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(transcribed by Ingeborg Brigitte
Gastel Lloyd)
Friedrich Hölderlins
Leben,
Dichtung und Wahnsinn
written by poet Wilhelm Waiblinger
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Es ist schon lange Zeit her, daß ich mir vorgenommen, der Welt
etwas von Hölderlins Vergangenheit, seinem jetzigen Leben, oder vielmehr
Halb- und Schattenleben, und besonders von dem furchtbaren Zusammenhange
mit jener mitzutheilen, und ich wurde von mehr als Einer Seite durch Freunde
seiner Muse dazu aufgefordert. Denn ein langer fünfjähriger Umgang
mit dem Unglücklichen hat mich mehr als jeden andern in Stand gesetzt,
ihn zu beobachten, ihn kennen zu lernen, seinem so wunderlichen Ideengange,
und selbst den ersten Ursprüngen und Ursachen seines Wahnsinns nachzuspüren.
Ich gab mir mehr als andere Mühe, seine Launen zu ertragen, und während
die wenigen seiner vormaligen Freunde, die ihn in seiner nun mehr als zwanzigjährigen
Einsamkeit besuchten, nur ein paar Augenblicke verweilen mochten, sey es,
daß ihr Mitleid zu rege wurde, daß sie von der Erscheinung
eines so beklagenswerthen geistigen Zerfalls sich zu tief erschüttert
fühlten, oder daß sie schnell damit fertig waren, indem sie
vermeinten, man könne nun eben einmal kein vernünftiges Wort
mehr mit ihm reden, und es verlohne sich der Mühe nicht, dem psychischen
Zustand des Verwirrten einige Aufmerksamkeit zu schenken, so hielt ich
keine Stunde für verloren, die ich ihm widmete, besuchte ihn ununterbrochen
viele Jahre lang, sah ihn oft bey mir, nahm ihn auf einsame Spaziergänge,
in Gärten und Weinberge mit mir, gab ihm zuweilen Papier zum Schreiben,
durchsuchte seine noch übrigen Schriften, brachte ihm Bücher,
ließ mir vorlesen, und bewegte ihn unzähligemal, Klavier zu
spielen und zu singen. So wurde ich nach und nach an ihn gewöhnt und
legte das Grauen ab, das wir in der Nähe solcher unseligen Geister
fühlen, so wie er seinerseits sich an mich gewöhnte, und die
Scheu ablegte, die ihn von jedem, ihm nicht ganz bekannten Menschen trennt.
Ich hatte nun wohl im Sinne zu versuchen, ob es mir nicht gelänge,
seinen jetzigen Geisteszustand zu zergliedern, und die Entstehung dieser
dauernswürdigen Verwirrung seines Innern in einer strengen wissenschaftlichen
Form von den ersten Anlässen und Motiven herzuleiten und bis auf den
Punkt hin zu verfolgen, wo das Gleichgewicht entschieden verloren gieng,
allein es wurde mit hundert andern flüchtigen Entwürfen im Drängen
und Treiben eines allzu unruhigen Lebens vergessen. Nun, da mir der wunderbare
schwermüthige Freund so ferne gerückt ist, und das traurige Bild
des Einsamen mir eben unter süßem südlichem Lichthimmel
untergegangen war, ist es eine seltsame Anregung, die ich vom Vaterlande
aus erfahre, wie ich aufgemuntert werde, meinen alten Vorsatz doch endlich
einmal auszuführen. Ich widerstehe dem nicht länger, wiewohl
ich mir nicht vornehme, eine philosophische Zergliederung von Hölderlins
Innerm zu wagen, sondern mich blos anheischig mache, die Beobachtungen
und Bemerkungen schlechtweg mitzutheilen, welche sich mir im Umgang mit
ihm aufdrängten; freylich werden uns diese zuweilen nöthigen,
ein wenig zu spekuliren, allein wir werden uns immer innnerhalb der Gränzen
einfacher Beobachtung halten, keine psychologische Untersuchung, sondern
eine schlichte Charakterschilderung entwerfen, und somit hoffen wir, den
Vielen, die für Hölderlin interessirt sind, die seine Muse schätzen
und gerne Genaueres über ihn selbst hörten, einen nicht unangenehmen
Dienst zu thun, wenn wir etwas von ihm erzählen, und zeigen, wie sich
dieser Geist verirrte, und wie er sich nun in und zu sich selbst, so wie
zu seiner Vergangenheit und zur Außenwelt verhält. Dabey müssen
wir natürlich auch einige Worte über seine Poesie sagen, deren
schönste und reifste Blüthen und Früchte endlich die so
ehrenwerthen Dichterfreunde, Ludwig Uhland und Gustav Schwab, gesammelt,
gereinigt und ans Licht der Welt gestellt haben. Da wir in der That nicht
wissen, ob er nur noch bey Leben ist, indem wir schon seit Jahresfrist
durch weite Strecken von ihm getrennt sind, und da er bey einer nun wenigstens
vier und zwanzigjährigen Abgeschlossenheit von aller und jeder Berührung
mit Welt und Menschen fast nicht mehr wie ein Lebendiger zu betrachten
ist, so wird es kein Verstoß gegen Gefühl und Schicklichkeit
seyn, wenn wir seinen Zustand öffentlich schildern. Denn wie seine
Dichtung, gehört auch sein Leben unserer Zeit, unserm Vaterland, unserer
Kenntniß an, genug, daß wir uns hüten, dem Unglücklichen
zu nahe zu treten, und daß uns die scheue düstere Ehrfurcht
vor der unbekannten Macht, mit der er sein Lebenlang gerungen, deren despotische
grauenweckende Kraft uns in seinen hinterlassenen Werken so oft als Gegenstand
seiner Klagen und seines Kampfes entgegentritt, daß sie uns abhalte,
mit ungebührlicher, ja frevelhafter Übereilung ein allgemeines
Urtheil über eine geistige Erscheinung zu wagen, die für uns
am Ende doch ein Räthsel ist, wir mögen uns mit unserer Weisheit
gebärden, wie wir wollen, um sie in ihrem Wesen, in ihren Ursachen
und Folgen zu zergliedern und zu beschreiben. Wir theilen zuerst einiges
über sein früheres äußeres Leben mit, und hängen
dann sogleich unsere Bemerkungen an, sobald wir etwas finden, was auf sein
späteres Schicksal bezogen werden muß. Denn die Keime, die ersten
Gründe und Ursachen desselben sind in den frühesten Entwicklungsjahren
seines Lebens, ja gewissermaßen einzig und allein in der unselig
feinen geistigen Organisazion zu suchen, die bey allzuvielen Täuschungen,
harten Ereignissen und traurigen Combinationen äußerer Umstände
sich endlich in sich selbst zerstörte. Fridrich Hölderlin ist
im Jahr I770 zu Nürtingen in Schwaben geboren. Seine erste Erziehung
scheint äußerst gut, zart, liebevoll und fein gewesen zu seyn.
Hölderlin behielt immer eine große Liebe zu seinem Geburtsort
und zu seiner Mutter, welche noch bey Leben war, als ich Deutschland verließ.
Die unendliche Zartheit, mit welcher der junge Geist organisirt war, die
edle, feine, tieffühlende, aber allzu empfindliche Natur, eine kecke
verwegene Fantasie, die sich von frühesten Knabenjahren schon in dichterischen
Träumen wiegte, und nach und nach eine Welt aufbaute, die der reifere
Jüngling zu seinem bittersten Schmerze nur als Geschöpf seines
Innern, und als schweren schroffen Gegensatz zur wirklichen erkannte, ein
äußerst lebendiger Sinn für Musik und Dichtkunst, das waren
Dinge, welche sich bald in dem Knaben zeigen mußten, und welche,
wie es scheint, durch eine zarte Behandlung der Eltern geweckt, genährt
und erhalten wurden . Schon die äußere Bildung Fridrichs war
liebenswürdig über die Maaßen; ein tiefes glühendes
schönes Auge, eine hohe Stirne, ein bescheidener, geistreicher, unwiderstehlich
einnehmender Ausdruck gewann sich aller Herzen. Die Herzensgüte, der
angebotene Adel, die warme lebhafte Denk- und Empfindungsweise und eine
natürliche Grazie machten ihn so angenehm, als seine Fassungskraft
und seine hervorleuchtenden Talente Lehrer und alle Umgebung mit den besten
Hoffnungen erfüllten. Ein reiner Sinn und ein unbeflecktes durchaus
jungfräuliches Gemüth erwarben ihm Achtung und Liebe, so wie
er's denn auch noch in seinen spätern Jahren beibehielt, als er anfieng,
aus dem lautern Quell seines Innern zu schöpfen, als er sich entschieden
der Poesie widmete, ja noch da, als schon ein harter Schicksalsschlag um
den andern an der Zerstörung seines Geistes arbeitete. Hölderlin
mußte rein und ohne Flecken in seiner fast weiblich sanften Seele
bleiben, wenn er nicht untergehen sollte: für ihn konnten die wilden
Vergnügungen, der taumelnde Rausch der Sinne nur Verderben und Tod
seyn. Der Erfolg lehrte es. Talentvoll, von dem besten Herzen, von den
einnehmendsten Manieren, von der ausdrucksvollsten und gefälligsten
Gesichtsbildung, konnte der junge Hölderlin nur gefallen und Alt und
Jung an sich fesseln. Hätte man jetzt nach dieser glücklich gelebten
Jugend den aufstrebenden Jüngling in eine Richtung gebracht, die seinen
Neigungen und Wünschen, seinen Träumen und Talenten angemessener
gewesen wäre, so wäre wohl sein Geist ewig klar geblieben. Allein
es sollte anders werden. Hölderlins böses Geschick führte
ihn in ein Seminarium, worin junge Leute für das Studium der Theologie
vorbereitet und erzogen werden. Er wurde, wie er selbst in seinen spätern
Jahren, ja noch zur Zeit seines Irrens sagte, von außen bestimmt,
und gezwungen, sich der Theologie zu widmen. Diß widersprach gänzlich
seiner Neigung. Er hätte sich gerne dem Studium der alten Litteratur,
den schönen Künsten, vorzüglich der Poesie, und auch der
Philosophie und Aesthetik ausschließlich überlassen mögen.
Nun mag es wohl auch die Art, wie man Wissenschaft und Sprachen treibt
und lehrt, gewesen seyn, was unserm ungeduldigen besserbegabten jünglinge
harte Fesseln anlegte. Man mag über dererley Erziehungsanstalten sagen,
was man will, so bleibt immerhin wahr, daß dem einzelnen Lehrer zuviel
Gewalt überlassen ist. Sieht man, wie oft ein solcher von äußerst
beschränktem Geiste, wenn auch von vielem Wissen ist, wie unklar,
zwecklos, mit welchen Umwegen zum Ziele gearbeitet wird, wie man alles
erschwert, wie selten die Lehrer Männer von hellem Kopf und Urtheil
sind, wie wenig sie die Mittel verstehen, um die Jugend zu leiten, wie
wenig sie Talent und Kraft haben, um aufkeimende Fähigkeiten zu wecken,
zu nähren, auf guten Weg zu bringen, wie gänzlich solche Stubenmenschen
mit dem Leben unbekannt sind, wie wenig sie den Menschen kennen, so kann
man begreifen, wie es möglich ist, daß oft Talente von Bedeutung
gänzlich irre geleitet und in Gefahr gebracht werden, nie mehr durch
eigene Selbsterziehung verbessern zu können, was in frühern Jahren
durch die Engbrüstigkeit und Unfähigkeit der Lehrer an ihn(en)
verdorben wurde. Statt daß dieser im Stande seyn sollte, jede Eigenthümlichkeit
der Schüler herauszufinden, und je nach der Beschaffenheit des Individuums
so oder anders auf seine Rezeptivität zu wirken, macht man keinen
Unterschied, sondern treibt sie mechanisch auf Eine Art zu Einer Arbeit
an, als wenn sie nichts als gleich gebaute Uhren wären, deren Stahlfeder
der Lehrer nach Belieben aufzöge. Diese traurige Erfahrung mag auch
auf das ohnediß so verletzbare und empfindliche Wesen unsers jungen
Dichters gewirkt haben. jedoch studirte er mit Eifer die alten Sprachen,
gehörte zu den Besten, und war besonders für das Griechische
eingenommen. Der Zufall fügte es, daß ich von einem artigen
Geschichtchen hörte, das Hölderlin in dieser Zeit vielfach bewegte.
Die Mutter eines Freundes von mir erzählte diesem einmal eine Neigung,
die der junge schöne liebenswürdige Hölderlin zu ihr gehabt,
als sie noch halb Kind gewesen. Wiewohl im Kloster, nährte das reitzbare
Gemüth des sechzehnjährigen jünglings eine zarte Flamme
für das Mädchen: es war ihm wieder gut, und sie kamen oft in
einem hübschen Garten zusammen. Dieses geheime Verhältniß
beschäftigte seine Fantasie aufs lebendigste, und nährte und
erfüllte ihn mit jenen süßen Empfindungen, welche uns die
Jugend so reitzend verzaubern und verschönern. Hölderlins Empfindungsweise,
seine Natur, sein ganzes Wesen wurde dadurch nur noch gefährlicher
verfeinert und verzärtelt. Seine Poesie aber erhielt Nahrung und Leben
jedoch waren seine Gedichte nur Nachahmungen, und uneigenthümliche
Hervorbringungen: es scheint daß er Schiller und Klopstock vor sich
hatte. Die Erzeugnisse während seiner Universitätsjahre haben
schon einen eigenthümlichen Charakter. Die Begeisterung für das
griechische Alterthum, das Studium der alten hellenischen Meisterwerke
gaben ihnen einen gewissen Ton, den selbst seine spätern und vollkommnern
nicht immer haben. Seine ganze Seele hieng an Griechenland, er saugte mit
unbefriedigter Begier an jenen Quellen reiner Schönheit, an jenen
Produckten der gesundesten Natur, der einfachsten Denkweise, des großartigsten
Ehrgeitzes. Hölderlin selbst war nicht wenig erfüllt von Ruhmbegierde,
und trug den Kopf voll Entwürfe, seinen Namen bekannt und unsterblich
zu machen, und sich zunächst aus diesem beengenden Wirkungskreis,
aus diesen für ihn so widrigen und spannenden Verhältnissen zu
befreyen. Der Umgang mit talentvollen Männern, mit strebenden jünglingen
beteuerte seine Ungeduld. Er faßte den Gedanken zu seinem Hyperion,
schrieb auch etwas daran, was jedoch später gänzlich verändert
wurde. Das Stück, welches in Schillers Horen abgedruckt ist, hat auch
nicht einige Zeilen von dem spätern Hyperion. Man sieht daraus, wie
lang er dieses Gedicht in sich herumtrug, und es ist hier am Ort, zu bemerken,
daß er nicht schnell arbeitete, daß er nicht ohne Noth sich
von seiner Geburt losrang, daß er seinen Gedanken oft mehrmals, und
immer in anderer Wendung und Form zu Papier brachte, bis er glaubte, daß
er nun am reinsten und vollkommensten ausgedruckt sey. Diß erhellt
aus seinen Papieren, wo man dasselbe Gedicht ein halb Dutzendmal und immer
verbessert finden kann. Seine Universitätsgenossen schätzten
ihn sehr, wiewohl sie ihn wunderbar und zuweilen allzu zart und melancholisch
fanden. Hölderlin war übrigens nicht ungesellig, wenn er auch
sich wenig unter die wilde Schaar der Studenten einmischte. Manchmal, wurde
mir erzählt, konnte er sich Wochenlange zurückziehen, und er
unterhielt sich alsdann fast einzig mit seiner Mandoline, zu der er sang.
Er klagte viel und schmerzlich, und Leiden einer allzu zärtlichen
sentimentalen Liebe, Eifer und ungestümmer Drang nach Ruhm und Ehre,
die Gehässigkeit seiner Lage, die Abneigung gegen sein Facultätsstudium,
das konnte wohl das Einzige seyn, was ihn bis jetzt zu Klagen nöthigen
konnte, wenn es nicht mehr als alles diß seine allzu kindliche, schwächliche,
gereitzte, weichnervige Natur war, die ihn zu offen für jeden Eindruck,
zu nachgiebig gegen rauhe und trübe Ereignisse machte. Er gewöhnte
sich nach und nach an, mit dem gesammten Zustand aller menschlichen Dinge,
wie sie heut zu Tage sind, unzufrieden zu werden, und schöpfte außer
der Bildung, die er aus dem Studium der Alten gewann, auch eine für
ihn nur zu gefährliche unnatürliche Verachtung der Mitwelt aus
der Quelle, aus der so manchem Gesundheit und frischer ewig heller Sinn
hervorgegangen. Diese ausschließliche Verehrung der Griechen hatte
sofort auch Unzufriedenheit mit dem Lande zur Folge, wo er geboren ward,
und brachte endlich jene Ausfälle gegen das Vaterland hervor, die
wir im Hyperion finden, und die für mein Gefühl so empörend
sind. Wir sehen in diesem allmählich immer feindseligem Verhältniß,
in das er sich zur Welt stellte, und das ihm gar nichts weniger als natürlich
war, schon die ersten Anlässe zu dem traurigen Zustande, der sich
auf diese Weise, schon in der Blüte seines Lebens, unter Verhältnissen,
die allerdings für seine Fantasie, für seinen Stolz, seinen Ehrgeitz,
seine Traumwelt nichts Reitzendes hatten, die aber keineswegs unglücklich
und unerträglich waren, ehe nur etwas Erhebliches gethan und geleistet
worden, trotz einer Zukunft voll weiter und schöner Hoffnungen allmählich
vorbereitete. Hätte er einen Reichthum von Humor hätte er Witz
und jene glückliche Gabe gehabt, sich und Welt und Menschen zu parodiren,
so würde er ein Gleichgewicht für die Seite gehabt haben, die
ihn unabwendbar dem Verderben entgegenführte: aber seine Natur war
nicht damit ausgestattet, seine Muse konnte nur klagen und weinen, ehren
und preisen oder verachten, aber nicht in heiterm Scherze spielen und stechen.
Indessen dachte in dieser Zeit noch keine Seele daran, daß dem schönen
herrlichen jüngling ein solches Alter voll Jammer bevorstehe, und
Fridrich von Matthisson sagte oft, daß er nicht wohl einen angenehmern
und einnehmendem jungen Menschen gesehen, als Hölderlin etwa um diese
Zeit war. Wie weit sein Hyperion schon auf der Universität gedieh,
konnt ich nie gewiß erfahren. Sicher ist nur, daß der Gedanke,
der Entwurf, und einzelne Stücke dieser Epoche seines Lebens angehören.
Manche lyrische Gedichte, die am Ende zu Stande kamen, zeigen schon ganz
die volle reine schöne Seele seiner vollendeten, jene eigenthümlichen
so tiefen und rührenden Bilder, jene flammende frische Liebe zur Natur
und ihren ewigen heiligen Freuden, sind aber schon erfüllt von Schicksalsideen,
und erregen düstere Besorgnisse durch die gesteigerte oft überspannte
Empfindungsweise, in die ihn sein reitzbares wunderliches Wesen hineinzog,
trotzdem, daß es immer die Natur war, die er verehrte und anbetete.
Nach Vollendung seiner Studien verließ er Wirtemberg und ward Hofmeister
in einem angesehenen Hause in Frankfurth. Ein junger Mann, der Ansprüche
aller Art machen konnte, von einem unermüdet strebenden Geist, den
empfehlendsten körperlichen Eigenschaften, Dichter und Musiker, so
konnte es nicht fehlen, er mußte sein Glück machen. Die Mutter
seiner Zöglinge, ein junges Weib, wie es scheint, von schwärmerischer
Seele und feurigem lebendigem Gemüth, fühlte die Macht der Liebenswürdigkeit
in dem leidenschaftlichen jungen Manne nur allzusehr und es währte
nicht lange, so hatte Hölderlins Flöte, Klavierspiel und Mandoline,
sein zärtliches Lied, seine Sentimentalität im Umgang, seine
artige feine Person, sein schönes Auge, seine Jugend, sein ungewöhnlicher
Geist und sein ausgezeichnetes Talent das fantasiereiche für alle
diese Vorzüge gleich empfängliche Weib bis auf den höchsten
Grad entzündet. Hölderlin liebte gleich stark, gleich schwärmerisch,
sein ganzes Gemüth gerieth in Brand und Gluth. Noch zu Zeiten seines
Wahnsinns, wohl nach mehr als zwanzig Jahren, wurden Briefe bey ihm aufgefunden,
die ihm seine geliebte Diotima geschrieben, und die er bis jetzt verborgen
gehalten. Der junge Enthusiast spannte seine Kräfte bis zur überschwängliechsten
Exaltazion. Seine Tage verflossen in diesem Liebeswahnsinn. Die höchste
Gedankenwelt Platons erfüllte ihn: er verließ die Wirklichkeit,
schmachtete in einer träumerischen genußvollen Gegenwart und
bereitete sich eine entsetzliche Zukunft. Dieses Liebesverhältniß,
von beyden Seiten mit gleicher Leidenschaft betrieben, konnte nicht lange
währen, und Hölderlin mußte endlich auf eine höchst
unangenehme Weise das Haus verlassen, da es der Gemahl seiner Diotima bemerkte.
Hölderlins Schmerz war unsäglich; der verwöhnte, im süßen
Sinnenrausch einer so sublimen Liebe verzärtelte jüngling mußte
ins rauhe Leben hinaus. Zwar wurde noch nicht alles unterbrochen, man unterhielt
noch einen Briefwechsel, man verabredete, sich zu gewissen Zeiten in einem
Stern zu finden, den man in demselben Augenblick ansah, und man kam sogar
auf einem Gute Diotimas noch zusammen. Aber Hölderlin hatte doch einen
Riß in seinem Innern, der immer gefährlicher wurde, sein Gemüthszustand
war von nun an mehr als je exaltirt, seine Klage bitterer und reicher,
je mehr sie wahren Gegenstand für ihren Schmerz hatte, und es war
nun allein noch die Befriedigung seines auf den höchsten Gipfel gestiegenen
Ehrgeitzes übrig, die ihn hätte retten können. Sein Hyperion
wurde vollendet, eine Dichtung, über die wir nichts sagen, weil sie
jedem vorliegt. Nur sey es uns vergönnt, zu erinnern, daß in
ihr ein dumpfer fürchterlicher Schmerz vorherrscht, und daß
seine ganze poetische Welt von einem drückend schweren Nachthimmel
überhangen ist. Es lassen sich auf jeder Seite beynahe einige Gedanken
finden, die gleichsam Profezeiungen seines eigenen schrecklichen Schicksals
sind. Jede Blume darin neigt ihr Haupt. Trotz der alllebendig schönen
Bilder und der glühenden Liebe zur Natur, zur Vorwelt und zu Griechenland
ist der Geist dieses Romans oder vielmehr dieser Sammlung lyrischer Gedichte
eine tiefe unheilbare Krankheit, die selbst aus der Schönheit einen
tödtlichen Stoff zieht, ein unnatürliches Ankämpfen gegen
das Verhängniß, eine wunde Sentimentalität, eine schwarze
Melancholie und eine unselige Verkehrtheit, mit welcher der Dichter sich
gewaltsam in den Wahnsinn hineinarbeitet. Hölderlin kam nun nach Weimar
und Jena, eben als sich der großen Männer so viele daselbst
aufhielten. Er glühte von Ruhmbegier, von Drang, sich auszuzeichnen.
Seine vollendetsten Gedichte fallen in diese Zeit. Ein so seltenes Talent,
verbunden mit der Grazie seiner Erscheinung, konnte nicht anders als Eindruck
machen. Jetzt kam alles darauf an, daß sein Ehrgeitz befriedigt wurde.
Wund wie er war, gereitzt und verbittert, konnte ers nicht tragen, wenn
ihm Hindernisse in den Weg traten. Man sagt, daß seine geliebte Diotima
durch Verbindungen, die sie mit einigen ansehnlichen Männern hatte,
für ihn wirkte. Der edle Schiller hatte ihn äußerst lieb
gewonnen, achtete sein Streben ungemein und sagte, daß er weit der
talentvollste von allen seinen Landsleuten sey. Er suchte ihm Gutes zu
thun, und zu einer Professorsstelle zu verhelfen. Wäre das geschehen,
so hätte Hölderlin einen bestimmten Wirkungskreis gehabt, er
hätte sich beschränken lernen, wäre gesund geworden, wäre
nach und nach erstarkt, seine geistige Überspannung hätte nachgelassen,
er wäre nützlich geworden, und ein Weib zu seiner Seite hätte
vollends jede unnatürliche Richtung seiner Gemüthskräfte
zerstört und ihn gelehrt, wie man leben, arbeiten und sich behelfen
müsse, wenn man mit Menschen menschlich leben wolle. Aber Hölderlins
unglückliches Schicksal und die Mißgunst seiner Feinde lenkte
es anders. Es wurde ihm ein anderer vorgezogen, und er sah sich hintangesetzt.
Man sagt, daß ihm Göthe nicht gut gewesen. Diß scheint
wahr zu seyn, denn so oft ich von Göthe mit ihm zu sprechen anfieng,
wollte er ihn schlechterdings nicht kennen, was bey ihm immer der Ausdruck
einer feindlichen Gesinnung ist. Schillers dagegen, und vieler anderer
Männer erinnerte er sich oft. Diß war ein entscheidender Schlag
für Hölderlins ganzes Wesen. Er sah seine besten Hoffnungen vereitelt,
fand seinen Stolz, sein lebhaftes Selbstgefühl beleidigt, sein Talent,
seine Kenntnisse hintangesetzt, seine Ansprüche als unzulänglich
erklärt, und fand sich abermals wieder aus dem Traum einer wirksamen
thätigen glücklichen Zukunft als ein einsamer verlassener Pilgrim
in ein Leben hinausgestoßen, für dessen Unglimpf er kein starkes
Gegengift in sich hatte, dessen Unbill zu ertragen, er viel zu weichlich,
viel zu zart eingerichtet war. Er kam nun in die Schweiz, wo er Lavater,
Zollikofer und andere kennen lernte, dichtete kräftige schöne
Lieder und entwarf auch den Plan zu einer Tragödie. Sie auszuführen
konnte ihm aber nie möglich werden: denn es ist wohl unbestreitbar,
daß sein poetisches Talent kein dramatisches, sondern ein rein lyrisches
war. Auch die Philosophie beschäftigte ihn, und die beginnende Schelling'sche
Lehre scheint großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, wie er mir
denn unter dem unverständlichsten Wortschwall später zuweilen
von Kant und Schelling erzählte. Es hatte sich seiner aber schon eine
tiefe Melancholie bemeistert, sodaß er die Menschen floh, sich einschloß,
seiner Trauer überließ, und so gleichsam mit Fleiß und
Absicht jenem Zustande entgegenschaffte, der nicht länger mehr ausbleiben
konnte, wenn nur noch Eines hinzugekommen war. Ich meine, das verzweifelte
Unternehmen, sich im Sinnentaumel, in wilden unordentlichen Genüssen,
in betäubenden Ausschweifungen zu vergessen. Das blieb nicht aus.
Hölderlin ward abermals Hofmeister, und zwar in Frankreich. Er konnte
unmöglich ein wüstes Leben ertragen. Er war für ein reines,
geordnetes, thätiges Leben geboren, seine geistige und körperliche
Natur mußte zu Grunde gehen, wenn er besinnungslos genug war, nun
genießen zu wollen, ohne zu fühlen, wie er vorher fühlte,
ohne zu genießen. Es währte kurze Zeit, so gerieth sein Geist
durch die Schwächung eines so unordentlichen Verhaltens dermaßen
aus den Fugen, daß er Anfälle von Wuth und Raserey bekam. Auf
eine unerklärbare Weise, plötzlich und unerwartet, ohne Geld
und Habseligkeiten, erschien er in seinem Vaterlande. Herr von Matthisson
erzählte mir einmal, daß er ruhig in seinem Zimmer gesessen,
als sich die Thüre geöffnet, und ein Mann hereingetreten, den
er nicht gekannt. Er war leichenbleich, abgemagert, von hohlem wildem Auge,
langem Haar und Bart, und gekleidet wie ein Bettler. Erschrocken hebt sich
Herr von Matthisson auf, das schreckliche Bild anstarrend, das eine Zeitlang
verweilt, ohne zu sprechen, sich ihm sodann nähert, über den
Tisch hinüberneigt, häßliche ungeschnittene Nägel
an den Fingern zeigt, und mit dumpfer geisterhafter Stimme murmelt: Hölderlin.
Und sogleich ist die Erscheinung fort, und der bestürzte Herr hat
Noth, sich von dem Eindruck dieses Besuches zu erhohlen. In Nürtingen
bey seiner Mutter angelangt, jagte er sie und sämmtliche Hausbewohner
in der Raserey aus dem Hause . Er hielt sich einige Zeit bey ihr auf, und
hatte helle und gute Augenblicke, wiewohl er immer von der schwärzesten
Melancholie geplagt war. Abermals, aber nun zum letztenmale, sollte sein
für die Liebe so offenes unglückliches Herz entzündet werden.
Allein man war genöthigt, ihm den Gegenstand seiner Neigung und Verehrung
zu entreißen, und ein ihm sehr naher Blutsverwandter heirathete das
Frauenzimmer. Diß fehlte noch, um Hölderlins Raserey zu vollenden.
Nie mehr in seinem Leben wollte er diese Person kennen, wiewohl sie oftmals
um ihn war. Hölderlin behauptete schlechterdings, daß er nicht
die Ehre habe, Seine Majestät jemals gesehen zu haben. Nun hörte
ein wohlwollender gutgesinnter Prinz, der Hölderlin in Jena kennen
gelernt hatte, von seiner unseligen Lage, und nahm sich vor, ihn durch
eine angemessene Beschäftigung zu zerstreuen und wenn es möglich
wäre, zu retten. Er wurde von ihm zur Stelle eines Bibliothekars berufen.
Aber Hölderlin war verloren. Seine Anfälle von Raserey wurden
ungestümmer und häufiger als je. Er beschäftigte sich mit
einer Übersetzung von Sofocles, die des Wundersamen und Närrischen
schon manches enthält. Genug, Hölderlin konnte nicht mehr beibehalten
werden; unter dem Vorwand daß er Bücher in Tübingen einkaufen
müsse, wurde er dahin geschickt, dort aber in das Klinikum gebracht,
wo man versuchen wollte ihn medizinisch zu kuriren Zwey Jahre verweilte
er hier, allein sein Geist ward nicht mehr hell, seine Denkkraft zerstört,
seine Nerven unglaublich zerrüttet, und er sank endlich in den schrecklichen
Zustand, in dem er sich nun befindet. Er wurde ins Haus eines Tischlers
aufgenommen, wo er in einem kleinen Zimmerchen, ohne etwas anders, als
ein Bett, und einige wenige Bücher, nun schon über zwanzig Jahre
lebt. Tritt man nun in das Haus des Unglücklichen, so denkt man freylich
keinen Dichter darin zu treffen, der so gerne mit Platon am Ilyssus wandelte,
aber es ist auch nicht häßlich, sondern die Wohnung eines wohlhabenden
Tischlers, eines Mannes, der eine für seinen Stand ungewöhnliche
Bildung hat, und sogar von Kant, Fichte, Schelling, Novalis, Tieck und
andern spricht. Man fragt nach dem Zimmer des Herrn Bibliothekars - so
läßt er sich noch immer gerne tituliren - und kommt auf eine
kleine Thüre zu. Schon hört man innen reden, man glaubt, daß
Gesellschaft innen sey: Der brave Tischler sagt aber: er sey ganz allein,
und rede Tag und Nacht mit sich selbst. Man besinnt sich, man zaudert,
anzupochen, man fühlt sich innerlich beunruhigt. Zuletzt klopft man
an, und ein heftiges lautes: Herein! wird gehört. Man öffnet
die Thüre, und eine hagere Gestalt steht in der Mitte des Zimmers,
welche sich aufs Tiefste verneigt, nicht aufhören will, Complimente
zu machen, und dabey Manieren zeigt, die voll Grazie wären, wenn sie
nicht etwas Krampfhaftes an sich hätten. Man bewundert das Profil,
die hohe gedankenschwere Stirne, das freundliche freylich erloschene, aber
noch nicht seelenlose liebe Auge; man sieht die verwüstenden Spuren
der geistigen Krankheit in den Wangen, am Mund, an der Nase, über
dem Auge, wo ein drückender schmerzlicher Zug liegt, und gewahrt mit
Bedauren und Trauer die convulsivische Bewegung, die durch das ganze Gesicht
sich zuweilen vorbereitet, die ihm die Schultern in die Höhe treibt,
und besonders die Hände und Finger zucken macht. Er trägt ein
einfaches Wams, in dessen Seitentaschen er gerne die Hände steckt.
Man sagt einige einleitende Worte, die mit den verbindlichsten Verbeugungen
und einem Schwall von Worten empfangen werden, die ohne allen Sinn sind,
und den Fremden verwirren. Hölderlin fühlt jetzt, artig, wie
er war und wie er der Form nach es noch ist, die Nothwendigkeit, dem Gaste
etwas Freundliches zu sagen, eine Frage an ihn zu errichten. Er thut es;
man vernimmt einige Worte, die verständlich sind, die aber meist unmöglich
beantwortet werden können. Hölderlin selbst erwartet nicht im
mindesten Antwort und verwirrt sich im Gegentheil aufs Äußerste,
wenn der Fremde sich bemüht, einen Gedanken zu verfolgen. Darüber
später, wenn wir an unsere eigenen Unterhaltungen mit ihm kommen.
Für jetzt nur die flüchtige Erscheinung. Der Fremde sieht sich
Eure Majestät, Eure Heiligkeit, gnädiger Herr Pater betitelt.
Allein Hölderlin ist äußerst unruhig: er empfängt
solche Besuche sehr ungern, und ist nachher immer verstöhrter als
früher. Ich that es deßwegen jeder Zeit ungern, wenn mich jemand
bat, ihn zu Hölderlin zu führen. Doch war mir diß noch
lieber, als wenn man allein zu ihm gieng. Denn alsdann war die Erscheinung
für den Einsamen, von allem Menschenumgang Abgeschlossenen zu neu,
zu störend, und der Fremde wußte ihn nicht zu behandeln. Hölderlin
selbst fieng auch bald an, für den Besuch zu danken, sich abermals
zu verbeugen, und es war alsdann gut, wenn man nicht länger verweilte.
Länger hielt sich auch keiner bey ihm auf. Selbst seine früheren
Bekannten fanden eine solche Unterhaltung zu unheimlich, zu drückend,
zu langweilig, zu sinnlos. Denn eben gegen sie war der Bibliothekar am
wunderbarsten. So war einmal Fridrich Haug, der “Epigrammatiker" bey ihm,
der ihn von lange her kannte. Auch er wurde Königliche Majestät
betitelt, und Herr Baron von Haug geheißen. Wiewohl der alte Freund
versicherte, daß er nicht geadelt sey, so ließ Hölderlin
dennoch schlechterdings nicht ab, ihm jene vornehmen Titel zu spenden.
Gegen ganz Fremde kehrt er absolute Sinnlosigkeit vor. Aber wir wollten
zuerst nur zeigen, wie er sich äußerlich darstellt und wir gehen
nun ins Genauere ein, zuvörderst blos erzählend. Anfänglich
schrieb er viel, und füllte alle Papiere aus, die man ihm in die Hand
gab. Es waren Briefe in Prosa, oder in pindarischen freyen Versmaaßeri,
an die theure Diotima gerichtet, häufiger noch Oden in Alcäen".
Er hatte einen durchaus sonderbaren Styl angenommen. Der Inhalt ist Erinnerung
an die Vergangenheit, Kampf mit Gott, Feyer der Griechen. Über die
Gedankenfolge für jetzt noch nichts. In der ersten Zeit, da er bey
dem Tischler war, hatte er noch sehr viele Anfälle von Raserey und
Wuth, sodaß jener nöthig hatte, seine derbe Faust anzuwenden,
und dem Wüthenden tüchtig mit Schlägen zu imponiren. Einmal
jagte er ihm seine sämmtlichen Gesellen aus dem Hause und schloß
die Thüre. In Zorn und Convulsionen gerieth er gleich, wenn er jemand
aus dem Klinikum sah. Indem er oft frey herumgieng, so war er natürlich
dem Spott heilloser Menschen ausgesetzt, deren es überall giebt, und
deren Bestialität auch ein so furchtbarer, durch das Unglück
geheiligter geistiger Zerfall ein Gegenstand des dummen Muthwillens ist.
Das machte nun Hölderlin, wenn ers bemerkte, so wild, daß er
mit Steinen und Korb nach ihnen warf, und dann wars ausgemacht, daß
er noch einen Tag lang fortwüthete. Mit tiefem Bedauren haben wir
bemerken müssen, daß selbst Studirende thierisch genug waren,
ihn zuweilen zu reitzen und in Zorn zu jagen. Wir sagen nichts darüber,
als daß von allen Bübereyen, welche auf Universitäten die
Faulheit hervorbringt, diese wohl eine der nichtswürdigsten ist. Oft
nahm die Frau des Tischlers oder eine der Töchter und Söhne den
Armen in die Güter und Weinberge hinaus, wo er sich alsdann auf einen
Stein setzte und wartete, bis man wieder nach Hause gieng. Es ist zu bemerken,
daß man ganz wie mit einem Kinde mit ihm verfahren mußte, wenn
man ihn nicht störrisch machen wollte. Wenn er so ausgeht, so muß
man ihn zuvor anmahnen, sich zu waschen und zu säubern, indem seine
Hände gewöhnlich schmutzig sind, weil er sich halbe Tage lang
damit beschäftigt, Gras auszureißen. Wenn er alsdann angekleidet
ist, so will er durchaus nicht voraus gehen. Seinen Hut, den er tief aufs
Auge hinabdrückt, lüpft er vor einem zweyjährigen Kinde,
wenn er anders nicht zu sehr in sich versenkt ist. Es ist sehr lobens-
und erwähnenswerth, daß die Leute in der Stadt, die ihn kennen,
ihn nie verspotten, sondern ruhig seines Weges gehen lassen, indem sie
oft zu sich sagen: ach wie gescheit und gelehrt war dieser Herr, und jetzt
ist er so närrisch. Allein läßt man ihn aber nicht ausgehen,
sondern nur in dem “Zwinger" vor dem Hause spazirenwandeln. Am Anfang kam
er manchmal zu dem kurzverstorbenen trefflichen Conz. Dieser fleißige
und thätige Freund der alten Litteratur hatte einen Garten vor dem
Hirschauerthore in Tübingen, wo er nach einer Gewohnheit von Jahrzehnten
täglich eine Stunde vor Mittag seinen Gang hinrichtete. Ein Vierteljahrhundert
hindurch sah man ihn um diese Zeit seinen schweren Körper hinaustragen,
und sofort am Thore halten, wo ihm der Thorwart regelmäßig die
Pfeife anzünden mußte. Alsdann zieht der Dichter ruhig und langsam
weiter und hielt sich einige Stunden draußen im Freyen oder im Gartenhause
auf. Als er den Aeschylos übersetzte, kam Hölderlin, der damals
noch mehr Feuer und Kräfte hatte, oftmals zu ihm hinaus. Er unterhielt
sich alsdann mit Blumenpflükken, und wenn er einen tüchtigen
Strauß beisammen hatte, so zerriß er ihn und steckte ihn in
die Tasche. Conz gab ihm auch zuweilen ein Buch hin. Einmal, erzählte
er mir, bückte sich Hölderlin über ihn her und las einige
Verse aus dem Aeschylos herunter. Sodann aber schrie er mit einem krampfigten
Lachen: “Das versteh' ich nicht! Das ist Kamalattasprache”. Denn zu Hölderlins
Eigenheiten gehört auch die Bildung neuer Wörter. Diese Besuche
hörten mit der Zeit auf, je schwächer und dumpfer er wurde. Ich
hatte Noth, ihn zuweilen zu bewegen, daß er mit mir einen Spaziergang
in den Conz'schen Garten machte. Er hatte allerley Ausreden; er sagte:
“Ich habe keine Zeit, Eure Heiligkeit” - denn auch ich bekam alle Titel
durchweg - “ich muß auf einen Besuch warten”; oder brauchte er eine
ihm gewöhnliche höchst sonderbare Form, indem er sagte: “Sie
befehlen, daß ich hier bleibe”. Manchmal aber, wenn das Wetter schön
und helle war, brachte ich ihn doch zum Anziehn, und wir giengen hinaus.
Einmal an einem Frühlingstage war er höchlieb erfreut über
die reichen Blumenbüsche und die Fülle der Blüten. Er lobte
die Schönheit des Gartens auf die artigste Weise. Sonst war er aber
immer unvernünftiger, als wenn ich ihn allein bey mir hatte. Conz
bemühte sich, ihn an Vergangenes zu erinnern, jedoch umsonst. Einmal
sagte er: “Herr Hofrath Haug, dessen Sie sich noch gut erinnern werden,
hat unlängst ein sehr schönes Gedicht gemacht”. Hölderlin,
wie gewöhnlich ganz und gar unachtsam auf das, was man zu ihm spricht,
versetzte: “Hatereins gemacht?” So daß Conz herzlich drüber
lachte. Wir giengen sodann nach Hause und Hölderlin küßte
beym Abschied auf der Straße Herrn Conz die Hand aufs eleganteste.
Sein Tag ist äußerst einfach. Des Morgens, besonders zur Sommerszeit,
wo er überhaupt viel unruhiger und gequälter ist, erhebt er sich
vor oder mit der Sonne, und verläßt sogleich das Haus, um im
Zwinger spazieren zu gehen. Dieser Spaziergang währt hie und da vier
oder fünf Stunden, so daß er müde wird. Gerne unterhält
er sich damit, daß er ein Schnupftuch in die Hand nimmt, und auf
die Zaunpfähle danüt zuschlägt, oder das Gras ausrauft.
Was er findet, und sollt' es nur ein Stück Eisen oder ein Leder seyn,
das steckt er ein und nimmt es mit. Dabey spricht er immer mit sich selbst,
fragt sich und antwortet sich, bald mit ja, bald mit nein, häufig
mit Beydem. Denn er verneint gerne. Alsdann geht er ins Haus, und schreitet
dort umher. Man bringt ihm sein Essen aufs Zimmer und er speist mit starkem
Appetit, liebt auch den Wein, und würde so lange trinken, als man
ihm gäbe. Ist er mit dem Essen zu Ende, so kann er keinen Augenblick
länger das Geschirr in seinem Zimmer leiden und er stellts sogleich
vor die Thürschwelle auf den Boden. Er will durchaus nur drin haben,
was sein ist, alles andere wird auf der Stelle vor die Thüre gelegt.
Der übrige Theil des Tages zerfließt in Selbstgesprächen
und Auf- und Abgehen in seinem Zimmerchen. Womit er sich Tagelang beschäftigen
kann, das ist sein Hyperion. Hundertmal, wenn ich zu ihm kam, hört
ich ihn schon außen mit lauter Stimme declamiren. Sein Pathos ist
groß, und Hyperion liegt beynahe immer aufgeschlagen da. Er las mir
oft daraus vor. Hatte er eine Stelle weg, so fieng er an mit heftigem Gebärdenspiel
zu rufen: “0 schön, schön! Eure Majestät!” Dann las er wieder,
dann konnte er plötzlich hinzusetzen: “Sehen Sie, gnädiger Herr,
ein Komma!” Er las mir auch oft aus andern Büchern vor, die ich ihm
in die Hand gab. Er verstand aber nichts, weil er zu zerstreut ist, und
nicht einmal einen eigenen Gedanken, geschweige einen fremden verfolgen
kann; jedoch lobte er seiner gewöhnlichen Artigkeit zu Folge das Buch
immer über die Maaßen. Seine übrigen Bücher bestehen
aus Klopfstocks Oden, Gleim, Kronegk, und dergleichen alten Poeten. Klopfstocks
Oden liest er oft, und zeigt sie gleich vor. Ich sagte ihm unzähligemal,
daß sein Hyperion wieder neu gedruckt worden, und daß Uhland
und Schwab seine Gedichte sammeln. Ich erhielt aber nie eine andere Antwort,
als eine tiefe Verbeugung und die Worte: “Sie sind sehr gnädig, Herr
von Waiblingerl Ich bin Ihnen sehr verbunden, Eure Heiligkeit”. Oft wollt
ich, wenn er eine Frage auf diese Weise kurzweg abschnitt, mit Gewalt auf
eine vernünftige Antwort dringen, drehte meine Worte, ließ nicht
ab, brachte immer wieder dasselbe in anderer Wendung vor, und hörte
erst auf, als er in heftige Bewegung gerieth und einen fürchterlich
kunterbunten sinnlosen Wortschwall hervorbrachte. Der Tischler verwunderte
sich bald, daß ich so viele Gewalt über ihn ausüben könnte,
daß er mit mir gieng, sobald ich wollte, und daß er sich auch
in meiner Abwesenheit so viel mit mir beschäftigte. Womit ich ihn
am meisten vergnügte, das war ein hübsches Gartenhaus, das ich
auf dem Osterberg bewohnte, dasselbe, worin Wieland die Erstlinge seiner
Muse niederschrieb. Hier hat man Aussicht über grüne freundliche
Thäler, die am Schloßberg emporgelagerte Stadt, die Krümmung
des Neckars, viele lachende Dörfer und die Kette der Alb. Es sind
nun mehr als vier Jahre, daß ich hier einen angenehmen Sommer verlebte,
mitten im Grün, bey so erquickender Aussicht, beynahe ganz im Freyen.
Leider lastete damals ein so gefährlicher Druck auf meinem Geist,
daß selbst der Genuß dieser freundlichen Natur nicht im Stande
war, mich innerlich zu erheitern und zu stärken, und ich hier einen
Roman schrieb, den ich bald darauf für werth hielt, verbrannt zu werden,
und in dem nur weniges enthalten war, dessen ich mich nicht eben schäme.
Doch kam später noch der Gesang der Kalonasore hier zu Stande, der,
als er drey Jahre darauf gedruckt wurde, wenigstens dem Verfasser den Beyfall
der gerühmtesten Kenner und Freunde der Poesie erwarb. Hier also wars,
wo ich Hölderlin jede Woche einmal hinaufführte. Oben angelangt,
und ins Zimmer eintretend, verneigte sich Hölderlin jedesmal, indem
er sich meiner Gunst und Gewogenheit aufs angelegentlichste empfahl. Höflichkeitsfloskeln
bringt er allenthalben an, und es ist wirklich oft, als ob er damit geflissentlich
jedermann recht ferne von sich halten wollte. Hat es einen Grund, so ists
gewiß dieser: es ist aber vielleicht zuviel, allem und jedem eine
tiefere Ursache zuschreiben zu wollen, als die blose Sonderbarkeit und
Kuriosität. Hölderlin öffnete sich das Fenster, setzte sich
in seine Nähe und fieng an, in recht verständlichen Worten die
Aussicht zu loben. Ich bemerkte es überhaupt, daß es besser
mit ihm stand, wenn er im Freyen war. Er sprach weniger mit sich selbst,
und diß ist mir ein vollkommener Beweis, daß er klarer wurde:
denn ich habe mich überzeugt, daß jenes unablässige Selbstgespräch
nichts anders als eine Folge der Unstätheit seines Denkens und der
Unmacht ist, einen Gegenstand festzuhalten. Davon hernach. Ich versorgte
Hölderlin mit Schnupf- und Rauchtaback, an welchem er eine große
Freude hatte. Mit einer Prise konnte ich ihn ganz erheitern, und wenn ich
ihm nun gar eine Pfeife füllte, und ihm Feuer machte, so lobte er
den Taback und die Maschine aufs lebhafteste, und war vollkommen zufrieden.
Er hörte auf zu sprechen, und wie er sich nun so am besten fühlte,
und es nicht gut war, ihn zu stören, so ließ ich ihn, indem
ich etwas las. Womit er viel zu schaffen hatte, das war das pantheistische
Ein und All, mit großen griechischen Charakteren über meinem
Arbeitstisch an die Wand geschrieben. Er sprach oft lange mit sich selbst,
immer das geheimnisvolle vielbedeutende Zeichen anschauend, und einmal
sagte er: “Ich bin nun orthodox geworden, Eure Heiligkeit! Nein, nein!
ich studire gegenwärtig den dritten Band von Herrn Kant, und beschäftige
mich viel mit der neuern Philosophie”. Ich fragte ihn, ob er sich Schellings
erinnere. Er sagte: “ja; er hat mit mir zu gleicher Zeit studirt, Herr
Baron”. Ich sagte, daß er nun in Erlangen sey, und Hölderlin
erwiederte: “Vorher ist er in München gewesen". Er fragte ob ich ihn
schon gesprochen, und ich sagte ja . - Freylich auf die wunderbarste Weise
von der Welt. In Stuttgart schon war mir einmal seine Bekanntschaft entgangen,
indem ich sein Hierseyn eben erfuhr, als er im Begriff war abzureisen,
und Herr Hofrath Haug, der mich zu ihm führen wollte, mir nur einige
für mich sehr schmeichelhafte Worte von ihm sagte. Als ich später
einmal nach Erlangen kam, wollt' ich ihn besuchen. In seinem Hause angekommen,
fand ich niemand, der mich gemeldet hätte. Alles war todtenstill.
Ich wußte weder Stock noch Thüre, und stand lange Zeit in einem
Gang, indem ich über dieses sonderbare Warten lachen mußte.
Nein, dacht' ich, ich gehe dem großen Philosophen nicht aus dem Hause,
bis ich endlich einmal zu seiner Bekanntschaft gekommen bin, und einmal
muß sich ja doch etwas Lebendiges hier regen, wo alles zu Hause ist,
was sich im Himmel und auf Erden beweget. Plötzlich hört' ich
husten. Das war Schelling! sagt ich mir, das war er, das muß er gewesen
seyn, und nun keck und ohne Weiteres auf die Thüre zu, von wo der
Schall herkam, und angepocht. Das geschah. In demselben Augenblicke fast
stand auch schon eine Person vor der Thüre, deren Physiognomie durchaus
mir den Philosophen zeigte. Schelling fragte mich heftig, ob ich ein Fremder
sey, und bat mich in ungestümmer Schnelligkeit, ihn nach dem Essen
zu besuchen, indem er jetzt gebunden sey. Ich schaute ihm ruhig ins Gesicht,
empfahl mich und gieng. Nun, sagt ich zu mir selbst, hab' ihn gesehen und
gesprochen, aber ich bin ihm doch recht zur Unzeit gekommen. Ich hart'
ihm nicht einmal meinen Namen gesagt. Ich weiß nicht, welche Stravaganz
mich trieb, meinen Besuch nicht zu wiederhohlen, sondern augenblicklich
abzureisen, zufrieden, den großen Philosophen nun doch gesprochen
und eben in einem Moment gesehen zu haben, wo er vielleicht in der Begeisterung
seiner Weltalter brannte. Doch ich kehre zu Hölderlin zurück.
Er erinnerte sich Matthissons, Schillers, Zollikofers, Lavaters, Heinses
und vieler anderer, nur, wie ich schon bemerkt, Göthe's nicht. Sein
Gedächtniß zeigte noch Kraft und Dauer. Ich fand es einmal befremdend,
daß er das Porträt Fridrichs des Großen an der Wand hängen
hatte und fragte ihn deßhalb. Er sagte mir: “Das haben Sie schon
einmal bemerkt, Herr Baron”; und ich erinnerte mich nun selbst es wohl
viele Monate vorher bemerkt zu haben. So erkennt er auch alle wieder, die
er gesehen. Er vergaß nie, daß ich Dichter bin, und fragte
mich unzähligemal, was ich gearbeitet hätte, und ob ich fleißig
gewesen sey. Dann konnte er aber freylich sogleich hinzusetzen: “Ich, mein
Herr, bin nicht mehr von demselben Namen, ich heiße nun Killalusimeno.
Oui, Eure Majestät: Sie sagen so, Sie behaupten so! es geschieht nür
nichts!”Diß letztere überhaupt hört' ich häufig bey
ihm. Es ist, als ob er sich dadurch vorsichern und beruhigen wollte, indem
er sich immer den Gedanken vorhält, es geschieht mir nichts. Ich gab
ihm auch Papier zum Schreiben. Alsdann setzte er sich an den Schreibtisch
und machte einige Verse, auch gereimte. Sie waren jedoch ohne Sinn, besonders
die letztern, übrigens metrisch richtig. Er erhob sich sodann, und
überreichte sie mir mit großen Complimenten. Einmal schrieb
er drunter: “Dero unterthänigster Hölderlin". Einmal hart' ich
ihm gesagt, daß auf den Abend Conzert sey. Ich hatte daran gedacht,
ob es nicht möglich wäre, ihm diesen Genuß zu verschaffen.
Allein man konnt' es nicht wagen. Vielleicht hätte die Musik zu starken
Eindruck auf ihn gemacht, oder war von der Ungezogenheit der Studenten
zu befürchten. Genug, ich verließ mit ihm das Gartenhaus. Er
war ganz in sich versunken, und sprach keine Sylbe. Als ich schon mit ihm
in der Stadt war, sah er mich zumal an, als ob er aufwachte, und sagte:
“Conzert”. Gewiß, daß er unterdessen daran gedacht. Denn die
Musik hat ihn noch nicht ganz verlassen. Er spielt noch richtig Klavier,
aber höchst sonderbar. Wenn er dran kommt, so bleibt er Tage lange
sitzen. Alsdann verfolgt er einen Gedanken, der kindisch simpel ist, und
kann ihn viele hundertmal hindurchdrehn und dermaßen abspielen, daß
mans nicht mehr aushalten kann. Zudem kommt noch ein schnelles Aufzucken
von Krampf, das ihn nöthigt, manchmal blitzschnell über die Tasten
wegzufahren, und das unangenehme Klappen seiner langgewachsenen Nägel.
Diese nämlich läßt er sich höchst ungern schneiden,
und es sind eine Menge Kunstgriffe nöthig, um ihn zu bewegen, wie
man sie bey störrischen und eigensinnigen Kindern anwendet. Hat er
eine Zeitlang gespielt, und ist seine Seele ganz weich geworden, so sinkt
zumal sein Auge zu, sein Haupt richtet sich empor, er scheint vergehn und
verschmachten zu wollen, und er beginnt zu singen. In welcher Sprache,
das konnte ich nie erfahren, so oft ich es auch hörte, aber er thats
mit überschwänglichem Pathos, und es schauderte einen in allen
Nerven, ihn so zu sehen und zu hören. Schwermuth und Trauer war der
Geist seines Gesanges: man erkannte einen ehmals guten Tenor. Kinder liebt
er sehr. Aber sie haben Angst vor ihm und fliehen ihn. Den Tod fürchtet
er ausnehmend, wie er überhaupt sehr furchtsam ist. Bey seiner entsetzlichen
Nervenschwäche ist er leicht zu erschrekken. Er fährt beym kleinsten
Geräusch zusammen. Wenn er in Bewegung, in Zorn, oder nur in übler
Laune ist, so zuckt sein ganzes Gesicht, seine Gebärden sind heftig,
er dreht die Finger so krampfig zusammen, als ob keine Gelenke drin wären,
und schreyt wohl auch laut, oder tobt er in ungestümmen Discursen
mit sich selbst. In einem solchen Moment muß man ihn allein lassen,
bis sich die Wallung gesetzt hat, sonst wird man am Arm hinausgeführt.
Ist er ganz aufgebracht, so liegt er ins Bett und steht einige Tagelang
nicht mehr auf. Einmal kam es ihm plötzlich in Sinn, nach Frankfurth
zu gehen. Man nahm ihm nun die Stiefel weg, und das erzürnte den Herrn
Bibliothekar dergestalt, daß er fünf Tage im Bette blieb. Im
Sommer plagt ihn die Unruhe aber oft so, daß er Nächtelang im
Hause auf- und abgeht. Ich wollte ihm andere Bücher geben, und dachte,
den Homer, der ihm noch im Gedächtniß sey, werde er doch lesen.
Ich bracht' ihm eine Übersetzung, aber er nahm sie nicht an. Ich ließ
sie also beym Tischler, und sagte diesem, er solle behaupten, daß
sie ihm gehöre. Dennoch nahm sie Hölderlin nicht an. Der Grund
davon ist nicht Stolz, sondern Furcht, sich zu beunruhigen, indem er sich
mit etwas Fremdem einläßt. Nur das Gewohnte konnte ihn in Ruhe
lassen, Hyperion und seine bestäubten alten Poeten- Homer war ihm
seit 2 Jahren fremd geworden, und alles Neue störte ihn. Ich lud ihn
auch ein, mit mir in einen Garten zu gehen, wo ein Weinschank war. Die
Aussicht war hier sehr hübsch und man war gänzlich unbeobachtet.
Hölderlin trank männlich. Auch das Bier schmeckte ihm. Er vertrug
mehr als man glauben sollte. Ich sorgte aber, daß nie die Gränze
überschritten wurde. Er fühlte sich ganz behaglich, wenn er so
eine Pfeife rauchte. Denn er sprach nicht mehr, und verhielt sich ruhig.
Seiner alten Mutter schrieb er, aber man mußte ihn immer mahnen..
Diese Briefe waren nicht unvernünftig. Er gab sich Mühe, und
sie wurden sogar klar. Aber nur so, auch dem Styl nach, wie ein Kind schreibt,
das noch nicht fertig denken und schreiben kann. Einer war einmal in der
That gut, endete aber so: “Ich sehe, daß ich aufhören muß”.
Hier verwikkelte er sich schon, fühlte es selbst, und schloß.
Man kann diesen Zustand am besten mit der Störung im Denken vergleichen,
die man bey Krankheiten, bey starkem Kopfweh, heftiger Schläfrigkeit,
und des Morgens nach einem allzu unmäßigen Abend beym Weine
in sich gewahrt. Mein Gartenhaus war ihm so theuer geworden, daß
er Jahre nachdem ich es nicht mehr bewohnte, sich noch darnach erkundigte,
und wenn er mit der Tischlersfrau in einen in seiner Nähe gelegenen
Weinberg gieng, mehreremale vor die Thüre des Häuschens hinaufstieg,
und schlechterdings behauptete, daß hier Herr von Waiblinger wohne.
Die Natur, ein hübscher Spaziergang, der freye Himmel that ihm immer
gut. Ein Glück für ihn ist es, daß er von seinem Zimmerchen
aus eine wirklich recht lachende Aussicht auf den Neckar, der sein Haus
bespült, und auf ein liebliches Stück Wiesen- und Berglandschaft
genießt. Davon gehen noch eine Menge klarer und wahrer Bilder in
die Gedichte über, die er schreibt, wenn ihm der Tischler Papier gibt.
Merkwürdig ist, daß er nicht auf Gegenstände zu sprechen
gebracht werden konnte, die ihn ehedem in bessern Tagen sehr in Anspruch
genommen. Von Frankfurth, Diotima, von Griechenland, seinen Poesien und
dergleichen ihm einst so wichtigen Dingen redet er kein Wort, und wenn
man auch geradezu fragt: ”Sie waren wohl schon lange nicht mehr in Frankfurth”,
so antwortet er blos mit einer Verbeugung: “Oui, Monsieur, Sie behaupten
das”, und dann kommt eine Fluth von Halbfranzösisch. Eine ungemeine
Freude hat man ihm damit gemacht, daß man ihm endlich in den letzten
Jahren ein kleines Sopha in sein Zimmerchen that. Das verkündet er
mir mit einem kindischen Entzücken, als ich zu ihm kam, indem er mir
die Hand küßte, und sagte: “Ach sehen Sie, gnädiger Herr,
nun hab' ich ein Sopha”. Ich mußt' auch gleich Platz nehmen, und
Hölderlin traf ich eine Zeitlang nachher meist auf ihm an, wenn ich
ihn besuchte. Ich machte in der Zeit, da ich mit ihm umgieng, viele Reisen
nach Italien, in die Schweitz und ins Tirol, und wenn ich zurückkam,
so wußte er immer, wo ich gewesen, und äußerte sich besonders
gerne über die Schweitz, wo er die schöne Gegend von Zürich
und St. Gallen lobte, und von den Herren Lavater und Zollikofer sprach.
Einmal sagte ich ihm, daß ich nun nach Rom gehen und sobald nicht
mehr zurückkehren werde, und lud ihn scherzhaft ein, mein Reisegefährte
zu seyn. Er lächelte so liebenswürdig verständig, als nur
ein Weiser lächeln kann, und sagte: ”Ich muß zu Hause bleiben
und kann nicht mehr reisen, gnädiger Herr”. Zuweilen gab er Antworten,
worüber man fast durchaus lachen mußte, zumal da er sie mit
einer Miene gab, als ob er wirklich spottete. So fragte ich ihn einmal,
wie alt er nun sey, und er versetzte lächelnd: ”Siebzehn, Herr Baron”.
Diß ist aber keine Ironie, sondern gänzliche Zerstreuung. Nie
gibt er Acht auf das, was man zu ihm spricht, weil er immer in sich selbst
mit seinen unvollkommenen unklaren Gedanken kämpft, und will man ihn
nun plötzlich mit einer Frage aus diesem dumpfen Brüten herausreißen,
so muß man mit dem Nächsten zufrieden seyn, was ihm auf die
Zunge kommt. So gieng ich einmal mit ihm über eine Wiese spazieren
und ließ ihn lange in sich versenkt neben mir hergehen, als ich ihn
schnell auf ein neugebautes Haus aufmerksam machte und sagte: “Sehen Sie,
Herr Bibliothekar, dieses Gebäude haben Sie gewiß noch nicht
bemerkt “. Hölderlin wachte plötzlich auf, und sagte mir mit
einem Ausdruck, als hänge das Wohl der Welt davon ab.- “Oui, Eure
Majestät”. Von seinen schriftlichen Sachen und dem Vielen, was er
während seines traurigen Lebens geschrieben, besitz' ich eine Menge
in Deutschland, und würde gerne davon etwas mittheilen, wenn es mir
möglich wäre. Ich erinnere mich nur einer Ode in alcäischem
Versmaaß, die mit folgenden rührend schönen Zeilen beginnt:
An Diotima. Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind, Ich dir noch kennbar
bin, die Vergangenheit, 0 du Theilhaber meiner Schmerzen, Einiges Gute
bezeichnen dir kann - - In der letzten Zeile sieht man schon, wie er den
Gedanken nicht mehr erfassen konnte, und wie es ihm gerade gieng, gleich
einem angehenden oder schlechten Dichter, der sich nicht ins Klare darüber
bringen kann, was er sagen will, und nicht Meister genug darüber ist,
um es so stark auszudrücken, als er es empfindet. In seinen Briefen
ist durchgehende der Inhalt ein Kampf und ein Anringen gegen die Gottheit
oder das Schicksal, wie er sie gerne nennt. Eine Stelle lautet folgendermaaßen:
“Himmlische Gottheit, wie war es unter uns, da ich dir noch verschiedene
Schlachten und einige nicht unbedeutende Siege abgewann!” Ein schreckliches
geheimnisvolles Wort fand ich einmal in seinen Papieren. Nach vielem Ruhmwürdigen,
was er von griechischen Heroen und alter Götterschönheit sagt,
beginnt er: “Nun versteh' ich den Menschen erst, da ich ferne von ihm und
in der Einsamkeit lebe!" Naturanschauungen sind ihm noch vollkommen klar.
Es ist ein großer erhebender Gedanke, daß die heilige alllebendige
Mutter Natur, die Hölderlin mit seiner gesundesten, schwungvollsten,
frischesten Poesie feyerte, auch da, wo ihm die Welt des blosen Gedankens
in einem unseligen Wirrwar untergieng, und es ihm nicht mehr gegeben war,
etwas rein Abgezogenes consequent zu verfolgen, noch von ihm verstanden
wird. Das beweist sein Benehmen im Freyen, der Eindruck und die wohlthätige,
beruhigende Wirkung, die sie auf ihn äußert, und besonders manche
schöne Bilder, die er sich frischweg aus der Natur hohlte, indem er
von seinem Fenster aus den Frühling kommen und gehen sah. So mahlte
er in einem Verse auf eine homerisch anschauliche Weise, wie die Schaafe
über einen Steeg wandern. Das sah er oft am Fenster. Er kam auf einen
ganz sublimen Gedanken, indem er die silbernen Regentropfen von seinem
Dache fallen sah. Der Zusammenhang wird aber freylich vergebens gesucht,
und bemüht er sich, etwas Abstracktes zu sagen, so verwirrt er sich,
wird lahm, und hilft sich am Ende blos mit einer stravaganten Wortfügung.
Der gröste Irrthum, in den manche flüchtige Beobachter dieses
verwirrten Seelenzustandes gefallen, ist der, daß sie glauben, Hölderlin
habe die fixe Idee, mit nichts als Königen, Päbsten und vornehmen
Herrn umzugehen, weil er jedermann, und auch dem Tischler jene hohen Titel
gibt. Allein das ist ganz falsch. Hölderlin ist ohne eine durchgehende
ihn beherrschende fixe Idee. Er ist mehr in einem Zustand der Schwäche,
als der Narrheit, und alles, was er Sinnloses vorbringt, ist eine Folge
jener geistigen und körperlichen Erschöpfung. Erklären wir
uns deutlicher. Hölderlin ist unfähig geworden, einen Gedanken
festzuhalten, ihn klar zu machen, ihn zu verfolgen, einen andern ihm analogen
anzuknüpfen, und so in regelmäßiger Reihenfolge durch Mittelglieder
auch das Entfernte zu verbinden. Sein Leben ist, wie wir gesehen, ein ganz
inneres, und diß ist gewiß eine der Hauptursachen, daß
er in diesen Zustand der Abstumpfung versunken, aus dem sich herauszuarbeiten,
schon seine physische Erschlaffung und die unglaublieche Schwäche
seiner Nerven unmöglich macht. Es fällt ihm etwas ein, sey es
eine Erinnerung, sey es vielleicht eine Bemerkung, die ihm ein Gegenstand
der Außenwelt erweckt, er fängt an zu denken. Aber nun mangelt
ihm alle Ruhe, alles Stäte und Feste, um zu erfassen, was nur wie
in Dunst in ihm werden wollte. Er sollte ausbilden, und es fehlt die Kraft,
auch nur einen Begriff in seine Merkmale zu zerlegen. Er will bejahen,
aber wie es ihm nicht um die Wahrheit zu thun ist, denn diese kann nur
das Produckt eines gesunden geordneten Denkens seyn, so verneint er im
Augenblick, denn die gesammte Welt des Geistes ist ihm Schein und Nebel,
und sein ganzes Wesen ist ein entschiedener freylich schrecklicher Idealismus
geworden. Sagt er z. B. zu sich selbst: die Menschen sind glücklich,
so mangelt es ihm an Halt und Klarheit, um sich zu fragen warum und wie,
er fühlt eine dumpfe widerstrebende Empfindung in sich, er widerruft,
und sagt: die Menschen sind unglücklich, ohne sich darum zu bekümmern,
warum und wie sie es sind. Diesen unglückseligen Widerstreit, der
seine Gedanken schon im Werden zernichtet, konnte ich unzähligemal
bemerken, weil er gewöhnlich laut denkt. Gerieth er auch wirklich
so weit mit dem Festhalten eines Begriffs oder einer Idee, so schwindelte
ihm sogleich der Kopf, er verwirrte sich nur desto stärker, es zuckte
eine convulsivische Bewegung durch seine Stirne, er schüttelte mit
dem Haupt, und rief: Nein! Nein! Und um sich aus diesem Schwindel, der
ihn allzusehr beunruhigte, herauszumachen, verfiel er nun alsobald in ein
Delirium, er sagte Worte ohne Sinn und Bedeutung, gleichsam als ob sein
Geist, allzusehr angestrengt durch jene zu lange Funktion des Denkens,
sich erhohlen sollte, während der Mund Worte aussprach, bey denen
jener nichts zu thun hatte. Diß wird ferner auch klar aus seinen
Papieren. Es ist ihm noch gegeben, einen Satz hinzuschreiben, der etwa
das Thema seyn soll, das er ausfahren will. Dieser Satz ist klar und richtig,
wiewohl er meist doch nur eine Erinnerung ist. Allein wenn er ihn durchführen,
ausarbeiten, entwickeln soll, so daß es darauf ankommt zu zeigen,
wie weit er im Stande sey, jene noch gebliebene Erinnerung durchzudenken,
und den neu ergriffenen Gedanken gleichsam wieder zu erzeugen, so fehlt
es ihm sogleich, statt Einem Faden, der das Vielfache verknüpfen sollte,
gehen ihrer so vieledurcheinander und verlieren sich dergestalt in einem
wüsten Gespinnst, wie in einer Spinnwebe. Er wird sogleich matt, er
kommt von Einem aufs andere, und spricht nun endlich mit derselben Mühseligkeit
seine Worte aus, mit der ein im Denken und Schreiben noch ungeübtes
Kind schriftlich zu erklären sich anstrengt. Nun aber sind ihm, wie
wir oben sagten, noch eine Menge sublimer metafisischer Gedanken im Kopf,
es ist ihm ferner noch ein gewisser Sinn für poetischen Anstand, für
originellen Ausdruck geblieben, und er äußert sich sofort dunkel
und höchst abentheuerlich, gleich unfähig, seine dunstigen aufgestiegenen
Geistesblasen festzuhalten oder jenen Erinnerungen eine neue Wendung oder
eine klare Consistenz zu geben, als auf der andern Seite bemüht, durch
eine noch in seiner Macht gebliebene ungewöhnliche Form und Ausdrucksweise
wie mit Absicht seine Verlegenheit zu verdecken. Zu dieser Art Poesien
gehören selbst schon einige Stücke, welche in der Sammlung seiner
Gedichte stehen. Wiewohl sie des Schönen, Frischen und Klaren viel
enthalten, ja sogar herrliche schwungvolle Stellen zeigen, so findet man
doch hie und da Untiefen, welche wie schattige Flecken auf einer glatten
sonnigen Wasserfläche aussehen. Hier hatte sich Hölderlins Geist,
dessen Leiden eben zu jener Zeit begannen, wo er benannte Gedichte schrieb,
schon verwikkelt, und ist nicht mehr im Stande, den Stoff ganz zu bemeistern.
Es wäre daher gut gewesen, wenn die Herausgeber, Uhland und Schwab,
die sonst mit so vieler Sorgfalt und Mühe auswählten, diese Stücke
entweder weggelassen, oder wenigstens für solche, die mit Hölderlins
Zustande unbekannt sind, mit einer Bemerkung versehen hätten. Die
zartfühlenden Herausgeber hielt wohl eine Rücksicht für
den noch lebenden Dichter ab, der übrigens für die Erscheinung
seiner Gedichte gar kein Interesse zeigte. Auf diese Art ist er immer mit
sich selbst beschäftigt, wenn er nicht etwa in einem Zustand vollkommener
Stumpfheit ist. Kommt er nun mit einem Menschen zusammen, so erscheinen
die verschüedensten Motive, die ihn so unzugänglich und unverständlich
machen. Fürs Erste ist er gewöhnlich dergestalt in sich versenkt,
daß er nicht die mindeste Aufmerksamkeit auf das hat, was außer
ihm ist. Es ist eine unermeßliche Kluft zwischen ihm und der ganzen
Menschheit. Er ist entschieden aus ihr hinausgetreten, wie ihm auch ihre
Kräfte versagt haben. Es findet keine Verbindung mehr mit ihr statt,
als etwa die der blosen Erinnerung, der blosen Angewöhnung, des Bedürfnisses,
und des nie ganz zu ertödtenden Instinkts. Er erschrack z. B. einmal
aufs Äußerste, als er ein Kind in einer gefährlichen Stellung
am Fenster sah, lief schnelle hin und nahm es weg. Diese scheinbar menschliche
Theilnahme an Menschlichem ist von seinem einst so tieffühlenden,
so aufgeschlossenen warmen Gemüthe zurückgeblieben. Aber auch
nichts anders als dieser instinktmäßige Trieb. Es wäre
ihm gleichgültig, wenn man ihm sagte, die Griechen seyen bis auf den
letzten Sprößling ausgerottet, oder sie hätten vollkommen
obgesiegt und bestünden nun als selbstständiger Staat, ja er
würde es nicht einmal in sich aufnehmen, würde es nicht einmal
denken: denn es liegt ihm zu fern, ist zu fremd, stört ihn zu sehr.
So würde er, wenn man ihm gesagt hätte, ich sey gestorben, mit
großem Affekt gesagt haben: Herrjesus, ist er gestorben ? - Aber
er hätte im ersten Moment nichts gefühlt und nichts gedacht,
jene scheinbar theilnehmenden Worte wären blose Form gewesen, die
er immer beobachten möchte, und erst später, wenn es nach und
nach Eingang in ihn gefunden hätte, so würde er von meinem Tod
gesprochen haben. Weiter übrigens gewiß nichts: denn er kann
sich anderer schlechterdings nicht mehr annehmen. Schon diese unablässige
Zerstreuung, diese Beschäftigung mit sich selbst, dieser totale Mangel
an Theilname und Interesse für das, was außer ihm vorgeht, diese
seine Abneigung und Unfähigkeit, eine andere Individualität zu
erfassen, anzuerkennen, verstehen, gelten lassen zu wollen, schon diese
Gründe machen eine genaue Communicazion mit ihm unmöglich. Nun
ist nicht zu vergessen, daß noch eine starke Eitelkeit, und eine
Art von Stolz und Selbstgefühl in ihm zurückgeblieben. In seiner
zwanzigjährigen Einsamkeit fand es nur Nahrung weil er von aller Welt
abgeschieden lebte, so gewöhnte er sich daran, sie nicht mehr nöthig
zu haben, weil keine Möglichkeit einer frohen Berührung mit ihr
vorhanden war, so tröstete und beruhigte er sich selbst mit stolzen
Vorspieglungen, und er hielt sich, wie früher in der offenen halb
anerkennenden äußern Welt durch Thätigkeit und Wirken,
so nun in seinem abgeschlossenen Leben, wo er sich selbst Ich und Nicht-Ich,
Welt und Mensch, erste und zweyte Person war, für etwas Hohes oder
Höchstes. Diese große Meinung von sich ist aber durch die liebenswürdigste
Grazie und die unverkennbare Güte seiner Natur verdeckt: Erziehung,
angeborner, natürlicher Anstand, ein Sinn für Schicklichkeit,
der jetzt nur hie und da durch Geistesabwesenheit und Zerstreuung unbemerkbar
wird, Umgang mit trefflichen Männern aller Art, und selbst mit Leuten
von hohem Stande, ließen sie nie hervortreten, und Hölderlin
benahm sich sogar mit einer Bescheidenheit, mit der er sich viele Herzen
gewann. Alle diese Formen der Höflichkeit und Artigkeit sind ihm so
angewöhnt, daß er sie jetzt noch gegen jedermann beobachtet.
Allein wie er bey so gestörtem geistigem Leben, bey so langer Abgeschiedenheit
auf die absurdesten Dinge kommen muß, so übertreibt er auch
jene Convenienzen und Ceremonien, und nennt die Leute bald Majestät,
bald Heiligkeit, bald Baron und bald Pater. Es ist dabey nicht zu vergessen,
daß er bey Hofe war, als seine Raserey gewaltsam und entschieden
ausbrach, und daß wohl auch etwas Stolz und Eitelkeit, und selbst
seine auffallende Neigung mitunter ihr Spiel haben kann, sich jedermann
in einer unübersteigbaren Ferne zu halten. Aber daß er wirklich
mit Königen umzugehen glaubt, daran ist nicht zu denken: denn, wie
ich oben bemerkte, er ist kein Narr, hat keine fixe Idee, und sein Zustand
ist nur der einer Geistesschwäche, welche durch ein zerstörtes
Nervensystem zu einer unheilbaren Krankheit geworden ist. Wie er alles
meidet, was ihn plagt, was ihm die Denkfunkzion in noch größere
Verwirrung bringt, so erinnert er sich auch weniger gern an die wichtigern
Gegenstände seines früheren Lebens, die seine Krankheit veranlaßt
haben. Kommt er aber darauf, so wird er entsetzlich unruhig, er tobt, er
schreyt, er geht Nächtelang umher, er wird unsinniger, als gewöhnlich,
und läßt nicht eher nach, bis seine allzu geschwächte physische
Natur ihre Erhaltungsrechte eintreibt. Ist er erzürnt und gereitzt,
wie z. B. damals als ihms in den Kopf kam, plötzlich nach Frankfurth
zu gehen, so sucht er aus Bitterkeit sich sein Zimmerchen, auf das er die
ganze weite Welt reduzirt hat, auf einen noch kleinern Raum zu reduziren,
als wie wenn er dann sicherer, unangefochtener wäre, und den Schmerz
besser aushalten könnte. Dann legt er sich zu Bett. Das viele Sinnlose,was
er zu sich selbst, und andern spricht, ist die Folge seiner Art, sich zu
unterhalten. Er ist allein, er hat Langeweile, er muß sprechen. Er
sagt etwas, das vernünftig ist, er kann es nicht weiter ausbilden,
es kommt ihm etwas anderes in Sinn, und das wird Schlag auf Schlag von
einem Dritten und Vierten verdrängt und zernichtet. Jetzt kommt eine
schreckliche Confusion heraus, er fühlt sich übel darin, er redet
Unsinn, plaudert Bedeutungsloses, während sein Geist wieder ausruht.
Ist er mit andern zusammen, so glaubt er artig und gesellig seyn zu müssen,
er fragt also, sagt etwas, aber ohne alles Interesse an dem Fremden, so
wie ohne Interesse an dem, was er gegen ihn äußert. Er ist unterdessen
so mit sich selbst verwickelt, daß er den Zweyten gleich annulirt,
und mit sich selbst spricht. Trifft er sich nun in der Verlegenheit, antworten
zu müssen, so mag er nicht denken, er versteht nicht, was man ihm
sagt, weil er es nicht beachtet, und er fertigt demnach den Gesellschafter
mit Unsinn ab. Die unzähligen närrischen Kuriositäten sind
gröstentheils eine leicht erklärbare Ausgeburt seines Einsiedlerlebens.
Kommen ja sogenannt vernünftige Menschen, die viele Jahre lang sich
zurückziehen, besonders wenn sie nichts arbeiten, auf Dinge, die kaum
einem ausgemachten Narren anstehen würden, um wie viel mehr ein Unglücklicher,
der nach einer Jugend voll Hoffnungen und Freuden, voll Schönheit
und Reichthum, durch eine unglückselige Kombinazion der Umstände'
und ein allzureitzbares geistiges Wesen, einen allzu straff gespannten
Geist, ganze Jahrzehnte ferne von jeder Berührung mit der Welt lebt,
und nichts mehr besitzt, um sich seine Zeit zu vertreiben, als das zerstörte
Uhrwerk seines Denkvermögens. Sollen wir nun unsere Antwort auf eine
Frage geben, die sich uns so unwiderstehlich bey der Betrachtung des herzerschütternden
Schicksals dieses einst so vielverheißenden Geistes aufdrängt,
ob er nämlich noch genesen, ob er erwachen und zum vollkommenen Gebrauch
seiner geistigen Kräfte gelangen werde, so müssen wir mit dem
tiefsten Schmerz gestehen, daß uns eine solche Veränderung seines
psychischen Lebens zwar wünschenswerth, aber nicht glaubwürdig
ist. Hölderlins körperliche Verfassung ist dergestalt zerstört,
daß er andere Nerven bekommen müßte, um den Geist von
seinen Fesseln zu befreyen. Das aber, was wir hoffen, und selbst nach manchen
Erfahrungen glauben, ist eine momentane Genesung, die dem Unglücklichen
kurz vor der Auflösung der für ihn so schrecklich gewordenen
Verbindung zwischen Leib und Seele vielleicht zu Theil werden wird. Aber
gewiß könnte diß nur ein Augenblick seyn, und nur der
letzte. Als ich Deutschland verließ, hatte Hölderlin schon bedeutend
abgenommen, er war erschöpfter, als gewöhnlich, und auch stiller.
Vor 6 Jahren hatte sein Auge noch Feuer und Kraft, und sein Gesicht noch
Leben und Wärme. Es wurde aber zuletzt auch matter, und abgelebter.
Es ist nun lange her, daß ich nichts mehr von ihm hörte. Er
hat sein Leben nun auf sieben und fünfzig Jahre gebracht, von denen
ihm nur die ersten drey Jahrzehnte nicht verloren gehen sollten. Keiner
Seele ist der Abschied von einem Körper mehr zu wünschen, der
ihre Thätigkeit, ihre schönsten Kräfte, ihren kühnsten
Flug hemmt, als jener allzu fein und verletzbar gewebten, die der Sturm
des Verhängnisses zerrissen! Hoffen wir darum, daß jener einzige
und letzte Augenblick dem Edlen, nun aus unserer Gesellschaft getretenen
Freunde werde, und daß ihm vor der Wanderung in ein anderes Leben
das schwermüthige Räthsel des Vergangenen noch klar und die Hoffnung
des Zukünftigen neu lebendig werde! |
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