass die Qualität, die wir bieten, auch dieses Publikum ansprechen wird. Ein wichtiger Aspekt ist aber auch das Bestreben, weitere Besucherkreise zu erschließen.


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