UNVERGESSENE GESTALTEN UNSERER DYNASTIE

by E. T. Melchers & U. Melchers-Schmol 

Editions Saint Paul, Luxembourg 1994 

pages 370-375

IN UND UM SCHLOSS HOHENBURG

Wer ab und zu in der einschlägigen Literatur auf den Namen des südbayrischen Schlosses Hohenburg stößt, wird seine Bedeutung zur Zeit unserer Väter und Großväter kaum einzuschätzen wissen. Die Geschichte Hohenburgs ist jedoch nicht Vergangenheit, sie wird jeden Tag weitergeschrieben und erlebt; Schloß Hohenburg zehrt nicht nur von seinen Erinnerungen. Wenn es auch in der hiesigen Aktualität eine scheinbar nebensächliche Rolle spielt, darf nicht vergessen werden, daß es ab 1870 zu den Lieblingsresidenzen unseres Herrscherhauses gehörte. In ihm lebten zeitweilig drei Generationen unserer großherzoglichen Familie und in ihm trugen sich auffallende Ereignisse unserer Nationalgeschichte zu.

Die Tatsache, daß dieses Besitztum nach dem 2. Weltkrieg in andere Hände überging, ist zum Teil für das momentane Desinteresse an dem prachtvolien Alpenschloß verantwortlich. Nur mehr selten bei uns in Wort oder Schrift erwähnt, scheint es das Los des Märchenschlosses zu teilen und in einen Dornröschenschlaf versunken zu sein - eine vor Ort unhaltbare Illusion. Seine jetzigen Besitzerinnen, die Schwestern des Ursulinenklosters St. Josef in Landshut, haben seit ihrem Ankauf am 20. Oktober 1953 dem imposanten Bau neues Leben eingehaucht, indem sie ein angesehenes Erziehungsinstitut für junge Mädchen in ihm einrichteten. "Eine gewisse Atmosphäre hat sich Hohenburg bewahrt" - eine Atmosphäre jugendlicher Frische, welche die historischen Zimmerfluchten und die hochgewölbten Hallen belebt. Hier fließen Vergangenheit und Gegenwart ineinander ... "und der Unterschied zwischen den kleinen Prinzessinnen, die ... des Nachts durch die Gänge geisterten und den jüngeren Internatsschülerinnen heute dürfte so groß nicht sein." (v. Kamptz, Sybille, Vom Isarwinkler Buam zum Großherzog, Tölzer Kurier 28.12.1993, Lokales.)

Schloß Hohenburg, das sich heutzutage mit großem Erfolg der Jugenderziehung widmet, erhebt sich am Rande des bekannten Wintersportplatzes Lenggries (Oberbayern), dessen Brauneck-Pisten mit ihrem Angebot von 32 Abfahrtskilometern von den Skisportlern ebenso aufgesucht werden wie seine reizvollen Loipen in den tiefeingeschnittenen Bergtälern. Und im Sommer findet der Naturfreund in diesem herrlich gelegenen Gebirgsdorf der flächenmäßig größten Gemeinde des Freistaates Bayern und der Bundesrepublik Deutschland eine reichhaltige Auswahl an Wanderwegen vor.

Eine besondere Anziehungskraft für Winter- oder Sommerurlauber bietet die Nähe (8 km) des bekannten, typisch bayrischen Städtchens Bad TöIz, das bereits in großherzoglicher Zeit von den Hohenburger Schloßbewohnern fast tagtäglich aufgesucht wurde, sei es um Gäste am Bahnhof abzuholen oder die Dienste der Hofapotheke zu benutzen. Auch im photographischen Atelier der (noch heute berufstätigen) Gebrüder Frey, wo sich die besten Kreise der Gesellschaft kunstgerecht abbilden ließen, kehrten die großherzoglichen Kunden ein. (Durch Dekret des Hofmarschalls vom 15. September 1911 wurde Ferdinand Frey, Mitinhaber des fotografischen Ateliers der Gebrüder Frey, das Prädikat "Großherzoglich luxemburgischer Hofphotograph, in Gnaden", verliehen.)

Ob nun Ski-Dorado oder Wanderparadies - Lenggries hat in seiner schönen Umgebung trotz des starken touristischen Zustroms seinen ursprünglichn Charakter bewahrt. Mit seinen reichbemalten Chalets im Gebirgsstil, seinen wohlgepflegten, baumbeschatteten Gehöften, zwischen seinen "Tausendern" auf breitem Wiesengrunde ausgedehnt, ist es ein Schmuckstück des sogenannten "Isarwinkels" -jenes Landzipfels, der von den kieseltreibenden Fluten der Isar durchzogen, sich spitz in die steinerne Masse des Karwendels, nach Tirol, hineinschiebt.

In dieser Landschaft, die als eine der schönsten Oberbayerns gilt, ist Schloß Hohenburg nicht mühelos zu entdecken. Am Südausgang des Dorfes gelegen, entzieht es sich hinter einem dichten Vorhang herrlischer Buchen, Eichen und Linden den Blicken, und erst eine Wendung der Straße gestattet eine Aussicht auf den majestätischen Bau, der "im Waldesgrün, unter dem Schutze hoher Berge still verborgen dasteht wie ein ungeahntes Glück". (Freiin von Stackelberg, Natalie, Schloß Hohenburg im Isarthale, S. 9.)

An diesem herrlichen Ort ist der Luxemburger Besucher mit seinen Empfindungen nicht allein. Alles, was an unsere großherzogliche Familie erinnert, wird in Bad Tölz, Hohenburg, Lenggries, Anger, Fall bis hinauf zur Vorderriß sorgsam gepflegt, sei es in den liebe- und respektvollen Reminiszenzen der Bürgerschaft, in der Heimatchronik und -Literatur, auf Inschriften und Tafeln, die alle auf die glänzende Zeit hinweisen, als unsere Fürsten auf Schloß Hohenburg residierten. Ebenso bemerkenswert ist, daß die Präsenz unserer jetzigen Herrscherfamilie, einschließlich der jüngsten Generation, im einstigen Wohn-, Erholungs- und Jagdgebiet ihrer Ahnen vielfältig und lebendig in Erscheinung tritt. Entgegen einer vorgefaßten Meinung ist der Verkauf des Hohenhurger Schlosses vor bald 45 Jahren keineswegs als Abschluß zu betrachten; Anwesen und Liegenschaften sind in großherzoglichem Besitz geblieben und die ursprünglich abgeschlossenen Pachtverträge über riesige Jagdgebiete in der außerordentlich schönen Natur des Karwendels bewahren ihre Gültigkeit. Ein spezielles Finanzamt mit Sitz in der Vorderriß ist für die Verwaltung des großherzogIichen Privateigentums zustandig.

Auch das besondere Verhältnis, das zwischen den Urgroßeltern und den Einheimischen bestand, wird von der neuen Generation aufrecht erhalten und von den Lenggriesern selbstredend aufs herzlichste erwidert. In dem so geschaffenen Klima bleibt keine Tür geschlossen - weit öffnet sich die Flügeltür des Hohenburger Schlosses vor dem Besucher aus dem Großherzogtum. Diesem wird von den Schwestern Ludovika und Valeria eine eingehende Besichtigung ihres geräumigen Hauses freundlichst angeboten.

Man hat Schloß Hohenburg zuweilen eine gewisse architektonische Strenge nachgesagt; es wäre deswegen vielleicht angezeigt, darauf hinzuweisen, daß sein Erbauer, Graf Ferdinand Johann von Herwart 1718 eine Konstruktion schuf, die sich nicht nur einer Berglandschaft, sondern einem Bergklima anzupassen hatte. Der mächtige, dreigeschossige Schloßkörper umschließt einen von zwei Flügeln flankierten Ehrenhof. Hier kamen die Equipagen an - hier, vor dem mächtigen Tor und den beidseitig angebrachten, kunstvoll verarbeiteten Laternen brachten die herzoglichen Kutscher die Gespanne zum Stehen. Ein mit seltenen Bäumen (russischer Provenienz, wie uns versichert wurde) bepflanztes Parterre mit einer zentralen Fontäne bildet den relativ einfachen Schmuck dieses Vorhofes. Zu Herzog Adolphs Zeiten erboben sich allerdings zwei imposante Steinskulpturen, ruhende Hirsche darstellend, an beiden Ecken der Grünanlage. Sie zeugten von der Liebe zur Jagd des Schloßbesitzers, genau so wie "die unzähligen Hirschgeweihe, Gamskrickerl und ausgestopfte Vögel, die in Unmengen die Treppenaufgänge und die Zimmer des Schlosses schmückten." (Kamptz, von, ibidem.)

Die mit ihren schier endlosen Fensterreihen zum Park hingewandte Hauptfassade besitzt an ihren beiden Enden einen soliden Turm, der wiederum an seinen vier Ecken eine wohl klimatisch bedingte, aber merkwürdige Verzierung aufweist: vier als Wasserspeier getarnte Abflußrinnen. Verspielt wirkt auch der barocke Uhrturm, der sich von der Mitte des großflächigen Ziegeldaches abhebt.

Das Schloß hat irn Laufe der Zeit auf einige Verschönerungen verzichten müssen; der Park, ursprünglich nach einem großartigen Muster "à la française" angelegt, wurde im letzten Jahrhundert von seinem damaligen Besitzer (auf den zurückzukommen sein wird) nach englischem Modell umgewandelt und bis heute so belassen. Hierzu folgende, zusätzliche Erklärungen: "Einem alten Stich von Mathias Wiesel ist zu entnehmen, daß die Parkanlage westlich des Schlosses im Stil von Versailles, mit Springbrunnen, Skulpturen, geometrischen Rabatten und Wasserkaskaden angelegt war ... Heute kann man sich seine erste Form nicht mehr vorstellen. Daß sie trotzdem bestand, wenn auch nicht so phantasievoll wie auf dem Stiche Wiesels dargestellt, zeigt eindeutig die amtliche Katasterkarte der ersten Landesaufnahme um 1808, die eine genaue Kartierung der Anlage wiedergibt. Die zahlreichen Steinskulpturen der aufgelassenen Gartenanlage Hohenburgs wanderten in den "Englischen Garten" in München ab. (Lenggries, Ein Streifzug durch Vergangenheit und Gegenwart, Eigenverlag der Gemeinde Lenggries, 1989, S. 126.)

Eines der Hauptmerkmale dieses Bergschlosses, das manchmal als ziemlich streng und weitläufig beschrieben wurde, war die (in Anlehnung an die charakteristische "Lüftlmalerei") typisch-bayrische Fassadenmalerei, die eine extrem anspruchslose Basis benötigte, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Zu Herzog Adolphs Zeiten trugen sämtliche Fenster der Innen-und-Außenfassade schöngeschwungene, ockerfarbene, in graziöse Schnörkel übergehende Umrahmungen. Sie verliehen dem Bau Leichtigkeit, Originalität und Couleur locale.

Um noch weiter in dieser Richtung zu gehen, ließ der Herzog im Erdgeschoß einen großen Altan erbauen. "Die von wildem Wein umrankten Säulen bilde(te)n den Rahmen zu einem überraschend schönen Blick auf die Gebirgswelt jenseits der Isar und auf die hundertjährigen Baumgruppen des Parks". (Stackelberg, ibid., S. 45/46.)

Wenn inzwischen dieser Vorhau entfernt wurde und nur mehr wenige Gebäude von der Größenordnung des Hohenburger Schlosses sich eine kunstvolle Fassadendekoration wie ehedem leisten können, erinnert eine an der Nordseite angebrachte Gedenktafel an die herzogliche Zeit. Diese, aufs feinste verarbeitete gußeiserne Platte, Herzog Adolph sehr realistisch mit Nickelbrille darstellend, trägt folgende Inschrift: "Gabe des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung Limburg-Weilburg".

Der rechte Flügel des Vorhofes diente als Unterkunft der eleganten Karossen und rassigen Pferde, welche den Nassauern auf diesem Gebiete eine europaweite Reputation verschafften. Die Benutzung des linken Flügels enthüllt jedoch eine hierzulande kaum bekannte Tätigkeit unseres Großherzogs - nämlich als Bierbrauer! Wenn wir auch wissen, daß er ein engagierter Winzer war und auf Schloß Walferdingen seinen luxemburgischen Gästen liebend gerne einen guten Tropfen eigener Produktion aus dem Rheingau (oder einen spritzigen Mosel!) servierte, so rückt ihn sein Umgang mit Hopfen und Malz in eine uns noch sympathischere, menschliche Nähe! Tatsächlich führte er in diesem Schloßflügel den Betrieb der 1818 gegründeten Schloßbrauerei höchts erfolgreich fort, die bis zum heutigen Tage (allerdings an einem anderen Standort) das im Isartale nach wie vor beliebte Herzogs-Bräu braut, welches in Getränkeläden, Supermärkten, Gaststätten usw. von Lenggries mächtigen Absatz findet. Es in einem der bayrischen Biergärten, im Schatten großer Bäume zu kosten, ist wahrhaftig ein Hochgenuß! (Während des Scloßumbaus vurde das Bräuhaus zur Kirche und die ehemaligen Reitstallungen zur Mehrzweckhalle).

Im Konrrast zu seiner rrelativ nüchternen Bauweise war seit Beginn auf die lnneneinrichtung Hohenburgs größter Wert gelegt worden. Zur Zeit seiner Erbauung sollen namhafte Künstler im Schloß am Werk gewesen sein, doch infolge der häufigen Besitzwechsel, die sich nach dem Ausscheiden der Familie von Herwart einstellten, kamen zahlreiche der sich im Intérieur befindlichen Kunstgegenstände abhanden. Wo ist z.B. das Vesperbild aus der Schule Titians - ein authentisches Kunstwerk - geblieben? Nur mehr eine Kopie davon besteht in der Grabkapelle des nahen Kalvarienbergs. Noch andere wertvolle Gemälde und Kupfergegenstände aus dem Schloß werden vermißt und bbleiben verschollen.

Zur Zeit Herzog Adolphs war allerdings keine Kritik in puncto Wohnlichkeit an seinem Besitz zu erheben. Eine vertrauenswürdige Kennerin der Verhältnisse drückt sich zu diesem Thema folgendermden aus: ... "Die innere Einrichtung der Gemächer ist mit allem Luxus und Komfort des gegenwärtigen Geschmacks und mit Kunstgegenständen reich ausgestattet." Zum Schloß Hohenburg gehörten z.B. ... "venezianische Möbel und kostbare Boule-Arbeiten, die vom kunstsinnigen Herzog auf seinen Reisen aufgespürt und angekauft worden waren. (Stackelberg, ibid., S. 45.)

(Auch diese Gegenstände haben ihre Geschichte ... Wie wir weiterhin sehen verden, blieb laut einer stillschweigenden Abmachung Schloß Hohenburg von den Bombenverbänden des 2. Weltkriges verschont. "Bei der Besetzung des Isarwinkels durch diec amerikanische Besatzungsmacht vurde auf Weisung General Pattons Schloß Hohenburg wieder der noch außerhalb ihres Landes weilenden Großherzogin Charlotte zur Verfügung gestellt. Da die luxemburgischen Schlösser gegen Ende des Krieges ausgeplündert worden waren, wurden die vollständig erhalten gebliebenen Möbel und Einrichtungsgegenstände des Schlosses Hohenburg nach Luxemburg gebracht"). Dennoch blieben nach dem Umzug nach Luxemburg zahlreiche wertvolle Relikte im Schloß zurück - und sind seither unauffindbar. Die Ursulinenschwestern wissen noch heute entgeistert von dem verheerenden Zustand zu berichten, in dem sie das von ihnen erworbene Anwesen vorfanden.

Das bereits 1950 veräußerte Schloß gelangte erst durch verschiedene Mittelsmänner, die es sich angeeignet hatten, in den Besitz der Ordensschwestern. In dieser Zwischenzeit wurde arg darin "gehaust" und manchem noch vorhandenem Zierat der Geraus gemacht. Trotzdem sind ebenso interessante wie aufschlußreiche Spuren und Gegenstände aus herzoglicher Zeit zurückgebliehen, die von den heutigen Besitzerinnen sorgfältig gehegt und gepflegt werden.

Monumentaltreppen links und rechts des Eingangs münden auf dem Absatz auf perspektivische Malereien in lebhaften Farben, die alte Ansichten des Schlosses und seiner Gärten darstellen.

Genau gegenüber dem Eingangsportal liegt das Prunkgemach des Hauses, der sogenannte "Boiseriesaal", der in der Familiengeschichte unseres Herrscherhauses eine große Rolle spielt. Er ist im großen und ganzen intakt geblieben.

In einer rührenden Art und Weise wird das Andenken an das Großelternpaar unseres Großherzogs Jean im Schloß wie im gesamten Raume Lenggries hochgehalten. Im Schloß nehmen Wilhelm und Maria Anna den Ehrenplatz ein: ihre Porträts sind rechts und links der massiven, reich verarbeiteten Türe des Boiseriesaals angebracht; über der Mitte des Türrahmens erinnert uns ein Hirschgeweih an den herzoglichen Waidmann Adolph, der hier im Hochgebirge die Gems jagte - wie bekanntlich der 72jährige bei seinem Amtsantritt 1890 in Luxemburg den verblüfften Honorationen in reinstem Französisch anvertraute ...

Der 6 m hohe Boiseriesaal entpuppt sich als ein wahrhaft musealer Raum. Über seiner schulterhohen Holztäfelung bedecken Malereien in naturnahen Farbtönen die Wände. Sie stellen eine mittelalterliche Falkenjagd dar; Jünglinge in kostbaren Gewändern erlegen in einer idyllischen Gebirgslandschaft, die von allerhand Getier belebt ist, einen Raubvogel. Eine Anzahl der abgebildeten Tiere gehören kurioserweise in Rußland vorkommenden Gattungen an. Die Friese, welche an den großflächigen Wandmalereien entlangläuft, ist ebenfalls der Tier- und Pflanzenwelt geweiht, genauso wie das Hirschgeweih eines Achtenders. Dieser Wandschmuck aus Herzog Adolphs Zeiten hat offensichtlich die Turbulenzen des Besitzwechsels unbeschadet überlebt.

Die Protestantische Schloßkapelle, der in der Historie der Nassauer eine große Bedeutung zukommt, dient heute einem anderen Zwecke; nur die Inschrit: "Die Gnade des Herrn wahret von Ewigkeit zu Ewigkeit, Psalm 103, 17" erinnert an ihre frühere religiöse Bestimmung.

SchIoß Hohenburg besitzt jedoch seit seiner Erbauung durch die Augsburger Adelsfamilie von Herwart eine sehenswürdige katholische Kapelle, in der nicht nur die Schwestern ihre Andacht verrichten, sondern auch die Bürger des Isarwinkels ihre Taufen und Hochzeiten vielfach abhalten. Auf dem prächtigen, goldgeschmückten Rokoko-Altar fällt ein schwarzes Madonnenbild auf. Von ihm geht die Sage, ein Hohenburger Kreuzritter hätte es aus dem Morgenlande mitgebracht. Nach dem Urteil von Sachverständigen ist das geschnitzte Madonnenbild vielmehr eines der ältesten Denkmäler byzantinischer Kunst.

Wie dem auch sei, verkörpert die "schwarze Muttergottes" eine grausame Episode in der kriegsbewegten, durch mörderische Streifzüge gekennzeichneten Geschichte des Hohenburger Schlosses. Hohenburg, oder die "hohe Burg" stand seit uralten Zeiten auf einer Felsspitze oberhalb des jetzigen Baues. Im spanischen Erbfolgekrieg widersetzten sich die oberbayrischen Bauern den Einfällen der Tiroler, die Mord und Totschlag in ihre Täler hineinbrachten. Verrat führte jedoch dazu, daß der von den Einheimischen angestiftete Aufstand mißlang und den furchtbaren Zorn des Kaisers erregte. Schloß Hohenhurg erhielt zur Strafe die Einquartierung österreichischer Husaren. Die unheimlichen Gäste langweilten sich im stillen Gebirgsland, bis sie mutwilligerweise am 21. Juli 1707 das Schloß in Brand steckten. Während die Flammen loderten, lagerten die üblen Gesellen am Weiher und betrachteten hohnlachend das schreckliche Schauspiel. Von der inneren Einrichtung konnte nur mit Lehensgefahr das Silber und das alte Marienbild gerettet werden, das nun seit dem Neubau 1718 in der Schloßkapelle Hohenhurgs aufbewahrt wird.

Drei uber dem Zugang zur Kapelle nebeneinander angebrachte Wappen knüpfen an ein uns näherstehende Vergangenheit an: der luxemburgische rote Löwe auf weiß-blauen Feldern; der bayrische Löwe auf weiß-blauen Streifen und das farbenprächtige Wappen Portugals. - Die Schwestern wiesen auch auf ein großes Christusbild hin, das jedes Jahr zur Fronleichnahmsprozession nach Lenggries hinuntergebracht wird; es gehörte unserer Großherzogin Marie Adelheid.

In ihrem wertvollen Memoirenband, "Unterwegs", erwähnt Emma Weber-Brugmann, Tochter des einstigen Hohenburger Gutsverwalters, den "blauen Damensalon" als ureigenes Gemach der Herzogin Adelheid-Marie. Dieser Raum ist der Autorin in teurer Erinnerung geblieben - aus gutem Grunde: in ihm ließ Herzog Adolph die herrlich kandierten Früchte aufstellen, die er zu Beginn der Hohenhurger Saison speziell aus Nizza kommen ließ. Hierüber besitzt Emma Weher-Brugmann genaueste Erinnerungen: "Die großen Kasten aus Nizza waren schon gestern eingetroffen und aufgestellt im blauen Damensalon. Sie waren der Willkommensgruß des Herzogs für seeine vergötterte schöne Frau, die erst morgen ankam und die er am Wagenschlag mit einem Handkuß begrüßen würde. Auch die andern Damen trafen nun ein, mit ihren vornehmen Hofdamen und mit ihren lustigen Kammerfrauen." In all diesem Trubel gelang es dem Herzog, die kleine Emma beiseite zu ziehen und ihr ans Herz zu legen: "Komm am Sonntag morgen um 10 Uhr zur Frau Herzogin, da bekommst du etwas, wie jedes Jahr."

Ein besonderer Glanz haftete dem "blauen Salon" an, der auch für wichtige Familientreffen benutzt wurde. In seinem eleganten Rahmen fand z. B. am 18. September 1885 die standesamtliche Trauung der einzigen Tochter des Hauses, Prinzessin Hilda von Nassau (der Schwester unseres Großherzogs Wilhelm) mit Erbgroßherzog Friedrich von Baden statt.

Würde Frau Weber-Brugmann noch unter uns weilen, wüßte sie uns blindlings durch die Zimmerfluchten Hohenburgs in das Boudoir hineinzuführen, in dem einst die Frau Herzogin Klein-Emma mit den delikaten französischen Süßigkeiten verwöhnte. Nun müssen wir's auf eigene Faust versuchen, d. h. unter der Leitung unserer freundlichen Führerinnen.

Mit ihrer Hilfe glaubten wir den sagenhaften Raum (plus Vorraum) auf dem Obergeschoß in bester Lage zu entdecken. Eine hellblaue Friese verleiht nach wie vor den hohen Wänden eine delikate Eleganz, unterstrichen durch die über den Türrahmen angebrachten, hauchzarten Malereien. Auf der herrlich getäfelten Decke ist das Doppelmonogramm AAM (Adolph Adelheid Marie) deutlich zu erkennen. Die Bewohner dieses gediegenen Empfangssalons, durch dessen 2 großdimensionierte Fenster das Licht quasi hereinflutet, besaßen eine der schönsten Aussichten auf den englischen Rasen, die üppigen Baumgruppen und auf die in der Ferne schimmernde Bergkette jenseits der Isar.

Fällt der Name Marie-Adelheid, muß man sich in Hohenburg auf die Erinnerung an einen unfaßlichen Leidensweg einstellen. Schloß Hohenburg war die letzte Station im von Tragik und Krankheit überschatteten Leben unserer Großherzogin. Hier, wo sie 1906 ihre Erste Heilige Kommunion empfangen hatte, fand sie eine letzte Zuflucht, hier verstarb sie am 24. Januar 1924 in aller Stille, hier ruhte sie bis zum Oktober 1947 in einer Gruft unter der Kapelle, die uns die Schwestern eröffneten.

Der Anblick der fast rauhen Grabstätte dieser schönen, unglücklichen Prinzessin, die an ihrer Zartheit gebrach, ist bedrückend - in der dunklen Felsenkammer schweigt ein jeder sich unwillkürlich aus.

Die Kellergewölbe Hohenburgs bargen im Laufe der Zeit so manche Geheimnisse. Wie bereits erwähnt, liegt eines davon gar nicht so weit zurück. "Während des 2. Weltkrieges waren wertvolle Gemälde der alten Pinakothek Münchens auf der Flucht vor dem Luftkrieg im Schloß Hohenburg ausgelagert. Darunter befanden sich Meisterwerke altdeutscher Maler, wie Dürer, Schongauer, Grünewald und auch Meisterwerke aus dem belgisch-niederländischen Kulturbereich, Bilder von Rubens, Rembrandt, van Dyck, Rogier van der Weyden und Memling, sowie einzigartige Kostbarkeiten altitalienischer Malerei wie Botticelli, Leonardo da Vinci und Gemälde spanischer und französischer Meister wie El Greco, Velasquez, Murillo und Lorrain.

Auch die neue Pinakothek mit ihren Werken des 18. und 19. Jahrhunderts barg ihre Schätze im Schloß Hohenburg. Man nahm an, daß das Schloß mit seinen Kunstschätzen als Besitz eines ausländischen Souveräns vor Zerstörung sicher sei. Nach Kriegsende wurden die Kunstschätze wieder nach München gebracht. (Lenggries, ibid. S. 346.)

Eine Enttäuschung muß der heutige Hohenburg-Besucher mit in den Kauf nehmen: die von Emma Weber-Brugmann so lebhaft beschriebene Stätte ihrer Kindheit ... "der liebe, alte Bauhof, der umschlossen von großen Bergen, seine breite behäbige Front mit den vielen Balkonen, Lauben genannt, der Sonne entgegenbreitete" ist in fremden Besitz übergegangen. Dafür bieten sich zur Entschädigung andere Entdeckungen auf dem Schloßareal an: das Kavaliershaus, ein behagliches Berg-Chalet, das früher den großherzoglichen Gästen zur Verfügung stand. Heute teilen es sich der Hausgeistliche und erholungsbedürftige Schwestern.

Etwas weiter erhebt sich, in Grün eingebettet, die gotische Dionyskapelle. Das seltene Patrozinium hat schon zu manchem Rätselraten Anlaß gegeben. Für den Spaziergänger ist hier der Ausgangspunkt einer hübschen Promenade zum berühmten Lenggrieser Kalvarienberg, der mit seinen schachbrettförmig, am Rand steiler Holzstiegen aufgestellten Kapellen in zwei außergewöhnliche Denkmäler mündet: die 1694 errichtete Grab- und die 1726 erbaute Kreuzkapelle. Gönner waren wiederum die Edlen von Herwart. "Zahlreich sind die Votivbilder in den beiden Kapellen, auf denen zumeist Flößer, Holzer und Bauersleute in gefährlichen Situationen dargestellt sind, aus denen sie dann ... wunderbar errettet wurden. (Lenggries, ibid., S. 262.) Vor der Grabkapelle erhebt sich eine Dreiergruppe lebensgroßer, aus Kupfer getriebenen Heiligenstatuen; die rechte davon (der Heilige Johannes unter dem Kreuz) ist ein Geschenk unserer Großherzogin Marie-Adelheid an diesen schönen Ort der Stille und des Gebets.

Wir können den Hohenburger Park nicht verlassen, ohne eine heute etwas abseits liegende, verfallene Stätte aufzusuchen. Sichtbar ist in der wuchernden Natur nur mehr ein verwittertes Kreuz. Dennoch tritt die Gestalt unseres Großherzogs Adolph vielleicht nirgends lebendiger in Erscheinung als hier, in diesem verlassenen Parkwinkel, wo er drei ihm in zartem Alter entrissene Kinder zur Ruhe gebettet hatte.

Im Frühling, zum Beginn der Hohenburger Saison, erschien Herzog Adolph als erster in seinem "kleinen Alpenreich". Hierzu Emma Weber-Brugmann: "Lachend sprang ... er vom Bock, drückte allen, die da herumstanden die Hände, und kannte uns alle wieder.

Er warf einem Lakaien Zügel und Handschuhe zu - und nun kam der Augenblick, auf den ich gewartet hatte.

Der Herzog nahm einen großen vergoldeten Schlüssel in Empfang und stieg mit Riesenschritten über den Rasen direkt dem Bergpfad zu. Dort stand ich, heuchlerisch ganz vertieft in den Anblick einer Eidechse.

'Ei da bist du ja, kleines Mädel - groß geworden im Winter - gehst du wieder mit?'

Selig ergriff ich die ausgestreckte Hand und suchte den großen Schritten standzuhalten ... Aber ganz still sein (mußte ich). Jetzt war er schon bei seinen Toten da oben in der Gruft hinter dem hohen Gitterwerk, dessen Tor mit dem großen Nassauer Löwen er aufschloß. Lange stand er mit gefalteten Händen vor den drei Gräbern unter dem riesigen weißen Marmorkreuz. Dann setzte er sich auf die Steinbank, zeichnete mit seinem Stock Striche in den Sand und wandte den Blick nicht von dem Grab, das die Aufschrift trug: Erbprinz Franz von Nassau, gestorben im Alter von 16 Jahren."

Längst ist die Familie in der großherzoglichen Gruft in Weilburg a. d. Lahn wiedervereinigt - und das schmiedeeiserne Gitter mit seinem zentralen Löwenmotiv hat teilweise in der Lenggrieser Pfarrkirche eine gediegene Verwendung gefunden.

"In den ersten Jahren nach dem Regierungsantritt Großherzogs Adolph wurde Großherzogin Adelheid-Marie von ihrer Kindespflicht meist in Hohenburg festgehalten" (Schoos Jean, Thron und Dynastie, ISP 1978, S. 145.) und konnte ihre sprichwörtliche Güte und Anhänglichkeit einmal mehr unter Beweis stellen. Ihre in der eigenen Familie wie in der Gesellschaft so verehrte Mutter Prinzessin Marie (Mimi) von Anhalt-Dessau war in dem südbayerischen Schlosse schwer erkrankt. Längst bevor das Wort Altenpflege im gewöhnlichen Sprachgebrauch Aufnahme fand, wurde die Kranke durch vier Jahre von ihrer Tochter aufs sorgfältigste gepflegt, bis sie 1895 im Alter von 81 Jahren starb.

"But enough of death, it's life that matters". Dieser Gedanke Virginias Woolf's diene dazu, ein freundlicheres Kapitel aufzuschlagen, im dem Glück, Glanz und Frohsinn unserer großherzoglichen Familie in einem sorglosen Abschnitt ihres Lebens vorherrschen.

GLANZVOLLE ÄRA

Als Anno 1836 Fürst Karl Emich zu Leinigen Hohenburg erwarb, hielt die Moderne ihren Einzug in dem noch vom klassizistischen Geiste der Edlen von Herwart gepägten Schloßareal. Ganz Im Sinne der damals grassierenden Anglomanie, ließ dieser Halbbruder der Queen Victoria den Park (wie bereits kurz erwähnt) nach englischem Muster ummodeln; unter seinem Szepter erhoben sich in einer neuen, hügeligen Landschaft formschöne Bäume von kostbarer Essenz. Um das Wild herbeizulocken, ließ er dichtes Buschwerk und wunderschöne Baumgruppen in der Nähe des Hauptschloßkomplexes anpflanzen. (Wie wirksam sich diese Methode erwies, kann noch fleute fast tagtäglich beobachtet werden, wenn im Hohenburger Park Rebe und Zicklein furchtlos aus dem Grünzeug hervortreten.) Fürst Emich betrachtete überhaupt seinen Besitz in den Alpen aus der Sicht eines leidenschaftlichen Jägers und gestaltete ihn demgemäß. Mit erheblichen Mitteln verwandelte er die Hohenburgcr Bergszenerie in ein großartiges Jagdrevier. Überall entstanden Pirschhäuser und Jagdsteige; eine bequeme Straße von Lenggries über die Vorderriss wurde nach der Hinterriss angelegt. Auch das hübsche Jagdschlößchen ließ er dort errichten, im Einklang mit seinem wahrhaft königlichen Lebenstil.

Die Aulhebung der gutsherrlichen Gerichtsbarkeit infolge der Märzrevolution von 1848 soll den letzten Hohenburger "Hofmarksherrn" verärgert und ihn bewogen haben, seinen Besitz zu veräußern.

Unter einem der nächsten Eigentümer erstand das inzwischen arg herabgekommene Schloß zu neucm Glanz. Für 32.000 Gulden erwarb Freiherr Carl von Eichthal, eine Persönlichkeit aus den Münchner Bank- und Finanzkreisen 1857 die Besitzung. Der neue Schloßherr zeigte starkes Interesse für sein Anwesen. Er trachtete danach, das nach allen Seiten hin zerrissene schloßgebiet zu ergänzen und zu arrondieren. Beträchtliche Summen wurden auf diese Weise verwandt für Um- und Neubauten, Käufe, Täusche usw.

Schon bahnte sich wiederum ein Besitzwechsel an, der für uns von kapitalem Interesse sein wird.

Herzog Adolph zog seit dem Unglücksjahr 1866 ziemlich unstet umher. Wenn er nicht von Verwandten zu Verwandten unterwegs war, bereiste er vorzugsweise Südeuropa, absichtlich einen weiten Bogen machend um sein früheres Herzogtum. Hatte er in dieser Zeitspanne schon mit eventuellen Kaufabsichten im südbayerischen Gebiet prospektiert? Jedenfalls unterzeichnete er 1869 einen Pachtvertrag fur ein großes Jagdgebiet in der Gemeinde Mittenwald.

Das Angebot "Hohenburg" hätte dem herzoglichen Interessenten nicht gelegener kommen können. Sofort Feuer und Flamme für das prachtvolle, zur Veräußerung stehende Objekt griff er zu und setzte am 26. Februar 1870 seinen Namen unter den Kaufkontrakt.

Das Erscheinen der liebenswürdigen Neuhinzugezogenen aus dem Rheinland - gewiß kein alltägliches Vorkommnis! - wurde von den Gebirglern mit besonderer Genugtuung begrüßt.

Der neue Herr hatte allerdings eine kleine Botschafterin mit Charme zur Verfügung, die seiner Sache höchst dienlich war: sein Töchterchen Hilda. Der am 5. November 1864 geborenen Prinzessin war es erspart geblieben, den rheinischen Besitztümern, insbesondere dem Kinderparadies Biebrich, allzusehr nachzutrauern, weil sie knapp fünfjährig ihre Geburtsstätte verlassen und in den bayerischen Alpen eine neue Heimat gefunden hatte. Eine bessere konnte sich ihr Kinderherz wahrhaftig nicht erträumen. Die kleine Prinzessin, die wieder Leben ins Schloß und Tal brachte, war der Liebling der Einheimischen. Mit Stolz sah man sie zu einer jungen Schönheit heranwachsen. "Ihr einfaches, jugendfrisches und teilnehmendes Wesen gewann alle Herzen. Sie war auch gern im fernen Gebirgstal, kannte bald alle die braven Dorfbewohner und wurde von allen geliebt und verehrt." (Freiin von Stackelberg, Natalie, Schloß Hohenburg im Isarthale, S. 42.)

Ihre Hochzeit am 18. September 1885 mit Erbgroßherzog Friedrich von Baden (9.7.1857-9.8.1928) wurde zum "großen, glückverheißenden Ereignis", zu einer Festlichkeit, an der sich alle Ortschaften des Tales beteiligten.

Die Verlobung im Frühling auf Schloß Königstein hatte bereits eine wahre Fürstenversammlung veranlaßt, die in dem historischen Taunusstädtchen als unvergeßliche Erinnerung überlebt. (Loderhose, Taunus-Zeitung, 24.11.1966.)

Als in Hohenburg der große Tag heranrückte, flogen die schönen Vierergespanne des Herzogs unermüdlich durch das Tal nach Bad Tölz, wo immer wieder prominente Gäste am Bahnhof eintrafen. Münchner Künstler waren wochenlang am Werk, um Lenggries in festlichen Schmuck zu kleiden; Tausende von Fahnen in den herrlichen blau-orange Farben belebten den stillen Isarwinkel; bis binab zum kleinsten Bauernhaus waren alle Gebäude mit Kränzen und Tannengirlanden verziert. Eine festlich freudige Bewegung hatte das stille Gebirgsdorf erfaßt. "Die leitenden Männer traten zusammen, das Festprogramm ward entworfen. Zu Ehren des Brautpaares wollte man ein zweitägiges Festschießen veranstalten, und alle Bewohner der teilnehmenden Dörfer in einem Festzuge vereinigen, damit sie dem hohen Brautpaar ihre Huldigung und die Hochzeitsgaben darbringen könnten. (Stackelberg, ibid., S. 42) Eine wahre Gebirgshochzeit sollte der geliebten Prinzeß verehrt werden.

"Glanzvolle Hofhaltung". Unter diesem Titel faßt die Lenggrieser Chronik die Segnungen zusammen, die mit der Ankunft der Nassauer sich wie aus einem Füllhorn heraus über ihr Tal ausbreiteten. "Der Reichtum des großzügigen Fürsten brachte dem ganzen Isarwinkel einen ungeahnten Aufschwung." Reichliches Brot und Zubrot verschafften an erster Stelle den Bewohnern Herzog Adolphs Viehzucht. Sein Marstall umfaßte bald 80 auserlesene Vollblutpferde, ausschließlich aus Wiener Züchtungen. Jede Neuanschaffung wurde erst nach einer peinlich genauen Auswahl getroffen, "denn in den Viererzügen, in denen die fürstliche Familie durch Lenggries und das Isartal zu kutschieren pflegte, wurden nur allerbeste Pferde geduldet ... Der Großherzog selbst fuhr mit vier Rappen, die Großherzogin mit vier Füchsen. Das dritte Gespann bestand aus vier Apfelschimmeln, wie sie die Wiener Hofschule vorführte." (Lenggries, Ein Streifzug durch Vergangenheit und Gegenwart, Eigenverlag der Gemeine Lenggries, 1989, S. 126ff.)

Die Lenggrieser machten nicht nur große Augen angesichts dieser prachtvollen Gespanne, sondern freuten sich über die Aufträge, die sich aus der Pflege derselben ergaben. "Dem (lokalen) Handwerk blieb es vorbehalten, alle die zahlreichen Lieferungen, Reparaturen, Um- und Ausbauten" im herzoglichen Marstall auszuführen.

Im Isarwinkel hatte Herzog Adolph das Paradies gefunden, das seine langgehegten Wünsche erfüllte. In diesem wildreichen Revier, das nicht nur laufend die Wilderer herausforderte, sondern den bayrischen Dichtern fesselnde Themen lieferte (Ludwig Ganghofer: "Der Jäger von Fall") fand der adlige Weidmann optimale Bedingungen vor. "Er begann, den Hohenburger Besitz mit neuen Jagdrevieren abzurunden und sich durch Pachtverträge weitere Gebirgsjagden zu sichern, wie z.B. die große Fereins-Alm zwischen Mittenwald und der Vorderriss, das 'Peind'."

Die Vorderriss? Ein Ortsname, der aufhorchen läßt. Was beeindruckt so stark an diesem Flecken, hart an der Grenze Tirols? Ein behäbiger Gasthof, die, "Post", dominiert die einzelnen Bergchalets an der Hauptstraße.

Eine Brücke führt über die Isar. Am entgegengesetzten Flußufer türmen sich die steilen Kalksteinwände des Karwendels; ein paar Wagemutige quälen sich ratternd am Steuer die steile Bergstraße hinauf. In der Ferne leuchtet das weißgetünchte Kirchlein der Vorderriss, in welchem der jedem Bayer ins Herz gewachsene König Ludwig Il. oft einkehrte.

Der Biergarten der "Post" ist anheimelnd. Wir geben uns der freundlichen Wirtin als Luxemburger zu erkennen. "Aber Sie sind hier in Luxemburg", entgegnet sie uns lächelnd und öffnet eine Tür in der Diele. Sie mündet in eine echt bayrische Stube, von deren holzgetäfelten Wänden jedem von uns vertraute und verehrte Antlitze auf Photographien herunterlächeln.

Wie wir erfahren, dient die Vorderriss als Ausgangspunkt zu den fabelhaften Jagdrevieren, die seit Ahnherrn Herzog Adolph in unserer Herrscherfamilie eine sportliche Tradition geschaffen haben. Zur Jagdsaison verbreitet sich, allen Inkognitos zum Trotz, im gesamten Isarwinkel, zwischen der Vorderriss und Lenggries, über Anger, Fall und die Sylvensteiner Stauseen, bis hinein ins schöne Bad Tölz, die frohe Kunde: "Die Luxemburger sind da!"

Setzen wir uns einige Lustren zurück, um die Hohenburger Hochsaison ja nicht zu verpassen. Sie fand in Juli statt, wenn die Gamsjagd anfing. Dann wurde es im ganzen Gebiet zwischen Garmisch, Mittenwald und Hohenburg lebendig. Denn Jagen war zur herzoglichen Zeit gleichbedeutend mit Geselligkeit, Gastlichkeit, gesellschaftlichem Betrieb. Wie prächtig es damals in Hohenburg zuging, wenn es im Schloß nur so von Hoheiten wimmelte, hat uns Emma Weber-Brugmann in ihrer unvergleichlichen Art hinterlassen. Auf der von ihr angeführten Gästeliste fehlt kein Name. "Es kamen", so erinnert sie sich, "die Schwestern des Herzogs, die alte Fürstin von Wied, in ihren unverkenntlichen weißen Spitzenschleier gehüllt, mit ihrer Tochter Carmen Sylva, der Dichterin auf rumänischem Thron; die junge Königin von Württemberg, mit ihren drei Schwestern, den Prinzessinnen von Schaumburg-Lippe - die kleine, lehhafte Fürstin Mathilde Metternich aus Paris" ... Mit dieser zierlichen Dame hielt eine der brillantesten Schrittmacherinnen der Pariser Eleganz ihren Einzug in die bayrische Sommerfrische. Die Gattin des österreichischen Botschafters in Paris, Fürst Richard Metternich-Winneburg (Sohn des berühmten Staatsmannes, der auf dem Wiener Kongreß großen Ruhm erntete), war "mit ihrem klugen Mongolengesicht und den burschikosen Manieren" ebenso begehrt am Hofe der Tuilerien wie auf Schloß Hohenburg, wo ihre Bonmots, ihr Stil, ihr Chic äußerst goutiert wurden.

Die männlichen Sommergäste standen in puncto Rang und Namen dem weiblichen Kontingent in keince Weise nach. Gern gesehen in der Hohenburger Hochsaison war Prinz Nicolas von Nassau (Halbbruder des Hausherrn), der mit seinen humorvollen Kommentaren über die Vorgänge auf der Weltbühne oder mit seinen überseeischen Reiseberichten die erlauchtige Gesellschaft stets zu fesseln wußte. Ebenso wohlgelitten im nassauischen Familienkreis war eine andere, jüngere Prominenz: der baumlange Kronprinz Gustav (und spätere König von Schweden). Damals schon leidenschaftlicher Anhänger des "weißen" - des Tennis-Sports - gab er mit einem Instrument, ohne das er niemals verreiste, - seinem Tennisschläger - der Dorfjugend große Rätsel auf.

"Die hohen Jagdgäste wurden auf die vielen großherzoglichen Hütten verteeilt. Shetlandponys, kleine, geduldige Pferdchen, wurden auf die verschiedenen Jagdreviere gebracht, auf denen die Damen zur Jagd ritten. Mehr Bis 100 Treiber stiegen zur gleichen Zeit in die Höhen des Karwendels, wenn der Startschuß zur Gamsjagd durch die Täler hallte.

Rotwildjagden, gefolgt von neuen Gamstreibjagden, dauerten bis zum Spätherbst an. Die Größe da Jagdreviers (1600 ha) war so außeordentlich, daß der Wildbestand trotz der hohen Abschußzahlen infolge jagdverständiger Pflege immer weiter mehrte."

Wir kennen von Biebrich, Königstein und später von Walferdingeli her ein anderes Spezialgebiet da Herzogspaares: sein nie erlahmendes Interesse an Blumen und Gewächsen. Die Hohenburger Gärtnerei war mit ihren Glas- und Treibhäusern ein reichhaltiges Subrogat für des in der alten Heimat Zurückgelassene, so daß im Sommer sich ein in allen Farben leuchtender Blumengürtel längs des Hauptgebäudes hinzog. Man versteht, daß Adelheid-Maria Farbpinsel angesichts dieser Blumenpracht selten zur Ruhe kam.

Wie aufgechlossen des herzogliche Paar sich der Kunst gegenüber verhielt, läßt sich durch das schon erwähnte "Malerhaus" der Herzogin bestens illustrieren. In dem ansehnlichen Gerbirgschalet, halbwegs zwischen Schloß Hohenburg und Lenggries, genossen die Münchner Kunstmaler, Arrivierte (neben den bereits genannten Seidl, Schock und Defregger, der Genre-Maler Carl Seiler, die Tiermaler Adam und Nestler-Raux) wie Anfänger großherzige Gastlichkeit. Sie fanden darin ein geräumiges Atelier, gemütliche Stuben vor - und freie Beköstigung im nahen SchIoß! Das Schlaraffenland von Herzogs Gnaden stand ihnen Sommer für Sommer offen; sie revanchierten sich, indem sie den Isarwinkel immer wieder mit ihren Mal- und Zeichenutensilien durchzogen und seine landschaftlichen Schönheiten in den Münchner Kunstkreisen bekannt machten.

Abgesehen von seiner Bedeutung in der damaligen süddeutschen Kunstszene, besaß das "Malerhaus" eine rein familiäre, tiefgehende Konnotation: In ihm fanden die wöchentlichen Zeichen- und Malstunden statt, die Großmama Adelheid-Marie ihren Enkelinnen zu erteilen pflegte. Manchmal ergriff sie den Pinses selbst und bannte die Idylle auf die Leinwand. Solchen Augenblicken der Inspiration verdanken wir ein hübsches Gemälde, das uns die kleinen Prinzessinnen Marie-Adelheid, Charlotte und Hilda, in sommerlicher Kleidung, vor der Treppe des Chalets, um einen gedeckten Kaffetisch gruppiert, zeigt. Das Bild - 1898 gemalt - hält, mit dem noch schneebedeckten "Brauneck" im Hintergrund, den Zauber einer Landschaft fest, die heute, durch hochgewachsene Bäume, sich völlig anders präsentiert.

Doch auch am Ende dieses Jahrhunderts hat das einladende Bergchalet mit seinen Geheimnissen und Erinnerungen nichts von seinen Reizen eingebüßt. Fast verborgen liegt es am Waldesrand, auf einer Anhöhe an der Nordseite des Kalvarienbergs. Zum Hause führt ein tiefeingeschnittener Hohlweg, dessen mit bemoosten Steinen ausgelegte Böschungen ihre eigene Sprache sprechen (und "über den die Wittelsbacher in ihren kleinen Flitzern oft zu Besuch kommen".).

Den Lenggriesern ist natürlich bekannt, daß das einstige "Malerhaus" im Besitz der großherzoglich-luxemburgischen Familie geblieben ist und von derselben oft und gerne Besuch erhält. Umgeben von einer großzügigen Rasenfläche, von Buschwerk und Baumgruppen abgeschirmt, eignet es sich vortrefflich für Familienfeste, derer es in unserer Herrscherfamilie nicht ermangelt - z.B. für einen "Taufschmaus", wie es in Bayern heißt. Lächelt dem vorbeigehenden Besucher das Glück, kann er am Zaun (der ihm zuvorkommend geöffnet wird) einen freuntischaftlichen Plausch "op lëtzebuergesch" mit einer der prinzeßlichen Eigentümerinnen führen, die hier fern jeden Protokolls, wie die ursprünglichen Insassen dieser Bergidylle, ihren künstlerischen Neigungen nachgeht.

Doch die Fama der Nassau-Luxemburger hätte im Isartal nie die Resonanz erhalten, hätte sie sich nur auf das Weidmännisch-Sportliche oder das Gesellschaftliche beschränkt. Bemühen wir nochmals eeinen besonderen, aufschlußreichen Titel aus der Lenggrieser Chronik, der lautet: "Ein Herz für die Sorgen der Bevölkerung." Was im sozialen und kulturellen Bereich für die Lenggrieser getan wurde, als Herzog Adolph einer der ihren war, hat sich im Gedächtnis des Berg-Kollektivs für immer festgesetzt. Die Unternehmungen unseres Großherzogs auf dem Gebiet der Armen- und Krankenversorgung, des Musikunterrichts für begabte Schüler (Grundstein der Lenggrieser Musikkapelle), des Volksunterrichts, der Haushaltungskurse für junge Mädchen schöpften großzügig aus dem von ihm angelegten Spezialfonds.

Die Thronbesteigung in Luxemburg änderte kaum etwas an den liebgewonnenen Gewohnheiten des hohen Wahl-Lenggriesers. Seine Aufenthalte fern seines luxemburgischen Regierungssitzes rechtfertigten sich bis zu einem gewissen Grade für den Souverän, denn im Großherzogtum stand unserer neuen Herrscherfamilie anfangs kaum eine standesgemäße Bleibe zur Verfügung. Durch die lange Personal-Union mit den holländischen Königen war auf baulichem Gebiet wenig oder nichts unternommen worden. Bekanntlich wurden unter Anleitung von Großherzogin Adelheid-Marie in dem verwaisten Gouverneurshaus (dem jetzigen Palais Grand-Ducal) von dem Brüsseler Architekten Bordiau bedeutende Umänderungen vorgenommen. Auch Schloß Berg, offizielles Domizil des erbgroßherzoglichen Paares, genügte nicht mehr den Anforderungen einer ständig wachsenden Familie.

Während dieser Übergangsperiode fühlten sich unsere Herrscher zum Komfort ihres ländlichen Besitzes in Bayern hingezogen und, da außerdem Schloß Walferdingen den unvorteilhaften Ruf genoß, feucht zu sein, verbrachten sie den Winter in Hohenburg, soweit es ihre Pflichten als Landesvater und -Mutter erlaubten. Im fernen, in winterliche Nebel eingehüllten Großherzogtum drang kaum durch, welche sportlichen Leistungen sie in ihrer schneebedeckten Zweitheimat vollbrachten, wo sie als "Pioniere" des Skisports weitgehend gefeiert wurden. Unter der Überschrift: "Begeisterung für den Wintersport" erstattet am 14. Februar 1893 eine Münchner Zeitung Bericht über die erstaunlichen Erfolge unserer Herrscher auf den "Bretterln".

"Über fürstliche Winterfreuden wird aus Lenggries gemeldet: Mit kurzen Unterbrechungen bringt der Großherzoglich Luxemburgische Hof den diesjehnigen Winter im Prachtschloß Hohenburg bei Lenggries zu und wird vom großherzoglichen Paare eifrig den winterlichen Sportvergnügungen obliegen. Einer der Parkteiche ist zu einer prächtigen Bahn hergerichtet, auf welchem I.K.H. die Großherzogin eifrig Schlittschuh läuft. Der Großherzog selbst hat trotz seiner 77 Jahre in voriger Woche den Schneeschuhsport (Ski) eingeführt, und ein Lehrer des Wiener Eislaufvereins, der seinerzeit die Nordpolexpedition Weyprechts mitgemacht hatte, lehrte den Großherzog wie den Erbprinzen und das Gefolge in kürzester Zeit die Handhabung des Ski. Die Fürstlichkeiten nahmen nach Erlernung dieses Schneeschuhlaufens kürzlich eine Bergtour auf Schneeschuhen unter Führung eines herzoglichen Jägers, der mit seinen Schneereifen bald zurückbleiben mußte. Der Erbprinz unternahm auch einen Ausflug auf Schneeschuhen ins Gebirge, wo übernachtet werden mußte, und einen Abstecher nach Tölz, wobei Springübungen gemacht wurden. Nach zehn Tagen hatte der Lehrer seine Aufgabe erfüllt.

Der Luxemburgische Hof läuft gleich den besten Nordländern auf Schneeschuhen, was keine geringe Propaganda für den Ski bei der Bevölkerung des Isarwinkels ist (Lenggries, ibid., S. 128)" Der wagemutige Herzog ging manchmal Risiken ein. Er lenkte am 24. August 1899 eigenhändig seinen Viererzug im Isartal, als sein Wagen an der Walchenbrücke umstürzte und er sowie sein Begleiter, Graf Metternich, erhebliche Verletzungen davontrugen; stark verletzt wurden auch die Pferde. Auf diesen Unfall hin war es dem beherzten Sportler verboten, jemals wieder einen Viererzug eigenhändig zu lenken.

Auf die frische Luft wollte jedoch der rüstige Greis ebensowenig verzichten wie auf das Rauchen. Eine kleine Kutsche wurde nun angefertigt, in welcher der Großherzog, bequem gebettet, von vier Angerer Buben in bayrischer Tracht in einem Miniaturpferdegeschirr durch den Park gezogen wurde. Im Mund hält er eine lange Meerschaumpfeife; ein hübscher Schnappschuß besteht von diesem ungewöhnlichen Gespann. Und wie so viele Dinge im langen Leben unseres Großherzogs, gibt auch seine unentbehrliche Pfeife den Stoff zu einer Anekdote her: Im Sommer 1883 von Professor Hoerner in Zürich erfolgreich vom grauen Star operiert, wies die Fakultät den leidenschaftlichen Zigarrenraucher auf die Schäden hin, die der Tabakdampf den Augen zufügte. Aber unser Großherzog wußte sich zu helfen. Er schaffte sich eine langgeschwungene Pfeife an, nach dem Muster der orientalischen Nargileh, an deren Ende er das Corpus delicti, seine geliebte Havannazigarre, befestigte. Auf diese Weise hielt er den schädlichen Dampf vom Gesicht ab, ohne auf den Genuß des Rauchens verzichten zu müssen und beobachtete dennoch die Empfehlungen der Ärzte.

Wie unser allgemein beliebter, ungewöhnlich populärer Großherzog am 17. November 1905 in Hohenburg sanft hinüberschlummerte, umgeben von seiner Gattin und seinen zwei Kindern Wilhelm und Hilda, ist ein Kapitel, das wir hier nur berühren möchten. In seinem Totenzimmer reichten sich Luxemburg und Nassau auf bayrischem Boden die Hand; der Verstorbene ruhte in Uniform der luxemburgischen Freiwilligen-Kompanie; Tschako und Degen schmückten den Sarg, der umrahmt war von den Fahnen der Nassauer in der Schlacht von Waterloo. Zwei Kammerherren aus nassauischer Zeit, die Freiherren von Dungern und von Thienen, sowie die zwei wohlbekannten Luxemburger Offiziere Major van Dyck und Oberleutnant Speller hielten an der Bahre Ehrenwache.

In einer bezeichnenden Geste warf Großherzogin Adelheid-Marie, am Tage der provisorischen feierlichen Beerdigung im Mausoleum von Hohenburg (am 22. November 1905), umringt von den weiblichen Angehörigen der Familie, eine Handvoll frischer, kostbarer Blumen auf den versunkenen Sarg; "ebenso unsere vier ältesten Prinzessinnen Marie-Adelheid, Charlotte, Hilda und Antonia, ein anmutiges Bild von Kinderunschuld und erstem Kinderleid. Die zwei Prinzessinnen, die dreijährige Sophie und ihre um 11 Monate ältere vierjährige Schwester Elisabeth wohnten dem ernsten, erhabenen Schauspiel nur aus der Ferne bei." (Bach, Marguerite, Adelhei-Marie zum 50. Sterbetag, An der ucht 1966.)

DIE LETZTEN TAGE VON HOHENBURG

Wenn auch nach dem Ableben Herzog Adolphs, dem Verlust seiner zweier Nachfolger und dem 1. Weltkrieg das politische Klima Europas sich so verändert hatte, daß der betroffene Hochadel sich große Zurückhaltung auferlegte, erlebte Hohenburg in den Jahren 1921/22 noch eeinmal höfischen Glanz. Die Eheschließungen von drei luxemburgischen Prinzessinnen brachten vorübergehend wieder Leben in das Schloß.

Vorauszuschicken ist, daß Großherzog Wilhelm in seinem Testament vom 15. Januar 1908 Hohenburg ausdrücklich zum Witwensitz seiner Gattin Maria Anna bestimmt hatte. Von allen Fürstlichkeiten unseres Hauses war sie am tiefsten mit Hohenburg verwurzelt. Sie lebte mit Unterbrechungen vom Anfang des Jahrhunderts bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges in der bayrischen Besitzung.

Wie bereits erwähnt, fehlten anfänglich im Großherzogtum die passenden Wohnsitze für einen Hofstaat der Größenordnung unserer neuen Herrscherfamilie. Diese mußte sich auf ihre eigenen Besitztümer zurückziehen, um die Fertigstellung der in Luxemburg begonnenen Instandsetzungen oder Neubauten abzuwarten. Obschon manchmal in unserm Lande bemängelt wurde, unsere Souveräne hielten sich allzuoft auswärts auf, wurde diese Übergangsperiode vom Landesherrn und den Seinen mit größtmöglichem Takt bewältigt, so daß niemals der Eindruck einer Vernachlässigung ihres Hauptsitzes entstand.

Die Krankheit Großherzog Wilhelms machte Hohenburg noch unentbehrlicher, da die sich auf dem Gebiet des Großherzogtums befindlichen Residenzen sich einstweilen nicht für die Aufnahme und Pfiege eines Schwerkranken eigneten.

Um sich Luxemburg zu nähern, mietete man 1908 die Villa de Schaefer in der Theresienallee (heute bischöflicher Palast), um über einen kleinen Park zu verfügen, wo der Kranke an die Luft geführt werden konnte und unsern jungen Prinzessinnen Raum zum Spielen gegeben war.

Die Jahre, die Maria Anna während des sich stets verschlimmernden Zustandes ihres Gatten in Hohenburg verbrachte, waren bitter. Dennoch - oder deshalb - entstand eine Anhänglichkeit an das Schloß, an den Ort, die so vieles für sie bedeuteten.

Dasselbe gilt für unsere damals heranwachsenden Prinzessinnen, die zum Teil ihre Jugendzeit in Hohenburg verbrachten. Drei davon wurden im Gebirgsort getraut (...). Noch dreimal erstrahlte Hohenburg im alten Glanz, als am 7. und 21. April 1921 sowie ein Jahr später am 14. November 1922 unsere Prinzessinnen Antonia, Sophie unti Elisabeth, den Brautschleier auf den dunklen Locken, vor den Altar der Lenggrieser Pfarrkirche St. Jakob traten.

Während die Machthaber des III. Reiches die Weichen für den 2. Weltkrieg stellten, wurde das friedliche Voik Im Isartal von bösen Vorahnungen heimgesucht. Nachdem Anfang der 20 Jahre Antoniens erste Kinder Prinz Heinrich Franz Wilhelm und Prinzessin Irmgard Maria Josefa von Bayern in Hohenburg zur Welt gekommen waren, senkte sich eine Zeit des Schweigens auf das Schloß hernieder. Bald sollte der Familienfriede durch den Ausbruch des Krieges und nationalsozialistische Verfolgungen zerstört werden.

Einstweilen schwiegen noch die Waffen. "In den Jahren zwischen den beiden Kriegen war es vor allem der Gatte von Großherzogin Charlotte, Prinz Felix, ein Bruder der Kaiserin Zita, der sich als leidenschaftlicher Jäger zu den Hohenburger Jagden hingezogen fühlte. (Schlim, Jean Louis, Schloß Hohenburg, Charivari, Oktober 1993, S. 26.). Und wiederum war es vielen Lenggriesern gegönnt, als Jagdgehilfen an der herrschaftlichen Pirsch teilzunehmen.

In der Geborgenheit von Lenggries, inmitten der ihr ergebenen Dorfbewohner, fühlte sich Maria Anna in Sicherheit. Noch hatten die tragischen Ereignisse das stille Tal nicht berührt. Unter Vereinsamung sollte die hochherzige Frau in dem Schloß, das über ein halbes Jahrhundert ihr selbst und ihren Lieben als Zufluchtsstätte gedient hatte, niemals leiden. Bei den Lenggriesern "war sie ungemein beliebt. Ihre schlichte Art und das mildtätige Wesen brachten ihr bei der Bevölkerung von Lenggries uneingeschränkte Sympathie ein." Auf eine ausgesucht schöne Weise wird in der Gemeinde ihr Name hochgehalten: durch die großzügig angelegte, zum Schloß führende "Großherzogin-Mana-Anna-weg" genannte Lindenallee.

Im September 1939 mußte die Großherzoginwitwe eine der schwersten Entscheidungen ihres Lebens treffen. Obwohl ihr vor der Trennung bangte, war ihr Bleiben in Hohenburg in Frage gestellt; als Mutter unserer Großherzogin Charlotte mußte sie das Land verlassen, das sich im Kriegszustand mit den alliierten Streitmächten befand. So nahm sie schweren Herzens Abschied, vom Isarwinkel, von Hohenburg. Die letzte Eintragung im Hohenburger Gästebuch, in dem sich seinerzeit viele gekrönte Häupter verewigt hatten, stammt von Maria Anna. "Am 24. September verließ sie Hohenburg 'ins Ungewisse', wie sie schreibt. (von Kamptz, Sibylle, Tölzer Kurier 28.12.93.). Die Ereignisse der kommenden Monate sollten erweisen, daß ihr Entschluß der richtige gewesen war, als sie sich mit der großherzoglichen Familie in den Schutz der Vereinigten Staaten begab.

Dennoch stand in den Sternen geschrieben, daß diese Prinzessin, im Exil geboren, auch heimatlos versterben würde. Von einer Operation, der sie sich in den USA plötzlich unterziehen mußte, erholte sie sich nicht mehr. Sie starb, 81 Jahre alt, am 31. Juli 1942 in einer New Yorker Klinik an den Folgen der chirurgischen Intervention.

Obschon das alles nun bereits weit zurückliegt, hat Großherzogin Maria Anna Hohenburg und Lenggries durch ihre Persönlichkeit bleibend geprägt. Der letzten Herrin von Schloß Hohenburg werden auch nach vielen Jahren Liebe und Respekt entgegengebracht; die Familien heben mit viel Ehrfurcht und Geduld kleine Begebenheiten und Vorfälle auf, die an sie erinnern.

"Da wären z. B. einige typische Züge zu erzählen. Wenn bei einer größeren Festlichkeit die Dienerschaft ihr Bestes geleistet hatte, ließ es sich I.K.H. angelegen sein, auch ein Fest für die Leute zu organisieren, einen schönen Tagesausflug beispielsweise. Daheim wurde sich dann einfach beholfen, ohne dienende Geister. 'Sie müssen auch eine Freude haben', sagte Großherzogin Maria Anna.

Im 1. Welktkrieg ging es nicht üppig zu, und wenn dann einmal ausnahmsweise eine gute Süßspeise auf den Tisch kam, konnte man beobachten, wie I.K.H. sich zwar servierte, aber den Teller nicht berührte, sondern dem Lakai ein Zeichen machte. Später durfte man dann wohl der hohen Frau begegnen mit einem verdeckten Körbchen am Arm, wie sie zu einer Kranken eilte, derselben die Labung zu bringen. (Knaff Marie, In memoriam Großherzogin Maria Anna, Ucht 1962, S. 40.).

Die Erinnerungen, die sich auf die Zeiten beziehen, als die gütige Fürstin in ihrer Mitte lebte, vertrauen die Alt-Eingesessenen gelegentlich den Hohenburger Schwestern an, denen als Hüterinnen der großherzglichen Tradition große Verdienste zukommen. Die Zungen lösen sich, um vergangene, alltägliche Vorkommnisse peiszugeben, die jedoch in ihrer Anspruchslosigkeit das Wesentliche aussagen über das herziche Verhältnis der großen Dame aus königlichem Hause zu dem einfachen Gebirgsvolk. Wie z. B. diese Lenggrieserin zu erzählen weiß, die in ihrer Kindheit öfters ins Schloß kam, um der Großherzogin Maria Anna ein Körbchen gesammelte Beeren oder ein Sträußchen Blumen zu bringen. Sich an diese Zeit erinnernd, sagte sie in etwa: "Die Großherzogin war ja e guede Frau. Sie hod gewisst, das ma nix g'habt ham und hod uns a diam so vui Geld gem, das de Vadda auf d'Nocht ois Togwerka a ned mehra hoambrocht hod." Auf Schriftdeutsch: "Die Großherzogib war ja eine so gute Frau. Sie wußte, daß wir nichts hatten (arm waren) und schenkte uns manchmal so viel Geld, daß der Vater als Tagelöhner am Abend auch nicht mehr Geld heimbrachte" (Mitteilung von Schwester Valeria Schreff, Schloß Hohenburg, vom 12.1.1994.).
 

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Schloss Hohenburg (history, databases, photos)