DER NAME SIEMENS UND DAS SIEMENS-WAPPEN
Cascorby (,,Die deutschen Famliennamen", 3. Auflage, Halle 1908) führt
den Namen Simens auf doppelten Stamm zurück:
l. Auf SIGU, got. sigis, ahd. sigu, mhd. sige, nhd. sieg, das mit ,,man"
verbunden Sigman, Si-man, Simen, mit ,,mund" zusammen Sige-mund, Si-mund,
Simond, im Genetiv Sig-mundis, Si-mondis, Simons, Simens ergibt. Daneben
steht in verkürzter Form Simo, Sime, mit angefügtem n Simon.
Daraus entstehen im Genetiv Simes, Simens, Simensen = Si mens Sohn.
2. Auf SIM, SCHIM-on, das als Name des Apostels Simon Petrus in den
Formen Simon, Genetiv Simonis, Simons, Simens, Simonson oder Simensen auch
bei Christen Verbreitung gefunden hat.
Gleich der erste Vertreter des Namens in Goslar: Henning, heißt
Symons und Simens, und in der Folge finden sich Sime, Simo, Simon, Siman,
im Genetiv Simes, Simmes, Simons, Simens, Simans, im Plural Simenne, Simens,
Simmen. Dazu wechselt willkürlich i und y, Simens und Symens, s und
ß, Simon und Szimen. Gleiches findet sich überall: in Braun
schweig gehören Hans Simon, Heinrich Symons, Simens, Simans, Hans
Simans, Simon, Georg Simen, Hans, Georg, Curt Symons alle einer Familie
an (Wolfenbütteler Archiv). In der Braunschweigischen Chronik 1488,
ist Hans Siman und Simens dieselbe Person. In Eldagsen ist Albert Simens,
Symons, Simans mit Hermann Simen von gleicher Sippschaft (1421-66). In
Walsrode gehören die Simenne (1497), Simmen (1457) und Henning Szimen
zusammen (Hannoversches Staatsarchiv).
In Goslar wurde der Name Simens in der Familie erst nach 1600 fest;
die Form Siemens begann erst am Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts gebraeuchlich
zu werden. Aber außer diesem Wandel und Wechsel in der Schreibweise
des Namens steht der Feststellung der Familienzusammengehoerigkeit noch
die größere Schwierigkeit entgegen, daß der Volksmund,
auch nachdem schon die festen Familiennamen da waren, eigensinnig daran
festhielt, daß z. B. ,,Bendix Simens" des Simon Sohn und ebenso ,,Simon
Benedix:" des Benedict Sohn war. Noch um 1550 wird in amtlichen Büchern
Benedict Symens ,,Simen Bendix" genannt, ebenso wird Tile Simens ,,Tile
Benedittes" genannt, weil er eines Bendix Simens Sohn war. Noch mehr verwirrt
es, wenn ins dritte Glied hinein z. B. ,,Merten Benditz, alias Simens"
als ein Martin, Benedicts Sohn, von der Sippe der Simens bezeichnet wird,
dagegen ,,Albrecht und Simen Simens, alias Eilers:" gar keine Simens, sondern
Eilers sind.
So ist die größte Vorsicht bei der Nachforschung nach dem
Zusammenhange der aeltesten Familie Siemens in Goslar geboten.
Das Stadtarchiv Goslar bewahrte zwei Siegel des Großkaemmerers
Benedictus Simens (A 25) von 1556 und 1561, von denen das eine in Frevel
abgeschnitten, das andere durch Wärme verschmolzen ist.
Ananias (I) und seine Söhne Tile (5) und Peter (6) scheinen kein
Siegelwappen geführt zu haben; da sie Ackerbürger und gebildete
Handwerker waren, ist das auch gar nicht zu erwarten. Es hat sich auch
nicht feststellen lassen, ob sie, wie andere Gildemeister, eigene Hausmarken
gehabt haben. Denn das Siegelzeichen Peters (6), dem wir von 1619 ab mehrfach
begegnen (?), ist wohl nur einfach als Geschäftszeichen aufzufassen,
dessen er sich als Brenner und Olmüller bediente.
Erst Peters Sohn Hans (13), der sich von Handwerk und Gilde losgemacht
hatte und von Anfang an dem Patriziat der Stadt zugezählt wurde, tritt
mit einem eigentlichen Siegelwappen hervor Es zeigt im Schilde eine in
Kraut stehende Wurzel und rechts und links davon unten einen Stern; zwischen
den oberhalb des Helmes nach auswaerts gebogenen Hörnern steht noch
einmal auf der Spitze senkrecht nach oben gerichtet dieselbe Wurzel. Das
Wappen findet sich auf einer Schuldurkunde vom Palmensonntag 1670. Von
Hans stammt auch der Wahlspruch der Familie: Ora et labora, den er 1693
neben seinen Namen in die Tür seines Hauses schnitzen ließ.
Nach der im Stammbaum 1829 niedergelegten Überlieferung soll das
Siemens-Wappen eine Petersilienwurzel vorstellen. Das sollte eine Erinnerung
an einen Starnmvater Peter und seine Frau Silke sein. Da aber ein solches
Ehepaar nicht existiert hat, ist die Erklärung hinfällig. Eher
annehmbar wäre die Vorstellung, daß mit der Petersilie auf den
vom Vater fabrizierten ,,Peterzillienwein" (Peter-Simen-Wein) hingewiesen
würde, was aber doch auch der Wahrscheinlichkeit entbehrt, weil die
Wurzel und das Kraut im Wappen weit von der Petersilie und ihrer Wurzel
abweichen. Nach einer Vermutung von Hölscher könnte in dem Bilde
eine Rübe gegeben sein, aus der das Rüböl gewonnen wird,
als Hinweis auf das alte Siemenssche Gewerbe der Ölmüllerei.
Dem entspricht, daß Dr med. Henning Johann (44) im Gegensatz zu den
Brüdern seines Vaters, die die Ölmüllerei betrieben, nicht
die Wurri:el im Wappen führte, sondern einen verästelten Stengel
mit fünf Blüten.
Eine sehr phantasievolle Deutung des Siemens-Wappens hatte Otto (440)
gegeben. Er leitet den Namen Siemens von den Semanen ab, die nach Guido
v. List bei den alten Germanen den Lehrstand, also die Richter, Verwalter,
Weisen und Lehrer, gebildet haben. (Tacitus hat sie unrichtig als Semnonen
bezeichnet und als eigenen Volksstarnm aufgefaßt.). V. List zerlegt
nun das Wort Semanen in Se -manen = Sonnen-Männen. Hiermit stimmt
es aber zusammen, daß Otto (440), als er in unserem Familienwappen
nach versteckten Runen suchte, darin sehr deutlich zwei Hagal- oder Sonnenzeichen
und die Mann-Rune fand: So deckt sich also das Wappen mit dem Namen. Daß
die Mann-Rune auch auf dem Helm steht, also zweimal vorhanden ist, soll
die Erblichkeit andeuten: Vom Vater auf den Sohn. Auch das drückt
sich im Namen aus: Seman - Sohn, Simensen, Simens.
Aber auch die überlieferten Wappenfarben Blau-Silber stimmen rnit
dieser Ableitung von dem Lehrstand der Semanen überein. Denn nach
v. List bedeutet ,,Blau" den Befehl ,,Wache"; und ,,Silber" (Weiß):
Weistum. Somit enthält das Wappen nach Guido v. List die geheime Mahnung:
,,Wache über das Wissen, Sohn des Semanen!"
Die bei weitem einfachste Erklaerung stammt aber von dem bekannten Heraldiker
Otto Hupp.
Er faßt das Wappen als eine Darstellung der Malva acca auf, einer
Pflanze, die im Volksmund neben vielen anderen Namen (Sigmarskraut, Pflugwurz,
Wetterrose, Rosenpappel, Studentenwurz, Hochleute) auch den Namen Simonskraut
oder Simonswurz führt. Sie war in früheren Zeiten als Herba Simeonis
eine beliebte Arzneipflanze, mit der man z. B. nach Otto Brunfels Kreuterbuch
von 1532, S.231, so ziemlich jede Krankheit heilen konnte. Die Beziehung
des heiligen Simon auf einen Familiennamen und die Verwendung der ihm zugesprochenen
Wurzel in einem Wappen lag aber hier um so näher, als ja St. Simon
und Juda die Schutzpatrone der Stadt Goslar waren und im dreizehnten Jahrhundert
auch ins Stadtsiegel gesetzt wurden.
Das Wappen des Hans Simens verbreitete sich allmählich über
alle Zweige der Familie. Von Abweichungen davon, die sich in älterer
Zeit auffinden, ist fast nur das Siegel Tiles (5) und seines gleichnamigen
Sohnes (10) zu erwähnen. Es zeigt als Hinweis auf das Schneiderhandwerk
seiner Träger eine Schere; darüber befindet sich eine Krone,
die ganz der Krone in dem Siegel der Goslarschen Gewandschneider nachgebildet
ist. Es laesst keinen Zweifel übrig, daß Vater und Sohn damit
ihre Zugehörigkeit zu der vornehmen Wortgilde der Kaufleute oder kaiserlich
privilegierten Gewandschneider (Großhändler in Tuchwaren) anzeigen
wollten. Vielleicht nicht ohne besondere Absicht ist dieses Bild von ihnen
gewählt, weil die Gilde der Schneider, aus der sie hervorgegangen
waren, neidvoll ihnen das Emporsteigen mißgönnte. -
Dagegen hat schon Henni (17) das Wappen seines älteren Bruders
Hans Simens übernommen, wenigstens in seinem oberen Teil, der die
Wurzel zwischen den auswaert's gekehrten Hörnern zeigt. Im Schilde
selbst weist sein Siegel ein Herz auf, aus dem an drei beblätter ten
Stengeln drei Blumen hervorsprossen. Dies ist aber ohne Zweifel das Wappen
der Familie Hirsch, wie sich z. B. aus dem Siegel der Anna Luzia Hirsch,
geb. Simens (62) erkennen läßt. Danach scheint die Versippung
zwischen den Familien Siemens und Hirsch, von denen unser Stammbaum mehrfach
berichtet, schon in dieser frühen Zeit bestanden zu haben, wenngleich
der Nachweis dafür bisher nicht erbracht werden konnte. In die gleiche
Richtung weist das Wappen des Bürgermeisters Georg Heinrich Siemens
(26), der ein Sohn von Hans Simens war. Auch er verbindet wie sein Onkel
Henni in seinem Siegel dieselben beiden Familien, nur daß er, wie
es sich gehörte, die Wurzel dem Schilde zurückgab und die Blume
oben auf den Helm stellte. Seinem Beispiel folgten sein Sohn Heinrich Stephan
(54) und dessen Tochter Johanna Hedwig (99). Dagegen gebrauchte sein Bruder
Hans Henning (28) das unveränderte Wappen des Vaters (Hans 13).
Von Ohm Steffen, dem dritten Bruder des Hans Simens (13), war leider
kein Siegel aufzufinden. Daß sein Sohn Dr. med. Henning Johann <44)
plötzlich ganz etwas anderes, naemlich einen verastelten Stengel mit
fünf Blüten im Schilde führte, wurde schon erwaehnt. Auch
der Raum zwischen den beiden Hörnern zeigt hier die Siemenswurzel
nicht, sondern ist frei gelassen. Das Wappen wurde von anderen Familienmitgliedern
jedoch nicht weiter geführt, offenbar aus dem Grunde, weil es zu wenig
charakteristisch ist.
Schon der jüngere Bruder des Dr. Henning Johann, Stephan Andreas
(46), dürfte wieder die Wurzel geführt haben. Dies ist daraus
zu schließen, daß sein Sohn, der Bürgermeister Stephan
Heinrich (79), dessen Siegel leider das Schildwappen nicht mehr erkennen
läßt, in dem oberen Teil, der Wurzel zwischen den beiden Hörnern,
unverkennbar sich wieder an das älteste Siegel angeschlossen hat;
und seine Kinder sind ihm darin gefolgt.
Vor eine neue Frage werden wir durch das Wappen Heinrich Albrechts (65)
gestellt. Hat er doch das Wappen seines Vaters Hans Henning (26) in der
eigentümlichen Weise geändert, daß er statt einer Wurzel
deren zwei hat, die sich kreuzen. Als bloße Spielerei darf man das
schwerlich ansehen, da es der Sitte der Zeit widersprach, an dem Wappen
des Hauses ohne erheblichen Grund etwas Wesentliches zu aendern. Sehr naheliegend
ist die Idee, nach der die Verdoppelung der Wurzeln besagen soll, daß
sich in der Ehe des Heinrich Albrecht zwei Linien der Familie Siemens kreuzten.
Hölscher vermutete deshalb, daß die Mutter von Heinrich Albrechts
Gattin Elisabeth Sternberg eine Siemens sei. Das stimmt nun freilich nicht;
dessen ungeachtet bleibt aber die Möglichkeit, daß in den nächst
höheren Generationen doch noch das Siemensblut erscheint. Übrigens
behielt auch die Witwe Heinrich Albrechts trotz der von ihr beliebten Änderung
des Wappens, doch die gekreuzten Wurzeln bei.
Schade ist es, daß von Georg Andreas (63), dem Bruder Heinrich
Albrechts, kein Siegel vorhanden ist, da wir von seiner Frau ja wissen,
daß sie mütterlicherseits der Familie Siemens entstammte. Seine
beiden Söhne: Joh. Georg Heinrich (106) und Friedrich Heinrich (107),
führten freilich nur die einfache Wurzel im Wappen, obgleich in beider
Ehen sich wie bei ihrem Vater Siemenssches Blut. kreuzte.
Dagegen behielten die Söhne Heinrich Albrechts Johann Daniel (120)
und Bürgermeister Johann Georg (123) das Wappen mit den gekreuzten
Wurzeln bei, letzterer allerdings daneben in seinem Amtssiegel die einfache
Wurzel, die wir auch im Wappen seiner Schwester Henr. Mag. Gertrud (125)
wiederfinden. Zahlreiche weitere Nachkommen Heinrich Albrechts (65) behalten
die gekreuzten Wurzeln bei, so Carl Leopold (118), August Heinrich (188),
Gottfried Leopold (190), Theodor (273), Hermann (277) und Ferdinand (284).
- Wie erwähnt, führte Tile Simens (10) in seinem Wappen die Schere
der Schneiden. Sein Sohn aber, der Bürgermeister Peter (23), übernahm
das vorhandene Siemenssche Siegel von seinen Vettern. Dabei zeigt sich
jedoch, daß schon damals die Figur dieses Wappens nicht mehr deutlich
verstanden wurde. Peter änderte nämlich das Wappen in der Weise
um, daß er den unteren Teil der Wurzel einfach abschnitt und das
Kraut überreich, fast fächerförmig hervortreten ließ;
dabei rückten die Sterne höher hinauf. Die beiden Hörner
mit der Wurzel zwischen ihnen ließ er fort. Auffallenderweise benutzte
die Witwe von Peter, Eggerts Sohn (A 64) 1692 ein ganz ähnliches Siegel.
Des Bürgermeisters Peter Sohn Georg Henrich (51) ging auf dem begonnenen
Wege noch ein Stück weiter, so daß von dem ursprünglichen
Muster kaum noch etwas übrigblieb. Das dünne Wurzelkraut entartete
oben und unten zu Büscheln von Ähren oder beblätterten Zweigen.
Damit hörte denn freilich auch dieses Wappen auf. Denn Georg Henrichs
Söhne: Johann Christoph (95) und Johann Leopold (96) haben, soviel
bekannt, das Familienwappen nicht benutzt; das von dem letzteren hinterlassene
Siegel enthält nur einfach Embleme seines Apothekerberufs.
Bei der Erhebung in den Adelsstand griffen Werner von Siemens (244),
Carl von Siemens (250) und Georg von Siemens (351) auf das ursprüngliche
Wappen ihrer Familie zurück. Und als Farben wählten sie die traditionellen
Farben ihres Geschlechtes: hellblau-silber.
In dem Buch ,,Celler Persönlichkeiten" von Carla Meyer-Rasch 1957,
findet sich im Rahmen einer Abhandlung über den Amtsrichter Theodor
Siemens (273) eine sinnvolle und ethisch akzeptable Deutung des Siemens-Wappens:
Mit den Wurzeln im Heimatboden verwachsen sein
und den Blick aufwärts zu den Sternen richten.
Heraldiker, welche sich die hier aus dem früheren Stammbaum übernommene
Darstellung besser veranschaulichen wollen, werden in den Siemens-Starnmbaum-Bänden
von 1910 und von 1935 die verschiedenen Spielformen in Illustrationen finden. |