von der Muehle auf die Kanzel
Im Hohenloher Land zwischen Neckar und Tauber ist deutsche
Geschichte
allgegenwaertig. Burgen, Herrensitze und Schloesser deuten auf einstige
politische Bedeutung hin. In den Staedten, an wichtigen europaeischen
Routen,
bezeugen imposante Kirchen, Rathaeuser und Fachwerkbauten, dass sich
hier
fruehzeitig eine buergerliche Kultur entwickelt hat, die auf Glaube,
Ordnung
und Haeuslichkeit gruendete. Vergilbte Dokumente in den Archiven aber
machen
deutlich, wie kraftvoll im Hohenlohischen die unteren Volksschichten
schon
waehrend des Bauernkrieges soziale Gerechtigkeit forderten. Das
Nebeneinander
von Adel, Geistlichkeit und Buergertum, die Symbiose von Franken und
Schwabeen,
der Wechsel von wuerdigem Ernst und heiterer Ruhe wird besonders
deutlich
in Oehringen, der ehemaligen Residenzstadt, die seit dem 11.
Jahrhundert
aus einem Chorherrenstift entstand und in der sich unter denen von
Hohenlohe
ein gebildetes Patrizier- und Beamtentum entwickelte. Durch diese
Landschaft,
diese Stadt und diese Umstaende wurde eine Familie gepraegt, aus der,
nach
bescheidenen Anfaengen, seit fuenf Generationen immer wieder Menschen
hervorgehen,
die im geistigen oder im oeffentlichen Leben Deutschlands eine
herausragende
Rolle spielten: die Weizsaeckers.
Dieser Herkunft wegen halten sie nun alle fuenf Jahre in
Oehringen ein
Familientreffen ab. Und auch die Beruehmten unter ihnen sind dann,
gleich
den vielen Unbekannten, nur Verwandte. Unter den 120 Weizsaeckers und
Weitzsaeckers,
die am 23. Und 24. Mai 1987 zu ihrem Familientag zusammen kamen,
befanden
sich in Oehringen ganz privat Richard vopn Weizsaecker, der sechste
deutsche
Bundespraesident, und der Meimsheimer Mueller Ernst Weitzsaecker, im
festlich
dunklen Anzug der weltbekannte Physiker und Philosoph Professor Carl
Friedrich
von Weizsaecker und der Hals/Nasen/Ohren-Arzt Dr.Wolfgang Weitzsaecker,
der wegen seiner legeren Kleidung bei den Sicherheitsbeamten des
Staatsoberhaupts
Argwohn erregte, da waren zahlreiche Kinder von ueberall aus der
Bundesrepublik
und der 77jaehrige Frederick Weitzsacker aus Buffalo in den USA. Unter
der Regie von Ingrid Hubing-Weizsaecker lieft 1987 in Oehringen
waehrend
der beiden Tage ein dichtgedraengtes Programm ab, mit Empfang im
Rathaus
und Gottesdienst in der spaetgotischen Stiftskirche am Marktplatz, in
der
vor 260 Jahren ein Vorfahr gepredigt hatte, mit einer Ausstellung von
Stammbaum,
Dokumenten sowie alten Portraets, drei Referaten ueber Ahnen und einem
Abstecher in das 6km entfernte Schloss Neuenstein. Im dortigen
Kaisersaal
begruesste der 54jaehrige Kraft Hans Konrad Fuerst zu
Hohenlohe-Oehringen
die Nachkommen eines Muellers, der 330 Jahre zuvor ganz in der Naehe
Untertan
gewesen war. Bei Ochsenruecken, Beinschinken und Wein kam in der
historischen
Kueche des Schlosses zwischen den Weizsaeckers und den Weitzsaeckers am
Abend dieses 23. Mai bald eine angeregte Unterhaltung auf. Und hie und
da auch wieder die alte Frage: Was bedeutet eigentlich der
Familienname?
*Wenn's um den Namen geht*, bekannte Carl Friedrich von
Weizsaecker,
*dann sage ich immer: Denken Sie an einem Mueller mit Weizen und Sack!*
Eine Auslegung, die schon im 18. Jahrhundert in die buergerlichen
Familiensiegel
und 1916 in das Freiherrnwappen Eingang gefunden hatte: Darin
figurieren
stets drei goldene Weizenaehren. Auch der schwaebische Schriftsteller
und
Familienforscher Ludwig Finckh neigte dieser Ansicht zu, denn so
schrieb
er 1928, *der erste Weizaecker, der auftaucht, ist ein Mueller.*
Sprachforscher
wie Professor Rudolf Kapff aus Urach stimmten zu. Andere wiesen dagegen
darauf hin, dass die Berufe im vorliegenden Fall erst seit etwa 1600
feststuenden,
dass aber die Zunamen bereits mehr als 300 Jahre frueher entstanden
seien.
Ein Teil dieser Gelehrten fuehrte die Sippenbezeichnung Weizsaecker,
beispielsweise
parallel zu Gerstaecker, auf einen unbekannten Stammvater zurueck, der
*an einem Weizenacker gewohnt oder ihn bebaut* hatte. Auch als
urspruengliche
Lagebezeichnung wurde der Name interpretiert, als Adresse eines
Bauernhofes,
der, von einem mutmasslichen Landwirt namens Weiss einst am aeussersten
Rande eines neuerschlossenen Gebietes erbaut, *der Weissen Eck* genannt
worden war, was freilich sogleich die Philologen zurueckwiesen, weil im
Deutschen eine Abschleifung von *ssen* in *z* nirgendwo vorgkeommen
ist.
Spekulationen und Widersprueche in Fuelle also.
Der 1984 verstorbene Ahnenforscher Dr. Joachim Weitzsaecker,
ein Arzt
aus Brackenheim, der 1939 den ersten Familientag in Stuttgart-Bad
Cannstatt
organisierte, hielt diejenige Erklaerung seines Nachnamens fuer die
plausibelste,
die der Geistliche und Genealoge Andreas Schmidtner schon 1872 in
Weilheim/Oberbayern
veroeffentlicht hatte. Diese Deutung war nicht von fiktiven Vorfahren,
Berufen oder Adressen, sondern von der mittelhochdeutschen
Wortbedeutung
ausgegangen. Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein hatten
Schriftkundige
den Namen zwar nach Gehoer, Gutduenken und Mode unterschiedlich, wie
z.B.
Watsacher, Wazach, Wadsackherer, Waadsack oder Wattsacker, zu Papier
gebracht.
Stets war dabei jedoch - unveraendert oder durch ein eingefuegtes a,e,i
respektive y gedehnt oder in abgeschliffener Form - die Silbe *wat*
aufgetreten,
die im 12. Bis 14. Jahrhundert, z.Zt. der Entstehung der Familiennamen,
soviel wie *Kleidung* oder *Tuch* bedeutet hatte. Ein Watsack, den
uebrigens
der mittelalterliche Dichter Hans Sachs bei seiner Beschreibung des
Handwerks
erwaehnte, wa also ein Behaeltnis, ein Beutel, Sack oder Ranzen, in dem
ein Kleidungsstueck -wie auch anderes- verstaut werden konnte. Diesen
Vorgaenger
des Koffers stellte der Watsacker her, der mithin eine Taetigkeit
ausuebte,
der derjenigen des heutigen Sattlers aehnelte. Der Name Wei(t)zsaecker
bedeutet demnach soviel wie Sattler. Ausser der Wortgeschichte spricht
fuer diese These auch die Tatsache, dass sich unter den Vorfahren der
Weizsaeckers
Schuhmacher befinden, Angehoerige eines Berufes, der dem des Sattlers
nahe
verwandt ist.
Ein Lautwandel im Familiennaen, so der Forscher aus
Brackenheim, erfolgte,
als sich 1648 ein Niclaus Wadsacker im Hohenlohischen niederliess. Dem
dortigen fraenkischen Dialekt gemaess, der *breit* in *braat* und
*Weide*
in *Waad* verwandelte, wurde die Namenssilbe *Wad* vermutlich als
mundartliche
Sprechweise aufgefasst und in der Schriftsprache in *Waid* oder *Weid*
umgekehrt, wobei sich gleichzeitig nach dem Gehoer die anschliessende
Lautkombination
*ds* in *tz* oder einfach *z* veraenderte. Diese Annahme wird auch
dadurch
gestuetzt, dass sich in anderen Teilen Deutschlands, in Niedersachsen
zum
Beispiel, die alte Namensform Wadsack erhalten hat. Im Hohenloher Land
und seinen Nachbargebieten aber setzen sich die Schreibweisen
Weizsaecker
und Weitzsaecker bis zum Ende des 18. Jahrhunderts durch. Eine
einleuchtend
klingende Interpretations des heutigen Familiennamens. Indes, auch sie
ist, wie so vieles in der Sprachgeschichte, umstritten. Um aber die
Entwicklung
deutlich zu machen, wird in diesem Kapitel der Name Weizsaecker stets
so
geschrieben, wie das zur jeweiligen Zeit vorwiegend der Fall war.
Klarer als die Deutung des Namens erscheint die Herkunft der
Wei(t)zsaeckers,
wenn man akzeptiert, dass sie Nachkommen einer mittelalterlichen
Familie
namens Watsacher sind. Am 17. Mai 1282, so steht es in
zeitgenoessischen
Urkundbuechern, leistete ein Ulrich Watsacher, Buerger von Weilheim,
beim
Verkauf seines Gutshofes, des *Niwehaus bei Watacher*, einen Eid
hinsichtlich
der Rechtsverhaeltnisse. 1482 erhielt ein Kainz Waytsecker das
Buergerrecht
dieser Stadt im Pfaffenwinkel, das in den folgenden 100 Jahren noch
sechs
anderen Personen gleichen Namens gewaehrt wurde. Mitglieder dieser
Familie
sind in den Weilheimer Ratsprotokollen, aber auch in den dortigen
Strafregistern
verewigt worden. Wolf Wattsackherer beispielsweise erhielt 1598,1603
und
1606 Strafen wegenHolzdiebstahls, sein Verwandter Thmas Wadsackherer
1607
wegen Ungehorsams sowie 1622 wegenWilderns und im selben Jahr der
Bierbrauer
Manng Wattsacxkherer wegen der Weigerung, seinen Gerstensaft preiswert
im Ort auszuschenken. Ueber die Jahrhunderte hinweg und trotz mehrerer
Besitzerwechsel aber hat sich bis heute der Name jenes 1282 bei
Weilheim
veraeusserten Gutshofes erhalten: Waitzacker.
Der Ursprung der Weizsaeckers lag somit wahrscheinlich in
Oberbayern,
in dem reichen Landstrich zwischen Starnberger See, Staffelsee und
Ammersee.
Von hier aus breiteten sie sich ueber Mitteleuropa aus. In Lahnstein am
Rhein, im Kurfuerstentum Trier, lebte schon 1282 en Henricus Waitsack.
1341 erwaehnten Baseler Urkunden Burchardus Watsack. Der Schuhmacher
Hans
Watsack gehoerte 200 Jahre spaeter in Zureich dem Grossen Rat, dem
Kantonsparlament
an. Und 1639 gab es in Wolfenbuettel einen Zinngiesser namens Heinrich
Waetsack.
Ein geschaeftstuechtiger Ritter
Von ganz besonderem Belang fuer die Familiengeschichte der
Weizsaeckers
waren die Vorfahren, die sich im 13. Jahrhundert in der Grafschaft
Zweibruecken
ansiedelten. Zwischen Oberbayern und der Pfalz bestanden enge
Beziehungen,
seit beide Territorien im Jahr 1255 bei einer Teilung des Wittelsbacher
Besitzes unter die Herrschaft des ehrgeizigen Grafen Ludwig II.
Gekommen
waren, der, mit der Kurwuerde ausgestattet, seine Habe beiderseits des
Theins zu einem neuen politischen Kraftfeld ausbaute. Es ist deshalb
durchaus
wahrscheinlich, dass sich damals nicht wenige Bewohner des
Voralpenlandes
hoffnungsvoll gen Westen in das aufbluehende Gebiet ihres Regenten,
aufmachten
und dass sich darunter auch Angehoerige der Familie Watsacher aus
Weilheim
befanden.
Jedenfalls wurde am 11. April 1294 in einer Urkunde des Grafen
Walram
I. Von Zweibruecken ein gewisser Peter Wazach als Ritter erwaehnt, der
46 Jahre danach unter dem Namen Peter Wadtsacker in Dokumenten des
Zisterzienserklosters
Woerschweiler, unweit des heutigen Homburg/Saar, auftauchte. Er war
offenbar
sehr geschaeftstuechtig und beguetert, erwarb nicht als graeflicher
Vasall,
sondern persoenlichin den Ortschaften Ober- und Niederbexbach grosse
Grundstuecke
sowie Privilegien und verteilte schliesslich sein Erbe, da er
anscheinend
kinderlos blieb, auf nicht weniger als 25 Angehoerige des pfaelzischen
Kleinadels. Sie oder ihre Nachkommen uebereigneten dann diese
Laendereien
und Rechte dem Kloster. An jenen Peter Wadtsacker aus Zweibruecken
erinnern
noch heute die Flurnamen Wadsackers Wiese sowie Im Wadsacker Woog bei
Homburg
und -die einstige Woogsacker Muehle in der Gemarkung Niederbexbach, die
urspruenglich, der pfaelzischen Mundart gemaess, *Woodsacker Miehl*
hiess,
bis der Name 1843 von Amts wegen auf einer Flurkarte irrtuemlich
*berichtigt*
wurde. Mit dem reichen Ritter begannen, zumindest in einer Seitenlinie,
die Vorfahren der Familie Weizsaecker, die etwas mit *Weizen und Sack*,
mit dem Muellerhandwerk, zu tun hatten.
Wer die *Woodsacker Miehl* erbaut hat, ob Peter Wadtsacker
selbst, einer
seiner Erben oder die Abtei Woerschweiler, ist unbekannt. Dass sie auf
dem Grund und Boden des Ritters errrichtet wurde, steht dagegen fest.
Seit
1526 gehoerte sie unmittelbar dem Moenchsstift. Im Zuge der Reformation
schloss jedoch Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibruecken das Kloster und
eignete
sich u.a. auch die idyllisch gelegene Wassermuehle in Niederbexbach an.
Als Paechter folgte hier um 1610 ein Hans Wazacker seinem Schiegervater
Thomas Martin Hansen als Mueller. Der neue Besitzer war zwar kein
direkter
Nachfahr jenes wohlhabenden Ritters, dem 300 Jahre zuvor das
Muehlengrundstueck
in Niederbexbach gehoert hatte -der war ja kinderlos verstorben.
Zweifellos
muessen aber die beiden zu derselben Sippe gerechnet werden. Der
Mueller
Hans Wazacker starb waehrend des Dreissigjaehrigen Krieges, wodurch
seine
Kinder, wie die Tochter Elisabeth schrieb, *ins Elend undt in die
Frembte
gerathen, worinnen wir uns auch verschiedene viel Jahre ufgehalten*.
Als
sie schliesslich heimkehrten, war die Woodsacker Muehle, wie das
benachbarte
Dorf und Schloss Hansweiler, eingeaeschert. Ein Versuch der Wazacker
Nachkommen,
das Gewerbe des Vaters wieder aufzunehmen, scheiterte 1664, zumal sich
auch der zwoelf Hektar grosse Muehlenweiler als Wasserspeicher in
verrottetem
Zustand befand. Damit endete die Rolle der Weizsaecker-Vorfahren in
Niederbexbach.
Erst 26 Jahre spaeeter baute ein fremder Mueller namens Nickel Lock den
Betrieb wieder auf, der dann unter verschiedenen Eigentuemern bis 1941,
bis zur Umwandlung in einen Bauernhof, bestand.
Ein aehnliches Schicksal erlitt waehrend des Dreissigjaehrigen
Krieges
im Herzogtum Pfalz- Zweibruecken auch eine andere Familie, die nur 10
Kilometer
weit von der Woodsacker Muehle entfernt in Waldmohr am Glan lebte und
ebenfalls
Wazacker, Wadsacker oder Waadsecher hiess. Ihre Angehoerigen sind
direkte
Vorfahren der heutigen Wei(t)zaeckers. Aus Kleeburg im Niederelsass,
einer
Exklave des Herzogtums Pfalz-Zweibruecken suedwestlich von Weissenburg,
war vor 1610 Friedrich Wadsacker, der Sohn eines gleichnamigen Muellers
und dessen Ehefrau Aurelia, nach Waldmohr zugewandert. Frankreich hatte
naemlich im Erbolgestreit um die niederrheinischen Herzogtuemer Juelich
und Kleve zum grossen Krieg geruestet, wodurch deutsche Aussenposten
wie
Kleeburg gefaehrdet worden waren. In Waldmohr andererseits hatten
damals
ein Stiefonkel des Friedrich Wadsacker als Seelsorger und ein anderer
als
Schulmeister gelebt; ausserdem war hier offenbar die Muellerstelle frei
gewesen. So fiel es dem Neuankoemmling wohl nicht schwer, in dieser
Gemeinde
das Buergerrecht zu erwerben und die Muehle zu uebernehmen. Im uebrigen
heiratete er bald die Pfarrerstochter Maria Brinkmann. Zweifellos
gehoerte
er nach allem zu den einflussreichen Einwohnern von Waldmohr.
Auch diese Entwicklung endete im Dreissigjaehrigen Krieg.
Friedrich
Wadsacker starb 1645, und seine Witwe sowie vier der Kinder verliessen
sofort die verwuestete Pfalz, als 1648 endlich wieder Friede herrschte.
Hans,, der juengere, 1617 geborene Sohn, siedelte sich mit der Mutter
und
zwei Schwestern in Loewenstein bei Heilbronn an, sein fuenf Jahre
aelterer
Bruder Niclaus zog noch 20 km weiter nach Osten - ins Hohenloher Land,
eine halbe Stunde von Neuenstein entfernt auf die Ziegelmuehle, die
auch
den Namen Berndts- oder Bernhardsmuehle trug. Hier wurde er zum
Stammvater
aller zwoelf Zweige, die heute die Familie Wei(t)zsaecker bilden.
Neuenstein war in der Heimat des Niclaus Wadsacker vermutlich
bekannt
gewesen. 1615 hatte Kraft Graf zu Hohenlohe-Neuenstein die Pfalzgraefin
Sophia geheiratet, und auch in den unteren Bevoelkerungsschichten hatte
es, wie alte Kirchenbuecher beweisen, enge persoenliche Beziehungen
zwischen
den beiden Regionen gegeben. Allerdings war auch das Hohenloher Land
seit
1618 mehrmals ausgepluendert und durch zwei Pestepidemien entvoelkert
worden;
in Neuenstein war andererseits schon 1609 die Fron fuehlbar erleichtert
und zum Teil durch eine jaehrliche Geldgabe ersetzt worden. Ausserdem
sah
in diesem Gebiet an der Fernstrasse vom Rhein ueber Nuernberg zur Donau
die Zukunft nach Ende des Krieges rosiger aus als in der entlegenen
Pfalz.
Unter solchen Umstaenden verdingte sich der 36jaehrige Niclaus
Waidsecker
auf der Ziegelmuehle, ehelichte zwei Jahre spaeter, am 23. Oktober
1650,
in der schlichten Neuensteiner Stadtkirche die 20jaehrige Elisabeth
Firnssler,
die Tochter seines Arbeitgebers, und liess sich 1660 die Haelfte der
Muehle
sowie den dazugehoerigen Boden im Wert von 752 Gulden und 30 Kreuzern
ueberschreiben
(das Jahresgehalt eines Pfarrers betrug damals 100 Gulden). Fuer das
Erblehen
hatte er pro Jahr einen Goldgulden in bar, ein Huhn zur Fastnacht und
zwei
im Herbst sowie anderhalb Pfund Wachs als Zins an seinen Landesherrn,
den
Grafen Wolfgang Julius von Hohenlohe-Neuenstein, zu entrichten. In den
zahlreichen Rechtsangelegenheiten, die mit der grossen angeheirateten
Familie
Firnssler zu klaeren waren, tauchte sein Name als Niclaus oder Niclas
Waadsecher,
Waidsacher oder Weidtseckher auf, waehrend seine Schwaeger auch
Fuernssler
oder Foernssler genannt wurden. Die Ziegelmuehle florierte, und um sie
herum entstand ein Weiler. Da starb am 23. April 1673 der erfolgreiche
Niclaus Waidsecker im Alter von 61 Jahren. Die Muehle fuehrte sein
gerade
21jaehriger Sohn Hans Kraft weiter, waehrend die Witwe sich nach
einiger
Zeit in der Gegend von Bartenstein erneut vermaehlte - wieder mit einem
Mueller. Den Stammbaum zu den heutigen Weizsaeckers aber setzte in
direkter
Linie der juengere Sohn Johann Heinrich fort.
Auf und Ab eines Muellergeschlechts
Das Dorf Eckartsweiler liegt knapp 3 km westlich von
Neuenstein zwischen
der Hohenloher Ebene und dem klimatisch milderen Gebiet um Oehringen
inmitten
fruchtbarer Fluren. Waehrend des Dreissigjaehrigen Krieges veroedet,
gab
es hier 1673 bereits wieder zwoelf Wohnhaeuser, in denen etwa 110
Menschen
lebten. Die Muehle des Ortes, die dem Grafenvon Hohenlohe- Neuenstein
gehoerte,
war aber noch eine ausgebrannte Ruine. Das Erblehen, auch fuer
zusaetzlichen
Grund und Boden, hatte allerdings Niclaus Waidsecker einige Monate vor
seinem Tod erworben. So ueberrascht es kaum, dass auf der Ziegelmuehle
sein aeltester Sohn Hans Kraft die Bauerntochter Veronica Halbisch aus
Eckartsweiler zur Frau nahm und dass sein anderer Sohn Johann Heinrich
im Fruehling 1680 begann, die eingeaescherte Muehle in Eckartsweiler
und
damit fuer sich selbst eine Existenz aufzubauen. Im folgenden Februar
heiratete
er in der Neuensteiner Stadtkirche die 23jaehrige Anna Magdalena Roth
aus
Belzhag.
Indes, die Zeiten waren unruhig. Im November 1688
brandschatzten franzoesische
Truppen das Land, und die anschliessende Befreiung durch kaiserliche
Kroaten
verursachte nicht minderen Schrecken; 1692 fielen erneut die Franzosen
ein, und im Juni 1707 schaedigte ein Reichsheer die Region.
Wirtschaftliche
Rueckschlaege waren die Folgen. Johann Heinrich Weitzaecker konnte
deshalb
den Wiederaufbau der Eckartsweiler Muehle wahrend seiner Zeit als
Mueller
nich vollenden. Das schaffte erst 1727 sein zweiter Sohn Wolfgang
Friedrich,
wie Inschriften im dortigen Wohnhaus beweisen. Zwei Jahre spaeter
verschied
der Vater, 75 Jahre alt, am Tag vor dem Heiligen Abend.
Wolfgang Friedrich Weidsecker war damals bereits dabei, den
Besitz durch
Kaeufe von Aeckern und Wiesen zu mehren. Auch seine beiden Ehefrauen
stammten
aus angesehenen, wohlhabenden Familien. Am 21. April 1711 fuehrte er in
der Stiftskirche zu Oehringen die 20 Jahre alte Margarethe Barbara
Borth,
die Tochter eines der bestsituierten Bauern von Eckartsweiler, zum
Traualtar.
Schon fuenfeinhalb Jahre spaeter schloss sie sie Augen fuer immer. Nach
fuenf Monaten vermaehlte sich der Witwer mit der gerade 21jaehrigen
Maria
Katharina Schloesser, deren Vater in Pfedelbach suedlich von Oehringen,
in der Residenz eines Nebenastes der Hohenlohe, Hofschuhmacher war. Aus
dieser Ehe ging die juengere, die hohenlohische Linie der Familie
Weizsaecker
hervor. 1729 erblickte der Sohn Andreas Heinrich das Licht der Welt. Er
erbte die Muehle, als sein Vater am 3. Oktober 1747 starb. Sein sieben
Jahre juengerer Bruder Gottlieb Jacob aber trat als Mundkoch in
fuerstliche
Dienste und eroeffnete den Weidseckers voellig neue Perspektiven.
Doch wo war etwa 40 Jahre vorher der aeltere Bruder des
tuechtigen Wolfgang
Friedrich Weidsecker geblieben? 1683 geboren, hatte Johann Heinrich -er
fuehrte die gleichen Vornamen wie sein Vater- daheim das
Muellerhandwerk
erlernt und war dann in Richtung Suedwesten fortgezogen, vom
fraenkischen
Hohenlohe in das schwaebische Wuerttemberg, nach Unterweissach im
Iberamt
Backnang. Dort pachtete er die oertliche Muehle, hielt Hochzeit und
begruendete
die aeltere, wuerttembergische Linie der Weizsaeckers. Nach einem Leben
mit mancherlei Erfolgen verstarb er im Alter von 75 Jahren. Seine
Soehne
aber wurden wie auch ihre beiden Vettern in Eckartsweiler zu den
Urvaetern
der zwoelf Zweige, in die sich heute die Stammtafel der Wei(t)zsaeckers
gliedert.
In saemtlichen Zweigen ist nach und nach ein Wechsel von dem
urspruenglich
fast stets ausgeuebten Muellerhandwerk zunaechst zu geistlichen oder
paedagogischen
Taetigkeiten und schliesslich zum Staatsdienst, zum wissenschaftlichen
Arbeiten und zu den freien Berufen festzustellen. Um die letzte
Jahrhundertwende
brachten es beispielsweise ein Theodor Weizsaecker immerhim zum
wuerttembergischen
Postpraesidenten nebst Personaladel, dessen Sohn, ohne Adeldspraedikat,
zum Badearzt in Wildbad im Schwarzwald, Wilhelm von Weizsaecker aus
Ellwangen,
um 1864 ein begeisterter Fuersprecher der deutschen Einheit, zum
Landgerichtsrat
in Oehringen und Heinrich Weizsaecker zum Professor fuer
Kunstgeschichte
in Stuttgart.
Da gibt es einen Meimsheimer Zweig, zu dem der schon erwaehnte
Arzt
und Ahnenforscher, der jetzt letzte deutsche Mueller in der Familie
sowie
Verwandte in Buffalo/USA gehoeren. Dieser Teil der Sippe leitet sich
ebenso
von einem Johann Michael Weitzsaecker aus der wuerttembergischen Linie
her wie der Heslach-Murrhardter, der Oberriexingen-Pforzheimer und der
Turin-Bukarester Zweig. Sein Bruder Johann Christian wiederum
etablierte
den Brackenheimer Ast, aus dem sich im 19. Jahrhundert, auf der Suche
nach
dem grossen Glueck in der Ferne, ein Chicagoer sowie ein Prager Zweig
abspalteten;
zu letzterem zaehlte der 1886 geborene Professor Wilhelm Weizsaecker,
der
in den 20er und 30er Jahren in der tschechoslowakischen Hauptstadt
Bergrecht
lehrte. Von Johann Karl Friedrich Weizsecker, dem Enkel jenes
Unterweissacher
Muellers, gingen ein Teinacher und, durch Emigration um 1800, ein
Elsaesser
Zweig aus, dessen Angehoerige heute zum Teil auch in Suedfrankreich
leben.
In der hohenlohischen Linie aber gruendete Andreas Heinrich Weidsecker
einst den Eckartsweiler Ast, waehrend mit seinem juengeren Bruder, dem
Mundkoch, ein Bremer und der renommierte Oehringer Zweig
begannen.
Bezieht man in diesen Ueberblick noch die angeheirateten und
die entfernteren
Verwandten der Weizsaeckers aus den letzten dreieinhalb Jahrhunderten
mit
ein, so erscheint in dem erweiterten Stammbaum auch eine grosse Anzahl
anderer beruhmter Namen. Maria Wadsacker, eine der beiden Schwestern,
die
1648 mit dem juengeren Bruder Hans und der Mutter aus der Pfalz in die
Gegend von Heilbronn ausgewandert waren, vermaehlte sich dort mit Georg
Foell, dem Richter des Amtes Kleinaspach. Das Paar hatte 12 Kinder. Zu
seinen spaeteren Nachkommen gehoeren der deutsche Theologe und
Widerstandskaempfer
gegen Hitler Dietrich Bonhoeffer mit seiner Familie, der Schweizer
Schriftsteller
Max Frisch und der ungarische Komponist Ernst von Dohnanyi nebst seinen
Enkeln, dem sozieldemokratischen Politiker sowie dem Dirigenten.
Die Nachfahren des Niclaus Waidsecker von der Ziegelmuehle in
Neuenstein
andererseits sind genealogisch um etliche Ecken herum mit dem
romantischen
Dichter Justinus Kerner verbunden, dessen Freund Ludwig Uhland sie
durch
eine Ahnengemeinschaft aus dem fruehen 17. Jahrhundert ebenso zu ihren
entfernten Verwandten zaehlen duerfen wie den Theologen Eduard Zeller
oder
die gemuetvolle Erzaehlerin Ottilie Wildermuth. Ueberhaupt reichen
mehrere
Nebenwurzeln der Familie tief in die schwaebische *Ehrbarkeit*, in das
staedtische Patriziat, das vor etwa 450 Jahren die politisch
entscheidende
Schicht des Landes bildete. Zur angeheirateten Verwandschaft der
Weizsaeckers
rechnet ferner seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Familie Weckherlin,
aus der 27 Jahre vorher ein koeniglich-wuerttembergischer
Finanzminister
hervorgegangen war. Durch dieselbe Hochzeit entstand in der Ahnentafel
auch eine weitlaeufige Verzweigung zu dem damals schon versotrbenen
Philosophen
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dem weltberuehmten Begruender des
dialektischen
Systems.
Naehere Verwandte der Weizsaeckers sind dagegen seit 1875 die
Traeger
des in Schwaben wohlbekannten Namens Bilfinger, unter deren Vorfahren
sich
neben Offizieren und Kaufleuten vor allem Theologen befinden sowie auch
der Philosoph und Mathematiker Georg Bernhard Bilfinger, den Zar Peter
der Grosse 1724 an die Sankt Petersburger Akademie berief. Eine ebenso
dichte genealogische Beziehung besteht zur Tuebinger Aerzte- und
Juristenfamilie
Bruns, die ihrerseits mit Nachfahren des hochangesehenen, 1929
gestorbenen
Generaldirektors der staatlichen Kunstsammlung in Berlin, Wilhelm von
Bode,
verschwaegert ist. Nicht weniger eng ist die Verbindung zwischen den
Weizsaeckers
und dem wuerttembergischen Zweig des uradeligen Geschlechtes
Graevenitz;
der Bildhauer und Maler
Fritz von Graevenitz
war muetterlicherseits ein
Onkel des Carl Friedrich und Richard von Weizsaeckers.
Verwandschaftliche
Faeden sind ausserdem seit 1919 zu der Gelehrtensippe Holthusen
vorhanden,
in die eine Tochter des schon erwaehnten Kunsthistorikers Heinrich
Weizsaecker
einheiratete. Aus Ehen, die in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts
geschlossen wurden, ergaben sich Familienbande zu den Nachkommen des
bedeutenden
deutschen Juristen Ludiwg Raiser und des Physik- Nobelpreistraegers
Werner
Heisenberg.
Was ist aber aus den Muehlen bei Neuenstein und in
Eckartsweiler geworden?
Hans Kraft Weitsecker und seine Ehefrau Veronica hatten im letzten
Viertel
des 17. Jahrhunderts drei Soehne und drei Toechter. Die Nachkommen
hielten
ihren Anteil an der Ziegelmuehle und konnten den Landbesitz sogar
verdoppeln.
Die Habschaft des Muellers Friedrich Gottfried Weidsaecker hatte laut
amtlicher
Schaetzung im Jahre 1805 einen Wert von insgesamt 1076 Gulden -eine
beachtliche
Summe. 30 Jahre darauf uebernahm jedoch der Mueller Georg Michael
Eslinger
diesen Teil der Ziegel- oder Bernhardsmuehle, als *Ehenachfolger* des
verstorbenen
Johann Michael Jacob Weidsaecker, wie alte Akten besagen. 1838 wurde
das
Anwesen nach einem Brand neu aufgebaut. 18 Jahre spaeter verkaufte
jedoch
Mueller Esslinger den gesamten Besitz an seinen Kollegen Peter
Hettenbach,
dessen Ururenkel den Mahlbetrieb 1959 einstellte. An die Weizsaeckers
erinnert
in der heutigen *Bernhardsmuehle*, einem Bauernhof, nur noch in der
Scheine
ein Sandstein aus einem frueheren Ofen mit eingemeisseltem Muehlrad
samt
Krone.
Auf der Muehle in Eckartsweiler, deren Wert einschliesslich
Aeckern
und Wiesen auf knapp 350 Gulden taxiert wurde, konnte sich zumindest
der
Erbe des 1795 verstorbenen Andreas Heinrich Weidsecker, trotz der
turbulenten
Napoleonischen Aera, noch achtbar behaupten; er war sogar Schultheiss
des
Ortes. Anno 1839 kam es jedoch zu einer Kette von Schicksalsschlaegen,
die der 34jaehrige Sohn Christian Friedrich nicht mehr meistern konnte.
Gleich am zweiten Tag jenes Jahres wurde sein 21 Monate juengerer
lediger
Bruder Johann Christian Heinrich, von Beruf ebenfalls Mueller, bei
einem
Streit in der Brauerei des Nachbarortes Cappel erschlagen. Bald darauf
starb der Vater Johann Friedrich Weizsaeker und wenig spaeter auch die
Mutter. Da fuer jeden einzelnen Nachlass eine betraechtliche Abgabe an
den Landesherrn entrichtet werden musste, bei der Muellerfamlie in
Eckartsweiler
aber die Erbfaelle sehr rasch aufeinander gefolgt waren, hatte der
ueberlebende
Sohn auch die noch nicht beglichenen Verbindlichkeiten der verstorbenen
Vorerben zu tilden, was ihn in grosse finanzielle Schwierigkeiten
brachte.
Und das um so mehr, als er auch noch fast 250 Gulden *Concessionsgeld
und
Gefaellschuldigkeit* aus frueher getaetigten Grundstuecksverkaeufen und
einen jaehrlichen Anteil zur Abgeltung aller Fronleistungen zu
begleichen
hatte.
Da Christian Friedrich Weizsaecker die Zahlung jener Abgaben
verweigerte
und auch eine gerichtliche Klaerung seiner Verpflichtungen drang,
begann
ein Kleinkrieg mit den Behoerden, der damit endete, dass der Mueller
Konkurs
anmelden musste. Die Muehle in Eckartsweiler erstand 1843 ein gewisser
Michael Miller aus Untersoellbach, der sie 1854 seinem Schwiegersohn
Christian
Pfisterer ueberliess. Heute dient sie als Wohnhaus. Inschriften aus dem
18. Jahrhundert, ein Wappen, der Muehlstein und alte Geraete haben die
einstige Bestimmung des Gebaeudes ueberdauert. Und auch diejenigen
Weizsaeckers,
die hier mehr als 160 Jahre lang gearbeitet haben.
Im Bannkreis der staatlichen Macht
Fuer die Entwicklung des prominenten Oehringer Zweiges der
Familie hatte
das Muellergewerbe allerdings schon um 1770 keine Rolle mehr gespielt.
Denn gleich der Begruender dieses Zweiges, Gottlieb Jacob Weidsaecker,
war ja in den illustren Bannkreis der Staatsmacht getreten, als
Mundkoch
des Fuersten Ludwig Friedrich Carl zu Hohenlohe-Oehringen. Einer der
vornehmsten
deutschen Dynastien entstammend, hielt dieser Landesherr in Oehringen
so
praechtig Hof, dass darueber selbst der anspruchsvolle Herzog Karl
Eugen
von Wuerttemberg staunte. Allein fuer das leibliche Wohl sorgten je ein
Haushofmeister, Furier, Mundkoch und Reisekoch, Konditor, Kuefner und
Tafeldecker
sowie zwei Gehilfen. Fuer diesen Regenten also war der Mundkoch
Gottlieb
Jacob Weidsaecker taetig. Seine Chancen hat er dabei fuer sich und
seine
Kinder zielstrebig und erfolgreich genutzt.
Am 15. Februar 1736 in der Muehle von Eckartsweiler zur Welt
gekommen,
hatte er nach der Schulzeit zwar zunaechst bei seinem Vater das
Muellerhandwerk
gelernt. Doch dann war er in dem nahegelegenen Oehringer Schloss vom
Kuechenchef
Georg Ludwig Scheuermann ausgebildet und wohl auch protegiert worden.
Jedenfalls
trat er mit 32 Jahren dessen Nachfolge als Mundkoch an. Wenige Monate
spaeter
heiratete er in der Oehringer Stiftskirche die 29jaehrige Elisabetha
Christina
Margaretha Scheuermann, die Tochter seines Lehrherrn und Vorgaengers in
der Schlosskueche. Die beiden hatten 4 Kinder, von denen nur der 1774
geborene
Stammhalter Carl Friedrich Gottlob ueberlebte. Er stieg in Oehringen
zum
Buergermeister und Polizeikommissarius, spaeter zum Stadtschultheiss
auf,
seine Frau kam immerhin aus dere Familie des Geheimen Rates Johann
Jakob
Bratz aus Schwaebisch Hall, und sein Sohn Julius August Franz erwarb im
Fruehjahr 1846 mit 28 Jahren die Apotheke in Kochendorf, noerdlich von
Heilbronn, fuer 6000 (nun abgewertete) Gulden. Das buergerliche
Familienwappen
des Oehringer Zweiges der Weizsaeckers mit drei goldenen Weizenaehren
in
blauem Schild auf gruenem Boden geht auf den Beamten an der Spitze der
hohenlohischen Residenzstadt zurueck.
-Ganz gewiss deutliche Symptome des gesellschaftlichen
Aufstiegs. Doch
zurueck zu dem Mundkoch und seiner Frau, die in sehr ertraeglichen
Verhaeltnissen
lebten. Gottlieb Jacob Weidsaecker bekam jaehrlich 60 Goldgulden in bar
sowie als Deputat acht Malter (etwa 2 Tonnen) Korn, sechs Malter
Dinkel,
vor allem fuer die Zubereitung von Spaetzle, ein Simri (fast 70 kg )
Salz,
15 Fass Wein, acht Klafter (rund 26 Raummeter) Brennholz und 100
Buendel
Reisig. Im Sommer 1776 bewarb er sich in Oehringen um das Buergerrecht,
da er fest damit rechnete, dass ihm dort sein Schwiegervater ein Haus
ueberlassen
oder vererben werde. Zwei Jahre spaeter hatte er mit seinem Gesuch
Erfolg.
Doch Anfang 1779 starb seine Frau. Dadurch zerschlugen sich offenbar
die
Hoffnungen auf ein Haus.
Vier Jahre lang blieb der Mundkoch verwitwet. Dann vermaehlte
er sich
am 18. August 1783 mit der 25jaehrigen Dorothea Carolina Greiss, der
Tochter
des Pfarrers von Buchenbach an der Jagst, im Norden des Hohenloher
Landes.
Aus Weidsaeckers zweiter Ehe gingen 5 Kinder hervor, von denen drei
ueberlebten.
Im Dasein des fuerstlichen Mundkochs verliefen die letzten Jahre
allerdings
wenig friedlich. Seine zweite Ehe war nicht harmonisch, sondern nach
der
spaeteren Bekundung seiner Frau *bekanntlich uneinig*. Carolina
Weidsaecker
warf ihrem Mann *Abneigung zu einem ordentlichen und eingezogenen Leben
und sparsamer Haushaltung* vor, ihre Mitgift von 330 Gulden sei deshalb
aufgezehrt worden. Aber auch Auslaeufer der Franzoesischen Revolution
sorgten
fuer Unruhe. Das an Erfolgen und Aufregungen reiche Leben des
fuerstlichen
Mundkochs Gottlieb Jacob Weizsaecker endete am 25. Oktober 1798 in
Oheringen.
Seine zweite Frau ueberlebte ihn um mindestens 18 Jahre und
zog sich
in dieser Zeit als *verarmte Witwe* noch das Missfallen ihres
Landesherrn
zu. Nachdem sie zwei Jahre lang in zahlreichen Eingaben um Geld fuer
die
Rueckkehr zu ihrer Verwandschaft nach Buchenbach oder zur Bezahlung von
Mietschulden gebeten hatte, verfuegte Fuerst Ludwig Friedrich Carl im
Februar
1801: *Unter der ausdruecklichen Bedingniss, dass die unertraegliche
Supplicantin
einmahl von hier wegkomt und sich hiernimmer sehen laesst, kann ihr das
verlangte ausgezahlet werden.* Fuer ihren *fleissigen Sohn* sei aber
weiterhin
zu sorgen.
Damit meinte der Regent den damals 16jaehrigen Christian
Ludwig Friedrich
Weizsaecker, der das Gymnasium in Oehringen als Primus absolvierte. Der
Schueler schrieb seinen Namen stets in dieser Form, und die wurde von
da
an im Oehringer Zweig und darueber hinaus beibehalten. Anfang Mai 1803
immatrikulierte sich Weizsaecker auf Kosten des Fuersten als
Theologiestudent
an der Universitaet Goettingen und hoerte bei dem Kirchenhistoriker
Gottlieb
Jacob Planck, dem Bibelkritiker Johann Gottfried Eichhorn und dem
Moraltheologen
Karl Friedrich Staeudlin Vorlesungen, bei drei Professoren, die aus
seiner
weiteren Heimat stammten. Ueberhaupt herrschte damals in Goettingen
eine
regelrechte Schwemme von Gelehrten und Studenten aus Schwaben und
Franken.
Kein Wunder, denn die politische Zukunft wurde gerade in den
sueddeutschen
Kleinstaaten nach der territorialen Neuordnung durch den
Reichsdeputationshauptschluss
und im Schatten Napoleons immer ungewisser. Am 30. Dezember 1805 nahm
Kurfuerst
Friedrich von Wuerttemberg mit franzoesischer Hilfe die Koenigswuerde
an
und okkupierte, unter Ausschaltung der bisherigen Regenten, die
Hohenloher
Gebiete. Von seinem LandsmannAugust Ludwig von Schloezer, dem
Erforscher
der altrussischen Geschichte, unterstuetzt, wartete Christian
Weizsaecker
nach dem Examen in Goettingen das weitere Schicksal seiner Heimat ab,
gab
am Gymnasium Unterricht in alten Sprachen und bewarb sich erst am 30.
Mai
1807 um eien Posten *im vaterlaendischen Dienst*, um *nicht ganz
unnuetz
und unbrauchbar zu seyn.*
Schon einen Monat spaeter wurde er von der fuerstlichen
Justizkanzlei
in Oehringen -aufgrund einer der letzten Befugnisse derer von
Hohenlohe-
zum Kaplan, zum dritten Geistlichen in Ingelfingen ernannt, rueckte
aber
Ende Februar 1808, noch vor Dienstantritt, infolge des ploetzlichen
Todes
seines dortigen Vorgesetzten in die Position des zweiten Seelsorgers,
des
Diakons, auf. In Ingelfingen blieb Weizsaecker 5 Jahre, hielt genau
nach
Plan Predigten, Katechismusunterweisungen und Betstunden, verlas
regelmaessig
die Epistel und lehrte waehrend der Woche in der oertlichen
Lateinschule.
Anfang Maerz 1813, waehrend sich anderwaerts die Befreiungskriege gegen
Napoleon I. ankuendigten, bewarb er sich mit Erfolg nach Oehringen.
Hier
musste Christian Weizsaecker, fuer etwas mehr Geld, dieselben Pflichten
wie in Ingelfingen erfuellen, fand aber noch Zeit, eine revidierte
Neuausgabe
des "Hohenlohischen Gesangbuches* zu schaffen -eine Arbeit, die die vom
aufklaererischen Spekulieren bedrohte Einheit der Kirchenliturgie
absichern
sollte. Im uebrigen verliebte er sich damals in Sophie Roessle, die
Tochter
eines fuerstlich-hohenlohischen Hofrats, und heiratete die 20jaehrige
am
19. November 1816 in der Stiftskirche Sankt Peter und Paul. Eine
glaenzende
Partie. Denn durch sie erhielt der Geistliche nicht nur eine
liebevolle,
sondern auch energische Frau. Christian Weizsaecker wurde ausserdem mit
massgebenden Beamten in Oehringen und durch seine Schwiegermutter, mit
Adligen verwandt, mit dem angesehenen Geschlecht Olnhausen etwa, das
mehreren
Dynastien Offiziere und Kammerherren, Prinzenerzieher und Leibaerzte
gestellt
hatte. Anfangf Maerz 1820 kam der Stammhalter zur Welt und erhielt den
Rufnamen Hugo. Ihm folgten 1822 und 1828 zwei Brueder, Carl und Julius,
von denen in den folgenden Kapiteln die Rede ist.
In Oehringen gab es seinerzeit in der protestantischen Kirche
drei Spitzenpositionen:
den Dekan, den Stadtpfarrer und den schlechter besoldeten
Stiftsprediger,
der jedoch seit dem Mittelalter geistlicher Beistand des Fuersten und
somit
dem Hofe nahe war. Letzteres Amt wurde Christian Weizsaecker Im Mai
1829
uebertragen, nachdem der Vorgaenger Karl Friedrich Eichhorn, ein Bruder
des Goettinger Professors, gestorben war und Stadtpfarrer Karl
Friedrich
Dietzsch aus gesundheitlichen wie finanziellen Gruenden verzichtet
hatte.
In der neuen Stellung zeigte sich, dass Weizsaecker *eine kritische
Ader*
besass. Er machte sich als Theologe seine eigenen Gedanken. Mehr und
mehr
wurde jedoch gleichzeitig klar, dass er an schwerer Tuberkulose litt.
Die
schlechte Gesundheit war vermutlich ein Erbteil seiner Mutter, die
sofort
nach ihrer Geburt die Nottaufe erhalten hatte -wegen bedrohlicher
Schwaeche.
Schon bald nach seiner Ernennung musste der kraenkelnde Weizsaecker,
ueberwiegend
auf eigene Kosten, einen Vikar zu seiner Entlastung einstellen, obwohl
er das Gehalt als Stiftprediger erst ab 7. Oktober 1829 bekam.
Stadtpfarrer
Dietzsch, der inzwischen auch Dekan war, leistete ebenfalls *viele
amtliche
Aushuelfen, die (ihm) bisweilen sauer wurden*. Doch seinem Kollegen
konnte
nicht mehr geholfen werden. Am 21. Januar 1831 starb Christian Ludwig
Friedrich
Weizsaecker nach einem 36 Stunden langen Todeskampf im Alter von 46
Jahren.
Karl Friedrich Dietzsch, als Dekan inzwischen gut gestellt, wurde nun
auch
zusaetzlich Stiftsprediger und sein Sohn Diakonatsverweser.
Sophie Weizsaecker aber, die 34jaehrige Witwe, nahm fuer ihre
drei Soehne
den Kampf gegen das Schicksal und gegen den sozialen Abstieg auf.
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