| (transcribed by Ingeborg
Brigitte Gastel Lloyd)
Dr. Johannes Widmann von
Maichingen
Dr. Johannes Widmann
von Heimsheim
von Walther Pfeilsticker
Erweiterter Abdruck aus Sudhoffs Archiv
41, Band Heft 3, September 1957. Die Arbeit lag im wesentlichen schon im
Maerz 1951 fertig vor. Ein sehr gekuerzter Vortrag ueber die beiden Leibaerzte
mit erstmaliger Vorfuehrung der fotografierten Glassscheiben wurde vom
Verfasser am 28. September 1954 im Schloss zu Sigmaringen vor der Gesellschaft
fuer Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik gehalten.
Erschienen in den Nummern 9 bis 12 von 1958 unserer Heimatblaetter, allerdings
ohne die Quellen.
Dieser Sonderdruck ist veranlasst vom Heimatsgeschichtsverein
fur Schoenbuch und Gaeu e.V. (Boeblingen, Galgenberg 48), zugleich fuer
den Verein fuer Familien- und Wappenkunde in Wuerttemberg und Baden eV
(Stuttgart-0, Heinrich-Baumann-Strasse 31).
Wilhelm Schlecht'sche Buchdruckerei, Verlag
des *Boeblinger Boten*, Boeblingen.
Seite 3
I.
Ueber diese beiden Gleichnamigen, der eine
von Maichingen, der andere von Helmsheim, ist in den vergangenen hundert
Jahren schon viel geschrieben worden, und die Literatur ist ziemlich unfangreich
und zerstreut. Will man sich mit dem einen oder anderen beschaeftigen oder
ihren Lebensschicksalen nachgehen, so ist dies ohne Beruecksichtigung des
Doppelgaengers kaum moeglich, denn die Lebenslaeufe dieser beiden Zeit-
und Berufsgenossen ueberschneiden sich in so eigenartiger Weise, daß
es nur vereinten Kraeften annaehernd gelang, ihre Einzelschicksale zu entwirren
und auseinanderzuhalten. Den wohl gruendlichsten Beitrag hierzu lieferten
die eingebenden Untersuchungen von Baas in den Jahrgaengen 1911
und 1926 der Zeitschrift fuer die Geschichte des Oberrheins. Sie lassen
jedoch noch genuegend Fragen offen, ja sie weisen auf Moeglichkeiten hin,
die Baas selbst auffallenderweise nicht ausgeschoepft hat obwohl wir gerade
ihm und seinen Entdeckungen neben dem wuertt. Geschichtsforscher Theodor
Schoen diese Hinweise verdanken. die bis zur Gegenwart auch in der Kunstgeschichte
voellig unbemerkt geblieben sind. Wie Baas es versaeumte, aus seinem medizinischen
Denkkreis herauszutreten und einen Blick in Nachbargebiete zu tun. so bewegten
sich die bisherigen kunsthistorischen Betrachtungenzu einseitig nur auf
ihrem ureigensten Gebiet, sodaß sich dadurch die Kunsthistoriker
fuer sie bedeutsame AUfschluesse im medizinischen-historischen Umkreis
entgehen liessen. So wenig die Geschichte einer Wissenschaft isoliertbetachtet
werden kann, so wenig passt dies fuer vergleichende Geschichte in die Landschaft,
aus der sie herrvorgegangen und in den Sippenkreis, in dem sie aufgewachsen
sind. Eine Mitberuecksichtigung der geographischen oder genealgischen Geographie
ist hei derartigen Unterschuchungen unerlaesslich, wie uns auf Schritt
und Tritt die neuzeitlichen Geschichtsforschungen der verschiedensten Disziplinen
beweisen.
Die wuertt. Geographie scheint im *Ausland*
eine Art dunkler Erdteil zu sein, und ihr Gebiet entspricht den weißen
Flecken, die unser Globus da und dort noch aufweist. Baas, der gruendlichste
aller Bearbeiter aller Widmann-Problems, haelt selbst noch in den Nachtraegen
von 1926 zu seinen Studien *Moechingen unweit Sindelfingen* fuer die richtige
Ortsbezeichnung und sagt, daß dieser Ort in der Literatur *oefters
entstellt, z.B. als Maichingen u.a.* vorkomme, während der unter Sudhoffs
Protektorat im Institut fuer Geschichte der Medizin in Leipzig 1925 doktorierende
E. Wild leichtes Alpdrücken verursacht, wenn er von dem Maichinger
Widmann schreibt: *Er stammt aus dem kleinen schwaebischen Doerfchen Moechingen
auf der rauhen Alp* (!), während Maichingen doch im *fruchtbaren Gefilde
sich ausbreitet*, das abseits der Schwaebischen Alb liegt. Und von Heimsheim
(Baas schreibt *Heinsheim*, das einmal in Baden vorkommt), so wenig ihm
bekannt wie Uhlands Ballade von den drei Schleglerkoenigen, sagt Baas,
dass es *ein mehrfach in Baden und Wuerttemberg vorkommender Ort* sei,
obwohl jedes Ortslexikon des Deutschen Reiches bestaetigt, daß es
nur ein einziges Heimsheim gibt und zwar nur in Wuerttemberg. Zum Geographischen
sei noch gesagt, daß die wuerttembergischen Orte, die in den Universitaetsmatrikeln,
besonders fuer Tuebingen und Heidelberg, im Zusammenhang mit dem Namen
Widmann (auch Moechinger und Salicetus) vorkommen, im wesentlichen sind:
Dagersheim im Kreis Boeblingen, 4,7 km von Böblingen entfernt, Darmsheim
ebenda, 5,8 km von Boeblingen und 4,5 km von Maichingen entfernt. Maichingen
selbst, gleichfalls im Kreis Boeblingen, 7 km von Boeblingen entfernt,
also alle in naher gegenseitiger Nachbarschaft, und alle in der damaligen
Zeit in der sich unsere Untersuchungen bewegen, dem StiftSindelfingen zugehoerig.
Nur Heimsheim, Kreis Leonberg liegt etwas abseitiger, etwa 12 km von Maichingen
entfernt. Nicht weniger beachtlich ist das sippenmaessige, das uns in den
Universitaetsmatrikeln durch die annaehernde Gleichzeitigkeit der Inscriptionen
aus denselben Ortschaften auffaellt, so in Wien Mangoldus Wydman de Tagersheim
1420, in Tübingen die Dagersheimer; Blasius 1510 Juni 5, Georg 1524
Juni 18*), die mit Mangod Widmann. dem Schreiber, und Konrad, dem Chorherrn
in Sindelfingen, Johannes Widman de Sindelfingen, 1438 in Wien im 2. Semester
immatrikuliert (Univ. Matr. Wien I. 2. Lieferung 1956), auch mit Nikolaus
Witman, immatrikuliert in Heidelberg 1451 Dezember 20 zu vergleichen waeren
(Toepke, Univ. Matr. Heidelberg Bd I Seite 155 und 269). Dann die Heimsheimer:
Ambrosius II, immatr. 1558 Februar 11, Johann 1481 Februar 12, Peter 1494
Januar 7, wozu noch kommt Hans Widmann genannt Schefe, Buerger zu Heimsheim
1487 Juni 19 (Urk. Nr. 10555), vielleicht Vater der beiden folgenden: Mangold
Widmann selig Bruder des Heimsheimer Arztes Johann Widmann
*) Ein Altdorfer Buerger Georg
Widmann beaufsichtigt 1584 als Leibarzt des Abtes und als Siechenmeister
des Klosters Weingarten die Distilliersstube der Weingartener Klosterapotheke.
S. *Beitraege zur Wuertt. Apothekengeschichte*, Bd. 1, Heft 1, Dez. 1908,
S. 23 und 24.
Seite 4
in Freiburg der in dessen Testament von 1530
Mittwoch naechst nach des Heiligen Kreuztags Inventonia d. i. 4. Mai, genannt
ist mit seinen *zween weltlich Sun*, leider ohne Berufs- und Ortsnamen
(Stadtarchiv Freiburg P VIII a 1). Weiter die Maichinger: Johann 1484 Juli
6, Paul 1490 Oktober 22 und Wolfgang 1502 Mai 31. Bemerkenswert ist ferner
die Gleichheit der Vornamen in den verschiedensten Orten und den verschiedensten
Familienkreisen der Widmaenner, wie dies besonders bei dem nicht allzu
haeufigen Namen Ambrosius in die Augen faellt; naemlich Ambrosius aus Maichingen,
immatrikuliert Tuebingen 1490 September 24, Ambrosius aus Heimsheim, imm.
Tübingen 1518 Februar 11 und Ambrosius aus *Moeringen*, d. i. Mühringen
Kreis Horb, immatrikuliert Tübingen 1574 September 22. Alle diese
Umstände draengen zu der Annahme, daß hier verwand schaftliche
Beziehungen vorliegen muessen, wofür wir den Beweis für unsere
zwei Johanne, den Maichinger und den Heimsheimer, zu erbringen haben.
Auf das Genealogische uebergehend, von dem
ich nur das Unentbehrlichste zum Verstaendnis der verwandschaftlichen Beziehungen
anführe, erleben wir in der Widmann-Sippe den nicht allzu haeufigen,
daher umso reizvolleren Geburtsvorgang eines Familiennamens. Im Jahre 1342
närnlich unter dem 9. November reversiert Mangolt l, der Maier von
Dagersheim, dem Stift Sindelfingen für das Erblehen des Widemhofs
zu Dagersheim (Urk Nr.12148; beachte Urkundenbuch von Esslingen 1337 September
23 und 1340 April 7. Wenn auch urkundlich nicht belegbar, so glaube ich
doch, diesen Mangolt unbedenklich als ersten bekannten Stammvater des Widmann
Geschlechts annehmen zu duerfen, denn in der angenommenen Stammlinie folgt
diesem ein Hans Widmann von Dagersheim, genannt 1430 Januar 21 als Vater
des 1433 Juni 8 schon verheirateten Mangold II von Dagersheim, der um 1400
geboren sein mag. Es werden also etwa zwei oder drei Generationen zwischen
dem Widemmaier Mangolt und Hans Widmann anzunehmen sein (Urk Nr; 1870 und
Rep. A 325 Geistliche Verwaltung Böblingen fol 38). Eines Werners
I. von Dagersheim Sohn Hans wird als Bürger in Stuttgart genannt.
1406 Juli 23 (Urk. Nr. 12665), ferner eines weiland Werner II, Dekans und
Pfarrers zu Dagersheim Seelwaerter 1454 August 12 (Url. Nr. 7336). In der
gedruckten Veröffentlichung sind die Namen der Seelwaerter, hier wohl
mit der Bedeutung Testamentsvollstrecker, verschwiegen, wir finden sie
aber im angegebenen Rep. im Kaufbrief des Schultheissen, Gerichts- und
Heiligenpflegers, und der Gemeinde zu Dagersheim namens der dortigen Heiligenpflege
für Konrad Widmann, Chorherrn zu Sindelfingen, Arideris Kruthacker,
Pfarrer zu Dagersheim, Mangold (III) Widmann, Kaplan zu Waldenbuch, gest
um 1469), Heinz Widmann von Moechingen und Hainz Widmann von Dagersheim,
saemtliche Seelwaerter desu verstorbenen Werner Widmann, Dekans und Pfarrer
zu Dagersheim. Hier glaubt man doch die Stimme des gleichen Blutes aus
gemeinsamen Stamme deutlich zu vernehmen. Weiter tritt ein Fruehmesser
Werner III -ohne Zuname- in Dagersheim 1478 Mai 1 auf (Urk. Nr.1715. auch
Urkundenbuch der Stadt Stuttgart, wo noch mehrere Dagersheimer angefuehrt
sind). Einer der angeführten Mangolds ist wohl personengleich mit
dem 1420 in Heidelberg inscribierten Mangold Wyedmann alias Ruefe (eines
Ruef Wydeman selig von Oberesslingen Kinder werden genannt 1363 ff im Urkundenbuch
der Stadt Esslingen Bd II. Ueberein Widmann-Siegel der Esslinger konnte
nichts in Erfahrung gebracht werden).
Dieser Mangold wird 1429 und 1446 als Mangold
Schreiber und als Hausbesitzer in Stuttgart genannt (Urk. Nr.12682 und
Wuertt. Viert.-Jahrs-Hefte 1906 S. 439). Er ist 1430 Schreiber Graf Ludwigs
I. zu Urach und spaeter Kanzler, tot 1460. Er hatte zusammen mit Schreiber
Michel von Waldorf das Messneramt zu Magstadt zu Lehen 1435, auch besaß
er 1443 einen Hof zu Pflugfelden, 1452 zwei Hoefe in Kornwestheim und um
1447 einen Hof in Oßweil. Er siegelte 1443 mit einem Schreibersymbol,
naemlich Tintenfaß und Federklei wie 1497 sein Sohn Konrad. Außerdem
siegelte er vor 1450 mit dem springenden Widder im Schild.
(Es ist im 15. Jahrh. nichts Ungewoehnliches,
daß in ehrbaren Familien zwei, ja sogar drei verschiedene Siegel
nebeneinander in Gebrauch waren, so z. B. bei den Gremp, Welling, Tegen.
Das Siegel mit dem Tintenfaß ist als Amtssiegel anzusehen. siehe
v. Alberti, wuertt. Adels- und Wappenbuch). Von seiner Frau Adelheid (Ellin)
Raemy von Nuertingen, als Witwe genannt - 1463 September 12, sind sieben
Kinder bekannt:
l. Mangold IV, Canonicus in Tuebingen, inscr.
1477/78, Rektor der Universitaet und Dr. Decretalium 1491, auch Assessor
beim Hofgericht 1493.
2. Konrad, Vogt von Marbach und Steinheim,
auch *Konrad* Mangolt, Sohn des Mangolt Schreiber* oder *Konrad Widmann,
genannt Mangold*. Er wurde 1494 durch Graf Eberhard V. gefangen gesetzt,
besaß 1491 den Hof zu Pflugfelden, siegelte 1497 wie sein Vater mit
dem Schreibersymbol, war eine zeitlang auch Buerger zu Brackenheim 1461
und 1487 und starb in Marbach 1508 auf Mittwoch nach Bartholomaei (Urk.
Nr. 12903). Leider ist auf seinem Grabstein außen am Chor
Seite 5
der Alexanderkirche in Marbach das Wappenschild
ausgebrochen.
3. Ludwig, genannt Mangold, 1455 war Doktor
und Rat 1481, Chorherr des Stifts in Tuebingen 1493, das mit Sindelfingen
zusammenhing, war auch Hofgerichtsbeisitzer noch 1497 und starb 1528.
4. Margarethe, verh. mit Berthold Bock d.
Ae., Schultheiss in Wildberg, tot 1477.
5. Adelheid, genannt 1457, wird von der Leibeigenschaft
befreit 1471 und war Gattin des Kanzlers Bernhard Schoeferlin.
6. Dorothea, heiratete vor 1478 Hans Helbrich,
Bürger in Leonberg und war tot 1483/84. 7. Barbara, vor 1457 verheiratet
mit Jakob Walther, genannt Kuehorn in Stuttgart (Ahnentafel Hegel Nr.2013
und Ahnentafel Zeller Nr. 3629).
Auf der gleichen Generationshoehe wie Mangold
IIl steht Konrad Widmann d. Ae. von Dagersheim, in Heidelberg immatrikuliert
1421/22, Kirchherr zu Hoefingen und Graf Ludwigs Kaplan 1434, spaeter Chorherr
zu Sindelfingen 1454-6, Kaplan des Stifts 1471 (Urk. Nr. 998, 1709, 12903
u. Toepke Bd. 1, S. 155), den wir wohl als Mangolds Bruder und somit als
Sohn des Hans Widmann von Dagersheim ansprechen duerfen. So verlockend
es nun waere, den Maichinger Johann Widmann als achtes Kind dem Ehepaar
Mangold Widmann und Adelheid Raemy anzuhaengen, so müssen wir zu unserem
Bedauern bis auf weiteres darauf verzichten, denn alle Mühe war bisher
vergebens, irgendeinen Hinweis einer Zugehörigkeit zu irgendeiner
dieser Familienglieder ausfindig zu machen, es wäre denn der Heinz
von Moechingen im Kaufbrief vom 12. August 1454, der der Zelt nach sehr
wohl als Vater des um 1440 geborenen Johann Widmann passen würde.
II.
Nach diesen nicht zu umgehenden genealogischen
Hinweisen ist es an der Zeit, auf seine, des Möchinger Widmann Persoenlichkeit
selbst naeher einzugehen. Ich halte mich im wesentlichen an die Ergebnisse
von Baas, die in der Zeitschrift fuer die Geschichte des Oberrheins, Neue
Folge Bd.26, 1911 und Band . 39, 1926 niedergelegt sind. Johann Widmann,
der Maichinger, geboren um 1440, trittzrum erstenmal in Erscheinung
als *de Moechingen* 1451 Oktober 1 in der Univ. Matrikel von Heidelberg,
wird dort Baccalaureus 1461 Juli 9 und Magister artium 1463 Maerz 19 und
zwar *sub Magistro Conrado Moechingen*. Nun verliert sich seine Spur in
der gedruckten Literatur, bis sie wieder auftritt in einer Handschriftensammlung
der Karlsruher Landesbibliothek, welche aus Widmanns Buechersammlung herrührt
und die im 17. Jahrhundert das Kloster St. Georgen erworben hatte. Diese
St George Hanschriften tragen die Nummern 43-49 und Nr.55. Unter diesen
erweckt die Nr. 48 unser besonderes Interesse, da in ihr von 1466 ab Vermerke
enthalten sind die besagen, daß sie geschrieben seien *in gymnasio
papiensi* oder auch in *studio ticinensi* - von Ticinum, wie Pavia vor
derLangobardenzeit hieß -, also geschrieben in Pavia. Damit wird
eine Stelle in Widmanns Schrift: *De pestilientia* belegt, wo er auf Blatt
42, co. 2, cap. 12, seinen *praeceptor Johannes Marlianus Papiensis* nennt.
so daß als gesichert anzusehen ist, daß Widmann in Pavia seinen
Studien oblag, ehe er nach Padua weiterzog.
Darueber gibt die St Georgener Handschrift
Nr. 45 Bescheid. In ihr ist ein Antidotarium des Pavianer, spaeter Paduaner
Professors Anthonio de Guanerii enthalten. wo auf Blatt 75 der Eintrag
steht: *die 17. Februarii anno 1468 scriptum padoe per Jo. W.* Wir erfahren
also dadurch, daß der Maichinger Anfang 1468 in Padua weilte. Aber
schon im gleichen Jahr hatte er Padua wieder verlassen und befand sich
auf Umwegen auf der Heimreise, wie ein Eintrag in der Handschrift Nr.48
auf Blatt 108 aufweist, naemlich: *Anno 1468 die alia post Margarethe virginis
gloriose (d. i.16. Juli) scriptum per Johannum Wiedman in Sclavonia in
opido petovianti*. Unter dieser Stadt ist Pettau an der Drave in Slovenien
zu ver stehen, heute suedslawisch Ptuj, das Widmann vermutlich ueber Venedig,
Trient, Laibach erreicht haben dürfte und wo er dann in der Bibliothek
des dortigen Klosters sich beschäftigt haben mag. In der gleichen
Handschrift Nr.45 auf Blatt 34 trägt Widmann frohen Herzens, abes
leider ohne Datum ein: *Finitum feliciter 1469 per Joh. Wid. Ulme*, wodurch
seine Rueckkehr in die engere Heimat bezeugt und sein (erster?) Ulmer Aufenthalt
festgelegt ist. In Ulm soll W. noch (oder wieder?) 1472 gewesen sein. Trifft
dies zu, so muß er innerhalb dieses Zeitraums in Ferrara gewesen
sein, wo er 1469 Mai 10 zum Doktor promovierte (siehe Sudhoff in Archiv
für Geschichte der Medizin Bd. 16, 1924 S. 10). In der Handschrift
Nr.49 schreibt er auf Blatt 1 zum ersten Mal seine neue Wuerde *Iste liber
est Mag(ist)ri Johannis Widmann doctoris in medicinis*. Was W. in den Ulmer
Jahren von 1469-1472 oder vielleicht bis 1474 getrieben haben mag, ist
bisher nicht bekannt Jedenfalls finden wir ihn in Ingolstadt wieder, wo
er unter dem 21. Maerz 1474 als *Medicinae chirurgiae doctor* eingeschrieben
ist. Die Annalen Ingolstadts zählen ihn zu den *Personae illustriores
ex inscriptis*. Bald darauf, schon 1476, stand er im Dienste des Markgrafen
von Baden und lebte wahrscheinlich in Pforzheim.
Seite 6
Aber den weltgereisten und wissensdurstigen
Mann hielt es dort nicht lange, denn unter dem 12. Juli 1477 wird er von
der Stadt Basel auf ein Jahr als Stadtarzt angenommen mit 24 Gulden Jahrsold,
aber ohne zum Lesen an der Universitaet mehr verpflichtet zu sein, *als
es ihm selbst gefalle*. Im Sommersemester 1477 laesst sich W. dann in Basel
an der Hochschule einschreiben, wo im gleichen Jahr, wie schon erwaehnt,
ein Gleichnamiger aus Pforzheim als bacc. art. sich einschreiben laesst
(Matrikel der Universitaet Basel I (1951), S. 129/43 und S. 148/23). Aber
schon 1478 kehrt er wieder aus Basel in die Dienste des Markgrafen Christof
I. zurueck und ist dessen Leibarzt bis 1483 oder 1484. Der Briefwechsel
von 1476 zwischen W., der Stadt Basel und dem Markgrafen ist abgedruckt
bei Baas, Zeitschrift fuer Geschichte des Oberrheins, 1926 S. 466. Die
Originale befinden sich im Stadtarchiv Basel (Miszellen, Bd. 78, 1926,
Missiven A 14, Oeffnungsbuch Stadt Basel V S. 187, Anmerkung).
In diesen Jahren steht Widmann in Briefwechsel
mit dem ihm befreundeten Domherrn Petrus Schott in Strassburg bis 1490,
niedergelegt in dessen Lucubratiunculae*, doch sind nur Schotts Briefe
dort zu finden, die teils nach Baden, teils nach Tuebingen gerichtet sind
und aus denen zu entnehmen ist, dass W. sich hoher Wertschaetzung erfreute
und ihm von allen Seiten grosses Vertrauen entgegengebracht wurde. In den
Jahren 1481 und 1483 war er aus aerztlichen Gruenden besuchsweise im Hause
Schotts in Strassburg. Dieser gibt in seinem ersten Brief vom 21. Juli
1481 ihm die Anrede *tamquam frater charissimus* und dankt ihm fuer die
lebensrettende Behandlung seiner Mutter. Der zweite Brief vom 6. Juli 1482
laesst erkennen, dass ausser Briefen auch Buecher von Strassburg nach Baden
fuer den Freund besorgt wurden. Aus dem dritten Brief vom 26. Mai 1483
geht hervor, dass Widmann Schotts Schwester in ihrer Krankheit in Strassburg
besucht hatte. Ein vierter Brief ist vom 14. August 1483. Im gleichen Jahr
am 3. November hat *meister Hans Widemann doctor in artzenye das burgerrecht
empfangne und ist yme das vergebens zugelossen uff montag nach Allerheiligen
und will dienen zur lutzernen*. (Eintrag im Strassburger Buergerbuch I,
S. 243). Unter *zur lutzernen* duerfte es sich wohl um eine Trinkstube
*Zur Laterne* gehandelt haben, in welcher eine Zunft ihr Stammlokal hatte,
denn jeder, der in die Dienste einer Stadt trat, musste bei einer Zunft
eintreten, auch wenn er durch seinen Beruf nicht zu dieser gehoerte. In
Strassburg z.B. gehoerten der *Zunft zur Luzern* die Korn- und Mehlleute,
auch die Chirurgen an. Ihr Zunftwappen war in Schwarz ein goldener Baer
mit silbernem Halsband, eine Laterne in den Tatzen haltend (siehe Paul
Martin, Die Hoheitszeichen der freien Stadt Strassburg 1200-1681 (1941).
Dieser Zunft gehoerte auch Paracelsus an. In anderen Staedten gehoerten
Aerzte auch anderen Zuenften an, so z.B. in Freiburg i.Br. 1537 der Malerzunft
*zum Riesen*, da die Aerzte gleich wie die Maler den Ebangelisten Lukas,
der Arzt war, als Patron verehrten (Brenzinger, Das Geschlecht der Brenzinger,
Bd. I, 1949, S. 204. Privatdruck bei Laupp, Tuebingen). Widmann-Moechinger
schreibt, ohne Datierung, *mynen herren, dem maister und raeten* und bezeichnet
sich als *kuenftiger artzt hie zu Straszburg*. Er wurde also Stadtarzt
in Strassburg und gibt in dem erwaehnten Schreiben verschiedene Anregungen,
so *juramenta vnd eyd, wie man zu Bamberg, Nuernberg vnd Wurtzburg den
apotekern geyt*, fuegt auch einige Ratschlaege hinzu, wie der unrechtmaessigen
Betaetigung von allerlei Kurpfuschern, auch der Scherer zu begegnen sei
oder fuer Schwangere und Gebaerende besser zu sorgen sei, als die derzeitigen
Hebammen dies taeten. Aber schon nach Verfluss von 3/4 Jahren, naemlich
schon 1484 Juli 6, wird *Johann Widmann de Moechingen utriusque medicine
doctor* an der Universitaet Tuebingen eingeschrieben und Petrus Schott
beschreibt unter dem 1. Maerz 1485 dem *ordinarie legenti in Thubingen*
seine eigene Krankheit und bittet des oefteren noch um Widmanns aerztlichen
Rat oder um seinen Besuch in Strassburg. Auch wuenscht er samr seinen Eltern
in diesem Brief der Gattin Widmanns *salubrem laetemque partum*. Widmann
sah also neuen Vaterfreuden entgegen, denn er war schon in Baden verheiratet
und hatte zwei dort geborene Soehne, naemlich den 1479 geborenen Beatus
und den 1481 oder 1482 geborenen Ambrosius. Wer aber war(en) seine Ehefrau(en)?
Die Mehrzahl der Quellen nennt eine Badenerin
namens Ingelhan. Woher diese Weisheit stammt, konnte ich nicht ermitteln.
Vielmehr war seine Gattin und die Mutter seiner Kinder Beatus und Ambrosius
Mechthild Baelz, Tochter des Heinrich Baelz, Schreiber, deren Geschlecht
einen Hahn im Schilde fuehrt. Von ihr sind 3 Briefe erhalten, aufbewahrt
im Wuertt. Staatsarchiv, von denen zwei bei Haller, die Anfaenge der Universitaet
Tueb., abgebildet sind. Auch erbte Widmann durch sie 1492 einen Hof in
Kornwestheim, der vorher Heinrice Schreiber gehoerte. Dieser Hof ist aber
ein anderer als derjenige, welcher dem Mangold dem aelteren gehoerte.
Der erste Sohn Beatus, als Wydman de Baden*
in Tuebingen inskribiert 1489 Nov. 19, war 1504 Professor des Kirchenrechts,
wie aus einem Gedicht des Heinrich Bebel an
Seite 7
den Vater hervorgeht, war dann vorderoesterreichischer
Kanzler, 1508 *tirolischer Kanzler* genannt, und Regimentsrat der oesterreichischen
Regierung. Er erwarb 1516 Schloss und Dorf Muehringen, Kr. Horb, wonach
er und seine Nachkommen sich nannten, ferner 1525 Gut und Dorf Kirchentellinsfurt.
Er siegelte mit dem springenden Widder noch 1523 und ebenso ein *Jakob
Widmann von Mieringen* 9. Juli 1627 (v. Alberti Wappenbuch Bd. 2, S. 1055;
Oberamtsbeschreibung Horb 1865 S. 22 f.; wuertt. medizin. Korrespondenzblatt
1896 S. 58; Zuericher Siegelsammlung. In Tuebingen sind immatrikuliert:
Claudius Widmann von Mehringen 1530 Maerz 10 und Christoph Widmann von
Moeringen 1530 August 7).
Beatus W. war mit Barbara Schad verheiratet,
einer Verwandten des Kardinals Matthaeus Lang. Er soll 1531 (oder 1537?)
August 13 gestorben sein. Nicht uninteressant ist seine Nachkommenschaft,
die ich ohne Verantwortung anfuehre. Eine Tochter Anna war Gattin von Ulrich
von Lichtenstein, eine andere war mit Wolf Leonhard Ifflinger v. Graneck
verheiratet, die dritte Brigitte war seit 1546 Frau von David Beetz v.
Rothenstein. Ein Sohn Wolfgang war 1546 bis 1550 Pfarrer in Ravensburg.
(Beachte den Maichinger Wolfgang Widmann, immatrikuliert TUebingen 31.
Mai 1503). Der Sohn Hans Jakob W. war Vogt zu Horb. Dessen Kinder waren
folgende: Anna Maria, verheiratet mit Hans Vol v. Wildenau; Barbara verheiratet
mit Andreas Ifflinger v. Graneck; Hans Christof mit Anna v. Dottingen,
deren Tochter Genevea mit Hans Christof Beetz v. Rothenstein verheiratet
war. Dieser letztere verkaufte Kirchentellinsfurt an Herzog Friedrich von
Wuerttemberg 18. Maerz 1594, Der Sohn Ambrosius wurde 1576 in Tuebingen
erstochen, der Sohn Hans Heinrich starb bei der Belagerung von Maastricht
1578. Hans Philipp war salzburgischer Rat und Pfleger zu Kaprun und starb
in Lauffen 1599, seine Frau war eine geborene Goldin v. Lampolding.
Des Maichingers zweiter Sohn Ambrosius, in
Tuebingen inscr. 1490 September 24 als *de Tuvingen* (Hermelink 25/49),
doktorierte in Italien 1504, wie ebenfalls aus dem Bebelschen Gedicht hervorgeht;
war 1506 Ordinarius juris civilis in Tuebingen, wo er in der Muenzgasse
wohnte, jetzt Haus Nr. 11, also in naechster Nachbarschaft seines vaeterlichen
Besitztums, wie wir noch sehen werden. Als Probst wird er erstmals genannt
1509 Februar 9. Er war auch Hofgerichtsassessor 1510 Oktober 23 und besass
als *Ambrosius Salicetus praepositus et cancellarius* 1512 Wiesen in Sindelfingen
und hatte 1522 Januar 13 das Patronatsrecht ueber die Pfarreien Dagersheim
und Darmsheim (als Kanzler fur die Universitaet! (Hess)). Wegen der Reformationsumtriebe
floh er 1535 nach Rottenburg a.N., wo er ueber 80jaehrig am 10. Juni 1561
starb. Er siegelte mit dem Widder-Wappen (Haller, Anfaenge ...; Roth, Urkunden
zur Geschichte der Universitaet Tuebingen 1877 S. 61; Freiburger Dioezesenarchiv
31 (1903) S. 186 u. 192; Visitationsakten in Wuertt. Geschichtsquellen
Bd. 22 (1932); Heyd, Bibliographie II; Neues Wuertt. Dienerbuch 2913 u.a.m.).
Ein dritter Sohn duerfte wohl Balthasar W. gewesen sein, der in Heidelberg
immatr. wurde 1478 Dez. 21 als *de Pforzheim*, Baccal art. 1480 Nov. 4
(Toepke I, S. 358).
Von den drei Toechtern war Genoveva mit dem
wuertt. Kanzler Gregor Lamparter (gestorben 1523) verheiratet. Dieser liess
das von ihm gewoelbte Stueck des Kreuzgangs der Hospitalkirche zu Stuttgart
mit dem Widmann'schen Wappen zieren (Bach-Lotter, Bilder aus Alt-Stuttgart
1896 S. 51). Die Tochter Maria hatte den badischen Kanzler Jakob Kirser
(Kurser) zum Manne und Kordula den Konrad Gremp, Buerger zu Vaihingen/Enz.
Kordula, gest. 1551, hatte 1516 April 24 den St. Anna-Altar im Kloster
Maulbronn mit 100 Gulden gestiftet.
Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu
Johann Widmann-Moechinger zurueck. Als dieser als Professor in Tuebingen
aufgezogen war, erwarb er 1486 August 18 ein Grundstueck in der Muenzgasse
neben dem Blaubeurener Pfleghof um 47 Gulden und 1 Pfund und baute darauf
ein Haus, in welchem er wohnte. Heute ist dieses Haus die Nr. 9, wurde
jedoch in der Christnacht 1649 durch Feuer zerstoert, waehrend Nr. 7 der
einstige Blaubeurener Pfleghof war (Eimer, Tuebingen Burg und Stadt ...
(1945) S. 113; Haller a.a. O. Bd. 2 S. 46-49, nennen Nr. 7 als Widmanns
Haus. Siehe auch Crusius, Schwaebische Chronik II S. 139). Im Jahr 1498
am 6. Maer verkaufte Widmann sein Haus an seinen Schwager Dr. Jakob Kruetlin
von Degerloch, auch Jakob Tegerlocher genannt, fuer 800 Gulden (ueber diesen
Hausverkauf siehe Haller Bd. II S. 49). Dieses Haus, *so der hochgelert
unser lieber getruwer und lybartzt doctor Johans Moechinger gebuwen hat*,
schenkte Herzog Ulrich 1507 Oktober 19 seinem Kanzler Lamparter. Unter
dem 16. Oktober 1491 wurde Widmann auf 1 Jahr als Hofarzt der graeflichen
Familie angenommen mit 100 Gulden Sold, einem Hofkleid und 1/4 Malter Hafer
fuer 1 Pferd und mit Sitz in Tuebingen. Im gleichen Jahr setzte er am 20.
Dezember im Namen der medizinischen Fakultaet seinen Namen unter die zweite
Ordnung, die Graf Eberhard der Hochschule gegeben hatte.
Seite 8
Die zweite Bestallung als Leibarzt Graf Eberhards
im Bart, von dessen Gemahlin und des jungen Grafen Ulrich reversierte er
als Hofmedicus in Tuebingen 29. Sept. 1493. Sie lautete auf *lebenslang
und nit laenger**, des Jahrs um 150 Gulden, halb auf St. Georgen und die
andere Haelfte auf St. Michaelstag (1506-1512 waren die Ziele Weihnachten
und Johannis Baptiastae), dazu 10 Malter Roggen, 10 Malter Dinkel, 10 Malter
Hafer Tuebinger Mess, in sein Haus zu antworten, ihm und seinem Knecht
den Tisch zu Hof, den Schlaftrunk und ein Brot, und fuer seine Person das
Hofkleid. *Er soll warten ... und wenn ihn mein gnaediger Herr ausserhalb
Tuebingen brauchen wird, soll man ihm fuer seine Person gut Pferd schicken
und auch eines fuer den Knecht in seiner Gnaden Kost und ohne Schaden.
Dazu soll er das Examen der Sondersiechen haben im ganzen Land zu Wirtenberg
allein, dass er auch nach Notturft und in der Belohnung wie sich gebuehrt
und von alters herkommen ist, versehen soll laut Bestallung. Er soll auch
Graf Eberhard mit der Universitaet handeln, dass sie ihm, wann er in der
Herrschaft Geschaeften ist, nichts abrechnen an seiner Besoldung. Er soll
nit duerfen im Feld liegen oder wann Pest regiert bleiben, die Herrschaft
seie dann selber da. Wann er auf Befehl Graf Eberhards des aelteren zu
andern reitet, die sollen ihm fuer solche kleine Muehe billig Belohnung
widerfahren lassen* (Hauptstaatsarchiv, Dienerbuch von 1490-92, 1494 und
1500; Sattler, Grafen IV S. 23; Wuertt. medizinisches Corresp. Blatt 1896,
Nr. 8 1901 S. 161, 1905 S. 865; Haller a.a.O. Bd. I S. 135). Widmann hatte
1491/92 Graf Eberhard nach einer Krankheit gluecklich wiederhergestellt,
begleitete ihn auf den Reichstag zu Worms 1495, wo Graf Eberhard am 21.
Juli die Herzogswuerde erhielt, deren er sich aber nur ein halb Jahr erfreuen
konnte, da er am 24. Februar 1496 starb. Der Tod seines Herrn hatte dem
Ansehen Widmanns starken Abbruch getan, was besonders aus einem Brief hervorgeht,
den Eberhards Schwester Elisabeth im Mai 1496 an den Markgrafen Friedrich
von Brandenburg richtete und in dem es heisst: *Kert euch nit gar an Doctor
Maichinger. Dan es ist das gemain Geschrey in Schwaben, er hab Herzog Eberhard
ertod und hab im Arzeney geben, das hab so sehr an ihm ueberhand genommen
und hab ihm die Stuhl nit koenen stellen, dass er hiernach das Blut oben
und unten hab von ihm getrieben, da sey er gestorben.* Trotz aller uebeln
Nachreden am Hofe ernannte 1497 die medizinische Fakultaet in Tuebingen
den Johannes Meuchinger zum Dekan. Doch zum Leibarzt bestellte Herzog Eberhard
II. den Doktor Johann Stocker 1496 November 11 auf 3 Jahre, allerdings
nicht am Orte des Hofes, sondern von Haus aus, d.h. von Ulm. Vorlaeufig
war also fuer Johannes Widmann-Maichinger kein Boden mehr in Wuerttemberg.
Was lag naeher, als dass Widmann seine frueheren Beziehungen zum badischen
Hof zum Anlass nahm, sich wieder um eine Anstellung in Baden zu bewerben.
Sein Gesuch musste um so eher Erfolg haben, als es durch die Bitte des
noch nicht zur Regierung gelangten Herzogs Ulrich mit Nachdruck unterstuetzt
wurde, der sich an die Zeit, als er noch das Kind Heinrich war, seines
und seiner Eltern Leibarztes erinnert haben mag. Die Bestellungsurkunde
vom 29. November 1497, gueltig ab 1498 August 15, traegt naemlich die teilweise
lesbare Aufschrift *Bestallung ... durch ernstlich bitt ... Herzogs Ulrichs
von Wirtenberg ... (Generallandesarchiv Karlsruhe und Haller a.a.O. Bd.
II S. 47). Die Bestallung als Leibarzt des Markgrafen Christof I. von Baden
lautete, dass der Markgraf *den hochgelehrten unsern lieben getreuen Meister
Johann Wiedman, den man nennet Moechinger, Doctor der Artzney, bestellt
zu unserm und unserer Erben Arzt, also dass er zu Baden oder ... in einer
andern Stadt unserer Markgrafschaft Baden sein Wohnung han solle.* Widmann
verpflichtet sich, auch den Freunden und Nachbarn zu raten, doch auf ziemliche
Belohnung. Pestilenzzeiten soll er am Ort bleiben, soll Apotheker und Apotheken
in Baden beaufsichtigen, die Aussaetzigen der Markgrafschaft examinieren
mit einem Scherer. Kein Kurpfuscher solle geduldet werden. Sein Sold betraegt
jaehrlich 100 Gulden, 30 Malter Korn, 2 Fuder Wein - Mortenauer oder Breisgauer
-, Hofkleidung, wie er auch am Hof sein soll, wenn der Fuerst anwesend.
Dazu erhaelt er, was fuer 2 Pferde noetig ist, die ihm ausserdem ersetzt
werden sollen, wenn sie abgaengig worden. Weiter erhaelt er Brennholz soviel
er bedarf. Ein Sohn kann auf Kosten des Markgrafen in Frankreich oder Italien
studieren. Hausfrau, Kinder und Habe laesst der Markgraf in Tuebingen abholen
mit 6 Klosterwagen. Der Arzt samt seinem Haus soll von Schatzung frei sein.
Jedoch dieser Vertrag kam nicht zur Durchfuehrung, denn kurz vor Widmanns
Amtsantritt und nach Graf Eberhards II. Sturz nahm der im Juni 1498 zur
Regierung gelangte Herzog Ulrich Widman zu seinem Leibarzt an und erhoehte
sein Gehalt auf 200 Gulden, die in zwei halbjaehrigen Raten zu entrichten
waren. Auch wurden, wie von 1507 bis 1513 in den Landschreibereirechnungen
nachzuweisen war, 66 Gulden Kostgeld fuer ihn und einen Knecht regelmaessig
bezahlt, ausserdem 1507 noch 12 Gulden, 1 Pfund 2 Schilling 6 Heller Zehrung
fuer eine Reise zum Bischof von Bamberg.
Seite 9
Ausserdem bezog Widmann 1507 bis 1509 eine
Guelt von 133 Gulden und 1507 noch eine von 40 Gulden. Nun ist es auch
verstaendlich - was bisher bei der Annahme, Widmann habe seine badische
Leibarztstelle angetreten, unerklaerlich war -, warum Widmann 1498 fuer
die wuerttembergische Hauptstadt um geschickte Hebamme sich bemuehte, und
zwar in dem Sinne, dass 8 fuer die Altstadt, 3 fuer die Liebfrauen - und
2 fuer die Esslinger Vorstadt eingestellt werden sollten. Und so
wird es auch zur Selbstverstaendlichkeit,
dass Widmann 1500 die Apotheke des Cyriak Horn d.Ae. in Stuttgart beaufsichtigte.
Bei Herzog Ulrichs Hochzeit 1511 wurde er,
wie viele andere Vertraute, als Aufsichtsperson verwendet. Wenn jedoch
Haller die Angaben Weyermanns, dass Widmann 1506 zum zweiten Male in Ulm,
und zwar als Stadtarzt, gewesen sein, fuer *unmoeglich* erklaert, so glaube
ich doch, hier eine Einschraenkung machen zu muessen, indem ich darauf
hinweise, dass ja auch der Ulmer Arzt Leibarzt war und doch in Ulm ansaessig
blieb. Es scheint wohl moeglich, dass Widmann ohne Verlust seiner Leibarztstellung
aus uns bisher unbekannten Gruenden eine zeitlang in Ulm aerztlich taetig
war. Es ist schwer einzusehen, warum Weyermann seine Behauptung einfach
aus der Luft gegriffen haben soll. Viel wahrscheinlicher ist, dass er aus
einer Quelle schoepfte, die im Ulmer Stadtarchiv lag und im vergangenen
Krieg abhanden gekommen und bisher unauffindbar geblieben ist, naemlich
eine Abschrift von Doktor Johann Frank von der Handschrift des Lic. Johann
Dietrich Leopold: Memoria Physicorum Ulmanorum 1377 bis 1733, worauf mich
Herr A. Rieber in Ulm dankenswert aufmerksam machte.
Unter dem 17. Juli 1506 widmete Heinrich Bebel
sein Buechlein *Ars versificandi* (von der Kunst, Verse zu machen) dem
Johann Salicetus, Herzog Ulrichs Medico (Salicetus von salix, die Weide.
Gerade in der Humanistenzeit wurden die sinnlosesten Namensdeutungen latinisiert
und graecisiert und danach *redende* Wappen konstruiert wie in der heraldisch
tiefstehenden Biedermeierzeit bis zur Gegenwart. So zeigt auch das Wappen
des Kreisforstrats Wilhelm v. Widenmann in Tuebingen-Bebenhausen (1798
bis 1844), Ahnentafle des Verfassers Nr. 10) einen geharnischten roemischen
Legionaer, der 3 Weidenruten haelt. Ja selbst den Wider im Widmann'schen
Wappen als *redend* anzusehen, steht nicht ausserhalb des Moeglichen).
In diese Zeit um die Jahrhundertwende faellt
auch Widmanns des Maichingers literarische Taetigkeit, die weder umfangreich
noch inhaltsreich war. Sich mit seinen Schriften zu beschaeftigen ist muessig,
denn er war ein Kind seiner Zeit und stand auf dem Boden arabischer Ueberlieferung
wie alle seine damaligen Berufsgenossen. Doch seine reformerischen Vorschlaege
in bezug auf das Hebammen- und Apothekerwesen zeigen ihn uns als einen
Mann des Fortschrittes, dem das lobende Wort des Properz: *in magnis voluisse
sat est* wohl zukommt. Maichingers Schriften sind folgende:
1. Tractatus de pestilentia, vor 1497. Er
erwaehnt in sener spaetestens 1497 erschienenen zweiten Schrift seine fruehere
*De pestilentia*, von der aber bisher kein Exemplar bekannt zu sein scheint.
Demnach ist anzunehmen, dass die Ausgabe von 1501 ein Nachdruck ist. Dieser
kam in Tuebingen heraus (Steiff, Der erste Buchdruck in Tuebingen 1891
S. 68 f.). Deutsche Ausgaben sind bekannt von 1511, 1514 und 1519. Diese
sind ein umgearbeiteter Auszug, den *Dr. Joh. Wydmann genannt Moechinger*
seinen drei Toechtern widmete.
2. Tractatus clarissimi medicinarum Doctoris
Johannis Widman dicti Meichinger de nustulis et morbo qui vulgato nomine
Mal de Frantzos appellatur. Dieser kam 1497 wahrscheinlich in Strassburg
heraus. Aus einem Schreiben Widmanns an seinen Schueler Johannes Nell,
Physikus in Strassburg vom 20. Januar 1497 ist zu entnehmen, dass die Handschrift
schon 1496 fertig war. Astruc nennt eine weitere Ausgabe, welche mit lateinischen
Lettern im Unterschied zu dem in gotischen Lettern gesetzten Exemplar in
Leipzig gedruckt ist. (Steiff a.a.O. S. 229; Conr. Heinr. Fuchs, Die aeltesten
Schriftsteller ueber die Lustseuche ... (1843); Karl Sudhoff, Aus der Fruehgeschichte
der Syphillis in Studien zur Geschichte der Medizin 1912, S. 100; von demselben,
Zehn Syphillisdrucke, Mailand 1924; Friedr. Schnurrer, Chronik der Seuchen,
Bd. 2 (1825), S. 55; Riegger, Amoenitates literariae, fasc. II 194; Wuertt.
Medizin, Correspondenzblatt 1852).
3. Tractatus de balneis Thermarum ferinarum
(vulgo Wildbaden), Tueb. 1513, auch deutsch im gleichen Jahr erschienen
(Steiff a.a.O., S. 105). Ist abgedruckt bei Johann Rudolph Kammerer, Disputationum
medicarum in Academia Tubingensi, Tuebingen 1611. Nach Haller Bd. I, S.
138 soll Widmann waehrend der Saison haeufig, vielleicht alljaehrlich seine
Kunst in Wildbad ausgeuebt haben.
4ff. Weiter ist ein Rezept Widmanns bekannt,
das er 1506 dem erkrankten Landgrafen Wilhelm von Hessen schickte (Sudhoff,
Studien zur Geschichte der Medizin, Bd. 9 (1912), S. 100). Ferner bearbeitete
1912 Ernst Wild in einer Leipziger medizinischen Doktordissertation *Ein
Consillium ueber
Seite 10
Blasengeschwuere und Steinleiden*. Weiter
ist eine handschriftliche Apothekenordnung 1486 bekannt, auf die Walther
Zimmermann in *Mein Heimatland* 1925 aufmerksam macht und welche von Otto
Winkelmann in seiner Arbeit ueber *Das Fuersorgewesen der Stadt Strassburg*
veroeffentlicht wurde, erschienen im 5. Band der Quellen und Forschungen
zur Reformationsgeschichte 1922. Sie kann als die erste wuerttembergische
Apothekerordnung gelten, auch bildete sie den Ansporn fuer seinen Heimsheimer
Verwandten in Freiburg, als dieser 1529 den Rat zur Schaffung einer Apothekerordnung
anregte, welche allerdings erst nach des Heimsheimers Tod, nach dem Muster
des Entwurfes des Maichingers aufgebaut, 1549 Wirklichkeit wurde.
Von 1513 an liegen die naechsten Jahre ueber
Widmanns Leben im Dunkeln. Nur Irenicus in seinen Germaniae exegeseos gibt
1518 an, dass seine Zeitgenossen unter den hervorragenden Aerzten in erster
Reihe Johann von Mechingen nannten. Waehrend Haller auf das Jahr 1516 hinweist,
in welchem durch den Sturz des Kanzlers Lamparter und seines Anhangs von
Herzog Ulrich ein Umschwung im Lande verursacht worden sei, der auch fuer
Widmann als Lamparters Schwiegervater den wuerttembergischen Boden zu heiss
werden liess, um ihn mit dem badischen Pforzheim zu vertauschen, koennte
man auch an Herzog Ulrichs Fluchtjahr 1519 denken, nach welchem Widmann
in Wuerttemberg nichts mehr zu gewaertigne hatte. Trotzdem standen seine
beiden Soehne Beatus und Ambrosius in oesterreichischen Diensten. Wie dem
auch sei, jedenfalls erst 1522 meldet wieder eine Urkunde vom 14. April,
dass Johann Widmann gen. Moechinger, der Arznei Doktor, und Mechthild Beltzin,
seine eheliche Hausfrau, jetzt zu Pforzheim wohnend, dem Propst der dortigen
Stiftskirche 190 Gulden uebergeben haben. Das zum Glueck trotz aller Faehrnisse
noch heute erhaltene Stiftungsdenkmal am vorletzten linken Pfeiler der
Pforzheimer Stiftskirche vor dem Eintritt in den Chor zeigt die Wappen
des Ehepaars: Das Widmaennische, einen steigenden oder springenden Widder,
und das Baelzische, einen Hahn. Die Inschrift lautet: *Anno domini 1522
hat der wirdig hochgelert Her Johan Widman genant Moechinger der Artznei
doctor Ain ampt von dem Hochwirdigen Sacrament des fronlichnams unsers
hern Jhesu Christi allen Donerstag In ewigkeit zu Singen gestifft uff dem
Alltar der heiligen drey Kunig*. Abgebildet ist die Stiftertafel sowohl
in *Mein Heimatland* a.a.O. als auch in dem Band *Kunstdenkmaeler der Stadt
Pforzheim* in Kunstdenkmaeler Badens 9. Bd. Am 31. Dezember 1524 starb
der angesehene und oft genannte Arzt und wurde in der Stiftskirche zu Pforzheim
begraben.
III.
Hiermit verlassen wir den Maichinger, um uns
mit seinem Sippenverwandten Johann Widmann dem Heimsheimer naeher zu befassen.
Dessen Lebensgang scheint geradliniger verlaufen zu sein. Er tritt in unseren
Gesichtskreis mit seinem Matrikeleintrag an der Universitaet Tuebingen
unter dem 12. Februar 1481 als *Johannes Wydman de Haymsen*, Baccal. Artium
1483 Mai 22, Mag. art. 1485 Febr. 25 (Hermelink, Matrikel der Univ. Tueb.
7/30). Es sei an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, dass 1487 Juni
19 ein Hans Widmann gen. Schefe, Buerger in Heimsheim, auftritt, dem der
Pfaff Hans Meier von Beihingen, Fruehmesser in Heimsheim, sein Fruehmessguetlein
zu Erblehen leiht und welcher der Zeit nach sehr wohl als Vater des Heimsheimers
gelten koennte (Urkunde Nr. 10555). Schon 1491 Aug. 12 finden wir ihn als
Med. Doctor in Freiburg i.Br., wo er unter dem 14. Gebr. 1492 von der
Seite 11
Universitaet Bescheid erhaelt, dass er auf
drei Jahre *Lector in medicinis uti alter ordinarius* mit 30 Gulden jaehrlich
angenommen sei. Im gleichen Jahr wird er von dem spaeteren Kaiser Maximilian
I. am 17. Aug. investiert. Rasch folgten weitere Aufstiege, indem er 1493
Apr. 12 wirklicher Ordinarius wurde mit einer Gehaltsaufbesserung auf 40
Gulden, dann Stadtarzt 1494, Freitag vor Laurentii (d.i.s. Aug.). Auf seinen
Antrag bei der Freiburger Fakultaet 1498 auf Gehaltszulage wird diese 1499
bewilligt und auf 68 Gulden erhoeht, zugleich mit der Erlaubnis, zwei Tage
(im Monat?) in aerztlicher Taetigkeit abwesend zu sein. In den *Gewaffbuechern*
des Freiburger Stadtarchivs erscheint er von 1500 bis 1506 regelmaessig.
Im Jahre 1500 erhielt Widmann Urlaub in die Baeder, ob fuer seine eigene
Gesundheit oder, wie dies sein Landsmann und Namensvetter in Wildbad zu
tun pflegte, als Saisonbadearzt, um das Angenehme mit dem Nuetzlichen zu
verbinden, sei dahingestellt. Wie dies auch anderwaerts an Universitaeten
ueblich war und ist, hielt er Studenten als Kostgaenger bei sich. Wir erfahren
naemlich 1502, dass *item ein Student gestorben bei dem medico doctor Hansen*
(MUensterrechnungen des Generallandesarchivs Karlsruhe). 1503 bemueht sich
Markgraf Christoph I. von Baden um Widmanns Dienste, denn am 23. Oktober
ds. Js. bittet unser Heimsheimer die Universitaet um seine Entlassung.
Diese wurde nicht gewaehrt, sondern die Hochschule schloss 1505 mit Widmann
einen neuten Vertrag und erhoehte sein Gehalt auf 80 Gulden, stellte allerdings
die Bedingung auf unentgeltliche Behandlung der Ordinarii. Ob nun Widmann
aus eigener Machtvollkommenheit oder einem Rufe folgend oder nur besuchsweise
in aerztlicher Eigenschaft von Freiburg abgwesend war, jedenfalls findet
sich in den Missiven des Freiburger Stadtarchiv ein Schreiben, datiert
1504 in vigilia Laurentii (d.i. 9. Aug.) mit der Anschrift an *den hochgelehrten
JohannWidmann, der Arznei Doctor, jetzt zu Strassburg, unsern besondern
lieben und guten Freund*. Vielleicht war eine Schuldverschreibung des Markgrafen
von ueber 400 Gulden, welche der *hofartzet meister Johannsen Widmann von
Heinbsheim* ihm geliehen hatte, die Ursache, die ihm den Titel eines Hofaztes
einbrachte?
Auf den ersten Blick auffallend ist die Tatsache,
dass durch Herzog Ulrich von Wuerttemberg der *Doctor Johannes Widmann
artzet zu Friburg ist bestellt laut Bestallbriefs uf Montag nach nativitatis
Mariae ao. 1507 (d.i. 13. Sept.) und gibt man ihm 30 Gulden und ein Hofkleid*,
auffallend deshalb, weil in dieser Zeit der Maichinger Leibarzt Herzog
Ulrichs war. Dies scheint aber insofern sich zwanglos zu erklaeren, als
bei dieser Bestallung von Leib- oder Hofarzt keine Rede ist. Sie sollte
auch nur zum Zweck der Begleitung des Herzogs auf seiner Reise nach Rom
Geltung haben, die vielleicht der Maichinger abgelehnt haben mag unter
gleichzeitiger Empfehlung seines Verwandten, denn er stand damals in dem
Alter von etwa 67-68 Jahren, wo eine Romreise noch etwas mehr bedeutete
als heute mit Express, Schlafwagen oder Flugzeug, vollends wenn diese Reise
im Winter erfolgte, denn der Aufbruch von Blaubeuren aus fand im Januar
1508 statt. Zudem war man in der damaligen Zeit mit 67 Jahren schon ein
recht alter Mann. Vielleicht hatte auch des Heimsheimers Aufenthalt in
Strassburg, wie wir oben gesehen, aus aehnlichen Gruenden stellvertretend
fuer seinen aelteren Verwandten stattgefunden. Jedenfalls wurde der Heimsheimer
unter dem 9. Oktober 1507 von der Universitaet Freiburg auf ein Vierteljahr
beurlaubt und befand sich am 30. Januar 1508 mit Herzog Ulrich und seinem
Gefolge in Bozen, wo die Reise schon ihrEnde fand (Sattler, Grafen IV,
S. 26 f., Staelin III, S. 774 und IV, S. 72). Am 25. Mai 1508 dankt Herzog
Ulrich der Stadt Freiburg in einem Schreiben dafuer, dass sie ihm ihren
Stadtarzt ueberlassen haette. Damit hatte die Beziehung zum wuerttembergischen
Hof ihr Ende gefunden und Widmann kehrte an seinen alten Posten in Freiburg
zurueck, wie ein Fertigungsprotokoll von 1508 Aug. 19. dartut, in welchem
er als Stiefvater von Hans, Simon und Margarethe, weiland Bernhard Reichenbachs
selig Kinder genannt ist. Aus seiner eigenen Ehe mit der Witwe Margarethe,
einer geborenen Spielmann, hatte Widmann zwei Toechter, naemlich Kordula
II und Elisabeth (Die erste Kordula ist die Tochter des Maichingers, eine
dritte ging aus des Heimsheimers anderer Ehe hervor). Aus beiden Ehen soll
W. 6 oder 7 Kinder gehabt haben, darunter auch einen *Christoffel* (briefliche
Mitteilung von Dr. Hefele-Freiburg vom 7.10.1954; er starb 22. Juni 1956),
welcher wahrscheinlich dergleiche ist, der als Johann Christoph Widmann
von Freiburg in Tuebingen immatrikuliert wurde 15. Juni 1523 (Hermelink
81/15). Zwischen 1530 und 1536 erscheinen als seine Kinder neben Christoffel:
Kordula, Ursula und Veronika. Um die Toechter gleich vorwegzunehmen, so
war Kordula mit Konrad Botzheim zu Offenburg verheiratet, Elisabeth mit
Joachim v. Sulz, Buerger zu Colmar, Ursula um 1546 mit Jakob de Nanto,
Barbara um 1546 mit Hans Eitel v. Karben und eine ungenannte mit Dr.jur.
Stephan Waig (nach Hefele). Am 19.Dez. 1514 quittiert Dr. Widmann fuer
sich und seine Frau Margaret
Seite 12
Spilman ueber 9000 Gulden aus dem Nachlass
seines Schwiegervaters Ludwig Spilman (1525 war ein Johann Spielman Abt
von St. Blasien. Dieser und der genannte Ludwig Sp. haben verschiedene
Wappen, die sich merkwuerdigerweise auch von dem Spielmann-Wappen auf dem
Glasgemaelde, wie wir spaeter sehen werden, unterscheiden). An einem Revers
vom 5. November 1520 haengt Widmanns Siegel mit dem Widder, worauf zum
erstenmal Walther Zimmermann in *Mein Heimatland* 1925 hinweist und als
erster die sippenmaessige Zusammengehoerigkeit des Maichingers und des
Heimsheimers auf Grund ihrer Wappengleichheit nachweist.
Eine weitere Ehe schloss Widmann mit Helena
Hirt (nicht *Hilt*, wie Baas an ener Stelle schreibt), was sowohl aus seinem
Testament von 1530, als auch aus einer Urfehde von 1537 hervorgeht. Helena
schenkte ihm die drei Toechter Barbara, Kordula III und Ursula und nach
1530 noch einen Sohn Hans Adam, wie aus der Teilung des Nachlasses von
1536 Juni 20 zu entnehmen ist (Stadtarchiv Freiburg, Teilbuch Bl. 12 und
13). Der Urfedhebrief von 1537 Maerz 6 (Baas schreibt 1553) beginnt: Ich
Helena Hirttin von Villingen, weylanndt des hochgelehrten Herrns Johannsen
Wydmans der artzney Doctors zu Fryburg im Breissgaw verlassen Wittib, bekenne
hirmit offentlich ...*. Er laesst uns einen Blick in eine merkwuerdige
Angelegenheit tun, denn es geht aus ihm hervor, dass Helena Hirt wegen
Gotteslaesterung angeklagt war und dass sie nun bekennt, dass sie alle
Ursache habe, Gott dankbar zu sein dafuer, dass sie als Dienstmagd zu solchen
Ehren und Gut gekommen sei.
Doch wir sind der Zeit weit voraus geeilt
und kehren zu dem Jahr 1511 zurueck. Wieder wendet sich der Markgraf von
Baden am 9. Januar 1511 an die Universitaet Freiburg mit dem Ersuchen,
den Doktor Widmann unter Vorbehalt sienes Lehramts auf fuenf Jahre ihm
zu ueberlassen. Da die Universitaet wieder nicht darauf einging, legte
Widmann seine Professur unter dem 25. Juni 1512 nieder, bat aber bei seinem
Weggang, dass die Hochschule *saltem aliquando, cum se casus dederit, sui
memoresse velit*. Der Heimsheimer verliess also nach etwa 21 Jahren seine
bisherige Wirkungsstaette Freiburg, um sich nach Baden-Baden in die Dienste
des Markgrafen zu begeben, der endlich sein Ziel erreicht hatte und sich
zweimal durch Briefe vom 9. Jan. und 30. Aug. 1513 an den Freiburger Stadtrat
fuer seinen Hofarzt und dessen Stiefkinder verwendete. Im Jahre 1520 kommt
der Heimsheimer wieder nach Freiburg zurueck laut Revers vom 5. November
fuer sich und seine Kinder und ist in den dortigen Steuerlisten bis 1530
nachweisbar. In diesen Zeitraum faellt auch die Eheabrede fuer seine Tochter
Kordula zwischen ihm und Konrad v. Botzheim aus Offenburg. 1529 wird Widmann
in einem Protokoll ueber eine Apothekenbesichtigung in Freiburg erwaehnt,
im gleichen Jahr unter dem 27. September verzeichnen die Colmarer Missiven
einen Brief an ihn. Sein Testament errichtete er 1530 Mai 4, das im Stadtarchiv
zu Freiburg wie die uebrigen Dokumente uns erhalten ist (unter P VIII a
1). Darin gedenkt er auch seiner anderen Hausfrau Margaretha Spielmann
und spricht den Wunsch aus, bei den Augustinern begraben zu werden *vor
Sanct Erharts Altar neben Doktor Johannes Odernheim sei. Begraebnis mit
einem Stein verzeichnet*. Er vermacht Unserer Lieben Frauen Bau die Summe
von 15 Gulden, *dass aus denselbigen gemacht werde ein Vierteil eines grossen
obersten Fensters, so im neuen Chor noch zu machen sind mit Schild und
Bildung, wie die sunst gemacht werden.* Diese Tatsache war schon 1896,
also vor mehr als 60 Jahren dem Historiker und Genealogen Theodor Schoen
bekannt, der jedoch all dieses auf den Maichinger bezog. (Wuertt. Medizin,
Corresp. Blatt Bd. 66 (1896) Nr. 8 vom 22. Febr.). Aber weder er noch 30
Jahre spaeter Baas -der etwas anders zitiert- liessen sich von dieser so
klaren Willensbestimmung beeindrucken, wie wir noch hoeren werden. Widmanns
letztes Lebenszeichen ist ein Vertrag vom 1. Juni 1532, Samstag nach Fronleichnam,
den er mit seinem beiden Tochtermaennern Konrad Botzheim und Joachim v.
Sulz abschloss. Sein Todestag ist unbekannt geblieben, doch werden in einer
Gueltenaufstellung des Markgrafen Ernst von Baden von 1535 des Hans Widmann
zu Freiburg Erben genannt. Ferner besitzt das Freiburger Stadtarchiv das
Inventarverzeichnis ueber Dr. Johann Widmanns selig verlassen Hab und Gut
vom 17. Maerz 1536 und dessen Teilung vom 20. August 1536, Mittwoch nach
unseres lieben Herrn Fronleichnamtag, sowie die Jahresabrechnungen der
Vormundschaft, deren erster Termin auf Montag nach dem Jahrtag 1536 (d.i.
10. April) faellt (Vogteirechnungen 1536-56), so dass der Anfang des Jahres
1536 oder das Ende von 1535 als die Zeit seines Sterbens anzunehmen ist.
Sein Haus, das zu seiner Zeit *zum kalten Luft* (seit 1730 *Zum wilden
Mann*) hiess und das spaeter Dr.jur. Stephan Weig, sein Schwiegersohn,
markgraeflichr Rat bewohnte und das 1900 der Salzstrasse 30 entsprach,
war ein Eckhaus gegenueber den Augustinern gelegen, das er um 280 Gulden
erkauft hatte. Aus der Teilung erfahren wir noch, dass der Besitz an Silbergeschirr,
Schmuck, Hausrat
Seite 13
u.a. m. ein betraechtlicher war und dass sein
Vermoegen an Geld etwa
20 000 Gulden betrug.
Unter den silbernen Bechern waren grosse mit
den Wappen Widmanns und seiner Frau Spielmann, ferner ein Deckelbecher
mit den Schilden von Reichenbach, Spielmann und Widmann. Fuer den Grabstein
waren an Meister Jerg den Werkmeister vier Gulden ausgegeben. Vorne vor
der Oberstuben befand sich ein *Allmarien*, unser schwaebisches *Almarei*,
was einen Wandschrank bedeutet, *darin nichts dann Buecher, ist noch versecretiert.*
Wie gerne wuessten wir, wes Inhalts diese Buecher gewesen sein mochten!
In einem anderen Schrank befand sich *nichts dann Harnisch und bantzer
und ein hernin Armbrost*. (Hermann Flamm, Geshcichtliche Ortsbeschreibung
der Stadt Freiburg i.B., Bd. 2 (1903), S. 237. Ich verdanke diesen Hinweis
und diejenigen auf die Kunstliteratur Herrn Dr. Noack, Direktor der Staedt.
Sammlungen in Freiburg.)
IV.
Heben wir noch einmal die wesentlichen Punkte
der Lebenslaeufe der beiden Widmann heraus, in denen sie sich gleich oder
*zum Verwechseln aehnlich* waren. Beide stammten aus Wuerttemberg, Maichingen
und Heimsheim. Beide waren in Tuebingen an der Hochschule, der Maichinger
als Ordinarius fuer Medizin, der Heimsheimer als Student gleichzeitig 1484.
Beide standen in wuerttembergischen Hofdiensten. Beide standen in badischen
Hofdiensten. Beide waren in Strassburg 1483 und 1504. Beide waren Professoren
der Medizin, in Tuebingen der eine, in Freiburg der andere. Beide beendigten
ihr Leben in Baden, der eine in Pforzheim, der andere in Freiburg.
Es bleibt nur noch das Versprechen einzuloesen,
das wir bisher schuldig geblieben sind, naemlich einen weiteren Beweis
zu liefern, dass die beiden Aerzte Johann Widmann dem gleichen Familienverbande
angehoerten. Dass Forscher wie Schoen und Baas sich diese Gelegenheit entgehen
liessen, scheint schwer verstaendlich, da doch der Schluss des Testaments
des Heimsheimers in Freiburg so klar die Richtung weist. Was lag naeher,
als dass die Entdecker des Testaments und Kenner seines Inhalts sich bemuehen
wuerden, nach *Schild und Bildung* zu fahnden? Vielleicht geschah dies
auch; dass aber nichts dabei herauskam, mag der Umstand entschuldigen,
dass die in Frage kommenden Glasgemaelde, von denen noch zu sprechen sein
wird, damals in der Kunstwelt noch ganz unbekannt waren und erst durch
den Versteigerungskatalog von Mone 1897 in die Oeffentlichkeit kamen, als
Schoen seine Forschungen bereits abgeschlossen hatte. Baas allerdings haette
1911 und 1926 die Moeglichkeit gehabt, dem Glasgemaelde auf die Spur zu
kommen, obwohl auch fuer ihn Mone die einzige Quelle gewesen waere. Die
Gegebenheiten lagen fuer den Verfasser wesentlich guenstiger. Die Umschau
im Freiburger Muenster ab assumptionem beatae Mariae virginis war gegen
alle Vermutung ohne jeden Aufschluss. *Dagegen befand sich in der Freiburger
Kartause, die eine Viertelstunde Dreisam aufwaerts am Suedhang des Schlossbergs
liegt, ein dreiteiliges Glasgemaelde, das in seinem linken Teil zu Fuessen
des stehenden Johannes des Taeufers den knienden Stifter zeigt, im Mittelteil
die stehende Muttergottes mit Kind und zu ihren Fuessen links die Unterschrift
*Johannes Widman doctor* mit seinem Wappen, einen heraldisch linkssteigenden
Widder weiss (!) in Gold ..., rechts *Margaret Spilmenin 1528* mit dem
Wappen, gespaltener Schild, rechts schraeger Querbalken, rot in Weiss,
links glattes Feld (Farbe mir unbekannt). Im Rahmenfeld zu Fuessen der
stehenden Hl. Magaretha, die kniende Stifterin und eine Tochter. Die drei
Glasgemaelde befinden sich im Wallraff-Richartz-Museum in Koeln ...* So
er Bericht im Auszug der Freioburger Museumsdirektion als Antwort auf meine
Anfrage. Die Glasgemaelde sollen gegen Einvierteljahrtausend auf dem Speicherboden
von St. Blasien gelegen haben, kamen dann nach der Saekularisation um 1807
in den Besitz des Barons Eichtal, dann 1820 an den Grossherzog Ludwig von
Baden, der sie 1826 auf Schloss Langenstein unterbrachte, bis dieses samt
seinen Kostbarkeiten 1848 an den Grafen Douglas kam. Im Besitze der Familie
Douglas blieben die Gemaelde bis zur Versteigerung im Mai 1897, wodurch
sie in alle Winde zerstreut wurden. Der bedauerliche heraldische Schoenheitsfehler
in Widmanns Wappen, weisser Widder in goldenem Feld an Stelle eines schwarzen
Widders, ist nach Ansicht meines Gewaehrmanns als falsche Ergaenzung in
der Biedermeierzeit, also etwa zwischen 1820 und 1830 anzusehen, wie solche
Ergaenzungen auch an mehreren anderen Scheiben aus der Freiburger Kartause
nachweisbar sind. Doch darf uns dieser Umstand die Entdeckerfreude nicht
nehmen, dass wir hier die in des Heimsheimers Testament gestifteten Glasfenster
vor uns haben und dass das Wappenbild die Zugehoerigkeit zum grossen Familienverband
der aus Dagersheim und Umgebung stammenden wuerttembergischen Widmann aufs
neue beweist. Dass wir ausserdem die Persoenlichkeiten, welche die Stifterbildnisse
darstellen, einwandfrei und erstmalig deuten konnten, ist ein besonders
eindringlicher Beweis
Seite 14
fuer den Wert genealogischer Forschung. Abgebildet
sind die Glasgemaelde -seit 1928 im Schnuetgenmuseum in Koeln -im Katalog
von Mone 1897 und in Oberrheinischer Kunst, 2. Jg. 1926/27, Tafel 85, Abb.
2 bis 4 zu der Arbeit von Elisabet Balcke-Wodarg, aus welch letzterem die
Wuertt. Landesbildstelle die Aufnahmen machte. Auf da Kunsthistorische
eingehend sei nur der eine Punkt aus der genannten Arbeit herausgegriffen,
wo die Verfasserin auf S. 164 sagt: *Die starke Beschneidung (der Glassscheiben,
der Verf.) deutet darauf hin, dass sie (in der Kartause, der Verf.) in
fremde Fenstergewaende eingepasst wurden.* Daraus geht klar hervor, dass
die Glasgemaelde vorher an einem anderen Orte sich befanden, und was liegt
naeher, als sich der Bestimmung im Testament des Stifters zu erinnern,
nach welcher in Unserer Lieben Frau Bau ein Vierteil eines grossen obersten
Fensters im neuen Chor mit Schild und Bild zu schmuecken sei. Die Datierung
des Kunstwerks mit der Jahreszahl 1928 sagt uns, dass die Bildnisse des
Ehepaares zu dessen Lebzeiten geschaffen wurden. Als Schoepfer der Glasgemaelde
vermute ich entweder den Meister von Messkirch, der im dritten und vierten
Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts taetig war, oder den Hans Baldung und dessen
Schule, der von 1512 bis 1516 am Muenster in Freiburg wirkte und in dieser
Zeit sich besonders der Glasmalerei widmete. Doch darueber moegen sich
die Fachleute streiten.
Bei der Fuelle des in einem Jahrhundert gefoerderten
Materials ueber die beiden Leibaerzte Johann Widmann war die Aussicht,
Neues bringen zu koennen, recht gering. Waren fruehere Forscher, an erster
Stelle Th. Schoen, bestrebt, die beiden Widmaenner unter einen Hut
zu bringen, so freuen wir uns heute, jeden seinen eigenen Hut aufsetzen
zu koennen. Dass wir um sie das einigende Band einer Familiengemeinschaft
schlingen konnten, ist wieder ein schlagender Beweis dafuer, dass die so
oft gering geachtete Genealogie und Heraldik wieder einmal als eine unentbehrliche
Hilfswissenschaft sich erwiesen und wie schon des oefteren auch in unserem
Falle das entscheidende Wort gesprochen hat. Damit ist aber das letzte
Wort noch nicht gesagt. Manches der in der Gegenwart
Seite 15
lebenden Familienglieder mag ueberrascht sein,
wenn es erfaehrt, dass auch es zur Sippe dieser Aerzte gehoert und dass
das gemeinsame Band sich auch um ihn schlingt, denn sowohl in Dagersheim
und Maichingen als in Heimsheim leben heute zahlreiche Widmann, und ein
Heimsheimer besitzt ein zerdruecktes Siegel, dessen Bild erst durch unsere
Feststellungen als das Wappen mit dem springenden Widder gedeutet werden
konnte. Ihre beruehmten Sippengenossen sind ihnen aber bisher unbekannt
geblieben.
Im Gesamtueberblick ueber das Gewonnene ist
man erstaunt ueber den raschen Aufstieg der Sippe zu hohen geistlichen
und weltlichen Wuerden und Aemtern. Ich erwaehne nur den in Heidelberg
immatrikulierten Konrad Widmann aus Dagersheim 1421/22, welcher 1442 Kaplan
des Grafen von Wirtemberg war, an Geld und Guetern sehr vermoeglich, so
dass er in Stuttgart ein Pfrundhaus besass, eine eigene Kaplanei stiften
konnte und 1454 Chorherr des Stifts Sindelfingen war, beachtlich auch deshalb,
weil er nicht wie alle anderen Chorherrn vor und nach ihm dem niederen
Adel angehoerte, sondern aus dem Bauernstande kam, trotzdem aber erhebliche
Beziehungen zu dem wuerttembergischen Grafenhaus und zur hohen Geistlichkeit
hatte. In welch nahen Beziehungen das Grafenhaus zum Stift Sindelfingen
stand, geht schon daraus hervor, dass das Schorherrenstift zwei Bastarde
aus dem Hause Wirtemberg zu Proebsten hatte, naemlich den 16. Probst Ulrich
v. W., gestorben 9. Maerz 1348, illegitimer Sohn Graf Eberhards des Erlauchten,
welcher 6 Jahre vor seinem Tod dem Mangold, dem Maier in Dagersheim, den
Widemhof dort als Erblehen ueberliess, dann den 19. Probst Ulrich Wiortenberger
um 1420 bis 1425, dessen Vater noch umstritten ist. Ferner ist das Chorherrenstift
die Urzelle der Universitaet Tuebingen, da dieses in der Zeit seiner hoechsten
Bluete durch paepstliche Genehmigung am 11. Mai 1476 auf Ansuchen Graf
Eberhards im Bart nach Tuebingen verlegt wurde, wodurch nach Gruendung
der Universitaet am 13. November des gleichen Jahres der Propst Johannes
Degen erster Kanzler, der Chorherr Johannes Nauclerus erster Rektor und
die Mehrzahl der Chorherren die ersten Professoren der neuen Universitaet
wurden. Ist es nur Zufall, dass schon 1477/78 Mangold, der Canonicus, sich
einschreiben laesst und als Mangold Widmann 1483 Rektor wird? Eindrucksvoll
sind auch die Heiraten der Kinder der beiden Aerzte in adlige Geschlechter.
Nach diesen Erwaegungen kann man sich des
Verdachts nicht erwehren, es koennte sich bei dieser Widmannsippe irgendwann
um eine direkte oder indirekte Bastardabstammung handeln, sei es vom wuerttembergischen
oder einem anderen Adelsgeschlecht, sei es aus dem Kreis der Insassen des
weltlichen Chorherrenstifts, dessen Glieder ja an keine Moenchsregeln gebunden
waren, blieben sie ja doch Weltgeistliche, konnten eigenes Vermoegen und
eigene Haeuser besitzen, und ihre Verpflichtungen richteten sich nur nach
dem Grade der empfangenen Weihen. Beispiele fuer die oberflaechliche Respektierung
des Zoelibats sind in dieser Zeit nicht selten, haben wir doch im Chorherrenstift
St. Martin selbst Beispiele dafuer. Ferner erinnere ich an die unseren
Widmaennern voellig fernstehende gleichnamige Familie aus der Haller Gegend,
aus welcher der Musiker und Komponist Erasmus Widmann (1572-1634) hervorging,
dessen Vater und Grossvater aus dem Konkubinat geboren wurden (s. Darstellungen
aus der Wuertt. Geschichte 36, Bd. 1951, bearbeitet von Georg Reichert).
Eine weitere Stuetze erhaelt die Vermutung
einer Bastardenabstammung dadurch, dass Mangold W., er Schreiber, 1458
als Nachbar des Herrn von Dagersheim auftritt (Urk.Buch 228, 8: Wais, Alt-Stuttgart:
Die aeltesten Bauten 2. Auflage 1954, S. 48). Da die Herren von Dagersheim
mit der Familie Welling verschwaegert waren (Urk.-Buch 354, 33: 440, 13:
Wais 49) und bei letzterer an eine Bastardenabstammung von dem wuerttembergischen
Grafenhaus gedacht werden kann, koennte man auch an eine Abstammung der
Widmann von denen von Dagersheim denken (nach Mitteil. des Kulturamts der
Stadt Stuttgart).
Quellen:
(Remark by I.B. Gastel - since the print was
so small I was not able to get all the numerical information on the pages!)
Aerztliche Mitteilungen aus Baden, 57.
Bd., 1913, S. 3 und 12
Ahnentafeln beruehmter Wuerttemberger
s. Schwaebische Ahnentafel in Listenform
v. Alberti, Wuerttembergisches Adels-
und Wappenbuch, 2. Bd., 1916, S. ...
Allgemeine Deutsche Biographie, 42. Bd.,
S. ... ff.
Apothekengeschichte s. Beitraege. Apothekerzeitung
Sueddeutsche, Stuttgart ...
Archiv fuer Geschichte der Medizin, 16.
Bd. ..., S. 5 bis 10
Archiv fuer oeffentliche Gesundheitspflege,
...
Balet Leo, Schwaebische Glasmalerei, ...
Baas, Karl. s. Zeitschrift fur Geschichte
des Oberrheins.
Bach-Lotter, Bilder aus Alt-Stuttgart,
...
Badisches Generallandesarchiv Abt. ...
Perg., Orig. Text der Maichinger-Belz.Stiftung
Balcke-Wodarg, Elisabet, Die Glasgemaelde
der ehemaligen Kartause zu Freiburg i.Br. s. Oberrheinische Kunst
Balneologische Zentralzeitung, ...
Bebel, Heinrich, Ars versisscandi ...
Beitraege zur Wuerttembergischen Apothekengeschichte
Bd. 1, H. 1, Dez. ...
Seite 16
Biographisches Lexikon beruehmter Aerzte,
2. Ausgabe, 1934, Bd. 5
Brenzinger, Das Geschlecht der B., 1.
Bd., 1949, S. 2.., Privatdruck bei Laupp-Tuebingen
Burckhardt, A., Geschichte der Medizinischen
Fakultaet in Basel 1460-1800, Basel 1917
Darstellung aus der Wuerttembergischen
Geschichte, 36. Band, 1951
Dienerbuch, Fuerstlich Wuerttembergisches,
Stuttgart 1877
Dienerbuch, Neues Wuerttembergisches von
Pfeilsticker, 1. Bd., 1957
Eimer, Manfred, Tuebingen Burg und Stadt
..., 1945, S. ...
Flamm, Hermann, Geschichtliche Ortsbeschreibung
der Stadt Freiburg i.Br., 2. B. 1, ... S. 237
Freiburger Dioezesenarchiv, 31. Band ...
Freiburger Stadtarchiv, Testament P VIII
a 1 und Teilbuch 1536
Geiges, Fritz, Der mittelalterliche Fensterschmuck
des Freiburger Muensters, 1831, S. 272 f.
v. Georgii-Georgenau s. Dienerbuch, Fuerstlich
Wuerttembergisches
Haller, Johannes, Die Anfaenge der Universitaet
Tuebingen, 1. Bd. 1927, S. 134 bis 141 und 2. Band, 1929, S. 46 bis 49.
Dort weitere Quellen
Hermelink, Heinrich, Die Matrikeln der
Universitaet Tuebingen, 1. Bd. 1906 udn Registerband 1931.Heyd, Wilhelm,
Wuerttembergische Bibliographie
Irenicus, Franciscus, Germaniae exegeseos
... 1518
Karlsruhe, Generallandesarchiv s. Badisches
...
Kothe, Irmgard, s. Wuertt. Vierteljahresheft,
1936
Kunstdenkmaeler Badens, Bd. IX, Schloss
und Stiftskirche Sanct Michael in Pforzheim, S. 139 f.
Lang, Ludwig, die Proepste und Kanoniker
des weltlichen Chorherrenstifts St. Martin zu Sindelfingen, Maschinenschrift
1948, Wuertt. Landesbibliothek AH a 138
Maichinger Belz-Stiftung, Originaltext
s. Badisches Generallandesarchiv
Martin, Paul, Die Hoheitszeichen der Freien
Stadt Strassburg 1200-1681, 1941, S. 110, Z. 18; Seite 117, Z. 6; S. 120,
Z. 6
*Mein Heimatland*, 12 Jg. 1925
Mitteilungen ds wuertt. aerztlichen Vereins
1834, S. 27
Moll, s. Wuertt. Medizin, Correspondenzbl.
1852
Mone, Fr. J., Katalog der graefl. Douglas'schen
Sammlung alter Glasgemaelde ..., Koeln 1897, S. 7 f. - Abbildung
Monumenta Medica s. Sudhoff
Neues Wuertt. Dienerbuch (NWDB), s. Dienerbuch
Oberamtsbeschreibung Horbm 1865, S. 222
f
Oberamtsbeschreibung Ulm, 2. Bd., 1897,
S. 322
Oberrheinische Kunst, 2. Jg. 1926/27,
S. 177 ff. und Tafel 85, Abb. 2, 3 und 4
Pardi, Giuseppe, Titoli dottorali di Ferrara
1901, S. 50(59?)
Pfaff, Carl, Der Wirtembergische Plutarch,
1. Bd., 1830/32, S. 183 ff
Pfeilsticker, Walther, s. Dienerbuch
Pommer, s. Mitt. des Wuertt. aerztl. Vereins
Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte,
5. Bd., 1922
Renz, Wilh. Theodor, Literaturgeschichte
vom Wildbad, 1881, S. 8 ff., Facsimilia der Titel und andere Proben
Riegger, Joseph Anton, Amaenitates literariae
friburgenses, fasc. 3 (1775/76), S. ...
Roth, Urkunden zur Geschichte der Universitaet
Tuebingen, 1877
Sattler, Grafen IV, S. 26 f
Schnurrer, Christian Friedrich, Erlaeuterungen
der wuertt. Kirchen-, Reformation- und Gelehrtengeschichte, 1796, S. 333
ff
Schnurrer, Fridrich, Chronik der Seuchen,
2. Bd., 1825, S. 55
Schoen, Theodor, s. Wuertt. Medizin. Corresp.-Blatt,
1896, 1901, 1905, 1907
Schott, Petrus, Lucubratiuncalae, Argent.
14..
Schwaebische Ahnentafel in Listenform
in Blaetter fuer Wuertt. Familienkunde
Staelin, Christoph Friedrich, Wirtembergische
Geschichte, 3. Bd., 1856, S. 774 und 4 Bd. 1879, S. 72
Steiff, K., Der erste Buchdruck in Tuebingen
...
Steinhofer, Joh. Ulrich, Wirtembergische
Chronik, 3. Bd., 1762, S. ... f., 537, 813
Strassburger Buergerbuch von 1483, S.
243
Studien zur Geschichte der Medizin s.
Sudhoff
Sudhoff, Karl, Aus er Fruehgeschichte
der Syphillis in Studien zur Geschichte der Medizin, 9. Bd., ..., S. 100
Sudhoff, Karl, Zehn Syphillisdrucke, Mailand,
..., S. 235 bis ..., 350 ff. in Monumenta Medica, 3. Bd. s. auch Archiv
fuer Geschichte der Medizin
Toepke, G., Die Matrikeln der Universitaet
Heidelberg, 1. Bd., ...
Universitaetsmatrikeln s. Hermelink, Toepke,
Wackernagel und Wien
Urkunden und Akten des Wuertt. Staatsarchivs,
1916 und 1940
Urkundenbuch der Stadt Esslingen, Bd.
II, in Wuertt. Geschichtsquellen, 7. Bd., 1905
Urkundenbuch der Stadt Stuttgart in Wuertt.
Geschichtsquellen, 13. Bd., 1912 u.a.
Visitationsakten 1536-1541 in Wuertt.
Geschichtsquellen, 22. Bd., 1932
Wackernagel, Universitaetsmatrikel von
Basel, Bd. 1, 1951, S. 240
Wais, Die aeltesten Bauten ..., 2. Aufl.
18(9)54
Weyermann, Albrecht, Neue Nachrichten
von Gelehrten ..., 1820, S. 609 ff.
Wien, die Matrikel der Universitaet, Bd.
I, 2. Lieferung ...
Wild, Ernst, Ein Konsillium ueber Blasengeschwuere
und Steinleiden, Doktordissertation Leipzig 1912
Wuerttembergische Geschichtsquellen s.
Urkundenbuch und Visitationsakten
Wuerttembergisches Hauptarchiv, Repertor.
Hohenbergisches Obervogteiamt Horb, BB 43, S. 15,17,18,30, ...
Wuerttembergisches Medizinisches Correspondenzblatt
1852, S. 151 ff; 1896, S. 58 ff; 1898, S. 298; 1901, S. 79 ff und S. 161;
1905, S. 798 ff; 1907, S. 25 und ...
Wuerttembergische Vierteljahreshefte,
Neue Folge, 15. Bd., 1906, S. 439 und 42. Bd., 1936, S. ...
Zeitschrift fuer die Geschichte des Oberrheins,
65. Bd., (N.F.26) 1911, S. 621 bis 635; 78 (73?) Bd. (N.F.39) 1936, S.
466 bis ...; 51. Bd. ...
Zimmerische Chronik, 2. Bd., 1861, S.
36 und Neuausgabe 1947
Zimmermann, Walther, s. Apothekerzeitung
und *Mein Heimatland*
|